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Nr. 169.
Samstag den 23. Juli
1881.
Amtliches.
Am 27. v. Mts. wurde im Main bei Schwanheim die Leiche eines Mannes im Alter von etwa 40 Jahren, 1,60 Meter groß, mit halblangen blonden Kopfhaaren, kleiner und spitzer Nase, gelandet. Bekleidet war dieselbe mit braunem Ueberzieher, grau-karrirten Hosen und Weste, leinenem Hemd mit 2 messingenen Brustknöpfen, grauen Socken und Schastenstiefeln mit Doppelsohlen. — In der Hosentasche fand sich ein Coupon der Fürstlich Waldeck'schen Staatsschulden-Verwaltung eines 41/2% Darlehns von 100 Thalern Lit. A. Nr. 157 für 1. Mai 1881 über 2 Thaler 7 Sgr. 6 Pf. Es wird um Nachricht ersucht, falls die Person bekannt ist.
Hanau am 21. Juli 1881.
Der Landrath.
Entlaufen: Ein kleiner weißer langhaariger Hund mit gelblichen Ohren, m. Geschl,, auf den Namen „Bello" hörend.
Gefunden: .Ein Stalleimer. Ein neusilberner Suppenlöffel. Ein Heimathschein, auf den Namen „Barbara Kraus aus Roßbach" lautend.
Hanau am 23. Juli 1881.
Aus Königl. Landrathsamt.
Wochenschau.
A. R.-N. Die politischen Uebersichten schrumpfen jetzt immer mehr und mehr zusammen, es sind immer weniger Thatsachen zu vermelden und die Hitze wird immer größer und größer, so daß schon Niemand so rechte Lust hat, sich noch den Kopf über politische Probleme zu zerbrechen. Einzelne Feuergeister in Berlin ließen sich natürlich nicht halten, sie machten munter in Politik weiter, aber es war auch darnach. Wir sind gern dabei, wo es sich um ruhige und ehrliche Besprechungen von dem Volkwohle dienenden Interessen und Projekten handelt, lehnen es aber dankend ab, uns bei der Disputation über Angelegenheiten zu betheiligen, die unter dem Feuer der Julisonne geboren sind, und auch nur unter ihr existiren können. Man schwitzt so schon genug. In dieser Woche hatte übrigens die ultrakonservative Presse die Freude, daß Jedermann dem Fortschritt feind, und dem Rückgang hold war, nämlich — dem der Hitze. Das war auch das einzige Entgegenkommen, und im Uebrigen liegen sich die Preßorgane der verschiedenen Parteien munter weiter in den Haaren, so daß man bald zu dem Glauben gelangen möchte, wir wären in Amerika, und nicht im lieben Deutschland daheim. Wie wir schon oben sagten, läßt sich von faktischen Ereignissen nur wenig mittheilen und dies Wenige beschränkt sich lediglich auf Nachrichten aus unserer kaiserlichen Familie, die ja allerdings stets von jedem Deutschen mit Spannung erwartet werden. Während die Kaiserin noch als Rekonvalescentin in Koblenz weilt, setzt unser Kaiser bereits in Gastein die Kur fort, die ihn sichtlich stärkt und kräftigt. Unser kronprinzliches Paar befindet sich auf der Insel Whigt bei England, wohin auch Prinz Heinrich sich von Kiel, an Bord des Admiralschiffes der englischen Flotte, welche einige Sage in der deutschen Hafenstadt sich aufhielt, begibt. Prinz Wilhelm ist von der Begrüßung nach Potsdam zurückgekehrt. — Die Franzosen haben in Algier einen Sieg davon getragen, sie haben nämlich nach achttagelangem Bombardement endlich die Hafenstadt Sfax, deren Bewohner sich empört hatten, erobert. Wie aber selten eine Freude ohne Leid ist, so war's auch hier. Sfax ist nun allerdings in französischen Händen, aber ganz Tunis befindet sich dafür außer den algerischen Provinzen in hellem Aufstande, die Insurgenten streifen bereits bis vor die Thore von Tunis und was schließlich der ganzen Sache noch die Krone aufsetzt, ist, daß die tunesischen Truppen in hellen Haufen desertiren und zu den Aufrührern überlaufen. In Algier macht Bou-Amena den französischen Offizieren noch viel zu schaffen, und so ist vorläufig noch gar kein Ende der Wirren abzusihen. In Paris hat der Polizeipräfekt Andrieux seine Entlassung genommen. Er war dem Volke von Paris zu streng, kein Freund Gambetta's und deshalb „wurde" er gegangen. Viel Aufsehen hat die Ausweisung des sauberen Don Karlos aus Frankreich gemacht, der sich nun, nachdem er noch einen feierlichen Protest erlassen, nach London begeben hat, wo
man über seine Ankunft auch nicht besonders erfreut sein wird. In London weilt gegenwärtig noch der Beherrscher der Sandwichsinseln, König Kalakaua, vielleicht begrüßen sie sich beide. — Aus Großbritannien selbst, wie aus den übrigen Staaten ist sonst eigentlich nichts von Wichtigkeit zu vermelden. — In Amerika bessert sich das Befinden des Präsidenten Garfield von Tage zu Tage, im Orient herrscht dumpfe Stille und es ist schwer, aus dem klug zu werden, was dort wirklich vorgeht. Klar ist, daß die Griechen das ihnen zugesprochene Gebiet besetzt haben, wie's aber in Bulgarien wahrheitsgemäß aussieht, und was in Konstantinopel mit den Sultansmördern getrieben wird, davon erfährt man kein Sterbenswörtchen, wenn anch manche Zeitungen aus ganz besonderen Quellen vorzügliche Nachrichten haben wollen. Jetzt bei der Hitze trocknen nur leider die Quellen ein, und man muß also schon geduldig warten.
Tagesschau.
— Das Reichskanzleramt veröffentlicht im „R. u. St.- A." Nr. 169 eine Bekanntmachung, betreffend die Abänderung der Vorschriften über die Verwendung der Wechselstempelmarken. Vom 16. Juli 1881.
— In der ersten Beilage des „R. u. St-A." Nr. 169 wird publi- zirt: Gesetz, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung. Vom 18. Juli 1881.
— Bekanntmachung auf Grund des Reichsgefetzes vom 21. Oktober 1878. Nach dem „R.- u. St.-A." Nr. 169 wurde unterm 21. Juli verboten: das Flugblatt: „An die Bürger und Einwohner der Stadt und Amtshauptmannschaft Leipzig, Druck von E. Herzog in Mainz."
— Der „Reichs-Anzeiger" bringt folgende Mittheilung: Der Ber- gisch-Märkischen Eisenbahngesellschaft ist für die Ueberlassung ihres Unternehmens an den Staat nach Maßgabe eines beigefügten, früheren gleichartigen Verträgen sich im wesentlichen anschließenden Vertragsentwurfs eine feste jährliche Rente von 415 pCt. nebst einer baren Zuzah- lung von 15 Mk. pro Actie ä 300 Mk. angeboten worden. Der Umtausch der Actien gegen 4prozentige Staatsverschreibungen ist auf den 2. Januar 1883 bestimmt. Die Annahme dieses Angebots seitens der Generalversammlung der Actionäre hat bis zum 1. Oktober d. I. stattzu- finden. Gleichfalls ist der Berlin-Anhaltischen Eisenbahngesellschaft für die Ueberlassung ihres Unternehmens an den Staat eine feste jährliche Rente von 5^4 pCt. der Actien angeboten worden. Der Umtausch der Actien gegen 4procentige Staatsschuldverschreibungen soll spätestens vier Monate nach der Uebernahme der Verwaltung seitens des Staates beginnen. Die Annahme des Gebotes seitens der Generalversammlung hat bis zum 15. November d. J. zu erfolgen. Für beide Offerten wird eine Erhöhung als unbedingt ausgeschlossen bezeichnet, sodaß eine Mehrforderung den Abbruch der Verhandlungen zur Folge haben würde.
— Berlin, 21. Juli. (K. Z.) Zur Vervollständigung der Mittheilungen über die Erhebung statistischen Materials für die Wiederein- bringung des Unfallversicherungsgesetzes ist mitzutheilen, daß der Minister des Innern die Regierungen angewiesen hat, von denjenigen Städten,. welche Krankenhäuser besitzen, über die Verpflegungssätze, die für einheimische und die für nicht einheimische Kranke für den Tag berechnet werden, Angaben einzuziehen, um dadurch für die Berechnung der in §§. 9 und 10 des Gesetzentwurfs vorgesehenen Kosten des Heilverfahrens einige Anhaltspunkte zu gewinnen.
— Nach der im Reichs-Eisenbahn-Amt aufgestellten Nachweisung der auf deutschen Eisenbahnen — ausschließlich Bayerns — im Monat Mai d. J. beim Eisenbahnbetriebe (mit Ausschluß der Werkstätten) vorgekommenen Unfälle waren im Ganzen zu verzeichnen: 2 Entgleisungen auf freier Bahn, 12 Entgleisungen und 14 Zusammenstöße in Stationen und 121 sonstige Unfälle (Ueberfahren von Fuhrwerken, Feuer im Zuge, Kessel-Explosionen und andere Betriebs-Ereignisse, wobei Personen ge- tödlet oder verletzt worden sind).
Bei diesen Unfällen sind im Ganzen, und zwar größtentheils durch eigenes Verschulden, 129 Personen verunglückt, sowie 19 Eisenbahnfahrzeuge erheblich und 65 unerheblich beschädigt. Es wurden von den 15 688 987 überhaupt beförderten Reisenden 1 getödtet, 8 verletzt (davon entfallen: 1 Tödtung auf die Bergisch-Märkische Eisenbahn, 4 Ver-