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SO Pir.

M. 96.

Freitag öeK 25. April

1879.

AMlicheH.

Bekanntmachung.

Bei dem Postamte in Rosenthal wird am 24. d. M. eine Telegraphen Anstalt mit Fernsprechbetrieb in Wirksamkeit treten.

Cassel, den 23. April 1879.

Der Kaiserliche Ober-Postdirektor

Vahl._________________

Rundschau.

R. F. Der seit dem Ende letzter Woche in Wiesbaden weilende Kaiser Wilhelm befindet sich dort im Genusse der milden Frühlingsluft vollkommen wohl und es ist ihm auch vergönnt fast tagtäglich sich einige Stunden Regierungsgeschästen widmen zu können. Das Programm zur Feier der goldenen Hochzeit unseres Kaiserpaares am 11 Juni wurde nun auch dem Kaiser in Wiesbaden zur Bestätigung und etwaigen Ab­änderungen vorgelegt Aus dem Programm g-ht hervor, daß man an­fangs daran dachte, in möglichster Stille die goldene Hocheitsfeier zu begehen, aber nachdem fast alle fürstlichen Höfe des In- und Auslandes ihre Theilnahme für die Feier kundgegeben hatten, gab der Wille des Kaisers den Ausschlag und das hohe Fest wird in Berlin unter der Theilnahme zahlreicher Fürstlichkeiten gefeiert werden.

Eine schöne Sitte, den Gefühlen der Freude und des Dankes durch humane Stiftungen Ausdruck zu verleihen, gewinnt in den höchsten Kreisen unseres Vaterlandes immer mehr Sympathien. Während wir eben von dem Kronprinzen des deutschen Reiches von einer Verfügung der seiner Zeit gesammelten Wilhe msspende zu Gunsten der Armen und Nothleidenden hören, erfahren wir aus Dessau, daß bei Gelegenheit der silbernen Hochzeit des herzoglichen Ehepaares eine Sammlung veran- staltet wurde, die ebenfalls einem mildthätigen Zwecke gelten soll.

Das deutsche Reich wird sich nun doch officiell an der in Mel­bourne, der Hauptstadt Australiens, stattfindenden Weltausstellung be- theiligen, denn der Bundesrath hat l eschlossen, den Geh Rath Professor Reuleaux als Commissar des deutschen Reiches nach Melbourne zu sen­den. Außerdem hat auch Herr Reuleaux einen technischen Beirath, aus Beamten und Industriellen.bestehend, erhalten. Der Bundesrath hat sich die vergangene Woche nur mit laufenden Arbeiten beschäftigt, wird aber allernächstens die Berathung der noch ausstehenden Vorlagen für den Reichstag vornehmen.

Die an die Mitglieder des Reichstages gelangten Beweggründe für die Umänderungen des Zolltarifs enthalten nicht weniger als 138 gedruckte Seiten und sind hier den Finanz- und Hande'szöllen so ein­gehende Erörterungen gewidmet, daß von Seiten der Reichstagsabge­ordneten eine gute Portion Arbeit nöthig ist, um sich in den Inhalt dieser Denkschrift einzuarbeiten.

Interessant ist die Stellung, welche der Verein für Socialpolitik, der zur Zeit in Frankfurt a. M. tagt, zur Zollfrage entnimmt. Die Versammlung besteht vorwiegend aus höheren Beamten, Professoren, Abgeordneten und Vertretern des Handels und der Industrie. Schroff gegen die Zollpolitik des Fürsten Bismarck wurde in der Versammlung eigentlich nicht gesprochen, nur erklärte der Handelskammersekretär Dr Gensel den Zolltarifentwurf für verfrüht und ungenügend vorbereitet, außerdem hübe das Finanzinteresse des Reichs durch Erhöhung der Tabaks- und Branntweinsteuer genügend und einfacher gewahrt werden können Der Professor Dr. Schmolle führte darauf aus, daß die Grund­idee des neuen Zolltarifs eine berechtigte und vorübergehender Schutz­zoll im Interesse der vorn Fürsten Bismarck erstrebten nationalen Han­delspolitik nothwendig sei.

Von den Teiegraphen'Verwaltungen des deutschen Reichs und von Norwegen ist vor einigen Tagen eine Ueberemlunft zum Abschluß ge­bracht, zufolge deren noch in diesem Sommer eine direkte Telegraphen- Verbindung zwischen Deutschland und Norwegen hergestellt werden soll. Bisher fehlte es an einer solchen, und der Telegraphen-Verkehr beider Länder, welcher wegen der wichtigen Schifffahrts- und Handelsinteressen nicht unbedeutend ist, mußte durch dazwischenliegende fremde Telegra- Phengebiete bez. Kabel vermittelt werden.

Die Feier der silbernen Hochzeit des österreichischen Kaiserpaares (24. April) gestaltet sich durch die allgemeine Theilnahme der Bevö ke-- rung zu einem wahrhaften Volksfeste, und sind schon seit geraumer Zeit die umfassendsten Vorbereitungen seitens der Wiener Bürgerschaft ge­troffen worden, damit auch ihrerseits das Fest, an welchem sie dem ge­liebten Herrscherpaare eine großartige Ovation bereiten wollen, so glän­zend als möglich verläuft. Der Kaiser Franz Joseph hat anläßlich der silbernen Hoch eit 353 Personen begnadigt, welche am Jahrestage der Vermählung, am 24. April, aus der Strafhaft entlassen wurden. Man erwartet aber außerdem noch weitere Gnadenakte, da in den letzten Wochen eine bedeutende Anzahl von Gnadengesuchen bei dem Justiz­ministerium eingebracht worden ist. An einem Tage des Glücks und der Freude sind ja die Men chen so gern bereit auch Andere zu be­glücken und dürften wohl demnach bei dem milden Sinne des öster­reichischen Kaisers noch mehrere Gesuche berücksichtigt werden. Kaiser Franz Joseph nahm am 21. April schon die Glückwünsche der öster­reichischen und ungarischen Minister, Präsidenten der Centralbehörden und der Deputationen des ungarischen Reichstages, des ungarischen Episkopats und des kroatischen Landtages zur silbernen Hochzeitsfeier entgegen und dankte denselben auf das Wärmste für ihre loyalen Kund­gebungen.

Am verflossenen Sonntage fanden in Frankreich acht engere De- putirten Wahlen statt, wobei der gemäßigte Republikanismus gerade nicht gut wegkam. In Paris wurde der Bonapartist Godelle, in Wuret der reaktionäre Kandidat Niel und was jedenfalls das Bemerkens- werthcste ist, in Bordeaux der Radikale Vlanqui, der sich wegen poli­tischer Umtriebe noch jetzt in Haft befindet, trotz aller Anstrengungen der Opportunisten mit 6801 Stimmen gewählt, während der gemäßigte Republikaner Lavertujan nur 5330 Stimmen erhielt. Was nun in Hinblick auf diese Thatsache die Regierung thun wird, hat sie schon offen erklärt; sie wird die Wahl Blanqui's als ungültig erklären und es dürfte wohl keinem Zweifel unterliegen, daß die Majorität der De- putirtenkammer auf die Seite des Ministeriums tritt. Die radikalen Organe verlangen die Begnadigung Blanqui's in stürmischer Weise und doch wird Präsident Grövy sich dazu schwerlich verstehen. Bestätigt wird der Standpunkt, welchen der Präsident in diesem Falle einnimmt, noch durch die Thatsache, daß sich bei den 800 Communeverurtheilten, welche Grövy nach einem Telegramm am Sonntag begnadigte, Blanqui wieder nicht befindet; ein großer Theil der Republikaner verlangt jetzt aber Blanqui's Begnadigung und dieselbe dürfte schließlich zu einer Kabinetsfrage werden.

Am 21. April hielten der König und die junge Königin Emma von Holland ihren feierlichen Einzug in die Hauptstadt Amsterdam. Derselbe sollte nach ursprünglich gefaßten Dispositionen schon viel früher stattfinden, wurde aber in Folge Ablebens des Prinzen Heinrich der Niederlande so lange verschoben. Der 21. April war ein Festtag für Amsterdam und der Einzug verlief in der glänzendsten Weise. Die Majestäten wurden am Bahnhöfe von dem Gouverneur der Provinz, dem Bürgermeister Amsterdams und den höheren Würdenträgern vcm Civil und Militär empfangen, und von einer nach vielen Tausenden zählenden Menschenmenge mit enthusiastischen Kundgebungen begrüßt.

Selbstverständlich haben die betrübenden und das Wohl des Volkes gefährdenden nihilistischen Umtriebe in Rußland den Kaiser zu energi­schen und außerordentlichen Maßregeln greifen lassen und sind die Re« gierungrorgane in voller Thätigkeit, diese Maßnahmen zur schleunigsten Ausführung zu bringen, denn die Situation, wie sie eben in Rußland ist, erfordert schleunige Abhülfe. In Petersburg finden auch deshalb tagtäglich Ministerlomit^sitzungen statt, welche ein entschiedener Charakter, ein thatkräftiger Mann, nämlich Walujeff, der Minister der Domänen, leitet Generaladjutant Graf Totleben ist laut kaiserlichen Erlasses zum provisorischen Generalgouverneur in Odeffa, Graf Loris-Melikoff in Charkow und Generaladjutant Gurko zum Generalgouverneur in Peters­burg ernannt. Es ist ebenfalls als ein bemerkenswerthes Zeichen, wie man gesonnen ist, die verbrecherischen Pläne jener Umsturzgenossen zu zerstören, die Vermehrung des stehenden Heeres zu betrachten. Uesri-