Einzelbild herunterladen
 

. Atoanementr-

Preis:

Zihrlich 9 Mark. Halbj. 4 M. 50 P.

Bierteljährlich 2 Mark 25 Pfg. Mr auswärtige

Sbimnente mit dem betreffen, den Postaufschlag. Sie einzelne Rum-

Biet 10 Pfg.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage,^ und Samstags mit der Berliner Provinzial-Correspondenz.

Swfertien$< Preis:

Sie kfpaltige Varmondzeile »b. deren Raum 10 Pfg.

Sie «iralt. Seite 20 Pfg.

»icrfpaltigeLeile 80 Pfg-s

Nr. 141.

Freitag den 20. Juni

1879.

Rundschau.

R. F. Im Geistesleben unserer Nation finden wir zur Zeit noch die nach allen Seiten hin angenehme Nachwirkung des schönen Festes, welches das gesammte Volk mit dem geliebten Kaiserpaare beging, und alle Stimmen sind darüber einig, daß nie eine nationale Feier einen reineren Charakter als das Jubelfest der vorigen Woche hatte. Die Wirkung des Festes auf unseren erlauchten Kaiser, welcher im vergan­genen Jahre so schrecklichen Prüfungen ausgesetzt war, und auf seine edele Gemahlin ist deshalb auch eine die höchsten Wünsche erreichende gewesen und das Kaiserpaar gab dieser Wirkung in dem schon bekannten Dankerlaß vollständig Ausdruck. Was das Befinden des Kaisers anbetrifft, so sind die Folgen der Knieverletzung doch noch nicht so ganz beseitigt, aber der Monarch wird dadurch in keiner Weise in seiner Be­weglichkeit und Thätigkeit gestört. Am letzten Sonntag wohnte das Kaiferpaar auch der Taufe seiner Urenkelin, der Tochter des erbprinz- lichen Paares von Meiningen, in Potsdam bei. Der Kaiser und die Kaiserin sind auch die Pathen der Prinzessin, welche auf die Namen Feodora Augusta Victoria Marianne Marie getauft und zu Ehren der verstorbenen Herzogin von Meiningen Feodora genannt werden wird.

Am Dienstag fand eine Sitzung des Bundesrathes statt, in welcher zunächst die Einfuhrbeschränkung gegen Rußland aufgehoben und dann über den Gesetzentwurf, betreffend das Gütertarifwesen der Eisenbahnen, verhandelt wurde, doch kam man hierin zu keinem klaren Resultate, da die Bevollmächtigten Bayerns in den §§. 2 und 4 des vorliegenden Gesetzentwurfes eine Vcrsassungsfrage erblickten und deshalb der Ver- fassungSausschuß erst um sein diesbezügliches Gutachten ersucht wurde. Der Zollausschuß des Bundesrathes beantragte bezüglich der Regulirung der Zollverhältnisse im Gebiet der freien Stadt Bremen: Der Bundes' rath wolle beschließen, der bremische Stadtwerder und der bisher noch zum Freihafengebiete gehörige Theil der Außendeichsländereien von Habenhausen werden am 1. Juli 1879 dem Zollgebiete angcschloffen.

Der Reichstag zeigte in seinen letzten Sitzungen eine große Be­rathungsunlust, denn in Folge der vorgerückten Jahreszeit und der ein­tönig gewordenen Zoll- und Steuervorlagen wird es vielen Reichstags- abgeordneten unerträglich auf den Reichstagsbänken und beim Beginn fast jeder Sitzung hat der Präsident eine Reihe Urlaubsgesuche zu ver­lesen. Die geschäftliche Leitung des Reichstags wird daher wahrschein­lich auf eine möglichst rasche Beendigung der Session dringen müssen. Der Vertrag Deutschlands mit den Samoainseln wurde auch in dritter Lesung genehm'gt und knüpfte der Abg. Prinz Radziwill.an diese Be­rathung eine längere Rede über die Aufgabe des Missionswesens auf den Südseeinseln, worauf jedoch der Bundescommissar Kusserow erwi­derte, daß dieser Handelsvertrag mit dem Missionswesen nichts zu schaffen habe. Außerdem wurde die Spezialdel atte der Zollvorloge fortgesetzt, wo die alten Wortgefechte und Plänkeleien begannen und bei den Abstimmungen über einzelne Positionen Freihändler und Schutzzölle ner oft ihre Stellung änderten. So stimmten sogar M'hrere hervor­ragende Gönner des Schutzzolls, wie Freiherr v. Barnbüler, Bölk u. s. W., einige Male gegen die Regierungsvorlage für einen niedrigeren Zoll, überhaupt wurden die meisten Anträge der Regierung, zumal auf Zoll- erhöhungen in der Holzbranche, abgelehnt. Bei vielen anderen Positio­nen der feineren Holzbranche, der Hopfen-, Instrumenten- und Maschi- neneinfuhr siegte indessen die Regierung. Der Reichstag erledigte durch einfache Annahme auch in dritter Lesung die Gebührenordnung für Rechtsanwälte und setzte die Tarifberathungen fort.

In die Arbeiten der Tarifcommission scheint in dieser Woche ein neuer Impuls gekommen zu sein, denn die meisten deutschen Finanz- Minister trafen zu den Berathungen in Berlin ein und bekundeten das finanzielle Bedürfniß der Einzelstaaten.

Die jüngsten Unfälle, von denen, die deutsche Kriegsmarine betrof­fen worden, haben die Anregung zu einer Revision und Veränderung der für die Führung der Geschwader bisher gültigen Vorschriften gege­ben und zur Festsetzung von Bestimmungen geführt, deren Einschaltung fich auf Grund neuerer Erfahrungen in der Schifffahrt namentlich mit

zum Gebrauch auf hoher See bestimmten Kriegsschiffen als nothwendig herausg» stellt hat.

Das Ableben des Kronprinzen der Niederlande gibt, da die Nach­folgerschaft des Königs von Holland auf schwachen Füßen steht, Anlaß zu vielen Erörterungen und zieht man neben dem Herzog von Nassau und dem Fürsten Wied jetzt auch noch die Kinder der Schwestern des Königs von Holland bei der Thronfolge in Betracht und dies wäre nach der einen Seite der Erbprinz von Weimar und nach der anderen der Prinz Albrecht von Preußen, deren Mütter Schwestern des Königs von Holland sind. Indessen lebt ja auch noch ein erbberechtigter, aller­dings kränklicher Sohn, Prinz Friedrich der Niederlande und man hofft auch, daß die Ehe des Königs von Holland, welche derselbe im vorigen Jahre mit der Prinzessin Emma von Waldeck einging, nicht kinderlos sein wird.

Die französischen Kammern treten am Donnerstag oder Freitag zur Nationalversammlung zusammen, um über die Rückverlegung der Kammern nach Paris endgültigen Beschluß zu fassen, nachdem sowohl die Deputirtenkammer als auch der Senat eine bezügliche Resolution angenrmmen haben. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß die zum Congreß vereinigten Kammern die Rückverlegung derselben nach Paris billigen werden und muß dieses Resultat als ein neuer Sieg des repu­blikanischen Princips in Frankreich aufgefaßt werden. In der fran­zösischen Deputirtenkammer gab es wegen der parlamentarischen Maß­regelungen des Bonapartisten Paul de Caffagnac wieder unerhörte Scandalscenen, so daß der Präsident Gambetta eine Sitzung direkt auf- hob. Caffagnac soll nun auch eine Zeit lang von den Sitzungen aus­geschlossen werden.

Nachrichten aus Algier zufolge hat eine von Batna aufgebrochene Kolonne durch ihre Artillerie circa 600 Insurgenten aus ihren Stel­lungen verdrängt. Die Truppen besetzten letztere sofort und begannen mit dem Marsche nach Medina.

Aus Rußland erfährt man seit fast einer Woche nichts mehr von neuen revolutionären Unthaten und scheint die Fürsorge der gestrengen Gouverneure das von Revolutionären durchwühlte Rußland einigermaßen beruhigt zu haben. Ein kleines Nachspiel hat indesßn der Prozeß gegen den Meuchelmörder Solowjeff gehabt. Man hatte in Erfahrung ge­bracht, daß Solowjeff viel mit einem Friedensrichter im Samara'schen Kreise verkehrt habe und stellte eine Haussuchung bei diesem Friedens­richter an. Tort fanden sich denselben compromittirende Papiere, welche die Verhaftung des Friedensrichters zur Folge hatten.

Die rumänische Verfassungsrevision, welche mit der dortigen Ju- denfroge zusammenhängt, scheint nur langsam in Fluß kommen zu wollen. Das Organ der Regierung, derRomanul", fordert die rumänischen Kammern auf, die Frage der Judenemanzipation nunmehr möglichst schnell zu erledigen, um die politische Situation des Landes zu konsoli- diren, und weist darauf hin, daß jede Verzögerung dieser Angelegenheit die bestehenden Schwierigkeiten vergrößern würde.

Zwischen der Türkei und Oesterreich scheint sich hinsichtlich der Besetzung des südwestlich von Bosnien gelegenen Sandschaks Novibazar ein erfreuliches Einvernehmen zu gestalten, denn es wird aus Konstan­tinopel gemeldet, daß die Pforte, ohne daß noch ein formelles Ansuchen in dieser Richtung österreichischerseits gestellt worden wäre, dem Ver­treter Oesterreich-UngarnS eröffnete, daß sie zur Absenkung von Com- wissären im Sinne des Artikels 7 der Convention bereit sei und den detaillirten Mittheilungen des Wiener Cabinets bezüglich der in Aus­sicht genommenen militärischen Enquete an den Grenzen des Sandschaks von Novibazar entgegensehe. , m

Der dänische Reichstag hat in dieser Weche seine Session ge­schlossen.

Zu der ägyptischen Angelegenheit hat die scharfe Note Deutsch­lands an den Bicekönig von Aegypten einen wunderbaren Erfolg ge­habt. Alle anderen Großmächte, mit alleiniger Ausnahme von Italien, haben sich der Protestnote angeschlossen und der Vicelönig hat seine Geneigtheit erklärt, den Willen der Großmächte zu respektiren. Man glaubt indessen, daß der Vicekönig Ismail Pascha zu Gunsten seines