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Nr. 214. Donnerstag den 15. September 1881.

Tagesschan.

Ein Ruf an die Jugend.

(A d. Schw. Merk.)

Der auch als Schriftsteller durch seine patriotischen Romane be­kannte Alfred Graf Adelmann (ein Württemberger) hat in einer nordd. Ztg., angeregt durch die Wiederkehr des Sedanstages, einen Mahnruf an die deutsche Jugend gerichtet, den wir nachstehend im Interesse des guten Zweckes zum Abdruck bringen. Der Aufruf lau­tet in der von uns des Raumes wegen etwas abgekürzten Fassung: „Jeder Deutsche, welcher sein großes Vaterland wahrhaft liebt, muß mit zorniger Entrüstung auf das innere Parteigetriebe blicken, welches die Ehre unserer Nation erniedrigt. Anstatt dankbarer Freude an des Va­terlandes Größe, anstatt edlen Stolzes und hoher Befriedigung über seine nunmehrige, von allen Völkern der Erde anerkannte und gesürchtete Stellung herrschen Zwietracht und kleinliche Streitsucht. Anstatt hinge­bender Liebe zu Kaiser und Reich treiben Unzufriedenheit, Mißgunst und Selbstsucht ihr grämliches Wesen. Die zur Zeit noch herrschende Ge­neration hat ihre Wurzeln in dem alten Deutschland, dessen uneinige gesonderte Glieder, jedes für sich, eigene Ziele verfolgten, in jenem Deutschland, welches, zerstückelt und deßhalb seiner Riesenkraft unbewußt von den übrigen Nationen mißachtet wurde. Die Gesinnungen und Ge­danken derselben bildeten sich in einer zählenden, in ihren Idealen und Zielen von der unseligen verschiedenen Zeit, aus welcher noch schwer das Verhängniß ruhte: daß der Begriff „deutsches Vaterland" nur eine Idee, — daß Deutschland staatlos war; ganz anders, denn jetzt, da uns un­zählige stolze sichtbare Zeichen überzeugen, daß wir Deutschen einen Staat, ein einiges mächtiges Reich bilden, daß wir ein Vaterland haben. Dies allein kann und soll als Entschuldigung dafür gelten, daß ein so großer Theil des älteren Geschlechts, eines freien und großdenkenden Sinnes entbehrend, der frohen und stolzen Freude über die neu erstandene Einheit und Macht des deutschen Reiches unfähig ist, eines Reiches, dessen Art und Gestalt freilich für Viele ganz anders geworden, als diese erwünscht hatten. Nicht so die Jugend unseres Volkes! Sie wurzelt, oder erwuchs doch, in den für das Vaterland ewig ruhmwürdigen Tagen begeisterter kraftvoller Erhebung wider die von Neuem drohende Fremd­herrschaft, in den Tagen, da sich unsere Nation, alle Stämme in Einem Heere vereint und geführt von einem Heldenkönig, in unvergänglichen kühnen und todesmuthigen Thaten wieder als das waffengewaltigste Volk der Erde erwies, in heißen und opfermuthigen Schlachten um ihre Frei­heit und Selbstständigkeit kämpfte und, zugleich mit dem großartigsten Siege aller Zeiten, sich die Verwirklichung seines Ideals: die Einheit nnt einem deutschen Kaiser, erstritt. Das Urtheil der Jugend, ihr Den­ken und Fühlen werden nicht von alten, überlebten Verhältnissen und Ansichten getrübt und beeinflußt, sondern srischen und unbefangenen Sin­nes vermag sie, voll freudigen nationalen Selbstgefühls, auf die jetzige stolze Machthöhe des Vaterlandes zu blicken. Da und dort regen sich, vor allem von der akademischen Jugend unserer Hochschulen ausgehend, schöne herzerwärmende Anzeichen, welche beweisen, daß dem so ist. Der Deutsche, welcher in dem großen Kriege voll heiliger Begeisterung für Deutschland gesümpft und jetzt schwerzvoll empörten Sinnes sehen muß: wie in jenen Kreisen der zeitweilig herrschenden Generation trotz der Einigkeit des Vaterlandes, trotz seiner Größe und Macht und seiner stolzen Stellung unter den Nationen, niedriger Parteihader und streit­süchtiges, dünkelhaftes Bekritteln die Freude am Vaterlande verdrängt haben, der freut sich im tiefsten Herzen über die hin und wieder mit gesunder, ursprünglicher Kraft durchbrechende vaterländische Gesinnung der deutschen Jugend und schaut sehnend und hoffend auf das frische, dem griesgrämigen verbitterten alten ■— folgende Geschlecht. Auf der Jugend beruht die nächste Zukunft des Vaterlandes. Ihr ist in Bälde der Weiterbau dessen anvertraut, was bis jetzt gegründet worden. Für die Vollführung dieser großen Aufgabe im Dienste des Vaterlandes diene ihr als Leustern: unverbrüchliche, opferwillige Liebe zu Kaiser und Reich, und als Richtschnur, nicht der Vortheil dieses oder jenes Einzelstaates, dieser oder jener Partei, sondern: das Wohl und der Nutzen des Reiches, und als selbstloses Endziel nur und nichts anderes als: die Größe und j das. Glück des Vaterlandes. Die Freude am Vaterlande, gehoben durch |

den berechtigten Stolz auf dasselbe, erfülle ihre Herzen mit belebendem Feuer: hohe, ächte Vaterlandsliebe, ein ganzes Volk durchdringend, ist wunderkräftig. . . Beweiset, ihr Jünglinge und jugendk ästigen Männer, euere Vaterlandsliebe thätig durch die einstige ernste Mitwirkung dafür: daß die neuen nationalen Schöpfungen erhalten bleiben, wie daß, was erst vorbereitend angelegt, in nationalem Sinne fortgeführt werde. Pfleget und hegt die Saat, welche gestreut, damit sie schön und kräftig erwachse und sich unseres Vaterlandes Macht und Stärke nach außen, wie sein Wohlstand im Innern mehre und erhalte. Duldet nicht, daß an dem mit Blut und schweren Opfern errichteten Baue des Reiches gerüttelt werde; wachet mit scharfer, heiliger Strenge über den zersetzen­den Einfluß eitler Phrasenhelden, welche wohl zerstören, aber nicht auf­bauen, nichts zu schaffen vermögen. Nicht in schönen Worten, sondern in Opferfreudigkeit besteht die wahre Vaterlandsliebe. Blickt in der Geschichte zurück: die Völker waren so lange mächtig und groß, bewahr­ten so lange ihre nationale Unabhängigkeit und ihr darauf fußendes Glück, als sie die trotzigen Mittel zu ihrem Schutze besaßen, als sie waffenkräftig waren. . . . Friede und Einigkeit,' Glück und Wohlstand im Innern, Rüstung nnd Bereitschaft, Muth und Kühnheit nach außen: das ist, was Bismarck für unser Vaterland erstrebt und durch seine Le­bensarbeit zu verwirklichen sucht. Es ist dieß so groß, als einfach; dennoch aber wollen oder können so viele das schöne hehre Ziel nicht erkennen und wirken in bewußter Gehässigkeit oder in kurzsichtiger Ver­blendung dagegen. Du aber, Jugend, nimm jenen Grundbegriff von des Kanzlers Staatsweisheit, welcher der edle, hochdenkende Sinn des Kaisers treu und unbeirrt zur Seite steht, auf in dein junges, dem Edlen, Großen und Idealen noch frei erschlossenes Gemüth und halte ihn fest dein Leben lang, in den Tagen von des Vaterlandes Glück oder in den Zeiten des Unglücks, wovor es Gott behüten möge!"

— Berlin, 14. Septbr. Se. Majestät der Kaiser und König wohnten am Dienstag Morgen dem Corpsmanöver des IX. Armeekorps bei und kehrten um 1 Uhr nach Jtzehoe zurück.

Um 4 Uhr fand bei Sr. Majestät im Rathhause ein Galadiner statt, zu welchem die Spitzen der Civilbehörden mit Einladungen beehrt waren.

In Begleitung Ihrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheiten des Kronprinzen und der Kronprinzessin, Ihrer Königlichen Hoheiten des Großherzogs von Mecklenburg Schwerin und der Prinzen Wilhelm und Albrecht bestiegen Se. Majestät Abends 6 Uhr 30 Minuten den Extra­zug, um Sich nach Altona zu begeben, woselbst die Ankunst um 7 Uhr 55 Minuten erfolgte.

— Hamburg, 13. Sept, Nachts. In Erwartung des morgen bevorstehenden Besuches Sr. Majestät des Kaisers gab sich schon vom Nachmittage an eine außerordentliche Bewegung der Bevölkerung kund; große Menschenmassen durchzogen die auf das Reichste geschmückten Straßen oder begaben sich nach Altona, um der dort bevorstehenden An­kunft des Kaisers beizuwohnen. Durch reichen Schmuck tritt ganz be­sonders die Große Bleichen hervor, woselbst eine Via triumphalis aus 34 haushohen mit Tannengnirlanden geschmückten Mastbäumen errichtet ist. Die Straße bis zum Jenisch'schen Hause, wo morgen das Diner stattfindet, ist mit Guirlanden vollständig überdacht, und am Hausein- gange ist ein kostbarer Baldachin von Seide errichtet. Die Lombards­brücke ist mit Blumen, Laubguirlanden, vier kolossalen Vasen, Blumen- schaalen, Fahnen und Bannern geradezu feenhaft geschmückt. Rundum an der Außenalster sind an vielen Stellen pompöse Ehrenpforten und Blumenpyramiden errichtet. Von Harvestehude nach der Uhlenhorst ist eine auf 76 Schuten ruhende Brücke über die Alster erbaut, welche im reichsten Blumenflor — darunter 16 000 Georginen — prangt. Auf der Sierichbrücke ist ein von einer mächtigen Kaiserkrone überragter Triumphbogen in Kuppelform erbaut, welcher durch vier vom Bildhauer Pfeifer hergestellte Figuren in mittelalterlicher Tracht geziert ist. Auf der Schwaneninsel in der Alster ist ein Springbrunnen angelegt, welcher armdicke Wasserstrahlen 60 Fuß hoch emporsendet. Der Schmuck des Hafens und der angrenzenden Straßen macht einen geradezu überwälti­genden Eindruck.