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Nr. 64.

Donnerstag den 17. März

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Tagesschau.

Berlin, 16. März. Se. Kaiserliche und Königliche Hoheit der Kronprinz hat wegen starker Heiserkeit auf den Rath der Aerzte die auf heute Mittag angesetzt gewesene Abreise nach St. Petersburg, wohin Höchstderselbe Sich im Allerhöchsten Austrage Sr. Majestät des Kaisers und Königs zu den Trauerfeierlichkeiten für des Hochseligen Kaisers Alexander II. Majestät begeben sollte, bis zur nächsten Woche verschieben müssen. Se. Kaiserliche Hoheit wird also nicht der Uebersührung der Hohen Leiche vom Winterpalais nach der Festung, welche bereits am Freitag, den 18., stattfindet, beiwohnen können, sondern erst zu der eigentlichen Beisetzung in St. Petersburg eintreffen.

Berlin, 15. März. (K. Z.) Die Feier des Kaiserlichen Geburtstages soll durch den Petersburger Trauersall keine Einschränkung erfahren; die Hoftrauer wird für diesen Tag aufgehoben. Aus Hof­kreisen verlautet, es werde diesmal der Freudentag ein doppelt festliches Gepräge erhalten. Die Enkeltochter des Kaisers wird mit ihrem Bräu­tigam, dem Kronprinzen von Schweden, erscheinen; ferner hört man, daß auch der Großherzog von Hessen mit seinen beiden ältesten Töchtern hierher kommen wird, und man bringt damit in Zusammenhang die be­vorstehende Verlobung der ältesten hessischen Prinzessin mit dem Enkel­sohne des Kaisers, dem Erbgroßherzog von Baden, welcher jetzt zum 1. Garde-Regiment zu Fuß in Potsdam kommandirt ist. Wie nachträg­lich bekannt wird, hat sich bei der Abstimmung über das Unsallversiche- rungsgesetz der oldenburgische Bevollmächtigte der Stimmabgabe enthal­ten. Die erste Lesung des Entwurfes im Reichstage wird wohl erst in der nächsten Woche stattfinden. Man nimmt dabei auf den Umstand Rücksicht, daß der Reichskanzler die Vorlage selbst zu vertreten wünscht und daran jetzt noch durch seine andauernde Heiserkeit behindert ist.

Berlin, 16. März. Die heutige (16.) Sitzung des Reichs­tages eröffnete der Präsident von Goßler mit folgender Mittheilung, welche die Mitglieder des Hauses stehend anhörten:

Ich habe Ihnen zunächst, meine Herren, mitzutheilen, daß in Folge Ihres Beschlusses vom vorgestrigen Tage das Präsidium die . Ehre gehabt hat von Sr. Majestät in Audienz empfangen zu wer­den, um die Theilnahme des Reichstages an dem schweren Verlust auszudrücken, von welchem Se. Majestät und die Kaiserliche Familie betroffen worden ist. Se. Majestät haben in huldvollster Weise das Präsidium empfangen und wiederholt zum Ausdruck gebracht, wie wohlihuend Ihn die Kundgebung des Reichstages berührt hat, und wiederholt das Präsidium beauftragt, dem Reichstage Seinen Kaiser­lichen Dank auszusprechen. Ich entledige mich hiermit dieses Aller­höchsten Auftrages.

Das Haus setzte darauf die Berathung der der Budgetkommission zur Vorberathung überwiesenen Theile des ReichshaushaUs-Etats für das Etatsjahr 1881/82 fort.

Berlin, 16. März. Au einer Stelle, deren Ansichten und Ausprüchen in auswärtigen Angelegenheiten das deutsche Volk unbeding­tes Vertrauen zu schenken Pflegt, herrscht, wie wir zuverlässig wissen, die Ueberzeugung, daß die politischen Folgen der entsetzlichen Unthat in Pe­tersburg nicht die Tragweite haben werden, welche man srüher Wohl bei einem dortigen Regierungswechsel zu erwarten geneigt war. Es gilt dies nicht bloß für die Beziehungen Rußlands zum Auslande; sondern es sind auch für die inneren Verhältnisse Anzeichen vorhanden, daß schroffe Wandlungen wenigstens zunächst nicht in Aussicht zu nehmen sind. Da die Einwirkung innerer Umgestaltungen und Umwälzungen in einem Großstaate von den eigenthümlichen Verhältnissen wie Rußland nothwendig auch dessen auswärtige Politik mitbeherrschen, hat die An­nahme, daß der russische Thronwechsel das Verhältniß des Reiches nach außen unberührt läßt, eine um so größere Bürgschaft für sich. Und be­kannt ist außerdem, daß die dem jetzigen Kaiser vielfach nachgesagte Ab­neigung gegen deutsches Wesen in neuerer Zeit, soweit Thatsachen mit­sprechen, ohne Belege geblieben ist. (K. Z)

DerR.- u. St.-A." Nr. 64 veröffentlicht das Gesetz, betref­fend die Deckung von Ausgaben der Rechnungsjahre 1878/79 und 1879/80, vom 6. März 1881.

Der General-Lieutenant v. Flatow, Direktor der Kriegsaka­

demie, und der General-Major v. Schenck, Commandeur der 1. Garde- Cavallerie-Brigade, sind zu Mitgliedern der Commission, welche mit der Ausarbeitung eines Entwurfes einer Militärstrafprozeß-Ordnung für das deutsche Reich beauftragt ist, allerhöchst kommandirt worden. Den Entwurf eines Gesetzes, betreffend die Versicherung der in Bergwerken u. s. w. beschäftigten Arbeiter gegen die Folgen der beim Betriebe sich ereignenden Unfälle, werden als Commissarien bei der Berathung im Reichstage vertreten die Geh. Oberregierungsräthe Lohmann und Dr. Meyer; ersterer wird ebenfalls bei der Berathung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung, als Commissar fungiren.

Wien, 16. März. (K. 3) DieNeue Freie Presse" meldet aus Konstantinopel vom 15. d. M.: Gestern und heute fanden bei dem deutschen Botschafter Grafen Hatzfeld Sitzungen in der griechisch türki­schen Frage statt. Die türkischen Delegirten legten eine Karte vor, auf welcher das Maximum der Zugeständnisse der Pforte verzeichnet ist, welche einen sehr versöhnlichen Geist bekunden. Die Erreichung eines befriedigenden Resultates, meint das genannte Blatt hänge von der Mäßigung und Eintracht der Mächte ab.

Paris, 15. März. DasJournal des Debats" tritt der An­nahme auswärtiger Blätter entgegen, daß die Miliardenanleihe eine krie­gerische Bedeutung habe. Ueber den ganzen Betrag der Anleihe seien zum voraus genaue Bestimmungen getroffen. Durch die Ausführung öffentlicher Arbeiten würden 612 Millionen in Anspruch genommen, der Rest sei zur Regelung von bereits gemachten oder von den Kammern beschlossenen Ausgaben bestimmt. In dem vom Finanzminister an den Präsidenten Grövy unterm 1. Juni 1880 über das Liquidationsconto erstatteten Berichte sei eine ausführliche Darlegung hierüber enthalten.

S t. Petersb urg, 15. März, Abends. Ein Extrablatt des Regierungsanzeigers" veröffentlicht folgende Mittheilung des Ministers des Innern: Einer der Hauptanstifter des letzten Attentates, welcher am 11. März arretirt worden war, hat seine Betheiligung bei der Ausfüh­rung des Verbrechens eingestanden und bezichtigt den in flagranti er­griffenen Russakoff, welcher die erste Bombe warf, ebenfalls als Anstifter. In der Person des zweiten Individuums, welches augenscheinlich die zweite Bombe warf und am Thatorte eine tödtliche Verwundung erhielt, erkannte Russakoff bei Vorzeigung des Leichnams denselben als den sei­nes Mitschuldigen. Die Wohnung, aus welcher Russakoff und sein Ge­nosse die Sprengbomben erhielten, ist in der Nacht zum 15. d. entdeckt worden. Als die Behörde behuss einer Nachsuchung daselbst erschien, erschoß sich der Inhaber der Wohnung. Ein mit ihm zusammenwoh­nendes Frauenzimmer wurde arretirt. In der Wohnung wurden me­tallene Sprenggeschosse aufgefunden, sowie eine Proklamation, in welcher es heißt, daß das Attentat durch zwei Personen ausgesührt worden sei. Um 11 Uhr Vormittags erschien in derselben Wohnung ein junger Mann, welcher sofort arretirt wurde. Bei seiner Festnahme gab er 6 Revolverschüsse ab, durch welche drei Polizisten verwundet wurden.

Petersburg, 16. März. (R.- u. St.-A.) Die Ueberfüh- rung der Leiche des verstorbenen Kaisers aus dem Winterpalais nach der Peter-Pauls-Kathedrale wird am 18. d. M. stattfinden. Die Ernennung des Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch zum Komman­danten der Truppen des Gardekorps und der Truppen des St. Peters­burger Militärbezirkes erfolgte durch einen Kaiserlichen Ukas vom 14. d. M. Der Kaiser gedenkt in diesem Ukas zugleich seiner in den Reihen dieser Truppen verbrachten Zeit und spricht denselben für ihre eifrige Pflichterfüllung' und ihre Treue seinen Dank aus.

St. Petersburg, 16. März. Hiesigen Zeitungen zufolge hätte der Verbrecher Russakoff versucht, sich bei der Verhaftung zu ver­giften, was ihm jedoch nicht gelang. Die Aburtheilung Russakoffs war auf gestern festgesetzt, wurde aber angesichts neuer wichtiger Entdeckungen verschoben. Namentlich war für die Verschiebung die Entdeckung der Wohnung maßgebend, aus welcher Russakoff die Sprengbomben erhielt. Der Inhaber dieser Wohnung, der sich erschoß, war ein 30jähriger Mann, Namens Nawrotzki.