Beilage zu Nr. 115 des Hananer Anzeiger.
Die Krisis in Italien.
Die Überwältigung von Tunis durch die Franzosen hat in Italien einen Sturm erregt, der das Ministerium der Linken hinwegfegte. Der eigentlich unterliegende Theil in dieser Handlung, die sich so eben mit außerordentlicher Raschheil in Nordafrika abspielte, ist in der Tdat weder der Bey noch die h. Pforte, sondern Italien, das als Nachfolger des senatus populusque Romanus längst die Eroberung von Karthago in seinem Plane hatte. Jetzt ist ihm das mächtige Frankreich zuvor gekommen, und es hat zu allem Schaden noch den Spott; man muß sich die französ. Blätter, insbesondere ihre Karikaturenblätter ansehen, um einen Begriff von dem übermüthigen, wegwerfenden Höhne zu machen, womit die Italiener zur Strafe dafür überschüttet werden, daß sie so vermessen waren, die Hand nach einem Ziele auszustrecken, das gleichzeitig von dem mächtigen Verbündeten von 1859 begehrt wurde. Die Frage ist jetzt müßig, ob ein anderes Ministerium in Italien im Stande gewesen wäre, die Gewaltthat der sranzös. Republik abzuwenden. So viel ist aber gewiß, daß die Linke von Anfang in einem Fahrwasser segelte, das Italien jeder Fähigkeit beraubte, einen solchen Streich abzuwehren. Italien wollte nicht gebunden sein, wollte sich die freie Hand wahren, bildete sich ein, die allseitig Umworbene zu sein. Darüber vergaß es sich gute Freunde zu sichern. Anstatt dem mitteleuropäischen Friedensbollwerk sich anzuschließen, konnte es sich nicht enthalten, fortwährend nach dem deutsch-östreichischen Lande südlich vom Brenner zu schielen. Ob die Republik ihren Eroberungszug so sorglos hätte unternehmen können, wenn Italien irgend einen Rückhalt besessen hätte, diese Frage dars wohl aufgeworfen werden. Die Krone scheint wirklich der Meinung zu sein, daß die ganze auswärtige Politik der Linken eine verfehlte und verhängnißvolle gewesen ist; denn der König hat nicht, wie Cairoli vermeinte, eine Scheinänderung getroffen, nicht blos eine neue Kombination aus den Männern der Linken herausgegriffen, sondern er hat die Linke verabschiedet und sich, zur Bestürzung der Linken aller Schattirungen, an Sella gewandt, den aus dem Zentrum hervorgegangenen erwählten Führer der Rechten. Damit scheint wirklich eine Aenderung der aus-
wärtigen Politik beabsichtigt. Schwierig genug o/er ist die Stellung des neuen Ministerpräsidenten, denn die Kammer gehört den Fraktionen der Linken, man wird zur Auflösung, zu Neuwahlen schreiten müssen, und es fragt sich, ob die Wählerschaften Einsicht genug haben werden, ein Ministerium zu unterstützen, das den nationalen Vorurtheilen trotzen muß, wenn es die Politik Italiens wieder auf eine gesunde und würdevolle Basis bringen will. Bisher haben sich die Italiener, Frankreich gegenüber, geradezu unbelehrbar erwiesen. Das Größte, was sie in dieser Hinsicht geleistet, war der Garibaldizug im I. 1870 für dasselbe Frankreich, das den deutschen Waffen erliegen mußte, um Rom an die Italiener zu überlassen. Garibaldi ist es denn auch, der noch heute sein übernaives Schwärmen vom Bündniß der Schwesternationen fortsetzt. Unglaublich, aber wahr. Er hat neulich an einen Herrn Michard, der unter ihm gegen die Deutschen focht, einen Brief gerichtet, der folgendermaßen lautet: „Liebster Michard, obschon, zum Glücke für die Welt, Frankreich so glücklich ist, ein republikanisches Regiment zu haben, ist dasselbe gleich uns von dem eckelhaften klerikalen Wurme und von den unsauberen Ueberresten des Despotismus der früheren Zeiten angefressen. Dies die Ursachen des Antagonismus, welcher heute zwischen den beiden Schwesternationen besteht. Was den Krieg zwischen Frankreich und Italien anbelangt, den unsere gemeinsamen Feinde wollüstig träumen, so glaube ich, daß sie unsere Leichen mit Füßen werden treten müssen, ehe man eine ähnliche Ungeheuerlichkeit begeht. Ein Italiener französischer Bürger in Frankreich; ein Franzose italienischer Bürger in Italien: dies das Ziel, welches wir erreichen müssen. Nicht mehr Schlagbäume, nicht mehr Grenzen: die vollständige Gleichheit und Brüderlichkeit werden der menschlichen Brüderlichkeit als Grundlage dienen können. Arbeiten wir also, liebster Freund, um die Anstrengungen der Psaffen und der Despoten in ihren höllischen Manövern, um uns zu entzweien, zu Schanden zu machen. Savoyen und seinen wackeren Söhnen einen Gruß von Herzen. Ihnen Apostel der Sache der Völker meine ganze Zuneigung. Ihr Josef Garibaldi." Auf solchen würdelosen Galli- mathias gehören allerdings die französischen Ohrfeigen. (Schw. Merk.)
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