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Nr» 265.
Freitag SLN 14. November
1879«
Amtliches.
Der unter dem 30. Februar 1879 gegen den Holzbildhauer und Drechsler Amathus P rat her von Dresden erlassene Steckbrief hat seine Erledigung gefunden.
Frankfurt ß. M., den 10. November 1879.
Der Etaats-Anwalt.
I. B.: Lautz.
N uu d s ch an.
R. F. Der hohe Besuch, welcher für den T»fonß dieser Wsche am Berliner Hofe außesagt war, ist auf mehrere Tage verschvien vordem Der Großfürst-Threnfolger von Rußland, welcher am Montage in Berlin eintreffen wollte, wird der deutschen Hauptstadt und dem deutschen Kaiserhause erst am Ssnntag einen Besuch adstatten. Die Ursache der Verzögerung soll darin liegen, daß der Großfürst-Thronfolger, der sich mit seiner Gemahlin von Tannes nach Kmünden zu seiner Schwägerin, der Herzogin von Cumberlemd, begehen hatte, auch einige Tage in Wien war, welch-r Besuch eine Zeit lang aufgegeben war, da sich der Kaiser Franz Josef nicht in Wieu befand. Der Kaiser Franz Joseph war jedoch bereit, sich nach seiner Hauptstadt zu begebe«, um den russischen Großfürst-Thronfolger zu empfangen, weshalb der Letztere seinen Besuch am Wiener Hofe noch zur Ausführung bringen konnte. Die Verschiebung der Reise des Großfürsten-Thronfolgers nach Berlin ist auch ferner dadurch herbeigeführt worden, weck der Kaiser Wilh lm sich am Donnerstage und Freitage zu einigen Hofjagden begeben hat, worauf der Großfürp-Lgroufolger Rücksicht, nahm und seine Ankunft bis zum Sonntage verscho;. ES heißt, daß der Großfürst-Thronfolger auf den besonderen Wunsch seines Vaters, des Kaisers Alexander, die Besuche an den Hosen von Wien und Berlin abstatte. In wie weit dieser Erfrech in Berlin nur ein S!t der Höflichkeit ist oder doch auch eine politische Bedeutung haben mag, ist sehr schwer abzuwägen. Thatsache ist. daß der Großfürst-Thronfolger den Bestrebungen der großslawischen Partei tu Rußland nahe steht und ihm die von seinem kaiserlichen Vater befürwortete Politik der Mäßigung oft nicht behagt hat Ob dies nun anders werden soll, zumal in Folge der Jfolirtheit Rußlands durch das engere Zusammengehen Deutschlands und Oesterreichs, hat manche innere Wahrscheinlichkeit, Gewiß ist auch, daß dem Thronfolger Rußlands am Berliner Höfe der herzlichste Empfang zu Theil werden wird, ein Empfang, der vielleicht manches Vorurtheil, welches den Großfürsten-- Thronfolger gegen das Deutschthum gefaßt haben mag, zerstreuen dürste.
— Daß der Kaiser Alexander von Rußland seine Reise nach Cannes und Paris ausgegeben hat, ist endgültig entschieden, die Anwefinheit des Großfürsten Thronfolgers in Berlin muß daher als Ersatz für die Anwesenheit des Kaisers gelten.
Das letzte größere Unwohlsein des Fürsten Bismarck ist wieder gehoben, wemZftens geht dies aus dem Umrande hervor, daß der R-ichs- kanzler tun französischen Botschafter Graf St. Vsllier zu einem mehrtägigen Besuche nach Varzin eingeladen hat, welcher Einladung derselbe auch nachgekommen ist. W kann bei dieser Zusammenkunft zwischen dem Fürsten Bismarck und dem französischen Lorschafter hervsrgehoben werden, daß dieselbe der weiteren Befestigung guter Beziehungen mit Frankreich gilt, wie solche Fürst Bismarck schon oft betont hat.
In der Frage der Neubesetzung der Stelle eines Staatssekretärs im auswärtigen Amte wird es wohl bei den für jetzt getroffenen Anordnungen sein Bewenden haben. Der für das Amt in RuSsicht ge- mmmene Fürst Hohenlohe soll auf seinem Pariser Botschast-rposten sehr schwer zu ersetzen sein und wird deshalb das auswärtige Amt von dem Grafen Stolberg als stellvertretender Staatssekretär weiter geleitet.
Nachdem unser Abgeordnetenhaus unter großen und stürmischen Deoickten am letzten Sounavend die erste Lesung des Etats erledigt und den größten Theil des Ordinariums, sowie das Extreordinarium und » Vortage über die Verwendung der Reichsüberschüffe an die Budgetkommission verwiesen hat, hielt die Budgetkommission am Montag eine Sitzung ab. In derselben wurden die Etats der Domänenverwaltung ohne Debatte genehmigt, eine Position von 570,000 Mark für Errich- i
tung eines DirustqebäudeS für die ProoMzialfieuerdirektion in Berlin wurde jedoch, als nicht dringlich, abgelehnt. Der Justizetat surde genehmigt, nachdem man das Sxtcaordinarium und die auf die Reorgam- satio« des Kassen- und Rechnungswesens tezügliche« Positionen sowie die FunktiovSzulagm für die Vorsteher des LentralbureauS gestrichen halte. Lm Dienstag und Mittwoch hielt das Abgeordnetenhaus Plenarsitzung"!,, wo die Sesetzentwürse betreffend den Ankauf diverser Privatbahnen berathen wurden. Dabei griff der Abg. Birchvw das StaatSbahnprojekt, welches lediglich im Regierung--, aber nicht im allgemeinen Jnterisse sei, scharf e«. Der csnserv «tive Lbg. v. Wedell äußerte zwar auch einige Bedenken über die zu große Gewaltanhäufun^ in der Regierung durch die Kerstaatlichunz der Eisrubahnen, doch billigte er im Principe die StaatSSahnen. Hierauf entwickelte der.Minister Maybach in vorzüglicher Rede die Vortheile der StaatSbahne« vor den Privatbahnen, welche Vortheile such auf liberaler Seite anerkannt würden und gab dadurch einen Ausschlag für den Hesetzentwurf, an dem die folgenden Redner nur wenig andern Sonnten.
Die bayerische Rboeordnetenkamm r erledigte in dieser Woche die EtatsnachWeisungen der Winißerien d-s Innern, der Finanzen und der Justiz Gelegentlich der Position-derathung über das „Gesetzverord- nungsblait" w^rde vom Abg- Lche's die Gründung eines „Staats- anzeigers" in Anregung gebracht, wie er in allen übrigen Staaten gebräuchlich sei. Der Minister deS Innern erwiderte, die Regierung habe diesen Gedanken schon im Jahre 1871 emer Erörterung unterzogen, die damalige Kammer habe jedrch die dafür geforderten Gelder mit großer Majorität abgelehnt.
Die Nachricht von einer bevorsichenden Vermählung des Groß« Herzogs vsu Heffen mit einer Prinzessin von Ha; no er, welche Nachricht vor Kurzem durch alle Zeitungen ging, wird von dem Darmstädter Hssjomusl als durchaus unwahr bezeichn r.
Dom Nuslaude ist für die erste Hälfte dieser Woche nichts besonders Wichtiges nachzutragen. Aus Frankreich werd berichtet, daß die Msnsrchiste« nunmehr sich lebhafter an dem Partrikampfe zu betheingen gedenken Priuz Jerome Nopckeon, der „rottze Prinz", soll ernstlich beabsichtigen, als Prätendent ar-fzulreten, nachdem sich seine Vermögens-. Verhältniße, welche ihn bisher an der Ausführung ehrgeiziger Pläne hinderten, eine wesentliche VerbesserunZ erfahren haben sollen. — Zu erneuten „patrioüschen" Kuidgebun en in Bezug auf Elsaß-Lothringen gab die Eröffnung der protestantischen Fakultät der Universität zu Paris, welche daselbst am vorigen Freitag unter Leitung d s Unter* richtsWinifterS Ferry stattfand, passenden Anlaß. Elsaß-Lethringen spielte in allen Reden die Hauptrolle. — Daß die baldige Annahme des Ferry'schen Unterrichtsgesetzes tom französischen Senat bestimmt zu erwarten ist, geht aus einer Erklärung hervor, welche der Seine Präfekt in der SonnabendSsitzung des Pariser Wunizipalraths abgab, „daß noch vor dem 1. Oktober künftigen Jahres sämmtliche Schulen, welche von Mitgliedern geistlicher Orden geleitet werden, in Laienschulen umgewan- delt fein würden.
Das englische Sabinet nimWt wieder die öffentliche NufmerrsaM- keit für sich in Anspruch durch eine Rede des Premier-Ministers Lord Beaconsfield. Bei dem am Montag in London stattgefundenen diesjährigen Lordmayors-anket erwiderte Lord Eeaconsfield auf die Ver- sicheruug des deutschen Botschafters, Graf Münster, daß kein Fürst sehnlicher wünsche den Weltfrieden erhalten zu sehen, als der deutsche Kaiser, in längerer Rede den Hauptsachen nach etwa Folgendes: Seit dem vorjährigen Banket hätten die öffentl. Angelegenheiten ein weit be« sriedigenderes Aussehen angenommen, die Wiedeebele- u -z des Handels zeige sich als eine dauernde, die Erfolge der militärischen Operationen in Mitlelasien und Südafrika hätten die Suprematie der britischen Waffen gesichert. Hinsichtlich der auswärtigen Beziehungen habe er den festen Glauben an die Erhaltung des Friedens, namentlich wenn die Macht und Rathsch-äge Englands in Europa b-achtet würden. — Der in Irland drehende Nothstand erweckt die öffentliche Aufmerksamkeit bereits in großem Umfange. Ein Aufruf der katholischen Bischöfe verlangt die Vornahme öffentlicher Arbeiten aus Staatskosten, um die dro-