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Der provisorische deutsch-österreichische Handelsvertrag ist am Montag im auswärtigen Amte zu Berlin unterzeichnet worden. Da der Vertrag ziemlich eilig und nur auf die Dauer eines Jahres abge­schlossen wurde, so hat er eigentlich gar keine charakteristische Grundlage, sondern er wurde zum Zwecke eines möglichst gegenseitig vortheilhaften Bandelseinvernehmens zwischen D utschland und Oesterreich abgeschlossen. Das beste dabei ist, daß dem Zollkrieg an der deutsch-österreichischen Grenze durch den neuen Vertrag ein Ende bereitet wird, da die gebun­denen Tarifsätze aufhören.

Aus den letzten Berathungen des preußischen Abgeordnetenhauses ist wenig von sachlicher Bedeutung zu vermelden Interpellationen und große Debatten, die hinsichtlich des Kulturkampfes und der wirthschaft- lichen Politik indess-n nur den Beweis lieferten, daß vorläufig Alles beim Alten bleiben wird, füllten die Sitzungen aus, und wird man vor dem Weihnachtsfest kaum über die Berathung deS Etats für den Mi­nister des Innern hmrvestkommrn.

^Jn den deutschen Kleinstaaten find die gesetzgebenden Faktoren in lebhafter Bewegung. Nachdem die thüringischen Regierungen seit Jahr und Tag durch eine Reihe von Minister-Conferenzen die Semein'amksit von Land- und Oberlandesgerichtsbezirken vo bereitet und geregelt haben, erübrigte noch, die Aufhebung des gemeinsamen App llationsgerichts zu Eisenach vertragsmäßig zu ordnen. Behufs dessen sind die thüringischen Regierung'commissare zu einer Conferenz in Jena zusammengetreten. Der Landtagsausschuß des Fmstenthums Schwär.bürg Sondershausen hat die unliebsame Erfahrung gemacht, daß die Staatsrrchnunq des Jahres 1877 mit einem D ficit (für das Ländchen recht erheblich!) von 419,812 Mark abschließt. In Meiningen twbe der Landtag bis zum Frühjahr vertagt. D r Landtag für das Großherzogthum Oldenburg hat den Antrag des Justizausschuss-s, welch-r der Regierungsvorlage entsprach, ein eigenes Oberlandesgericht in der Stadt Oldenburg zu er­richten, mit 22 gegen 9 Stimmen angenommen.

Am Dünstag wurde in der Schloßkirche zu Darmstadt der Sarko­phag der edelen Großherzogin Alice von Hessen, die im blühenden / Frauenalter als Tochter, Gattin und Mutter th uerer Angehörigen von der tückischen Diphteritiskraickheit dahingerissen wurde, beigesetzt. Am Mittwoch fand die feierliche Einsegnung der Leiche statt, bei welcher als Veitreter des deutschen Kaisers der Generaladjutant Graf v. d. Goltz und eine große Anzahl Vertreter der übrigen deutschen Fürstenhöfe, so­wie Abgesandte des englischen, russischen und dänischen Hofes zugegen waren. Tief ergriffen ist die Königin B'ctoria von England über den Verlust ihrer Tochter und die ganz; englische Nation trauert mit ihr.

In Oesterreich Ungarn wrd der Kanzler Graf Andrassy nicht müde, vhr Or'°ntpolüik zu vertheidigen. Er hielt in der ungarischen Delegation eine Rede, in welcher er ausführte, daß die Annexion Ser­biens und Montenegros durch Oesterreich-Ungarn die unglücklichste Po­litik gewesen wäre, d e man hätte verfolgen können. Serbien und Montenegro seien wohl slavisch, aber sie hätten eine selbständige Ver­fassung und Entwickelung und würden sich nie mit Oesterreich-Ungarn ausgesöhnt hab-n. Schließlich widerlegte der Graf Andrassy die Br- banptunz, daß die Occupötion Bosniens die Regierungsverhaltnisse in Oesterreich Ungarn stören würde, da die occupirten Länder nicht im Stande sein könnten, in Orsterreich-Ungarn einen anderen politischen Schwerpunkt zu erzeugen. Die österreichische Delegation hat in dieser Woche ihre Berathungen auch wieder begonnen und stimmte größten- theils in den d ff-rirenden Beschlüssen der ungarischen Delegation zu.

Gleich seinen Amtsgenossen in England und Oesterreich-Ungarn hat der französische Minister des Aeußern, Herr Waddington, im Se­nate auch Gelegenheit genommen, seine Politik vor den Volksvertretern klar zu legen. Dieselbe bezwecke, Frankreichs Interessen zu wahren, den europäischen Frieden aufrecht zu erhalten und tn keiner Weise Frankreich irgendwo in Verwickelungen zu bringen. Hinsichtlich des Gerliner Vertrages erklärte Waddington, daß er überzeugt fei, daß wenn der Berliner Vertrag bis zum nächsten Frühjahr nicht vollständig «Asgeführt sei, neue Gefahren für den Frieden Europas entstehen könn­ten. Der griechisch-türkischen Grenzregulirung nahm sich Waddington sehr warm an und erklärt", daß das Protektorat Griechenlands zu den Orienttraditionen Frankreichs gehöre, und daß man der Orientfrage ihre größte Gefahr nehmen würde, wenn man die griechische Frage aus der Welt schaffe. Diese Rede Waddington's erntete großen Beifall in Frankreich.

Italien beweist durch einen seltsamen Verlauf seiner Ministerkrisis, daß es in politischer Beziehung mehr auf die Form als auf die Sache sieht. Der wackere Ministerpräsident Cairoli, dem der König Humbert die Bildung eines neuen CabinetS angetragen hatte, um den bestehenden politisch-n Schwierigkeiten zu begegnen, hat es vorgezogen, auf diesen rhn beehrenden Auftrag zu verzichten, da er erfahren hatte, daß eine Anzahl Parteien sich aufs Neue zu seinem Sturze vereinigen würden. Darauf bezeichnete Cairoli dem Könige den Präsidenten der Drputirten- kammer Farini als die geeignetste Persönlichkeit zur Bildung eines neuen Ministeriums, doch Farini schlug das darauf folgende Anerbieten aus und fo hat schließlich der frühere Ministerpräsident D pretis, welcher

einst von seinem Posten zurücktreten mußte, da er der ihm gestellte« Aufgabe nicht gewachsen war, die Mission übernommen, ein neues Cr- binet zu bilden, was höchst wahrscheinlich weit weniger als das des Ministerpräsidenten Cairoli im Stande fein wird, Italien zu beglücken.

In England findet die Politik des Lord of Beaconsfield immer mehr Anklang, denn außer dem Vertrauensvotum, welches das englische Cabinet am Ende der vorigen Woche bei der Abstimmung im Parla­mente erhielt, hat sich auch die Stimmung im englischen Volke wegen der kriegerischen Politik des Lord of Beaconsfield gebssert, ja auch in manchen Kreisen der Gegenpartei billigt man die Schritte des Cabinets. Der englisch-afghanische Krieg ist jetzt einigermaßen zum Stillstand gekommen, da der Vormarsch der englischen Truppen in der afghanischen Grenzlandschast so weit als nöthig von den englischen Truppen beendigt wurde und sich keine feindlichen Truppen dort mehr zeigen. Ob da­raufhin der Emir von Afghanistan sich demnächst den Engländern unter­werfen wird, ist freilich eine andere Frage. Die Engländer dürften in nächster Zeit auch einen Calonialkrieg in Afrika haben, denn die eng­lische Regierung hat an den König der Zulus ein Ultimatum gerichtet.

Die vielleicht ehrlich gemeinten Rstormbestrebungm des Sultans Abdul Hamid durch Ernennung neuer Minister haben bis jetzt in Kou- stantinopel nur eine Kette von Verschwörungen zur Folge gehabt. Schmähbriefe und Flugschriften wurden in Konstantinopel verbreitet, worin der Sultan und der neue Großvezier Kheireddin Pascha als B:r- räther hingestellt werden und die Anstifter dieser Schriften war die nächste Umgebung des Sultans, darunter sein Bruder Mehemed Reschad und sein Schwager Mahmud Damat Pascha. Außer sich vor Zorn wollte der Sultan die Hochverräther sämmtlich hinrichten lassen, doch auf Bitten seiner Minister wurde ein Theil derselben in türkische Pro­vinzen in Afrika und Asien v-rbannt und Mchemed Reschad in Kon- stantinopel in strenge Haft gebracht. D es sich bei diesen Umtriebe« in Konstantinopel um die Entthronung des gegenwärtigen Sultans ge­handelt hat, dürfte keinem Zweifel unterliegen. Von dem neuen Großvezier Kheireddin Pascha werden gute Absichten bekannt. Er hat in einem Ministerrathe die ballige A-schließung eines definitiven Frie- densvertrages mit Rußland befürwortet.

D e kaiserliche Regierung von Brasilien hat bis auf Weiteres alle Einwanderungen von Europa nach Brasilien untersagt. Dieses Verbot ist wahrscheinlich in Folge der Vorstellungen europäischer Regierungen erlassen worden, da in den letzten Jahren von gewissenlosen Agenten viele Europäer zur Auswanderung in ungesunde Gegenden Brasiliens verleitet wurden.

TagesschKR«

Bekanntmachung auf Grund des Reichsgesetzes vom 21. Oktbr. 1878. Nach demR. u St.-A." Nr. 293 wurden unterm 14., 15 und

16. Dezember verboten: die als Flugblatt in der Allgemeinen Deutschen Associations-Buchdruckerei (E. G.) zu Berlin gedruckte, nicht periodische Druckschrift, enthaltend zweiF. W. Fritzsche" unterzeichnete Gedichte mit den Überschriften:Der Bergmann" undKapnzmerpcedigt deS Herrn Harkort"; das photographische Gruppenbild, auf welchem sich die Medaillon-Porträts von 9 sozialdemokratischen Reichstags Abgeordneten mit Beifügung ihrer Namen, und oben zu beiden Seiten, sowie in dem Mittelfelde die Inschriften finden:Haltet fest an der Organisation. Sie wird Euch zum Siege führen I F. Lassalle Die Gewählten des nah Freiheit ringenden Volkes, welche im Kampf für dasselbe von der Tribüne des Deutschen Reichstags dessen Willen heldenmüthig beknnde- ten. Reich Kagskampf vom 9 /9.19 /10. 1878. ; die beiden im Selbst. Verlage von W. Grüwel zu Berlin erschienenen nicht periodischen Druck­schriften: 1)Aus dem Sozial-Demokrat". Leitartikel und Aufsätze aus dem Organ der sozialdemokratischen Partei. 1868. Druck von R. Berg­mann. 2)W. Grüwels Deutscher Arbeiter-Kalender auf das Gemein- jahr 1873. Zweite Auflage. Druck von C. Jhring in Berlin; die Nr. 1 vom 15 Dezember 1878 der im Verlage von H. KistemaeckerS in Brüssel erschienenen periodischen Druckschrift:Die Laterne von Carl Hirsch; sowie die Druckschrift:Die freien religiösen Gemeinden und die Sozialdemokratie." Ein Wort zum Frieden. Bon Carl S choll. Heidelberg 1877, im Selbstverlag des Verfassers.

Weiter wurden nach demR. u. St.-A." Nr. 299 unterm 16. und 17. Dezbr. verboten: der in der Zeit vom Oktober 1877 bis Sep­tember 1878 in 24 Heften erschienene erste Jahrgang der in der Allge­meinen Deutschen Associations-Buchdruckerei (E. G.) zu Berlin verleg­ten und gedruckten periodischen Druckschrift:Die Zukunft", sozialistische Revue, heransgegeben unter Mitwirkung der namhaftesten sozialistische« Schriftsteller"; die im Verlage von Otto Freitag zu Berlin in drei Bänden erschienene, nicht periodische Druckschrift:Weiße Sclaven oder ein Opfer der Kirche. Sozialpolitischer Roman von I. F. -Warten- berg" ; die im Verlage von Albert Eichhoff zu Berlin erschienene, Nicht periodische Druckschrift:A. Eichhoff's Deutscher Arbeiter-Kalender ant das Gemeinjahr 1869"; sowie die nicht periodische Druckschrift:Appell an das Gewissen der Reichstagswähler des Kreises Hanau-Gelnyrujen-