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Ar. 98.
Donnerstag den 28. April
1881.
Tagesschau.
— B er lin, 27. April. (Reichstag, 34. Sitzung.) Auf die Interpellation Virchow's, betreffend die Betheiligung Deutschlands an der Erforschung der Polargegenden, erwidert Stosch, daß die Marine dies Projekt unterstützen werde. Staatssekretär Bötticher erklärt, daß die Reichsregierung zwar das Projekt unterstütze, aber mit großer Vorsicht daran gehen werde. — Das Trunksuchtsgesetz und das Gesetz über die Bezeichnung des Raumgehalts der Gefäße werden einer Kommission von je 14 Mitgliedern überwiesen. — Das Küstenfrachtfahrtgesetz wird in dritter Lesung nach der Borlage unverändert angenommen. — Es folgt die Fortsetzung der ersten Lesung des Gesetzes über die Geschäftssprache des elsässischen Landesausschusses. Minmgerode und Marquard- sen plaidiren dasür, Minierer dagegen. — Es folgt die zweite Lesung dieser Vorlage, bei welcher alle Amendements abgelehnt werden und der Regierungs.Entwurf unverändert angenommen wird. Nächste Sitzung morgen. (Fr. 3 )
— Durch allgemeine Verfügung vom 13. d. M. hat der Justizminister über die Ertheilung der Heirathskonsense an Justizbeamte bestimmt, daß es der Einholung dieses Konsenses nur für diejenigen Justizbeamten bedarf, welche der allgemeinen Wittwenverpflegungs-Anstalt beizutreten verpflichtet sind. Derselbe wird ertheilt, für sämmtliche richterliche Beamte des Oberlandesgerichtsbezirks, sowie für die Subaltern- und Unterbeamte, welche bei dem Oberlandesgerichte angestellt sind, von dem Präsidenten des letzteren; für sämmtliche Beamte der Staatsanwaltschaft im Oberlandesgerichtsbezirk und für die bei der Staatsanwaltschaft des Oberlandesgerichts oder bei den auf besonderem Etat stehenden Gefängnissen angestellten Subaltern- und Unterbeamten von dem Oberstaatsanwalt; für die Subaltern- und Unterbeamten der Land- und Amtsgerichte von dem Präsidenten des Landgerichts; für die bei der Staatsanwaltschaft des Landgerichts sowie bei den nicht auf besonderem Etat stehenden Gefängnissen angestellten Subaltern- und Unterbeamten von dem Ersten Staatsanwalt des Landgerichts. Bei Nachsuchung des Heirathskonsenses ist die bestimmte Erklärung abzugeben, daß der Einkauf der künftigen Ehefrau in die Wittwenverpflegungsanstalt folgen werde. Der für die Ertheilung des Konsenses zuständigen Behörde ist der stattgehabte Einkauf demnächst nachzuweisen.
— Der Oberstlieutenant von Stülpnagel, Flügel-Adjutant Sr. Majestät des Kaisers und Königs, und beauftragt mit der Führung des Garde-Füsilier-Regiments, ist Allerhöchst kommandirt worden, der Beisetzung des verstorbenen Königlich bayerischen Generals der Infanterie Freiherrn von und zu der Tann-Rathsamhausen, kommandirenden Generals des I. Königlich bayerischen Armee-Corps, beizuwohnen und nach München abgereist.
— Der Miether eines möblirten Zimmers, welcher sich die zugleich mit dem Zimmer an ihn zu seiner Benutzung mitvermietheten Mobilien rechtswidrig aneignet und sortschafft, macht sich dadurch nach einem Urtheil des Reichsgerichts, II. Strafsenats, vom 18. Februar d. I., keines Diebstahls, sondern nur einer Unterschlagung schuldig.
— Wilhelmshaven, 26. April. (R. u. St.-A.) Auf S. M. S. „Mars" ist heute Nachmittag beim Laden eine 21 cm Granate im Rohr krepirt. Getödtet sind: die Kadetten Czech und Mappes, Obermatrose Frenz, Matrosen Kesenberg, Kellner, Dirksen. Schwerverwundet sind: Obermatrosen Diskowski, Maul, Wenduschki, Bahlow, Dede, Meyer, Schulz, Buchheister, Schulze. Leicht verwundet sind: Korvetten- Kapitän Graf Ranzow, Lieutenant zur See Reincke, Obermaaten Waag und Wietzke, Feuerwerker Gajewski, Obermatrosen Riedel, Kelwinski, Blachewitz, Lange. Das Schiff ist wenig beschädigt. — 27. April. Bon den in Folge Krepirens einer Granate auf S. M. S. „Mars" Schwerverwundeten sind noch die Ober-Matrosen Diskowski und Buchheister gestorben. Außerdem ist noch leichtverwundet der Einjährig-Freiwillige Krämer. Soweit sich bis jetzt überfeinen läßt, erfolgte die Behandlung der Granate beim Laden vorschriftsmäßig. — S. M. S. „Mars" geht heute wieder nach der Schillig-Rhede zur Fortsetzung der Schießübung.
— Stettin, 27. April. (K. Z.) Die auf der Werft des „Vulkan" erbaute Panzerkorvette „Württemberg" ist gestern Abend in Swinemünde eingetroffen. Sie war bekanntlich in der Swine bei
niedrigem Wasserstande auf Grund gerathen und mehrere Tage sitzen geblieben.
— Die Deutsche Volksztg. in Hannover, das Organ der welfischen Partei, erklärt anläßlich der jüngsten Erörterungen über die braun- schweigische Erbfolge es für „unmöglich", daß der Herzog von Cum- berland seine Ansprüche auf Hannover aufgebe, um die Nachfolge in Braunschweig zu erhalten.
— Aus Sachsen, 25. April. Gewisse Umstände bei der Bestattung des berühmten Eisenbahntechnikers und k. preuß. Geheimraths Frhrn. Max Maria v. Weber in dessen Familiengruft zu Dresden haben einen noch peinlicheren Eindruck hinterlassen, als bisher in den Zeitungen verlautet hat. Es war (durch Nichtbetheiliguug) geradezu eine Kundgebung des sächsischen Partikularismus damit verbunden, der in den Kreisen der sächsischen Eisenbahnbeamten seine eingefleischtesten Vertreter hat. Daß eine so tüchtige Kraft, wie die Weber's, sich nicht im reglementmäßigen, kleinlichen Dienste aufreiben wollte, daß er seine freie Stellung zum selbstständigen Schaffen beanspruchte und, als diese ihm versagt blieb, mit Freuden die Gelegenheit ergriff, in einem umfassenden Wirkungskreise in Oestreich schöpferisch auszutreten, ist ihm nie vergessen worden. Nun beging er gar noch in sächsischen Augen den Fehler, Oestreich wieder zu verlassen, wo doch noch heute Sachsen im Eisenbahnwesen wichtige Stellungen einnehmen, und sich Preußen zu verschreiben, Preußen, mit welchem die sächsische Eisenbahnbehörde in einer steten, wenn auch nicht offenen, so doch geheimen Fehde liegt. Weber war ein Freund des Reichseisenbahngedankens, aber noch war ihm gar keine Stellung in Berlin geworden, in welcher er hätte direkten Einfluß darauf nehmen können, der sächsische Partikularismus folgte also nur den Eingebungen früheren Grolles, als er sich vom Begräbniß zurück- hielt. Weber hat in Dresden seine Jugendfreunde, er hat daselbst viele feiner literarischen Freunde, und wenn nun nur die Kameraden seines Sohnes, des sächsischen Grenadierhauptmanns, ihm die letzte Ehre erwiesen haben, so ist das ein trauriger Umstand, von dem man wünschen möchte, daß sich sein Eintritt auf irgend ein Versehen zurückführen ließe. Gerade dieser Todte hätte ein ihn und die Mitwelt ehrendes Begräbniß verdient. . (Schw. Merk.)
— München. Bezüglich des in einigen Blättern als auffällig befundenen Umstandes, daß die Notifikation über den Thronwechsel in St. Petersburg nicht durch eine Spezialmission nach München über- bracht wurde, wird dem „D. T." von unterrichteter Seite bemerkt, daß der Bayern gegenüber gewählte schriftliche Weg der Notifikation auf einem freundschaftlichen Uebereinkommen der beiden betheiligten Regierungen beruht, zu welcher von bayerischer Seite die Initiative ergriffen wurde.
— Graz, 27. April. Feldzeugmeister von Benedek ist heute srüh gestorben.
— Kopenchagen, 25. April. Die Berlingsche Zeitung erklärt amtlich, daß über den Verkauf der westindischen Inseln keinerlei Verhandlungen zwischen Dänemark und Nordamerika stattgefunden hätten.
— Paris, 26. April. (K. Z.) Der Kriegsminister legte diesen Morgen den Ministern im Elysde Depeschen vom Kriegsschauplatze vor, worin gemeldet wurde, daß für den heutigen Tag dem ersten Gefechte entgegengesehen wurde. Das Feuer der Surveillante wird in den Regierungsdepeschen als „sehr präcis" bezeichnet und soll das Fort auf Tabarka vollständig in Trümmer gelegt haben; es war dabei ungestört, denn vom Fort aus erfolgte kein Kanonenschuß auf die französischen Kriegsschiffe. Die Landung sollte diesen Morgen unter Führung des Contre-Admirals Conrad erfolgen, der von Bonau ausfuhr, um die tunesische Küste zu untersuchen. Der Kriegsdampfer Corse wurde von Oran nach Tunis geschickt, um für alle Fälle die Verbindung zwischen beiden Städten zu sichern. Die Telegraphenleitung von Tunis wurde am 25. in El Kef abgeschnitten. Nachrichten aus Tunis, die jetzt nur durch Dampfaviso besorgt werden, fehlen heute auf französischer Seite vollständig. — In Toulon finden heute starke Zusammenziehungen von Truppen statt, die nach Algerien geworfen werden sollen, wo die Gährung unter den Mohamedanern steigt; indeß fürchtet die Regierung keine ernstlichen Ausstände, wenn die Operationen gegen Tunis einen regelmäßigen Verlauf nehmen. Mast versichert, die Regierung habe beschlossen, wegen