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Nr. 230.
Dienstag den 4. Oktober
1881.
Amtliches.
Verloren: 'Am 29. v. Mts. eine goldene Damen-Cylinder-Uhr mit flachem Glas, Reparatur-Nr. A. 560, nebst einem Stück goldener Kette.
Gefunden: Ein Weißes Taschentuch. Ein Portemonnaie mit Geld. Ein Sammtkragen. Ein Spazierstock.
Hanau am 4. Oktober 1881.
Aus Königl. Landrathsamt.
Rundschau.
R. F, (Deutsches Reich.) Im engsten Familienkreise feierte unsere Kaiserin zu Baden-Baden am 30. September die Vollendung ihres 70. Lebensjahres. Stiller als je ist in diesem Jahre das Geburtsfest der Kaiserin begangen worden, denn wenn die hohe Frau auch aus- fährt und kürzere Promenaden macht, so verbot der noch Schonung erheischende Zustand ihres Körpers ihr jede Theilnahme an einer festlichen Begehung dieses Tages, so daß auch die sonst übliche Exkursion in eines der lieblichen Schwarzwaldthäler unterblieb; hoffentlich bringt die Fortsetzung der Herbstkur der hohen Frau baldige völlige Genesung. — Se. Maj. der Kaiser, dessen Befinden ein vortreffliches ist, setzt auch in Baden-Baden seine gewohnte Thätigkeit fort und nimmt täglich die Vor- träge des Militär- und Civil-Cabinets entgegen; diese Arbeiten erlitten nur in der vergangenen Woche eine zweitägige Unterbrechung durch den Ausflug des Kaisers uach Stuttgart zum Besuche der dortigen Gewerbe- Ausstellung. Ueber die Meldung der „Metzer Ztg.", wonach der Kaiser beabsichtige, am 16. Oktober der Einweihung der neuen Garnison-Kirche in Metz beizuwohnen, ist von zuständiger Seite noch keine Bestätigung erfolgt.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck wird in diesen Tagen zu einem achttägigen Ausenthalte in Berlin erwartet, um die weiteren parlamentarischen Dispositionen zu treffen. Ob Fürst Bismarck während dieser vorüvergehenden Anwesenheit in der Reichshauptstadt auch Anordnungen bezüglich weiterer Verhandlungen mit Rom treffen wird, läßt sich nicht beurtheilen, denn man tappt in der letzten Zeit hinsichtlich der ferneren Politik, welche Fürst Bismarck gegenüber dem Vatikan zu verfolgen gedenkt, mehr als je im Dunkeln. Nur so viel verlautet, daß man sich im Cultusministerium mit der Ausarbeitung irgendwelcher kirchenpoliti- scher Vorlagen für die nächste Landtags-Session bis jetzt noch nicht beschäftigt hat, wodurch allerdings die viel verbreitete Annahme, daß dem Landtage nach seinem Zusammentritte wichtige kirchenpolitische Vorlagen zugehen würden, hinfällig erscheint. Das Geheimniß, welches über den jüngsten Ausgleichsverhandlungen zwischen Preußen und Rom schwebt, scheint demnach in der nächsten Zeit noch nicht gelüftet werden zu wollen.
Das bedeutsamste Ereigniß der vergangenen Woche war in unserem inneren politischen Leben ohne Zweisel die Rede des hervorragendsten Führers der nationalliberalen Partei in Hannover, des Herrn v. Ben- nigsen. Die Aeußerungen v. Bennigsens sind von den Blättern aller Paiteien, man möchte sagen, Wort für. Wort, untersucht worden und dieses ungemein lebhafte Interesse, welches man der jüngsten Kundgebung der nationalliberalen Partei auf allen Seiten entgegengebracht hat, beweist wohl am besten, wie wenig gerade diese Partei die Bezeichnung einer „absterbenden" verdient, denn einer absterbenden Partei würde man doch schwerlich so viel Aufmerksamkeit schenken. Es ist übrigens behauptet worden, daß Herr v Bennigsen in seiner hannoverschen Rede in mancher Beziehung von dem Wahlausruf und dem Programm seiner Partei abgewichen sei und man soll darum auf nationalliberaler Seite eine Erklärung vorbereiten, daß ein Widerspruch zwischen den Aeußerungen Herrn v. Bennigsens und dem Parteiprogramm der Nationalliberalen durchaus nicht bestehe.
Die am Donnerstag stattgefundene Wahl der Präsidenten der bayerischen Abgeordnetenkammer ist vollständig zu Gunsten der klerikalen Parter ausgefallen. Zum ersten Präsidenten wurde Baron Ow mit 152 gegen 2 St mmen und zum Bicepräsidenten Dr. Kurz mit 85 gegen 68 Stimmen, welche sein liberaler Gegenkandidat, Frhr. v. Stauffenberg, erhirlt, gewählt. — Das der Kammer vom Finanzminister vorgelegte | Budget ergibt ein Deficit von ca. 5 Millionen, zu dessen Deckung eine I Steuererhöhung von 20 pCt. in Aussicht genommen ist. I
(Luxemburg.) Der Umstand, daß die Luxemburgische National- bank fallirt hat, hat im ganzen Luxemburger Ländchen große Erregung hervorgerufen, da allein der kleine Handwerkerstand hierbei 3 Millionen einbüßt. Die Luxemburgische Kammer ist daher am 4. Oktober zur Berathung einer Vorlage zusammengetreten, durch welche die Regierung ermächtigt werden soll, den Besitzern von Noten der Nationalbank den 50procentigen 23; trag vorzustrecken.
(O e st e rreicb- Un ga rn.) In Oesterreich hat die antideutsche Polit-k des Grafen Taaffe zu einer Bereinigung der beiden Fraktionen der Verfassungspirtei unter Dr. Herbst geführt. Man darf angesichts dieser geschlossenen Opposition gespannt sein, ob Graf Taaffe auch ferner auf dem von ihm eingffchlagenen Wege der Unterdrückung des Deutsch- thums weiter wandeln wird, welcher in seiner jetzigen Richtung schließlich zur Aufhebung der Verfassung führen muß. Jedenfalls wird die nächste Reichsraths-Session harte Kämpfe zwischen der Verfassungspartei und dem Cabinet Taaffe bringen, falls das letztere es nicht vorzicht, einzulenken.
(Frankreich.) Die verworrene politische Lage in Frankreich hat sich durch die Nachricht, daß die französischen Kammern wahrscheinlich am 28. Oktober zusammentreten würden, nur wenig geklärt. Nach außen wiegt das Gefühl der Unsicherheit über die eigentlichen Ziele und den Ausgang der tunesischen Expedition vor, denn in den bezüglichen Bestimmungen des Oberkommandos herrscht noch immer einige Verwirrung welche gerade nicht durch den Umstand gemindert erscheint, daß der Ober-, besehlshaber des tunesischen Expeditionskorps, General Saussier, plötzlich nach Algerien zurückgekehrt ist. Nach innen aber herrscht noch völlige Ungewißheit über die künftige Neubildung des französischen Cabinets; die gambettistischen Organe Predigen zwar in allen Tonarten die Nothwendigkeit der Uebernahme des Cabinets durch Gambetta und in der That sollte man auch meinen, daß für Letzteren das Wägen vorüber und jetzt der Zeitpunkt des Wagens gekommen sei, aber der Präsident der R Publik, Grövy, ist anscheinend wenig geneigt, Gambetta mit der Bildung des neuen Ministeriums zu beauftragen und die Gambettisten haben daher bereits ein Mittel ausfindig gemacht, den Widerstand Grövy's zu brechen. Gambetta soll nämlich von der Linken und der republikanischen Vereinigung zum provisorischen Präsidenten der neuen Kammer ernannt werden, dieselbe Majorität würde dann einen anderen Candidaten zum definitiven Kammerpräsidenten wählen und hierdurch Herrn Grövy zeigen, daß sie ihre bedeutendsten Redner nicht länger auf dem Präsidentenstuhle wissen wolle, sondern Gambetta sür die geeignetste Persönlichkeit halte, die Leitung des Cabinets zu übernehmen. Falls der Plan gelingt, wird sich Grövy allerdings schwerlich dem Verlangen der Kammer- Majorität entziehen können. — Die Frage nach dem Zeitpunkt der Einberufung der französischen Kammern ist in dem am vergangenen Freitag abgehaltenen Ministerrathe dahin entschieden worden, daß der Zusammentritt der Kammern am 28. Oktober erfolgen soll. Bezüglich des von den Gambettisten geforderten Rücktrittes des Cabinets Ferry wurde beschlossen, daß dasselbe den Kammern sich vorstellen und ruhig deren Entscheidung abwarten solle.
(England.) Während sich für England die Verhältnisse in Afghanistan durch den Sieg des Emir Abdurrahman über Ajub Khan recht günstig gestalten, da im entgegengesetzten Falle England wahrscheinlich abermals zu einer Besetzung Afghanistans hätte schreiten müssen, lauten die Nachrichten aus Süd-Afrika ziemlich bedrohlich. Die Transvaal- Boers sind der Ansicht, daß die ihnen von England auferlegten Friedensbedingungen denjenigen glichen, die ein Eroberer barbarischen und unzuverlässigen Unterthanen bittire; da sich die Zeichen von Erregung unter den Boers mehren, so hat die englische Regierung den Rückzug ihrer Truppen aus dem Transvaallande einstweilen fiftirt.
(Schwe den.) Der Kronprinz und die Kronprinzessin von Schweden sind am 29. September auf Schloß Drottningholm bei Stockholm angekommen; während der Fahrt von Gothenburg bis nach Schloß Drottninaholm wurde das neuvermählte Paar von der Bevölkerung mit den freudigsten Kundgebungen überall empfangen. Am 1. Oktober erfolgte der feierliche Einzug der hohen Neuveimählt n in Stockholm.
(Türkei.) Die Pforte hat sich mit ihren Gläubigern wegen der Controle über die neue 21b minist retten der indirekten Steuern im Princip geeinigt. Es soll ein Verwaltungsrath eingesetzt werden, welcher aus