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Zugleich Amtliches Organ für Kreis und Stadt Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage, und Samstags mit der Berliner Provinzial Correipondenz.

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Rundschau.

R. F. Die erste Hälfte der politischen Krisis, welche seit letztem Sommer über unser Vaterland hereingebrochen ist, kann seit der Rück­kehr des Kaisers in seine Hauptstadt als beendigt betrachtet werden. Die drohende Gefahr ist niedergeschlagen worden und es handelt sich nun noch darum, dre Krankheit, welche jene Gefahr herauf beschwor, zu heilen. Daß dieser Heilungsprozeß nicht nur von Polizeimaßregeln erwartet werden kann, darüber ist man m allen maßgebenden Kreisen einig. Auch der Kaiser Wiihelm sprach den Deputirien der Stadt Ber­lin gegenüber bei deren Audienz aus, daß die Hauptsache für die Hei­lung unserer politischen Krankheit die entsprechende Erziehung der Ju­gend und die größere Verbreitung wahrer religiöser Gesinnung sei, da­mit derartige Gesinnungen, wie sie in den letzten Jahren in gewissen Schichten unserer Bevölkerung großgezogen worden sind, keinen Boden finden können.

Die Entgegennahme ton Glückwunschdeputationen durch den Kaiser hat in den letzten Lagen noch sehr häufig stattgefunden, da außer den Nertretern der Stadt Berlin auch Abgesandte von den Nachbarsiädtm Berlins dem Kaiser ihre Glückwünsche zur frohen Rückkehr darbringen wollten. In bei selben Angelegenheit empfing der Kaiser auch eine An­zahl höhere öfstetere, darunter mehrere Coiptronmandeme, die dem Kaiser die Glückwünsche seines Heeres dar brachten. Herrorgehoben ver- dient auch zu werden, daß der Kaiser Wilhelm neben diesen Audienzen noch Zeit fand, sich den gewohnten Arbeiten im Militär- und Civil- kabinet zu widmen.

Hinsichtlich der aufgehobenen Stellvertretung des Kaisers durch den Kronprinzen hat sich in letzter Woche noch ein Act der Courtoisie vollzogen. Der Kronprinz empfing die Mitglieder des preußischen Staate Ministeriums in Audienz, um ihnen für die Unterstützung wäh­rend seiner Regentschaft zu danken.

Hinsichtlich der Ausführung des Socialistengesetzes sind in letzter Zeit etnige bedauerliche Mißgriffe gethan worden. Diese Mißgriffe bezogen sich auf das Verbot von Druckschriften, die anscheinend, ihrem Titel nach, socialdemoklatischer Tendenz waren, in Wirklichkeit aber viel­fach das Gegentheil enthielten. Durch Aufhebung der betreffenden Ver­bote sind diese Fehlgriffe wieder gut gemacht worden. Freilich haben die betreffenden Exekutivorgane wenig Ehre dabei getrntej. Sonst sind dre Verbote auf Grund des Socialistengesetzes noch durchaus n cht be- endigt, La an mehreren Orten die socialdemokratische Agitation hart­näckig ihre Existenz unter anderem Namen fortzuführen sucht. Dem von Berlin aukgewiesencn Socialdemokraten Hasselmann ist es aus die­sem Grunde sogar passirt, daß er in Homburg verhaftet wurde. Die Anwendung des sogenannten kleinen Belagerungszustandes hat nun auch für den an Berlin grenzenden Kreis Nrederbarnim stattgefunden und wurden dort mehrere socialdemokratische Agitatoren ausgewiesen.

Die Verhüngung des kleinen Belagerungszustandes über Berlin war in dieser Woche auch Gegenstand einer großen Debatte im preußi­schen Abgeordnetenhause. Die Spitze dieser Debatte richtete sich nicht gegen die vorerwähnte Polrzeimaßregkl selbst, denn die'Sprecher fast aller Parteien waren dann einig, daß der Minister des Innern ange­sichts der Rückkehr des Kaisers nicht anders handeln konnte, aber man wälzte bald den Schwerpunkt der Debatte auf den Ursprung sowie auf das große Anwachsen der Socialdemokratie in Berlin und da behaup­teten mehrere Abgeordnete der Liberalen, daß der vorige Minister des Innern den Umtrieben der Socialdemokratie viel zu viel Spielraum gelassen habe. Von wichtigen Berathungen erledigte.das preußische Abgeordnetenhaus in dieser Woche den Rest vom Etat des Ministeriums bes Innern und die Vorlage wegen Revision der Communalsteuern. Der letztere Gejetzeniwurs gelangte zur Specialprüfung an eine Com­mission.

Dre großherzogliche Familie von Hessen-Darmsiadt, von welcher bereits der Großherzog, der Erbgroßherzog und vier Prinzessinnen an der Liphteritis erkrankt waren, ist in der Person der Großherzogin von Steuern von dieser Krankheit heimgesucht worden. Die Krankheit bei der Großherzogin auch ziemlich ernster Natur, denn die An- schwellungen am Halse sind noch rm Zunehmen begriffen und das Fie- | ber hat noch nicht nachgelassen.

13. Dezember. ÜW

Vom Papste Leo ist ein wichtiger weiterer versöhnlicher Schritt in dem deutschen Kirchcnstreite bekannt geworden. Durch Vermittelung des päpstlichen Nuntius Masella in München hat Papst Leo an den Kaiser Wilhelm ein Schreiben gelangen lassen, in welchem er den wie­dergenesenen Monarchen zur Wiederübernahme der Regierung beglück­wünscht, und der Hoffnung Ausdruck gibt, daß die wegen des Kirchen- streites schwebenden Verhandlungen bald zu einem guten Ende führen mögen.

Der Konflikt in der österreichischen Parlamentsdelegation hat, wie man nunmehr nach der näheren K-nntnßnahme der sich dabei abgespiel­ten Begebenheiten deutlich übersetzen kann, mit einem vollständigen Siege der Regierung geendigt. D:e Gewährung des Nachtragskredits für die bosni chs Occupation und die dadurch indirekt durch die Mehrheit der Delegation kvudgegcbene Billigung der RegierungSpolitik sind nicht die einzigen Vortheile, welche der Kanzler Andraffy für seine Stellung er­rang. Der Graf Andraffy zeigte auch in einer an die oratonsche Art und Weise des Fürstin BiSma ck erinnernde Rede, daß der Opposition überhaupt vr n der Regierung nichts recht gemacht werden könnte. Denn wenn die Gegenvartei behaupte, daß Deutschland daran Schuld sei, daß Oesterreich die Occupation Bosniens unternommen habe, so müsse er (Nndrcssy) Hervocheben, daß nicht Deutschland, sondern England auf dem Kongress? der österreichischen Regierung zur Occupation gerathen habe. Nach der abermaligen Rekonstruktion des ungarischen Mini fterwmS hat der Ministerpräsident Trsza das RegierungSprogramm im ungarischen Reichstage entwickelt und als solches unter Beifall des Hau­ses Sparsamkeit im Staatshaushalt, Reform der Verwaltung und der Justiz und Herstellung einer Verständigung mit Oesterreich in der bos­nischen Angelegenheit bezeichnet.

Das nahinde neue Jahr dürfte für Frankreich doch mehr Neues bringen, als man erwarten zu dürfen glaubte. Nach den am fünften Januar stattfinbenbtn SenatSwäwen scheint doch eine Umwandlung im französischen Ministerium in Aussicht genommen zu sein, und soll kein Geringerer als Gambetta selbst mit einem hervorragenden Ministerposten bekleidet werden. Gambetta habe zwar noch bie Meinung, daß er noch nicht in das Ministerium eintreten dürfe, doch wird Gambetta's bomi' nirende parlamemarische Stellung schließlich diese Nothwendigkeit herbei­führen. Trotz heftiger Opposition der Monarchist;n hab die franzö­sische Deputirteukammer die beanstandete Wahl des früheren Ministers, Herzog Decazes, in einer ihrer letzten Sitzungen für ungültig erklärt.

In Rußland haben sowohl die Verhältnisse des Landes als auch persönliche Umstände mehrerer Minister zu einer allgemeinen Regierungs­krisis geführt. Bereits von ihren Posten zurückgetreten sind die Minister des Innern und des Unterrichts, General Timascheff und Graf Tolstoi, und der Rücktritt des Staats kanzlers Gortschakoff wird auch nur als eine kurze Frage der Zeit betrachtet. Bei Gelegenheit des am Montage in Petersburg stattgehabten St. Georgsfestes brächte der Kai­ser Alexander den elften Trinkspruch auf das Wohl des deutschen Kai­sers aus, welchen der Zar als den ältesten Riiter des St. Georgs­ordens und als feinen Freund und besten Kenner des Heldenmuths der russischen Armee feierte.

Die italienische Deputirteukammer hat in biefer Woche ihre De­batten über die innere Lage des Landes beendigt und erklärten sich die D putirten Romano und Bonacci Namens ihrer Parteien durch die Antworten der Minister befriedigt. Die Deputirten Finzsi Crispi und Genossin bezeichneten jedoch dre Auslassungen der Minister als unge­eignet. Immerhin hat jedoch das Mmistermm die Mehrheit der Kam­mer für sich.

Bezüglich der Lage im Orient ist man gespannt, was der letzte Minister Wechsel in Konstar,tinopel für Früchte tragen wird. Der neu­ernannte Großvezier Khlyreddin Pascha ist mit der Ausarbeitung eines Ministervereurwortlichkertsgesetzes beschäftigt. Zum Minister des Aeutze-- ren will der Sultan den am Berliner Songreffe beledigten Karatheo- dorry Pascha wählen und soll das neue türkische Ministerium überhaupt vom Sultan den Auftrag haben, Hinsicht ich des Berliner Vertrages Europa zufrieden zu füllen und die Türkei im Innern zu reorganisiern.

Die Antwort d^s Emirs von Afghanistan auf das englische Ulti matum ist nachträglich eingetroffen, doch erklärt die englische Regierung, mit derselben nicht zufrieden zu sein. Mittlerweile hat die englisch-