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blickSbilder gegeben. Seit den Wiener Septembertagen von 1879, die als ein harschendes Monument der europäischen Zukunft immer höher emporragen werden, ist diese Frage gelöst. Die deutsch-österreichische Freundschaft, welche in dielen unvergleichlichen Tagen geklärt und befestigt worden, bildet den Kern des Beharrens, um welchen die bis dahin beweglichen Atome der europäischen Lage sich mit unerschütterlicher Festigkeit krystallisiern „Ich bin nach Wien gekommen", soll Fürst Bismarck gesagt haben, „um mit Hilfe meines Freundes Andraffy eine Magnetnadel zu finden, welche alle Friedenselemente anzieht und zu- sammenhalt."
Man hrt die Errichtung der deutsch-österreichischen Freundschaft dem Ei des Columbus verglichen. Der Vergleich ist dich wenig zutreffend. Die Geschichte osn diesem berühmten Er versinnlicht die Geistesgegenwart, die bei allgemeiner R ühlosigk-it entschlossen ein über- seheneS Mittel von leidster Ausführung findet. Der Wiener Freund« schaftSbund von 1879 ist wahrhaftig nicht die plötzliche Auffindung eines vergessenen AuskunftSmittelS von bequemer Handhabung. Dieser Bund ist der Schluß einer mit unsäglicher praktischer Weisheit und nie erschütterter Folgerichtigkeit nach diesem Ziel geführten Politik. Auf dem Schlachtfeld- von Königgrätz, als der Entschluß üier die Benutzung deS Sieges gefasst wurde, in den Präliminarien von Rikolsburg, in der Herbeiführung des Dreikaiserssrhältnisses von 1872, in der Epoche der orientalischm Krisis von 1875—1878, auf dem Berliner Kongreß, um nur die wichtigsten Daten zu nennen, sind die Bausteine dieser Freundschaft, die Bedingungen ihrer Möglichkeit gelegt worden. DaS wußte man längst, daß das aufrichtige Aneinanderschließm der Mächte Hvhen- zollern und Habsburg die festeste Bürgschaft der europäischen Zustände werden könne. Aber die Grundlagen, die Vsrbedinßungen dieses Mei- nanderschließenS fehlten, und darum war die Bürgschaft nicht zu gewinnen. Wir beschäftige« oS nicht mit dem gegenwärtigen Hauptproblem der außerhalb stehenden Diplomatie mit der Frage nach Form und Inhalt der Wiener Uebereintunft. Aber wir erklären die Traube nicht für sauer, weil sie unserer Kenntniß unerreichbar ist, sondern wir erklären sie für süß, ohne sie gesehen zu haben. Wir haben die feste Ueberzeugung, wie weit oder wie eng die formalen Grundlagen der Vsr- eiuherung gelegt fein mögen, das praktische ZinverständNiß wird sich be* währ?«, wird wachsen und wird jede Probe bestehen, Es kümmert uns wenig, ob die Diplomatie sich den Kopf zerbricht um den easus foederis, in der herkömmlichen Hoffnung, die Formulirung beS ÄündnißfaLes werde die Umgehung gestatten und die geznerische Politik in den Stand setzen, die Umgehung zum ZÄ ihrer Manöver zu mach-n. UnS küm- mern alle Formeln, ob sie verbrieft sein mögen oder nicht, sehr wenig, weil wir überzeugt sind, die praktische Bewährung d:S Freundschats- bundeS wird nicht von irgend welchen Abmachungen, svndern von bim Geist rückhaltloser Gemeinschaft nach einer mit höchstem Glück und höchster Schärfe vollzogenen Abgrenzung und Umschreibung der beiden Ja- teressen-Gebiete geleitet werden.
Indem Deutschland und Oesterreich ihre politischen Interessen für identisch erklärt haben, erkennen sie zunächst ihre eigene gegenseitige Ge- bietkaögcenzunz als eine definitive an. Nur Thoren, in deren Munde die Wahrheit nicht ist, mögen von einem Begehren nach Oesterreichs deutschen P?oMzm auf deutscher Seite phantasiren. Ohne die deutschen Provinzen wäre baS Oesterreich ein kernloses Gebilde, nimmer geeignet zu bet Ausgabe, dem Südosten Europas Ruhe, Stetigkeit und Gedritzen zu sichern und diese durch Lage und N ltur-Reichthum vevorzuzten Landschaften vsr Eroberung durch eine Macht zu bewahren, welche die Selbst- ständigkeit der europäischen Mitte erdrücken würde. Oesterreich andererseits erkennt an, daß die Aufgabe, die staatlichen Kräfte der deutschen Volkes zu konsolidiren, nicht dir feine ist noch sein kann. ES erkennt an, daß ei den Rückhalt eines um einen selbstständigen Schwerpunkt befestigte» Deutschlands nicht zu entbehren vrrmaz, daß ihm an der Sicherhrit dieses Deutschland um der Rückwirkung auf seine eigene Sicherheit willen so viel gelegen ist, um den westlichen Ausläufer der deutschen Bertheidigungssphäre in seinen JnterrffenkreiS aufzunrhAen. Deutschland andererseits erkennt an, daß die südöftlichrn Ausläufer der österreichischen Interessensphäre ihre Grenze nur an der Grenz; Europas finden, daß ohne die Freiheit dieser Jntereffen-Kesegung Oesterreichs Lebensadern unterbunden sind und daß diese Bewegung daher im Jnte- reffentreis Deutschlands begriffen ist. Indem Deutschland und Oesterreich ihre Interessen so nach außen abg?grenzt, erkennen sie den Bestand des heutizen Europa als lebensfähig und erhaltungswürdig an. SSeS, was in diesem Zustand auf Leben und Gedeihe« hofft, wird sich der deutsch-österreichischen Interessen Gemeinschaft anschließen. Weiter als an die Grenzen Europas reicht diese Gemeinschaft nicht. Die große asiatische Rivalität Eaglands und Rußlands, die an der Meeresküste Slei«-Lstens beginnt und bis zur asiatischen Küste deS Stillen Oceans reicht, wird von den Zi-len dieser Gemeinschaft nicht berührt, und daS englische Protektorat in Klein Asien, welches den Preis für Cypern bilden sollte, aber sich leicht in eine Drpossedirung deS Schützlings in großem Maßstab verwandeln könnte, ferner die Fortsetzung der «ampieS- linte über Persien, Afghanistan, China, fällt i« eine andere Welt. Und
doch wird England den unermeßlichen Vortheil zu schätzen wissen, daß, wie auch die Dinge gehen, die Balkanhalbinsel und Konsta^tinopel sich nicht in eine russische AngriffSstellung auf den türkisch-asiatisch-n Länderbesitz verwandeln können. Jene Geltrivalität kann von Europa auS nicht beschwichtigt werben, aber Europa ist seit den Wiener Septembertagen davor geschützt, in ihre Strudel gesogen zu werden.
Die Krönung deS Gebäudes, nämlich deS Gebäudes der StaatS- kunst des deutschen Kanzlers, haben wir schon einmal daS Werk der Wiener Septembertage genannt. Diese Startskunst ist niemals auf den Glanz und die Unbeständigkeit ephemerer Erfolge ausgegangen, sondern auf eine naturgemäße und friedliche Bahn der europäischen Staat nbe- wezung. Man denke sich einmal drei der großen kontinentalen Mächte gegen Deutschland verbunden gewesen und letzteres eliminirt; dann würde bald die Eiimimrung Oesterreichs folgen müssen, dessen Gegensatz zu einem erfolgreich nach WHen strebenden Rußland unversöhnlich ist. Alsdann würde der Gegensatz Rußlands und Frankreichs bleiben wie zur Zeit des ersten Napoleon, aber mit der Umkehr big Verhältnisses, daß Rußland die Mitte beherrschte, welche in jener Epoche von Frankreich ggen Rußland gesichert wurde. Der nie zu beschwichtigende Gegensatz zweier Ex reme über eine gebrochene Mitte hinweg, würde Europa beherrschen: ein trostloser, selbstmörderischer Zustand des Welttheils der höchsten Kultur.
— Berlin, 2. Dezbr. Se. Majestät der Kaiser und König em- Pfingk« heute den Polizei-Präsidenten von Madai, den Chef der Admiralität, GtartS- Minister von Stosch und den Oberst-Lieutenant von Brauchitsch, letzteren in Vertretung dcs Beurlaubten Chefs des Militär- kabinels, zu Borträzen, und nahmen in Gegenwart des kommandrrkndrn Generals Prinzen August von Württemberg, Königliche Hoheit, und des Stadt Kommandanten, General-Lieutenants Grafen von Wartenslebr», militärische Meldungen entgegen, bei welcher Gelegenheit der Letztere sich selber mit dem Range ein s Drvisions-Comm-mdeu s beliehrn mrl«
bete.
(R. u. St.«A.)
— Berlin, 2. Dezbr. In der heutigen (16) Plenarsitzung der Abgeordnetenhauses wurde dir Berathung des Etats des Ministeriums des Inner« fortgesetzt. Die Diskussion leitete der Abgeordnete Dr. Zimmermaun mit einer anbcrthalbstündigen Rede ein, in welcher er wi- bet die gegenwärtige Polizeiverwaltung von Berlin zu Felde zog. Der Redner begnügte sich üldesftn mit einer Rekapitulation der alljährlich von ihm bti diesem Kapitel deS Etats vorgebrachten Klagen und Anlagen, die schon eben so oft ihre Widerlegung gefunden haben. Die eng« lischr» Zustände wurden überaus gerühmt, die hiesigen nach den meisten Richtungen hin getadelt; der Sicherheitsdienst, das Nachtw^ch Msen, die Bau-Polizei, die Sanitäts-Berwaltung, Alles leidet nach der B'rsiche« rung des Redners an schlimmen Mängeln und Gebrechen; am Meriten rügte er den Umstand, daß das Berliner Polizn-Präsidürm als OrtS- und Landes-Polizeibehörde zwei Instanzen in sich vereinige, sowie d;« Mißstand, daß dem Landtage über die Ergebnisse der Verwaltung und die Resultate der Reueinrichtungen ein ausführlicher Bericht nicht zugänglich gemacht werde. Der Äbg. Dr. Häael sekundirte se nem Frak« tions-Genossen und verbreitete sich im Einzelnen über die Gemgnisse der „literarffchen Polizei", der Theaterzensuc. welche er durch das neuerdings erfolgte Verbot der italienischen Tragödie „Maria Antonietta" des Giarometti gelegentlich des Gastspiels der Ristori auf das W llkür« lichste überschritten glaubt. DaS Verbot sei um so eigenthümlicher, alS tS der ersten Aufführung erst nachiolgte. Derartige Vorgänge dürften zu Ehren der Hauptstadt ob zu Ehren des Landes sich nicht wieder - holen. Danach ging der Redner aus die Verlängerung des kleinen Be- lsgerungE zustande- für Berlin über. Die zunehmende Befremdung über diese Maßregel müsse den Minister, trotz seiner ausschließlichen Verantwortlichkeit vor dem Reichstage, bestimmen, auch hier seine Gründe dar- zulegen, weshalb er die Gicherheit der Stadt nach wie vor als bedroht erachte; die bloßen Ausseisunzen können jedenfalls Ruhe und Sicherheit auch nicht verbürgen. Die geringen Lücken, die dadurch in des Bestand der sozial demokratischen Partei gerissen werden, füllten sich ohne Zweifel leicht wieder aus und trieben die Agitation in immer unzu» Länglichere Schlupfwinkel. Der Herr Minister des Innern erwiderte zunächst, daß er bezüglich der Theatercensar dem Vorredner beiftimme, daß sie mit Vorsicht und Takt zu handhaben fei, indeß seien trotzdem Mißgriffe unvermeidlich, und eine kommissarische Prüfung der einge- rrichten Stücke unter Zuziehung von literarffchrn Sachverständigen nicht wohl angänglich. Dir Prolongation des nach §. 28 des Gozialisten« gesetzeS zulässigen sogenannten kleinen Belagerungszustandes für Berlin rechtfertigte der Heft Minister unter dem lebhaften Beifall deS Hauses, indem er n. A darauf hinwies, daß die bisherigen Maßregeln nur eine momentane Zurückoräigung des sozial-demokratischen ElrmentS in Berlin bewirkt hätten, daß aber bald die bestimmtesten Anzeichen dafür aufgetreten seien, daß die alten Verbindungen wieder ausgenommen, der Zusammenhang wieder hergestellt worden sei; zum B-v-iS verlas der Herr Minister aus dem Zürcher Organ „Der Eizialdemokrat" eine Stelle aus iner Berliner Korrespondenz, die die Wirkung der Aus-