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Zugleich Amtliches Organ für Kreis und Stadt Hauau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage, und Samstags mit der Berliner Provinzial-Correspondenz.
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R^ 298
Montag den 23. Dezember.
WM
Amtliches.
Bekanntmachungen auf Grund des Reichsgefetzes vom 21. Oktobrr 1878.
Auf Grund d,r §§. 11 und 12 deS ReichsgesetzeS geoen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie bim 21. Oktober 1878 ist tie nicht perivdi che Druckschrift: „Appell an dar Gewissen der Rei ck s t a g L wähle r des Kreises Hanau, Geln Hausen und Orb." Selbstverlag von Mathias Daßbach in Hanau, Druck trn Rupert Boumbach in Frankfurt a M., von der unterzeichnet n kandespolizeibehörde hierdurch verlöten worden.
Cassel den 16. Dezember 1878.
____________Königliche Regierung, Abth. des Innern.__
Bewerber um die erledigte erste Schulstelle in Lange udiedech, mit welcher ein Einkommen bru 840 Ma k nebst freier Wohne ng und 90 Mark für Feuerung verbunden ist, werden zur alsbaldigen Einreichung der Meldungsgefuche nebst Zeugnissen aufgefordert.
Hanau am 19. Dezember 1878.
Der Landrath. ___________________
Bekanntmachung.
Tel egrophi'cher Verkehr mit Großbritannien und Irland.
Born 1. Jcnuar 1879 ob beträgt die Taxe für Telegramme nach Großbritannien vnd Irland ohne Unterschied der Entfernung 30 Pfennig für jedes Wort.
Berlin W., 20. Dezember 1878.
Der General-Postmeister.
Stephan.
TkgesfKa«. Echla Wörter der Gegenwart, in Vollsthün llcher Weise beleuchtet b. M R.
1. „Bildung gib t Macht."
Das ist so einer von den Lieblingswahlsprüchen, welche auf den Fahn n der Bildungsvereine, insbesondre auch der Arbeiter Fortbildungs- vereine prang-n, und man liest merkwürdiger Weise dies Wort nicht blos an den Saalwänden solcher Genossenschaften, die als feste Burgen unserer jetzigen bürgerlichen Gesellschaft gelten können, 'ondern auch in den Räumen ih er social-demokratischen Namensschwestern. Wie mag denn das aber zugehen? Das Räthsel löst sich dadurch, daß die Worte gleich den Münzen an berf^itbenm Orten und zu verschiedenen Zeiten auch ihren verschiedenen Tageskurs oder Werth haben, und daß man darunter bald dies, bald des versteht. Da hat es vor vielen Jahrhunderten 'mal einen deut chen Gelehrten gegeben, der schrieb vorn in seine Hausbibel: „Dies ist das Buch, in dem Jeder seine eigenen Meinungen sucht und auch findet." Kein Wunder, daß auch die Weltbibel (wie man nohl die Sprüchwörter genannt hat) sich etwas Aehnl ches muß gefallen lassen bis auf diesen Tag, und daß insbesondere auch in unserm Sprüchlein die Leute, die es im Munde führen, dem Worte „Bildung" nur gar zu gern das Kuckuksei der eigenen Bildung unterlegen. Bildung und Bildung ist nun eben einmal zweierlei, ja vielerlei. Da gibt es zum Exempel gewaltige Mundhelden, die über ^ HeS zu reden wissen, und die mit den Worten nur so um sich werfen, wie der Verschwender mit seinen Groschen. Wenn solch' ein zungeniertiger Mann nur eine gute „Aussprache" hat, wie unser Volk sagt dann mag ihm auch das Malheur passeren, daß er in der Hitze des Gefechts einmal den Vesuv nach Siciven verlegt und den Aetna nach Neapel, oder daß er in seiner Volkswirthschaftlichen Weisheit für „Portal v° Genoss nschasten" *) auf Staalsunkosten schwärmt, — sobald er von der Rednertribüne hervnter- kommt. dann heißt es doch in den Reihen der Zuhörer : „Ist das ein gebildeter Mann!" Solch' eine Bildung „gibt wohl auch Macht" — über eine unverständige Menge, aber es ist die Macht des Rausches, schnell verfliegend und unberechenbar, oft gefährlich in ihren Wukungen. ‘ *)' Anmerkung der Setzers. Der Redner meinte wohl Produktiv- Senossenschasten.
Da höre ich nun freilich meinen Nechbar, bin Fabrikanten Müller, der eben bei mir eintritt, als ich im besten Zuge des Schreibens bin und dem ich den Anfang vorlese, mir einwerfen: Du scheinst mir denn doch Deine Arbeit etwas zu leicht nehmen zu wollen! Solch' einen Schwätzer und Zung ndrescher, der seine Unwissenheit hinter dem Firniß hohler Redens arten zu verbergen sucht, lasse ich nimmermehr für einen Gebildeten gelt-n. Bon Einem, der auf diesen Namen Anspruch macht, verlange ich vor allen Dingen einen Hellen Kopf, einen aufgeklärten Verstand — nur solche Bildung gibt wirkliche Macht.
Schön, mein lieber Freund, aber erlaube mir nur, ehe ich Dir ein Recht zu Deinem Vorwurfe einräume, vorher einige GewissmSfra- gen! Was hälft Du von d.-m letzten s ß. „volksthümlichen" Voltrage des Professors Redselig über die nordische Götterwelt?
Gar nichts!
Die Antwort ist nicht >bel! Da willst damit sagen, daß mit gelehrten Brrck-n dem schlichten Manne für seine Bildung nicht gedient ist, und daß geistige Speise, um unser Eigenthum zu werden, so gut verdaut sein will als die leibliche?
Ich meine weiter, daß der gelehrte Herr Professor n'cht blos eine Thorheit begeht, wenn er seinen Zuhörern einen wahren geistigen Straußenmagen zutrout, 'ondern auch eine Sünde gegen das arme Volk, dem durch halbverstandene Phrasen nur die Köpfe verdreht werden. Ja, ich muß den Professor einer doppelten Sünde zeihen, da er nicht blos durch die Beschaffenheit der von ihm dorgebotenen Geisteskost, sondern auch durch die Menge derselben gefehlt hat; allzuviel ist ungesund, selbst wenn es leichte Speisen sind, was hier nicht einmal der Fall war. Meinte doch ein biederer Landwirth, als er aus dem Saale trat, er käme sich vor „wie eine vollgestopfte Mart usgans!"
Nun, da würde der gute Leuthold in B., der neulich im „Frauen- bildungsvercine für die werkthätige Bevölkerung" einen Vortrag über Astronomie hielt, gewiß auch wenig Enade vor Deinen Augen gefunden haben?
Alle Ehre dem Ringe n des W üblichen Geschlechts nach ächter Frauenbildung, die nicht blos dadurch Macht gibt, daß sie die Erwerbstüchtigkeit des weiblichen Geschlechtes erhöht, auf welche die weiblichen Kreise in steigendem Maße sich angewiesen sehen, sondern auch durch die bedeutsame Stellung, welche eine mit gründlicher allgemeiner Bildung LUsgestatiete Frau in der bürgerlichen Gesellschaft einnimmt. Aber, wenn selbst in höheren Gesellschaft- kreisen eine Kunstjüngerin, die über ihrem Klavierspiel d n nächsten Beruf der Hausfrau vernachlässigt, den etwas betten, aber gerechten Ruf über sich ergehen lassen muß: „Mir ist der Flügel an der Gans lieber, als die Gans am Flügel" — was sollen wir nun erst sagen, wenn eine A beiterfrau nach dem Sirius droben am Himmel ausschaut, während ihrem braven Christoph hieraus Erden die Suppe darüber anbrennt?
Soweit könnte ich mich mit Dir einverstanden erklären, aber ich muß doch erst, ehe ich mit meiner Hand in die Deinige einschlage, noch eine andere Gewissensfrage an Dich richten. Du meintest vorhin, ein heller Kopf, ein aufgeklärter Verstand mache den Gebildeten, und wenn ich auch gern anerkenne, daß Du den Flitter kram einer oberflächlichen Scheinbildung nicht gelten lassen willst so möchle ich doch fragen, ob bloße Ver st a n d e s bildung nach Deiner Meinung schon Macht gibt?
Ich meid schon, worauf Du hinaus willst, und will Dir als praktischer Mann von vorn herein gestehen, daß ich nur auf eine solche Bildung Werth lege, mit der man auch einen Hund aus dem Ofen locken kann. (Forts, folgt.)
— Bekanntmachung auf Grund des Reichsgesetzes vom 21. Oktbr. 1878. Nach dem „R u St.-A." Nr. 301 wurde unterm 20. Dezember verboten: die in der Zeit vom 23. Oktober bis 7. Dezember 1878 erschienenen Nummern 84 bis 97 der in Neu münster-Zürich heraus gegebenen und in der Schweizerischen Vereins-Buchdruckerei Hottingen- Zürich gedruckten periodischen Druckschrift: „Die Tagwacht. Organ der sozialdemokratischen Partei in der Schweiz und deS Schweizerischen Arbeiter bundeS. Neunter Jahrgang".