Einzelbild herunterladen
 

Abonncmentl- Prcis:

Jährlich 9 Mark. Halbj. 4 M. 50 P. Vierteljährlich

2 Mark 25 Pfg. Für auswärtige Abonnenten mit dem betreffen­den Postausschlag. Die einzelne Num­mer 10 Pfg.

Nr. 126

anauer Ammer.

Zugleich Amtliches Organ für Kreis und Stadt Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage, und Samstags mit der Berliner Provinzral-Correspondenz.

Mittwoch den 1. Juni

Jnsertlons- Preis:

Die ispaltige Garmondzeile ob. deren Raum

10 Pfg.

Die 2fpalL Zeile

20 Pfg.

DieSspaltigeZeile

30 Psg

1881.

Tagesscha«.

Der „große Bürger".

Je mehr die Republik in Frankreich sich „befestigt", um so deut­licher tritt ihre natürliche Neigung, in das persönliche Regiment Über­zugehen, hervor. Mag es nun im Wesen der republikanischen Staats- form selbst liegen, wieder zur Tyrannis umzuschlagen, d. h. zur frei­willigen Unterwerfung der scheinbar selbstregierenden Masse unter einen gebietenden Willen, oder mag es in der Natur des französischen Volkes liegen, sich unter die Autorität einer Herrschernatur zu beugen — gleich­viel, was gegenwärtig in Frankreich vorgeht, wird einst eines der be­zeichnendsten praktischen Exempel für die Lehre von der politischen Frei­heit sein. Der „große Bürger" ist bereits im Stadium der Triumph­pforten, der Ehrenpöller, der weißgekleideten Jungfrauen angelangt. Damit ist nicht gesagt, daß Gambetta das Vorbild früherer Empor­kömmlinge einfach kopiren wird, daß sein Ehrgeiz nach dem Goldreif und dem Purpurmantel gerichtet sei. Im Gegentheil; die gegenwärtigen Vorgänge sind darum so lehrreich, weil sie zeigen, daß gerade mit der republikanischen Form die Alleinherrschaft vollkommen verträglich ist. Jene ist die Voraussetzung für diese. Sicher ist es Gambetta völliger Ernst damit, wenn er die Schuljugend seiner Vaterstadt zum Schwur auf die Republik auffordert, er denkt nicht an einen Umsturz der Repu­blik, wie sollte er auch? Eben ihr verdankt er ja sein Emporkommen. Nur hat er schon, ehe er die höchste Stufe der Gewalt erreichte, dafür gesorgt, daß diese Republik für sein Persönliches Bedürfniß zugeschnitten ist. Nach Cahors reiste er als Sieger in der Frage der Wahlreform, als Sieger über Grevy, als Sieger über alle anderen Schattirungen des republikanischen Bekenntnisses. Durch das Listenskrutinium ist er­reicht, daß die Parteizerfahrenheit in der jetzigen Kammer einer diszipli- nirten, zuverlässigen, ergebenen Mehrheit Platz machen wird. Die Wahl­bezirke sind künftig der Mühe überhoben, unter den Lokalgrößen der Heimath auszuwählen; sie empfangen ihre Listen von der herrschenden Partei, vom leitenden Comite, von dem Willen, der diese ganze Maschinerie dirigirt. Sonst pflegten die Emporkömmlinge Hand an die Verfassung zu legen, wenn sie zur Gewalt gelangten. Das hat Gambetta gar nicht nöthig; ihm ist das Größere gelungen, daß er vorher schon, auf ganz gesetzmäßigem Wege, die Verfassung sich zurechtgelegt hat. Die Frage ist nicht mehr die, ob er allmächtig sein werde, er ist es schon, die Frage ist nur, wie er seine Allmacht brauchen wird. Auch darin zeigt er seine Herrschergewalt über das Volk, daß er es je nach Laune aufzuregen und zu beschwichtigen, kriegerische Hitze anzufachen und ein angenehmes Hir­tenlied vorzutragen versteht; beides zu gleicher Befriedigung seiner Zu­hörer. Die Friedensrede in Cahors ist ohne Zweifel mit dem gleichen überschwänglichen Enthusiasmus ausgenommen worden, wie feiner Zeit die stachelnden Anspielungen auf die nationalen Hoffnungen und auf die Gerechtigkeit der Geschichte. Man denkt hier unwillkürlich an das Ur­theil, das Bismarck kürzlich über den Werth und über die Macht der Beredtsamkeit gefällt hat. Uebrigens wird man annehmen dürfen, daß es Gambetta mit seiner jüngsten Anpreisung des Friedens völliger Ernst gewesen ist. Es hätte in der That keinen Sinn, die Leidenschaften gegen Deutschland aufzureizen, in einem Augenblick, wo die Republik von Deutschland einen wirklichen Dienst empfangen und dafür jede andere Bundesgenossenschaft von sich gestoßen hat. (Schw. Merk.)

— Berlin, 30. Mai. Der Hamburger Senat wird am Mitt­woch der Bürgerschaft die Vereinbarung mit dem Reiche vorlegen und dabei erklären, der Senat habe zwar das Uebereinkommen genehmigt, wtrde aber seine Zustimmung nicht eher erklären, als bis auch die Bür­gerschaft ihre Genehmigung ertheilt habe. Die Hamburger Blätter fah­ren fort, gegen das Uebereinkommen mit dem Reiche zu streiten, das Hamburg schwere Lasten auflege für den gar nicht gewünschten Zollan­schluß. Indessen hat Blitz und Donner abgenommen und das Gewitter scheint im Abziehen zu sein. Privatnachrichten aus Hamburg besagen, daß die Meinung der Hamburger Vertrauensmänner dem Vertrage ge­neigt sei. Charakteristisch für die Stimmung in Hamburg ist eine an­dere Nachricht, nämlich, daß die Bürgerschaft sicherlich einen Vertrag

annehmen würde, wenn es gelänge, eine geheime Abstimmung herbeizu- führen. Die Schreier auf der Linken suchen durch Volksversammlungen die ruhigen und vernünftigen Bürger einzuschüchtern. Indessen die Ham­burg durch die Vereinbarung gesicherten Bedingungen sind sehr viel günstiger, als man ermattet hatte, so daß man kaum glauben kann, die Bürgerschaft werde ablehnen. Fürst Bismarck selbst hat seine Ueberzeu­gung dahin ausgesprochen, daß die Hamburger Bürgerschaft das Ab­kommen genehmigen werde. Die Hamburger Senatoren Dr. Versmann und O'Swald sind gestern Abend nach Hamburg zurückgekehrt. (K. Z.)

— Berlin, 31. Mai. Am 30. d. M. trat der Bundesrath un­ter ^dem Vorsitze des Staats Ministers von Boetticher zu einer Plenar­sitzung zusammen, in welcher, nach Ueberweisung einer Mittheilung des Präsidenten des Reichstags über die Resolution des Reichstags zu den Anträgen wegen der Zollbehandlung der Schiffahrt auf der Unterelbe an den Reichskanzler, den am 23. d. M. hierselbst unterzeichneten Handels­verträgen mit Oesterreich-Ungarn und mit der Schweiz die Genehmigung ertheilt wurde. - Ebenso erhielt ein von dem Vorsitzenden eingebrach­ter Antrag auf theilweise Anrechnung der praktischen Beschäftigung eines Beamten der Admiralität vor seiner Anstellung im Reichs- bezw. Staats­dienste, behufs Festsetzung des demselben zu gewährenden Ruhegehalts die Zustimmung.

Den Schluß bildeten die Ernennung von Kommissarien zur Be­rathung der Handelsverträge im Reichstage, Mittheilungen über einge­gangene, den betreffenden Ausschüssen zugetheilte Eingaben sowie endlich die Vorlegung der neuerdings eingegangenen Petitionen und die Rege­lung ihrer geschäftlichen Behandlung. (R. u. St-A.)

— Berlin, 31. Mai. Der „Nordd. Allg. Ztg." zufolge leidet Fürst Bismarck seit einigen Tagen an rheumatischen Schmerzen. Er sei genöthigt, das Zimmer zu hüten, weshalb er auch au den letzttägigen Reichstagsverhandlungen nicht habe theilnehmen können.

— Berlin, 31. Mai. In der heutigen (53.) Sitzung des Reichs­tages befaßte sich das Haus mit der 2. Lesung des Unfallversicherungs­gesetzes. Nach längerer Debatte wird §. 1 nach den Beschlüssen der Kommission angenommen.

— Der „R. u. St.-A." Nr. 125 veröffentlicht: Gesetz, betreffend die Aufnahme einer Anleihe für die Reichseisenbahnen in Elsaß-Lothrin­gen. Vom 24. Mai 1881.

— Bekanntmachung auf Grund des Reichsgefetzes vom 21. Oktober 1878. Nach dem „R.- u. St.-A." Nr. 125 wurde unterm 28. Mai verboten: der Gesangverein „Frohsinn" und der Vergnügungsverein „Heiterkeit" in Mainz.

. — Der Erbschaftssteuer unterliegt nach einem Erkenntniß des Reichs­gerichts, vom 17. März d. J. ein durch Testament vermachter Nieß­brauch nicht, wenn derselbe bereits auf Grund des ehelichen Güterrechts gesetzlich begründet ist.

— S. M. S. „Ariadne", 8 Geschütze, Kommandant Korvetten- Kapitän Freiherr von Hollen, ist am 12. April d. I. in Valparaiso eingetroffen.

— Aus Schopp, 27. Mai, wird der „Kaisersl. Z." geschrieben: Heute zahlte die Gemeinde Schopp von ihren Einnahms-Ueberschüssen pro 1880 an jeden Gemeindebürger 50 M. aus. Bei der letzten Ver- theilung von Ueberschüssen im Jahre 1877 erhielt jeder Bürger 80 M. (Wenn's doch andere auch so gut hätten!)

— Wie aus Lu zern gemeldet wird, soll die Eröffnung der Gott- Hardbahn in ihrer ganzen Ausdehnung definitiv im Juli 1882 stattfin- den, bis zu welchem Termine auch die Strecke Muri-Rothkreuz vollendet sein wird.

— Athen, 30. Mai. Lesieps beabsichtigt, die Landenge von Korinth zu durchbohren.

— London, 31. Mai. Wie die Times wissen will, wäre auf Anregung der Exekutivbehörden von Irland die vollständige Unterdrük- kung der Agrarliga von der Regierung ernstlich in Erwägung gezogen.

— London, 31. Mai. Die Meininger Hof-Theatertruppe hat bei ihrem gestrigen Debüt im Trury Lanc-Theater, bei welchem „Julius Cäsar" zur Aufführung gelangte, einen glänzenden Erfolg errungen. Die hauptsächlichsten Darsteller und der Hoftheater-Jntendant Chronegk wur-