Beilage zu Nr. 24 des Hanauer Anzeiger.
Rückblick.
Zum zehnjährigen Gedenktage der Wiederausrichtung des deutschen Reichs veröffentlicht Eduard von Hartmann in Paul Lindau's Gegenwart einen längeren Aufsatz, in welchem nach einem Rückblick auf die großen Erfolge der deutschen Politik und Kriegführung seit 1866 zunächst die feindlichen Parteien geschildert werden, welche dem Reiche schon durch die Art seiner Gründung erwuchsen, wobei vor Allem die Ultramontanen und die Sozialdemokratie hervorgehoben werden rc. Aber auch die äußeren Feinde seien verstärkt. Die Verfassung des Reichs aber sei überall noch unfertiges Flickwerk; das Reich befinde sich in einem Zustande, der dringend der Konsolidirung bedürfe und, wenn er diese nicht bald finde, nothwendig zur Wiederauflösung und zum Zerfall desselben führen müsse. Dann heißt es weiter:
„Das Schlimmste an diesem Zustande aber ist, daß ein großer Theil des Volkes von diesem traurigen und abhülfebedürstigen Zustand gar keine Ahnung hat, und daß die meisten Parteien mit echt deutschem Doktrinarismus und Eigensinn ihre Parteiziele weiter verfolgen, als ob gar nicht an die Möglichkeit zu denken wäre, daß sie dadurch die Konsolidirung, d. h. die Existenzfähigkeit des Ganzen gefährden.
„Dem gegenüber stehen als wichtigster Hort patriotischer Zuversicht die beiden Säulen des Reiches: der Kaiser und der Kanzler; der eine als Bürge sür die Einheit und Schlagfertigkeit des Heeres, der andere als Bürge einer nach innen und außen in allen Wandlungen auf friedliche Konsolidirung des Reiches gerichteten Politik. Es ist noch lange nicht genug anerkannt, daß der Kanzler nur Einen Endzweck für alle seine politischen Entschließungen und Maßregeln hat, die Konsolidirung des Reiches; ob es sich um Rechtseinheit, Münzeinheit, oder Einheit des Zollgebiets, um Niederwerfung der feindlichen Elemente im Staate, um Verstaatlichung von Verkehrswegen oder um Zoll- und Steuerreformen handelt, immer ist es nur dieser eine Gesichtspunkt, aus dem er die Dinge betrachtet, dieser eine Maßstab, an dem er die Streitfragen mißt und ohne Rücksicht auf doktrinäre Vorurtheile und Schulweisheit entscheidet.
„Wie oft hat man uns Teutsche verspottet, daß wir unpraktische Idealisten, halsstarrige Doktrinäre und unverbesserliche Partikularsten sind! Nun haben wir endlich einen Staatsmann, der, welche Fehler ihm auch anhasten mögen, von diesen Grundfehlern des deutschen Michel frei ist; aber anstatt nun freudig die Führung dieses Mannes als eine Befreiung aus dem Michelthum anzunehmen, mäkelt Jeder an ihm herum, weil derselbe gerade seiner Lieblingsdoktrin nicht Rechnung trögt und der Satz: viele Köpfe, viele Sinne, behält auch jetzt seine Geltung. Der deutsche Michel steckt noch immer in den politischen Kinderschuhen, hält Neinsagen für das einzig manneswürdige, gesinnungstüchtige und charaktervolle Benehmen, Jasagen aber für ein Zeichen von feigem Knechtssinn, und Unterordnung eigener Schulmeinungen unter erprobte staats- mönnisckie Einsicht für einen Götzendienst vor dem Erfolg.
„Während das Ausland uns einstimmig um diesen Staatsmann beneidet, haben die Teutschen, soweit sie ihn nicht hassen, nur „Anerkennung im Prinzip" für ihn übrig, die aber in jedem besonderen Falle
der deutschen Krittelsucht Platz macht. Während man lange nach seinem Tode der nachträglichen Enthüllung seiner Ansicht über irgend eine schwebende Frage wie einem Orakel lauschen wird, ist es so weit gekommen, daß der Lebende mit aller Kunst parlamentarischer Taktik doch nur verschwindend kleine Majoritäten zusammenbringt und oft bei wichtigen Gliedern seines Aufbaues in der Minderheit bleibt, daß die Zahl seiner Gegner beständig wächst, ebenso wie der Muth, mit dem sie an seinem Sturze arbeiten. Und doch weiß Jeder, daß die Todtfeinde des deutschen Reiches mit Sehnsucht nur auf den Augenblick lauern, wo der eiserne Kanzler ihnen nicht mehr die Siegeszuversicht raubt, daß Rom den Friedensschluß im Kulturkampf und Frankreich seine Revanchegelüste auf den Moment vertagt hat, wo dieser Faust die Zügel der deutschen Reichsregierung entfallen. Wenn morgen der Telegraph die Kunde von seinem Tode durch die Welt trüge, so würden Deutschlands Feinde sich wie von einem Alp befreit fühlen, der so lange auf ihnen gelastet, würden jubeln und jauchzen und die Stunde der Einigung zu gemeinsamem Vorgehen für nahe gerückt halten.
„Wenn die Deutschen nach Jahrhunderten auf die Zeit der Wiedergeburt des Reiches zurückblicken, werden sie die furnier, denen wir dieselbe verdanken, zu den größten Namen der Geschichte zählen, und werden kopfschüttelnd wie vor einem unbegreiflichen Räthsel vor der Thatsache stehen, daß diese von der Vorsehung im rechten Augenblick gesandten großen Männer ein so kleines Geschlecht vorfanden, welches nach den großen Kriegen ebenso wie vor denselben nichts zu thun wußte, als ihren ohnehin schon schwierigen Wcg mit noch mehr Hindernissen zu versehen, und womöglich ihre Mission zu vereiteln. Wenn die inneren Reichsfeinde, die Ultramontanen und Sozialdemokraten das thun, so ist es begreiflich; wenn aber patriotische deutsche Männer die Opposition vergrößern helfen, weil nicht alles nach ihren Idealen und Schablonen bemessen wird, fo ist das eine für den Deutschen tief beklagenswerthe Erscheinung, die vom Auslande mit stillem Hohn und Schadenfreude verfolgt wird. In dem Heldenbilde Kaiser Wilhelms wird die Nachwelt dereinst vielleicht als den größten Zug unter allen den erkennen, daß er so neidlos die geistige Größe neben sich nicht blos zu dulden, sondern auch zu schätzen und zu konserviren wußte; an dem deutschen Volke aber wird sie es als den häßlichsten und kleinlichsten unter seinen vielen Fehlern bezeichnen müssen, daß es die Größe eines Lebenden selbst in dem Falle nicht zu ertragen vermochte, als dieser Lebende der Neu- begrüuder seiner politischen Existenz und Machtstellung war. Möge der zehnjährige Gedenktag der Neichsgründung manch' Einen zur Einkehr bei sich bewegen, um durch die gewonnene Umschau deu falschen Glauben an eine hinreichende Festigkeit und Sicherheit des Reiches zu erschüttern, und zu dem Entschlüsse beitragen, alle einseitigen Wünsche und Parteiprogramme dem Einen, was Noth thut, unterzuordnen, der Konsolidirung des Reiches nach allen Richtungen mit allen zu Gebote stehenden Mitteln, diesem höchsten Ziel, das als solches von Keinem so früh ergriffen und so unentwegt festgehalten worden ist, wie von dem Fürsten Bismarck, welcher zugleich stets bie relativ besten Wege zu ihm gewiesen hat."
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