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Nr. 50.

Freitag den 28. Februar

1879

Amtliches.

Bürgermeister Weilbrunn zu Preungesheim ist als Ortstaxator vereidigt worden.

Hanau am 25. Februar 1879.

Der Landrath.

Rundschau.

R. F. Der politische Ansturm, der sich vergangene Woche im Reichstage bei Gelegenheit der Berathung des deutsch-österreichischen Handelsvertrages in wirthscha'tlicher Beziehung entwickelte, hat sich trotz seines überschäumenden Eifers, auf den Seiten der Gegenpartei, rasch wieder gelegt und wir haben die Hoffnung, seiner Zeit die Affaire sach­licher und ruhiger berathen zu sehen. Bon großer Wichtigkeit ist auch der Umstand, daß den maßgebenden Faktoren bis dahin Zeit und Ge­legenheit gegeben ist, nach einer gegenseitigen Verständigung zu suchen, und übertrieben ist jedenfalls die N ittheüung, daß die Reichsregierung bereits die Auflösung des Reichstages in's Auge gefaßt habe. Denn entgegen steht vor allen Singen der herzliche Verkehr n cht nur der conservativen, sondern auch der nationalliberalen Reichstagsabgeordneten mit den Bundesrathsmitgliedern, Ministern und hohen Beamten auf der parlamentarischen Soirse, die Fürst Bismarck am letzten Sonnabend abhielt. Erwähnt sei aus dieser Soiree noch, daß der Reichskanzler fast eine Stunde lang sich ganz allein mit dem Herrn v. Bennigsen, einem der Führer der Nationalliberalen, unterhielt; in eingehenden Be­sprechungen über Zollpolitik bemühte sich der Kanzler, die anwesenden Abgeordneten zu überzeugen, daß er keine Schutzzölle, sondern nur Fi­nanzzölle wolle, und daß ein Zoll von 25 Pfennigen auf Roggen und ein solcher von 50 Pfennigen aus anderes Getreide keine Vertheuerung von Lebensmitteln erzeugen könne. Auch behandelte er den Zoll auf vom Auslande kommendes Schlachtvieh als einen 2heil seines Zoll­programms.

Die Präsidenten des Reichstages wurden am Montage auch vom Kaiser empfangen und hat sich derselbe, anderweitigen Nachrichten ent­gegen, vertrauensvoll über die innere politische Lage und die Ergebnisse der parlamentarischen Session ausgesprochen. In dieser Woche fällt der Schwerpunkt der Reichstagsberathungen auf das Budget, dessen erste Lesung man bis in die ersten Tage des März vollenden dürste. In seiner Sitzung vom 25. Februar erledigte der Reichstag in dritter Be­rathung den deutsch-österreichischen Handelsvertrag, wobei der Abg. v. Bunsen die Generaldebatte eröffnete und zu dem Vertrage bemerkte, daß die Regierung beim Ab chlusse eines neuen Vertrages mit Oesterreich Sorge tragen möge, daß neben anderen Industriezweigen der schlesischen Leinwand Industrie die nöthige Rücksicht gewährt werde. Nach einer lebhaften Diskussion der Adgg v. Kardorff und Delbrück über die wirthschastliche Lage und nebensächlich von Bemerkungen anderer Abge­ordneten wurde schließlich der Handelsvertrag mit Oesterreich genehmigt. In kurzer erster Berathung wurde hierauf vom Reichstage der revidirte Gesetzentwurf gegen die Verlä schung von Lebensmitteln vargenommen und die Borlage auf Antrag des Abg. Reichensperger an eine Commission von 21 Mitgliedern verwiesen. Ebenso genehmigte der Reichstag ohne GeNeraldiskussion den Weltpostvertrag. Am Mittwoch berieth das Haus den Antrag Stumm über die Errichtung von ArbeiterpensionSkassen und trat dann in die Berathung der Interpellation des Abg. Hertling wegen Abänderung des Haftpflichtgesetzes ein.

Am Sonntag Nachmittag starb an kurzer Krankheit in Berlin der Feldmarschall Graf v Roon, der berühmte Rer rganisator der preußischen Armee. Am Tage vor Roon's Hinscheiden erschien noch der Kaiser im Hotel de Rome, wo. Roon schwer krank darniederlag und dankte dem Feldmarschall noch einmal am Sterbebette für die großen Verdienste, welche der nun Entschlafene dem Baterlande geleistet hat. Der Ferd- marschall Graf v. Ro. n war am 30 April 1803 als Sprößling einer pommerischen Adelsfamilie in Pleushagen geboren

Aus Nord-Schleswig hat der Kaiser an äß ich der Aufhebung des Artikel V. des Präger Friedens wiederholt Teputalionen empfangen und einer derselben gegenüber, die er letzthin empfing, äußerte der Mo­

narch, daß er sich freue, die Deputation empfangen zu können; er be­dauere, daß die Angelegenheit der Aufhebung des Artikels V. so lange habe auf sich warten lassen, ehe sie zur Abmachung gekommen; es seien jetzt die Umstände günstiger gewesen, um den durch einen längst Heim­gegangenen Souverän (Napoleon) in den Vertrag gekommenen Passus aufzuheben.

Die Baumwolleu-Enquete-Commilsicn ist uwer dem Vorsitz des Unterstaatssecrelär Herzog zur Feststellung des Berichts an den Bundes­rath wieder in Berlin zusammen getreten. Gleich der Eisenenquete tritt auch die Baumwollenenquete mit keinen bestimmt formulirten Anträgen in ihrem Berichte auf.

Zur Verhütung des Zusammenstoßes bei der Schiffahrt ist eine Vereinbarung zwischen den seefahrenden Staaten Deutschland, Groß­britannien, Frankreich, Italien, Belgien, Spanien und Portugal getroffen worden, welche, sobald wie mög'ich, in Kraft treten soll. Bei Nacht sollen die Führungen von Lichtern geändert werden, bei Tage schwarze Ball- oder Korbbgna'e, Schallsignale für Dampf- und Segelschiffe im Nebel zur Einführung gelangen

Die parlamentarischen Sessionen der deutschen Einzelstaaten neigen sich zur Zeit mehr und mehr ihrem Ende entgegen. Der preußische Landtag wurde bekanntlich schon am Ende voriger Woche geschlossen, ebenso wurde der württembergische Landtag am letzten Sonnabend ver­tagt und dasselbe steht den Landtagen Bayerns und Badens in naher Aussicht.

In Oesterreich, wo sonst die laufenden politischen Geschäfte keine Störung erlitten haben, versucht man von gewisser Seite, der Occupa- tion Bosniens ein kleines Nachspiel zu bereiten. Die österreichischen Abgeordneten, welche gegen den L erliner Vertrag gestimmt hatten, ha­ben eine Versammlung abgehalten und in der elben einstimmig eine Re­solution des Inhalts angenommen, daß die Kosten der Occupation Bos­niens, so lange die Frage der VertheFung der Kosten für die Verwaltung Bosniens auf beide Reichshälsten nicht ihre verfassungsmäßige Lösnng gefunden habe, auf dasjenige Maß zu beschränken seien, welches sich aus den militärischen Bedürfnissen der Occupationstruppen ergebe.

Aus der Entwickelung d r Dinge in Frankreich, wo zwar die ge­mäßigte Republik zur Zeit vollständig Siegerin ist, tritt immer mehr zu Tage, daß die Republik zur Zeit weniger den Monarchismus, son­dern vielmehr den Radikalismus, d. h. die rothen Republikaner, zu fürchten hat. Die Agitation der Radikalen trat am stärksten hervor in der sogenannten Amnestiefrage, wo Louis Blanc, ein Führer der Radi­kalen, unbedingte und vollständige Begnadigung der noch in Neukaledo- nien befindlichen Kommunisten verlangte. Die Kammern wiesen zwar diesen Antrag in bekannter Weise zurück, doch kann kein Zweifel darüber sein, daß aus der Affaire für die bereits wieder intacte radikale Bewe­gung in Paris, London und Marseille Kapital geschlagen wird. Frankreich hat in dieser Woche auch den durch die Umgestaltung der inneren Verhältnisse nothwendigen Wechsel in seinen Botschafterposten vollzogen. Der General Chancy ist zum Botschafter in Petersburg an Stelle des Generals Leflö, L dmiral Pothuau zum Bot chafter in London an Stelle des Marquis d'Harcourt und der frühere Handelsminister Teisserence de Bort ,um Botschafter in Wien an Stelle des Grafen Bogus ernannt worden.

Aus Rußland kommt von Neuem die Nachricht von einem politi­schen Attentale. In der Nacht des 21. Februar wurde auf den, von einem Ballfeste heimkehrenden Fürsten Krapotin, Gouverneur in Char­kow, mit einem Revolver gesch ssen und der Fürst lebensgefährlich ver­wundet. Man glaubt, den Thäter in den Mitgliedern eines nihilisti­schen Clubs in Charkow suchen zu müssen. Die Nachrichten aus Rußland über den Stand der Pest be agen, daß seit 33 Tagen kein Pestfall weder in den verseuchten f istri ten noch anderswo v^rgekommen ist Seit dem 23. Fe ruar befindet sich auch die aus deutschen, öster­reichischen, englischen, französischen und rumänischen Aerzten bestehende Sanitätscommission in der Gegend, wo die Pepepidewie herrschte, und darf man auf die Gutach en dieser Kommission gespannt sein

Bon der in Tirnowa tagenden bulgarischen Notabelnversammlung