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Nr. 218-, Dienstag den 20. September 1881.
Rundschau.
R. F. (Deutsches Reich.) Mit unermüdlicher Pflichttreue und mit wunderbarer Rüstigkeit waltet unser greiser Kaiser seines hohen Amtes, davon legen seine großen Reisen, die er im Laufe dieses Sommers unternommen hat, ein beredtes Zeugniß ab. In diesen Reisen nehmen aber die nach Gastein und Danzig den ersten Rang an, denn in den Begegnungen, welche Kaiser Wilhelm mit den Herrschern Oesterreich- Ungarns und Rußlands hatte, gipfelt das Programm unserer ganzen auswärtigen Politik, welche darin besteht, der Welt den Frieden zu erhalten. Und mit derselben Gewissenhaftigkeit und mit dem gleichen Ernste, mit denen unser Kaiser die großen Angelegenheiten des Reiches behandelt, tritt er auch an die Angelegenheiten heran, welche den großen Fragen der Politik an Bedeutung nachstehen, wie wir es wieder in diesen Tagen gelegentlich der Manöver in Hannover und Holstein sahen, denen der Kaiser, ohne je ein Zeichen von Ermüdung zu äußern, von Anfang bis Ende beiwohnte und allen diesen Ausgaben unterzieht er sich mit der ihm eigenen Liebenswürdigkeit und Herzlichkeit, welche ihm im Fluge alle Herzen gewinnt. — Bon den Festlichkeiten in Kiel, welche den glanzvollen Abschluß der diesjährigen Kaiser-Manöver bildeten, ist der Kaiser in Begleitung des kronprinzlichen Paares nach Karlsruhe abgereist.
Es darf nun wohl als bestimmt gelten, daß der Reichstag noch eine kurze Zeit vor dem Landtage tagen wird, um das Budget zu er- ledigen. Für diese seine nächstliegende Aufgabe wird der Reichstag jedenfalls eine Frist von drei bis vier Wochen gebrauchen, um sich dann bis nach Ende der Landtags-Session zu vertagen. Den Mittelpunkt der Session des Landtages werden natürlich die kirchenpolitischen Vorlagen bilden; was jedoch den Inhalt derselben anbelangt, so ergeht man sich hierüber nur in Vermuthungen und das Halbdunkel, welches über den i Verhandlungen zwischen Preußen und der Curie schwebt, wird sich erst mit der Ankunft des deutschen Unterhändlers in Rom, des Herrn v. Schlözer, in Berlin lichten.
Die Reichsregierung scheint der Colonisationsfrage wieder näher treten zu wollen, wenigstens könnte man einen auf unsere Colonialpolitik bezüglichen Passus in dem sreikonservativen Wahlaufruf als ein Zeichen hierfür auffassen. Schon gleich nach Verwerfung der Samom Vorlage sprach man sich in der damals herrschenden sehr gereizten Stimmung in Regierungskretsen sehr unumwunden dahin aus, daß man sich bei dem ablehnenden Reichstagsvotum nicht bescheiden, sondern in einer oder der andern Form auf die in weiten Kreisen des Volkes populäre Sache zurückkommen werde. Wenn auch nicht anzunehmen ist, daß ein Coloni- sationsplan irgendwie bereits greisbare Form angenommen hat, so steht doch fest, daß diese Frage in der bevorstehenden Reichstags-Session dis- kutrrt und hierdurch der Regierung Gelegenheit gegeben wird, ihren Standpunkt in dieser Angelegenheit darzulegen.
Das Organ der elsässischen Protestpartei, die „Presse von Elsaß- Lothringen", ist vom kaiserlichen Statthalter, Frhrn. v. Manteuffel, auf Grund der ihm zustehenden gesetzlichen Vollmachten verboten. Die feindselige Haltung, welche das Blatt schon längere Zeit gegen die deutsche Regierung und deren Politik in den Reichslanden einnahm, berechtigt vollkommen zu der erwähnten strengen Maßregel.
(Oesterreich-Ungarn.) Die ungarischen Blätter verstehen es vortrefflich, die Affaire des gemaßregelten ungarischen Genie-Lieutenants Göczel zu einer Haupt- und Staatsaktion aufzubauschen und die öffentliche Meinung in Ungarn kommt diesem Bestreben eifrigst entgegen. Wenn man aber auch das provocirende Benehmen des Hauptmanns Lendl seinem Untergebenen gegenüber nicht billigen kann, so ist es doch lächerlich, hierbei von einer Verletzung der ungarischen Verfassung zu sprechen, wie es die Pesther Studenten in ihrem Telegramm an Kaiser Franz Joseph thaten; freilich, der Nationaldünkel — denn von Nationalstolz kann man hier nicht sprechen — treibt oft wunderliche Blüthen und hierin find eben die Magyaren um kein Haar besser als die Czechen.
(Frankreich.) Den Franzosen hat die vergangene Woche die überraschende Nachricht von dem Entschluß des Prinzen Jerome Bona- parte, seine Rolle als sranzösischer Kronprätendent auszugeben, gebracht. Dieser Entschluß wurde in einer langen und stürmischen Familiensitzung der Bonapartes gefaßt, wonach also der „rothe" Prinz zu Gunsten seines ältesten Sohnes, des 1862 zu Paris geborenen Prinzen Napoleon Victor „abgedankt" hat. Die Motive, welche Jerome Napoleon zu seinem Schritte bewogen, will derselbe in einer demnächst erscheinenden
Proklamation veröffentlichen; dieselben sind jedoch unschwer zu erkennen, sie liegen in der Spaltung in den bonapartistischen Reihen und dem rapiden Niedergang des Bonapartismus. Ob es dem Prinzen Napoleon Victor gelingen wird, dem längst rostig gewordenen Schild des Bonapartismus neuen Glanz zu verleihen, muß aber stark bezweifelt werden, jedenfalls hat er nicht dieselben Chancen, wie sie der unglückliche Louis Napoleon, der Sohn des dritten Napoleon, hatte.
(England.) Die irische Landliga ist entschlossen, den Kampf gegen die englische Regierung im Allgemeinen und die Gutsbesitzer in Irland im Speziellen einstweilen frisch und fröhlich weiterzuführen. Diesen kriegerischen Geist athmen die Resolutionen der am vergangenen Donnerstag zu Dublin eröffneten nationalen Convention der Landliga, wozu 1300 Belegtste erschienen waren. Parnell, welcher präsidirte, hielt eine fulminante Rede gegen das Landgesetz und bezeichnete als Programm der Landliga die gänzliche Abschaffung der Pachtzahlung. Die Versammlung pflichtete natürlich den Ausführungen ihres Herrn und Meisters vollständig bei und beschloß unter Anderem, die Autonomie für Irland anzustreben und die irische Landbill so lange als Friedensbotschaft nicht anzunehmen, als die Staatsgefangenen nicht befreit seien.
(Italien.) Von der Reise König Humberts nach Berlin und Wien ist es wieder recht still geworden. Während italienische Blätter noch vor einigen Wochen ankündigten, König Humbert werde vermuthlich im Laufe des Oktober seinen Besuch am Wiener Hose abstatten, schweigen sie heute gänzlich. Indessen ist hiermit noch nicht gesagt, daß der König auf seine Reise verzichten werde; in jedem Falle würde aber eine Begegnung zwischen König Humbert und Kaiser Franz Josef ein interessantes Gegenstück zur Danziger Kaiserzusammenkunft bilden.
(Schweiz.) Die schweizerische Bundesverfassung enthält auch die Bestimmung, daß die Jesuiten in keinem Theile der Schweiz Aufnahme finden dürfen. Trotzdem haben bei der Canisius-Feier in Freiburg Jesuitenpatres aufreizende Predigten gehalten und der Bundesrath forderte daher die Freiburger Regierung auf, über die fraglichen Vorgänge Bericht zu erstatten. Die ultramontane Freiburger Regierung gab jedoch eine ausweichende Antwort und der Bundesrath hat daher seine Forderung in bestimmtester Form wiederholt, da er fest entschlossen ist, eine Verfassungverletzung nicht zu dulden.
(Orient.) In Konstantinopel hat man die jüngsten Vorgänge in Egypten, im Gegensatz zu der hierdurch hervorgerufenen Aufregung in englischen und französischen Regierungskreisen, sehr kaltblütig genommen und dies mit Recht. Denn die Ordnung in Kairo ist vollständig wieder hergestellt, die aufständischen Truppen haben sich unterworfen, das neue Ministerium unter Scherif Pascha ist gebildet und aus allen Theilen des Landes schicken die Notabeln Loyalitäts-Erklärungen an den Vicekönig ab. Unter solchen Umständen wäre eine fremde Intervention in Egypten nicht nur überflüssig, sondern sogar gefährlich und man wird sich in Paris und London darum wohl hüten, durch eine etwaige Oc- cupation Egyptens Conflikte hervorzurufen, deren Tragweite unberechenbar wäre.
(Tunis) Die Lage der Franzosen in Tunesien ist zur Zeit noch immer eine bedenkliche, denn mit Ausnahme der Hauptstadt und einiger festen Plätze im Norden sind die aufständischen Araber Herren des Landes. Die Colonne des Generals Sabatier ist in Zaghouan von den Insurgenten vollständig eingeschlossen und die Situation des eingeschlossenen Corps ist um so ernster, als es den Insurgenten sogar gelungen ist, den Franzosen einen Theil des Trinkwassers abzuschneiden; eine Entsatz-Colonne ist von Tunis bereits unterwegs.
— Karlsruh e, 19. Sept. Ihre Maj. die Kaiserin ist Nachmittags um 53/i Uhr von Badem Baden hier eingetroffen.
— Karlsruhe, 19. Sept. (K. Z.) Die schwedischen Herrschaften, der König, die Königin, der Kronprinz, die Prinzen Oskar, Karl und Eugen, sind heute Nachmittag 1 Uhr hier ein getroffen und am Bahnhöfe, wo eine Ehrenkompagnie aufgestellt war, von dem Groß- Herzog, der Großherzogin, dem Erbgroßherzog, dem Prinzen und der Prinzessin Wilhelm, dem Prinzen Karl und der Generalität und dem Staalsminister Ludwig Turban begrüßt worden. Der Empfang war ein äußerst herzlicher. Die nach Tausenden zählende Volksmenge gab ihre Begeisterung in Hochrufen kund.