Einzelbild herunterladen
 
  

6

daß Preußen oder das Reich die Verwaltung des Herzogthuns in die Hand nimmt. Der Hnzog von Braunschweig selbst wird allem Anschein nach die Sache niemals in die Hand nehmen, obwohl dies wohl das Beste wäre, zumal wenn er erklärte, daß sein Neffe, der Herzog von Cumbe land, nur dann Herzog in Braunschweig werden könne, wenn er die Verfassung des deutschen Reiches anerkenne. Der Herzog von Cum- berland verweigert nun bebändig die Anerk nnung der Reichsverfassung, tu so muß die Affaire schließlich zu einer außergewöhnlichen Lösung führen

Die finanzielle Lage Oesterreichs hat am Schlüsse des Jahres im österreichischen Herrenhause noch Gelegenheit zu peinlichen Erörterungen gegeben. Der Führer der klerikalen Parcei Oesterreichs, der Graf Leo Thun, erklärte den österreichischen Staat einfach als bankrott. Der FinanMinister Depretis trat dieser Eiklärung des Grafen Thun in sachlichen Ausführungen zwar wacker entgegen, doch angesichts der schlechten Finanzlage Oesterreichs vermochte der Finanzminister mit sei­ner Rede keinen großen Erfo'g zu erzielen.

Mit dem n uen Jahre ist in die Herzen der französischen Repu­blikaner noch eine größere Zuversicht, als seither vorhanden war, ein- g zog n, denn die am 5. Januar ftatlfindenden SiNatsergänzungsEählen sollen bestimmt auch im Senate die republikanische Mchrhnt herstellen. — Hinsichtlich seiner äußeren Po itik hu Frankreich gegenwärtig^eMu- nicht unbedeutenden Konflikt mit dem afri?ontid&£n-Stetr^^ b-stehen. Die U'faj^beOhiiiS-fj^H^ der tunesischen Regierung, daß ein französischer S aarsanzehöriger Graf Sency ein Grundstück wieder herausgeben solle, wofür er sich seiner Zeit von der tunesischen Regierung eine dauernde Concession erworben hatte. Dmauf- H n hat der f^anzögsche Minister des Aeußeren, Waddington, eine sehr ernste Note an die tunesische Regierung wegen Genugthuung in dieser Affaire gesandt, widrigenfalls zwei französische Kriegsschiffe die Belei­digung rächen würden.

Noch im alten Jahre kam für England die frohe Kunde, daß sich Jakub Khan, der Sohn des Emir von Afghanistan, den Engländern in Dschellalabad unterworfen habe, doch bis jetzt hat sich diese Nachricht noch nicht bestätigt, sondern es heißt gegenwärtig nur, daß der Vice- könig von Indien mit Jakub Khan, der an Grelle seines nach Taschkend entflohenen Vaters die Regierung führt, Unterhandlungen angeknüpft habe. Die Absichten Englands Afghanistan gegenüber werden übrigens treffend durch einige Maßnahmen des Generals Roberts illustrirt. Die­ser erklärte den angesehensten Einwohnern der afghanisch m Grenzdistrikte, daß hier die Herrschaft des Emirs Don Afghanistan vorüber sei und daß die Bevölkerung von j tzt ab die Kaiserin von Indien (Königin von England) als ihre Herrscherin zu betrachten hätte.

Rußland hat nicht ohne lebhafte Besorgniß den Fuß in das neue Jahr gesetzt. Die Ruhe im Innern von Rußland ist thatsächlich ernst­lich gefährdet und die Studentenbewegungen sind nicht so harmlos, wie die von der russischen Regierung inspiurten Zeitungen schreiben. Es ist eine tiefe, politische Bewegung, die durch die junge Generation Ruß­lands geht und in einem langen Aufrufe einer Anzahl Petersbmrger^ Studenten heißt es: „Wir laden bie gesummte studirende Jugend Ruß­lands ein, um mit uns gegen das Kosakenthum und das Joch der Willkür zu kämpfen."

Der Sultan Abdul Humid hat bei Gelegenheit des türkischen Neujahrsfestes, welches am 26. Dezember stattfand, die höchsten Wür­denträger des türkischen Staates empfangen und ihnen die Ausführung der Reformen an's Herz gelegt. Bei der Ohnmacht der türkischen Re­gierung wird aber der Neujahrkwansch des Sultans wohl auch nur ein frommer Wunsch bleiben. Besser sieht es mit den äußeren Verhältnissen der Pforte aus. Der Separatvertrag mit Rußland ist in seinen Haupt­theilen vereinbar t und will man alsbald zum definitiven Abschluß des­selben schreiten. Auch in der Grenzregulirungsfrage zwischen der Türkei und Griechenland haben gegenwärtig die günstigen Anzeichen die Ober­hand.

T a g e S s ch a rr.

— Berlin, 1. Jan. Der Neujahrs-Empfang bei dem Kaiser­paare fand in vorgeschriebener Weffe Statt, doch wurde eine Anrede seitens des ältesten Feldmarschalls nicht gehalten. Nach dem Datum des Patents wäre dies gegenwärtig der Prinz Friedrich Karl oder der Kronprinz, doch ist ersterer ein älterer Officier. Auf dem alten Resi­denzschlosse wehte heute die Kaiseistandmte. Heute ist bekanntlich auch der Jahrestag des vor 72 Jahren erfolgten Eintritts des Kaisers in das preußische Heer. Eine so lange Zeit hat noch kein Mitglied un­serer Regentenfamilie, vielleicht mit einziger Ausnahme des 1813 ge­storbenen Prinzen Ferdinand, jüngsten Bruders Fcieor-ch's des Großen, dem Heere angehört. Der Vater unseres Kaisers, König Friedrich Wilhelm III, war 63 Jahre im Heere, wurde aber als Generalmajor bereits König.

— Berlin, 2. Jan. (Köln. Ztg) Der Kronprinz stattete gestern Nachmittag den hier beglaub.gstn Botschaftern Neujahrsbesuche ab.

— Bekanntmachung auf Grund des Reichsgesetzes vom 21. Oktbr. 1878. Nach dem „R. u. St.-A." Nr. 1 wurden unterm 16., 28., 30. uud 31. Dezbr. verboten: die vom 28. Dezember 1878 datirte Num­mer des neunten Jahrganges der in Nenmünster-Zürich herausgegebenen und in der schweizerischen Vereinsbuchdruckerei Hottingen-Zürich gedruck­ten periodischen Druckschrift: „Die Tagwacht. Organ der sozialdemo­kratisch m Partei in der Schweiz und des schweizerischen Arbeiterbun­des" ; der Gesangverein „Sängerbund" in Ludwigshafen; die nicht pe­riodische Druckschriften: 1) Zu Trutz und Schutz. Festrede, gehalten zum Stiftungsfeste des Crimmitschauer Volksvereins am 22. Oktober 1871 von W. Liebknecht. (Nach der stenographischen Niederschrift.) Vierte vermehrte Auflage. Leipzig 1874 Verlag der Genossenschafts- buchdruckerei. 2) Ueber die politische Stellung der Sozialdemokratin insbesondere mit Bezug auf den Reichstag. Ein Vortrag, gehalten in einer öffentlichen Versammlung des demokratischen Arbeitervereins zu Berlin am 31. Mai 1869 vsn Wilhelm Liebknecht. Dritte unverän­derte Auflage rc Leipzig 1874. Druck und Verlag der Genossenschafts- buchdruckerei. 3) Wissen ist Macht — Macht ist Wissen. Vortrag, gehalten zum Stiftungsfeste des Dresdener Arbeiterbildungs-Vereins am 5. Februar 1872 unbium_jSt4tttttff^ Leipziger Arbeiterbil- bung5=$ei£in8--emr'24r'^ 1872 von Wilhelm Liebknecht. Zweite -AuMgel Leipzig 1875. Verlag der Genossenschaftsbuchdruckerei. 4) Zur Grund- und Bodenfrage von Wilhelm Liebknecht. Zweite vervoll­ständigte Auflage I. Leipzig 1876. Druck und Verlag der Genossen- schastsduchdruckerei; sowie die Nummer 4 und 6 der in Leipzig erschei­nenden periodischen Zeitschrift „Leipziger Beobachter" sowie das fernere Erscheinen der gedachten Zeitschrift.

— Der „R. u. St -A." veröffentlicht in seinen Beilagen den Han­delsvertrag zwischen Deutschland und Oesterreich-Ungarn vom 16. De­zember 1878.

— Berlin, 2 Jan. Heute können wir nicht verbürgt bestä­tigen, daß der Cultusmmister Falk auf seinem Posten verbleiben wird. Am gestrigen Tage hat der Cultusminister die Ernennungen der Hof­prediger Baur und Kögel zu Mitgliedern des Oberkirchmraths gegen- gezeichnet. Der Minister hat, den einstimmigen Vorstellungen der übrigen Mitglider des Staatsministeriums, insbesondere dem Wunsche des Fürsten Bismarck nachgebend, sich bestimmen lassm, persönliche An­sichten der Lösung dringender Aufgaben, dem Ernste der allgemeinen Situation unterzuordnen und auf seinem Posten zu verharren. Es wird dies in weitesten Kreisen mit freudigem Danke ausgenommen werden. Während es sich vollkommen bestätigt, daß der V cepräsident des Staats Ministeriums, Graf Dito zu Stollberg, beauftragt war, dem Minister schon vor etlicher Zeit Sen Ausdruck des Vertrauens des Kaisers zu überbringen, können wir heute noch hinzufügen, daß der Kaiser in einem eigenhändigen Schreiben von 30. Dez. o. S dem Mi­nister in einer ihn auszeichnenden Weise die kaiserliche Uebereinstim­mung mit der Geschäftsführung ausgesprochen und den Ausdruck seines Vertrauens erneuert hat. Ein Schreiben in gleichem Sinne hat der l^itfer unter demselben Tage an den Oberkirchenrath gerichtet, und es scheint, daß dasselbe ganz ober theilweise wohl den Weg in die Oeffent» lichkeit finden wird. Der Hofprediger Dr. Kögel, welcher bisher zu den Vortragenden Räthen des Cultusministeriums gehörte, scheidet nun­mehr aus dieser Stellung. Köln. rog.

— Die öffentliche Aufforderung zum Ungehorsam gegen kirchliche Gesetze, welche vom Könige, als obersten Inhaber der Kirchengewalt in der evangelischen Kirche, für diese Kirche erlassen werden, ist, nach einem Erkenntniß des Ober-Tribunals vom 4. Dezember 1878, eben so straf­bar, wie die öffentliche Aufforderung zum Ungehorsam gegen rein staat­liche Gesetze.

— In Lindenau bei Leipzig wurde kürzlich die vierte Schutz­mannsstelle ausgeschrieben, welche mit 800 Mk. und Uniform dotirt ist. Nicht weniger als 54 Bewerber, darunter verschiedene Hausbesitzer, ha­ben sich zu diesem Posten gemeldet, gewiß ein Zeichen der noch herrschen­den Geschäftscalamität.

— In dem Dorfe Walthersdorf (sächsische Schweiz) sind bei einem Brande am 26. Dezbr. durch Einsturz einer Mauer 11 Feuer­wehrleute aus Schandau und Königstein verunglückt. Sieben wurden lebensgefährlich verletzt.

— Gifhorn, 27. Dezbr. Mündlichen Mittheilungen zufolge hat in Cunrau ein schlechter Scherz einem in weiter Umgegend bekannten Manne das Leben gekostet; als er im Gasthaus« sich niedersetzen wollte, zog ein Anderer den Stuhl zurück, der Mann fiel rückwärts nieder und brach das Genick.

— Pesth, 1. Jan. Bei dem heutigen herkömmlichen NeujahrS- empfange der liberalen Partei durch den Ministerpräsidenten Tisza be­zeichnete der letztere das abzelaufene Jahr als ein Jahr selbstloser patriotischer Pflichterfüllung und gab in Bezug auf daS neu begonnene der Hoffnung Ausdruck, daß es von günstigen Erfolgen für das allge­meine Wohl werden und eine Lösung der schwebenden schwierigen Fra­gen zum Heile des Vaterlandes herbeiführen möge.