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Nr. 247.

Donnerstag den 23. Oktober

1879.

TageIscha«.

Berlin, 22. Okt. (Köln. Ztg) Soeben fuhr Kais«« Wil. Lelm im offenen Wagen und dem Anscheine nach wohl und msmter vvm Potsdamer Bahnhöfe zum Palais. Das Volk jubelte ihm zu und hatte zu diesem Jubel mehr Veranlassung, als es vielleicht wußte. Der Kai­ser hat auch diesmal seine eigenen Empfindungen bei Seite gesetzt und ist dem strengen Gebote der Pflicht gefolgt, indem er nach schwerem Kämpfe der vom Reickskimzler in Wien inaugurirten Politik feine Zu­stimmung und Urlerschrift ertheilt hat. Bon dem Tage an, wo Fürst Bismarck nach Berlin zurückkehrte, bis zu feiner Abreise nach Varzin, hat unser Staatsleben eine der schwersten Krisen durchgemacht. In der ersten Sitzung des Staatsministeriums, wo angeblich von der Reform unserer Verwaltung die Rede gewesen sein sollte, wurde über ganz an­dere Dinge verhandelt; der Reichskanzler und Ministerpräsident hielt einen tiesdmchdcchten Vertrag über He Lage Deutschlands und Europas und über die innen« und äußeren Gefahren, denen es vorzubeugm und nöihigeufolls entgegeuzutretm gilt. Diejenigen, die diesen Vortrag an- lörten, wurden davon sehr ergriffen und versichern, wenn der Fürst öffentlich so gesprochen hätte, würde ganz Deutschland ihm zugejubelt haben. Mit hm vielbesprochenen Verträge zwischen Deutschland und Oestirrc-ch-Unßorn verbätt es sich folgende! maßen: Nachdem Lismarck und Indrassy sich vol ständig geeinigt hatten, wurde in Gegenwart des Kaisers Franz Joseph über diese VereirbarunZ ein Protokoll aufgenom- men und von diesem Protokolle zwei Exemplare eusgeferügt, jedes dazu bestimmt, von einem der beiden Kaiser unterschriebe« zu werden^ Das gesommlepreußischeSSaHtLunnisteEMwrn-dr^ Fürsten Bikmarck von der Nothwendigkeit jenes hochwichtigen politischen Schrittes über­zeugt »eb machte gemeinschaftliche Sache mit ihm. Graf Stolberg reiste nach Baden-Baden, um die Zustimmung des KaisirS zu erlangen. Für den Fall der Nichtgenehmigung lag das Eutlassungsgesuch des Reichs, kanzlers im Cabinet des Kaisers. Man kann sich denken, daß der Kai­ser, d-r fidS durch die innigste Freundschaft mit dem russischen Hose verbunden war, sich nur sehr schwer entschloß, ein Abkommen zu ßeneh- migen, das zwar nur friedliche Zwecke verfolgt, aber doch möglicher­weise uns in einen Kampf mit Rußland verwickeln konnte. Dem Gra- fen Stolberg gelang es bei seiner achttägigen Anwesenheit, die Bedenken deS Kaisers zu überwinden. Se. Majestät hat seine Zustimmmung und Unterschrift ertheilt. Ob dies ganz in der ursprünglich beabsichtigten Weise zeschehen ist oder ob, die Gefühle Sr. Majestät zu schonen, ir­gend eine Aenderung beliebt ist, lassen wir dahingestellt. Genug, es handelte sich hierbei um eine bloße Förmlichkeit, aus die nur diejenigen Gewicht legen können, die den ganzen Zusammenhang nicht kennen. Allein wichtig ist, daß Kaiser Kaiser Wilhelm ebenso wie Kaiser Franz Joseph seine allerhöchste Zustimmung und Unterschrift ertheilt hat, und zwar, wenn wir richt unaernchtet sind, am 15. d. Mts. Die übrigen Mitglieder der kaiserlichen Familie sind mit den wiener Abmachungen und der Politik des Reichskanzlers vollst mmen einverstanden.

Berlin, 22. Oktober. Den ersten Gegenstand der heutigen Tagesordnung der Generalsynode bildete folgender Antrag des Grafen v. Kroffcw:Die Ekmral.Synvde wolle beschließen, beim Evangelisten Ober-Kuck eure-! h zu beantrage«, daß derselbe bei allen Neubesetzungen erledigter Superintendent«»!, und bei Besetzung von Psarren, mit denen ein Ephoralamt organisch verbunden ist, oder mit welchen dasselbe nach der Absicht des Kirchenregiments verbunden werden soll, den Vorschlag des durch den Provinzialsynodal. Vorstand erweiterten Konsistoriums der betreffenden Provmz abwarte resp, erfordere." Dieser Antrag wurde angenommen.

Merlin, 22. Okt. Die vereinigten Ausschüsse des Bundes, raths für Zoll- und Steuerwesen und für Handel und Verkehr traten heute zu einer Sitzung zusammen.

Berlin, 22. Oktbr. Die Stelle des verstorbenen StLats- sekretärs des Auswärtigen von Bülow wird vorläufig nicht definitiv besitzt, frühern durch den Bicekanzler Grafen Stolberg interimistisch muvn waltet werden; erst mit der Rückkehr des Reichskanzlers soll da­

rüber definitiv entschieden werden. DieBossische Zeitung" erfährt, daß der Reichskanzler selbst Herrn von Bennigsen in der That dazu bewogen habe, die auf ihn gefallene Wahl zum Mitgliede des Abgeord­netenhauses anzunehmen. In einer fortschrittlichen Wählerversamm- lu«g in Breslau wurde beschloßen, im Falle einer Stichwahl zwischen dem Kandidaten deS neuen WstzlvereinS und Herrn Dr. Lasker, für Letzteren zu stimmen. (Fr. Z.)

Kerl in, 22. Oktober. (Privat-Telegramm der N. Franks. Presse. Nufgegebeu 6 Uhr 55 Min. Ausgefertigt 7 Uhr SO Min. Abends.) Dem Landtage soll außer dem Behörden-Organisatio»L-Ge« setze und dem neuen Competenr- Gesetze auch eine Revelle szur Kreis- Ordnung von 1872 vorgelegt werden. Von dem bevorstehenden Rücktritte Puttkamer's, den dieBossische Zeitung" ankündigt, ist in unterrichteten Kreisen nichts bekannt, doch erhalten sich die Gerüchte von möglichen Veränderungen im Staatsministermm.

Bekanntmachung auf Grund des ReichSgesetzes vom 21. Oktbr. 1878. Das durch Bekanntmachung vom 17. Januar d. J. (Reichs-Ge- setzblatt Nr. 15) erlassene Verbot der vom kommunistischen Arbeiter- bildungSverein in London herausgegebenen periodischen Druckschrift: Freiheit" erstreckt sich auch auf diejenigen Nummern dieses Blattes, welche unter der AufschriftDie Phalanx" zur Ausgabe gelangn.

Mons, 21. Oktober. In geige verweigerter Lohnerhöhung haben heute Morgen an 20C0 Arbeiter bei den Produktivusstätten von Fleuu und Ciply (südlich von Mons) die Arbeit eingestellt. Störungen der Ruhe sind bis jetzt nicht vortzekemmev.

Kopenhagen, 21. Oktober. Die Nationalbank erhöht von morgen ab den Wechseldiskont auf SVs bis 4%.

Paris, 22. Okt. Es ist einmal wieder das Gerücht verbrei­tet, Gröry werde unter gewissen Verhölmissin seine Entlassung nehmen. Dieses Gerücht ist nach derK. Z.", vollkommen unbegründet: Grävy ist nach wie vor entschlossen, seinen Posten nicht vor 1886 zu ver­lassen.

Aus Bender meldet man: Beim Bau der Bender-Galatz- Bahn sind gegen 200 Türken beschäftigt, die von einem Lieferanten aus Konstontinopel dahin gebracht und wegen ihrer Nüchternheit, gewissen­haften Pflichterfüllung und des beanspruchten sehr niedrigen Arbeits­lohnes den russischen Arbeitern Vorgängen worden sind. Die türkische Regierung wollte sich ihrer Abreise aus Konstantinopel widersetzen, doch sah sie schließlich in Folge einer Erklärung, die der dortige russische Consul auf Grund des Völkerrechts abgab, ein, daß diese freien Leute das Recht haben, zu gehen wohin sie wollen.

Lokales.

Hanau, 23. Oktober 1879.

1. (Theater.) Der vorige Sonntag brächte uns in erster Linie Mathilde", ein Schauspiel von R. Benedix, dessen Namen uns aus seinen herrlichen £uf! spielen hervorragend bekannt ist, so daß man sich von seinem Schauspiel ebenwohl etwas recht Gediegenes versprach. Wir gestehen indessen, daß unsere Erwartungen ein wenig getäuscht wurden und es will uns scheinen, als wenn der Dichter auf dem Gebiete des ernsten Schauspiels nicht ebenbürtige Erfolge erzielen möchte, als auf dem des ergötzenden Lustspiels. Das Motiv ist ein bekannter Gegenstand.

Mathilde, die Tochter eines reichen, aber geldstolzen Kaufmanns, ist in Arnau, einen edlen aber armen Kinsiler, verliebt. Der Vater Maihildens, der durch die Intriguen seines Sohnes Kenntniß von diesem Verhältniß erhielt, tritt mit rauher Hand in das Geschick der Liebenden ein, indem er Brnan unter den demüthigendsten Schmäh­ungen aus dem Hause weist. Die Liebe aber kann er dennoch nicht zerstören; Mathilde hält unerschütterlich, treu und fest aus; sie kann unmöglich die Wünsche des Vaters erfüllen, sich mit einem Anderen zu verheirathen, her ihrem Herzen fern steht. In seinem Grimm wird der Vater zu Entsetzlichem getrieben, Wenn die ungehorsame Tochter sich nicht seinem SBdhn fügen will, so frU sie auch nicht länger feine Tochter bleiben. Er stellt sie daher zwischen die Alternative, entwe­der Arnau aufzugeben und den Vater zu behalten, oder diesem zu