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Mnnner Anzeiger.

Zugleich Amtliches Organ für Kreis und Stadt Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage, und Samstags mit der Berliner ProvinzialCorrespondenz.

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Freitag dw 27. DezeMber.

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Schlag Wörter der Gegenwart, in vollLthümlicher Weise beleuchtet v. M. R.

1. „Bildung gibt Wacht." (Fortsetzung aus Nr. 298 )

Sag' einmal, ob Du als praktischer Mann den stattlichen Wald gern Ni ssan möchtest, welcher sich unweit Deiner großen Fabrik befindet?

Was soll die Zwischenfrage?

Nun ich dachte eben an die Fabel von dem Asien, welcher die Wälder in Brand steckt, um die Gegend gründlich eufzuklärcn. Und ich denke ferner, daß es nicht blos in der Natur, sondern auch im Geistesleben schattige Waldgrunde gibt, die ein verständiger, im geistigen Reviere waltender Oberförster nicht etwa auLrottet, sondern vielmehr hegt und pflegt.

Nun weiß ich Bescheid, Tu meinst, daß eine bloße Berstandes- bilduno, bei welcher das Gemüth zu kurz kommt, nicht besser sei, als jene Affenkon ödie in der Fabel. Du mußt nun aber ja nicht denken, daß ich zu den Schlaumeiern gehöre, auf welche der bloße Name des Gemüthes wirkt, wie das rothe Tuch auf einen Puter; dafür solltest Du mich drch bess-r kennen. Ich halte selber gar große Stücke auf deutsche Gemüthlichkeit, aber die muß ein Jeder zu Hause oder im Freundeskreise schon zu suchen und zu finden wissen, ohne daß es darum einer besonderen Gemüths bil dung bedürfe. In meinen vier Wänden fühle ich mich so recht behaglich und lasse im Uebrigen den guten Gott forgiN, der Alles zum Besten lenkt.

Da ist aber freilich Dein Werkmeister Schulze ganz anderer An­sicht. Als dem neulich sein Sohn die bekannte Geschichte von St. Peter und der Gns aufsagte, in welcher Petrus von seiner Sucht, Gott wegen der Weltregierung meistern zu wollen, dadurch zurückkommt, daß er selber erfährt, wie schwer es sei, eine einzige Ziege zu hüten, geschweige denn die Welt, da meinte der Alte: „Wenn ich nur eine Stunde in der Fa brik so schalten wollte, wie Gott Jahr aus Jahr ein die Welt regiert, dann würde mein Herr mich keinen Tag langer im Hause behalten." Da thäte doch vor allen Dingen Bildung des Gemüthes noth!

Tazu hat ja das Volk die Kirche, da mag es sich die Gemüihs- nahrung holen, die unser einer in der Pflege der Kunst und eines ver­feinerten Geisteslebens ebenso gut finden kann. Ich für mein Theil gehöre nicht zu denen, welche, um m den Worten eines unserer größten Denker zu reden, trübes Lrinkwcsstr ausgießen, ehe sie reines haben, und ich hüte mich auch deßhalb wohl mit meiner Kirche zu brechen, wenn ich auch an einzeln-n veralteten Satzungen Manches auszufetzen finde. Das Gold (so sagte neulich unser Bergrath) muß ja auch vor der Ausprägung sich einen Zusatz von Kupfer gefallen lassen, den nehme ich in kirchlichen Dingen ebenwohl mit in den Kauf. Das Volk für welches nach meiner Meinung die Kirche bestimmt ist, hat zudem eimn anderen Nagen, als die gebildeten Klassen, und das trockene Brot, welches die Kirche bietet, bekommt den geringen Leuten jedenfalls am besten; nur muß man mir nicht zumuthen, daß ich von eben solchem trockenen Brot leben soll.

Das will aber eben Dein Werkmeister auch nicht, bis zu dem so Manches in Wort und Sitte aus den oberen Schichten der Gesellschaft schon dmchgesickert ist, und dem feine Weisheit, daß der Mensch vom Affen abstäume und für seine Handlungen ebensowenig verantwortlich sei, wie sein viethändsier Stammvater, viel schmackhafter dünkt, als die Lehren, welche der Pastor von der Kanzel predigt. Sollten Dich solche Erscheinungen nicht in Deinem allzu vornehmen Herabfehen auf die Kirche im machen?

Gottlob, rief jetzt der alte Rentner Schrotkorn dazwischen, der bei diesen Worten eingetreten war: „Da habe ich Dich doch endlich, wo ich D ch schon längst haben wollte! Nicht Fortbildung, sondern Rück­bildung muß die Tageslosung sein, nachdem die sittliche Verwilderung, zu denen bie Weltbildung uns geführt hat, in entsetzlichen Thaten zu Tage getreten ist. Ja, nur der „böse Racker" Bildung ist an all' dem Unheil sckuld. Mit der Bildung erweckt man Bedürfnisse, die der Mensch früher nicht kannte, und mit der Unmöglichkeit, diese neuen Be- dürfwsse zu befriedigen, beginnt der Mißmuth und die Unzufnedenhelt. An der Ueberbildung und an dem Hineintragen der Br-dung in tue nie. deren Volkskreise wird unser Volk zu Grunde gehen, tote schon so man­

ches vor ihm, darum halte ich es mit dem Wote: Weg mit aller soge­nannten Volksbildung, Schuster bleib' bei Deinem Leiste!

Nun kann ich getrost das Feld räumn, meinte der Fabrikant, der eben abgerufen wurde. Meinen Glückwunsch zu der neuen Bundes- gcnossenschaft!

Wähcend er vom Schauplatz? verschwand, wandte ich mich z« dem ebin Eingetreten-n mit den Worten: Wenn ich auch, wie Du ja Hörtest, gegen die Afterbildung weidlich zu Felde gezogen bin, so bist Du doch sehr auf dem Irrwege, wenn Du meinst ich wolle nun das Kind mit dem Bade ausschütt-n und aller Volksbildung den Krieg erklären. Da müßten wir ja gleich bei der Volksschule anfangen, und ich sollte den­ken, daß Du bei Deinem kirchlichen S un es gar übel empfinden müßtest, wenn mit der Lesefertigkeit dem Heranwachsenden Geschlecht auch dre ewigen Troste? quellen entzogen würden, aus denen es seit Jahrhunderten Heil und Segen schöpft. Und wüd m$t in der Schule, wenn sie nicht blos Lernanstalt, sondern eine rechte Arbeitsschule ist, d. h. den ZögUng zu ernster Selbstthätigkeit anhält, in und mit der Arbeit auch die Sitt­lichkeit gefördert? Jede ernste Beschäftigung ist eine Pflanzstätte der Ordnung, der Ausdauer, der Selbstüberwindung, der Geduld. Auch dadurch übt die rechte, anhaltende Arbeit ihren Segen, daß sie durch das Gelingen uns mit Freude erfüllt und über so manche Schmerzen und trübe Stimmungen uns hinauShilft. Nicht auf die Art der Arbeit, sondern auf die Weise, in welcher sie gethan wird, kommt es dabei an. Ein Kind, das in der Schule hat tüchtig arbeiten lernen, wird später mit derselben Treue und Gewissenhaftigkeit auch in der Werkstatt oder in der Fabrik seine Schuldigkeit thun und den gesunkenen Credit des deutschen Kewerbfleißes wieder zu Ehren zu bringen suchen. (Forts, folgt)

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R. F. Die hinter uns liegenden frohen Weihnachtsfeiertags haben die gegenwärtige Festperiode noch nicht abgeschlossen, denn nach m altem Brauche hat in wenigen Tagen das bürgerliche Jahr sein Ende erreicht und das neue Jahr, an welches sich so viele Hoffnungen und Wünsche knüpfen, wird festlich begrüßt. Man findet daher auch, daß in dem kurzen Reste des alten Jahres hinsichtlich der öffentlichen Angelegenhei­ten nichts Entscheidendes vorgenommen wird, denn der Geist des Men­schen glaubt in diesem Stadium nur Ursache zu Betrachtungen über das Sereargene und Zukünftige zu haben, und es findet sich höchstens da und dort noch ein flüchtiges Verweilen bei der Gegenwart. Unter die fern Gesichtspunkte drängt sich uns das derzeitige politische Leben auf.

Der Kaiser Wilhelm hat sich während der gegenwärtigen Festzeit nur eine kurze Ruhe gegönnt, denn sein rastloser Geist weilt fast un­unterbrochen bei den Regierungsgeschäften. Mit großer Sorgfalt wid­mete der Kaiser sich auch der Prüfung der Maßregeln, die gegen die Rinderpest, welche leider noch immer nicht in der Provinz Brandenburg erloschen ist, getroffen worden sind und hat der Monarch angeordnet, daß ihm täglich ein Bericht über den Stand dieser verheerenden Seuche abgestattet wird. Außerdem richtet der Kaiser in der bekannten hervor­ragenden Weise seine Thätigkeit vorzüglich auf die weitere Vervollkomm­nung der Pflege und Ausrüstung der Truppen.

Der deutschen Nation ist vom Reichskanzler eine Art wirthschaft- liches Weihnachtsgeschenk gemacht worden. Es ist dies eine Denkschrift, welche Fürst Bismarck wenige Tage vor Weihnachten dem Bundesrathe überreichen ließ und in welcher der Kanzler seinen Plänen hinsichtlich der für unser wirthschaftliches Leben so wichtigen Zolltarifrevision Aus­druck gibt. Nach der Meinung des Fürsten Bismarck soll diese Zoll- tarifrevision die Grundlage für die in Deutschland angestrebte Finanz- reform werden und würde es das nächste Ziel der Zolltarifrevision sein, diejenigen über die Grenze gehenden Artikel festzustellen, welche wirklich ergiebige Besteuerungsobjekte sind, um auf diese Weise zu einer einfache­ren und gesünderen Finanzpolitik zurückzukehren.

Während die preußischen Abgeordneten kaum einige Tage in den Weihnachtsserien von ihren umfangreichen parlamentarischen Arbeiten ausgeruht haben, kommt schon aus liberalen Kreisen des preußischen Ab­geordnetenhauses die Aufforderung, die Vorbereitungen zu den Wahlen für das preußische Abgeordnetenhaus, welche im nächsten Jahre stattzu- finden haben, zu beginnen. Es scheint danach, als ob die Liberalen Preußens fürchteten, daß die Conservativen sie überflügeln und wie bei