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Donnerstag den 5. September

Tagesschau.

Zeitbetrachtungen.

(«. b. Sibw Mer!)

Vergebens bemühen sich die östreichischen Offiziösen, den Ariadne­faden aus dem logischen Labyrinth: Krieg oder friedliche Okkupation in Bosnnn und der Herzegowina zu firden. Wäre es Krieg, so hätte eine Kriegs wilärung dem Einmarsch vorgehen müssen, dann hätte man nicht, um uns bloß an die offiziellen Aeußerungen zu halten, von Sei­ten des Oberkommondanten der Truppen statt Krieg nur Strapazen in Aussicht gestellt. Man hätte d-n Trupp« n die Kriegszulage gegeben und sie mit der Vorsicht vorgehen lassen, welche sich in Feindesland gebietet. Den Gegnern aber hätte man nicht, wie der Oberbefehlshaber gethan, für ihren gerechtfertigten Widerstand mit blutiger Rache gedroht und Gefangene erschieße» lassen. Da nun von alldem, was in einem Kriege Manur ist, wie angeführt, das Gegentheil geschehen, so kann es sich nur um friedliche Okkupation handeln. Hier fehlt aber das erste Er- fordeiniß: die Zustimmung der Pforte. Diese kann durch das europäi­sche Mandat, welches vom Kongreß der östreichischen Regierung nur auf deren Andrängen und in unbestimmter Weise ertheilt worden, nicht ersetzt werden und ist von der Pforte bisher nicht zu erlangen gewesen. Warum auch sollte die Pforte, zumal nach den aufregenden Kämpfen um Serajiwo, diese Zustimmung ertheilen? Was soll sie dadurch ge­winnen, da die östreichische Regierung doch offen darauf aus geht, Bos nien und die Herzegowina für immer zu annektiren und sich deshalb nie auf eine klare, unumwundene Anerkennung der Souveräne!ät der Pforte einlassen wird? Die Inkorrektheit dieser Politik wirkt demoralisirend weiter. Schon erheben sich Stimmen, auch Serbien ohne jeden plausibeln Grund zu annektiren. Wenn bei dieser Gelegenheit den Serben ihre Sünden von 1848 vorgeworsin werden, so vergißt man absichtlich, daß jene Erhebung ge^en die ungarische Bewegung im Einverständwß mit der Wiener Regierung geschah und daß die Serben damals ossiziell als die Retter der Monarchie gegen die magyarischen Sezessionsgelüste ge­priesen worden sind. Wir werden bald sehen, welche Ausnahme im ungarischen Reichstag die Politik bis Grafen Andraffy finden wird, be­sonders auch vom Standpunkt der Finanzen, da den noch gar nicht zu übersehenden Okkvpations- oder Kriegskosten auch noch ein bedeutender Rückgang der Einnahmen der meisten vom Staate garantirten Eisen­bahn. n zur Seite steht.

Berlin, 4. September. Se. Majestät der Kaiser und Kö­nig nehmen, wieW. T. B." aus Gastein meldet, täglich Bäder, ruhen nach denselben eine halbe Stunde, frühstücken dann und geh n darauf mit drm dienstthuenden Flügeladjutanten gewöhnlich auf dem Kaiserwege spazieren. Das Diner findet täglich um 3 Uhr statt. Der Reichs­kanzler, Fürst von Bismarck, wurde bereits mehrere Male zur Tafel gezogen. Nach Tische unternehmen Se. Majestät täglich eine Spazier­fahrt im offenen Wagen in das Kötschach-Thal. Die Abfahrt von Gastein nach Wilhelmshöhe bei Cassel ist für die Zeit vom 10.15. d. Mts. in Aussicht genomm n, doch ist noch nich's Definitives hierüber bestimmt. Se. Majestät tragen zwar den rechten Arm noch in der Binde, können denselben aber bnm Essen und Schreiben gebrauchen. Die Wirkung des Ausenthaltes in Gastein auf das Befinden Sr. Ma­jestät ist eine ersichtlich gute. (R - u. St.-A.)

Der Kronprinz hat nach eingehender Kenntnißnahme der Pro­zeßakten in Gemäßheit des Spezialberichtes des Justizministers das Gesuch um Begnadigung des wegen Landisverraths zu 2'/rjähriger Ge- sängnißstrafe vcrurlherllen englischen Unterthans Bishop abschläglech be- schieden. Von Seiten der Angehörigen deS in Plötzensee inyaftirten Engländers wurden große Anstrengungen gemacht, eine Begnadigung desselben oder wenigstens die Umwandlung seiner Strafe in Festungs­haft zu bewirken. (Schw. Merk.)

Der Stellverti eter des Reichskanzlers, Graf Otto zu Stolberg- Wernigerode, hat dem Bundesrath den Entwurf einer Verordnung we- gen Ergänzung bezw. Abänderung der Verordnung vom 16. August

1876, betreffend die Kautionen der bei der Militär- und Marinever- waltung angestellten Beamten, zugehen lassen

Der Reichs-Anzeiger meldet:Am 30. v M ist der kaiser­liche Vice- Consul in Petersburg, G. Hauff, am Herzschlage plötzlich ge- storbin. Die dortige deutsche Colonie verliert in ihm eines ihrer an­gesehensten Mitglieder, der kaiserliche Dienst einen bewährten Beamün, dessen Rath insbesondere in allen den Handel und tue Colonie betref­fenden Angelegenheiten von Werth gewesen ist. Sein Verlust wird allseitig schmerzlich empfunden werden."

Posen, 2. Sept, Der volkswirthschastliche Kongreß nahm nach einer eingehenden Berathung folgenden Antrag seines Referenten Braun (Berlin) an: 1) daß Enqueten für volkswirthschastliche Fragen nur von Nutzen seien, turnn sie Thatsachen ermitteln, welche die offizielle Statistik und sonstige Mittel nicht fefifkßen; 2) daß die Frage wegen Ergreifung gesetzgeberischer Maßregeln indeß nur nach dem Interesse der Gesammtheit beantwortet werden könne; 3) daß es zu falschen Schluß­folgerungen führe, die aus Enqueten hervorgegangenen Vorschriften aus­schließlich und unmittelbar für die Gesetzgebung zu beantworten.

Im Jahre 1873 wurden im Reichslande an Knaben unter 17 Jahren 479, 1874 755 und 1875 811 Auswanderungsscheine ertheilt. In fast sämmtlichen Fällen blieben die Angehörigen der jungen Leute in Elsaß Lothringen, so daß außer Zweifel steht, daß es sich um Ent­ziehung von der Militärpflicht handelt. Neuerdings hat jedoch die Zahl der auf solche Weise Auswandernden erhebliche Abnahme erfahren. Auf dem flachen Lande wanderten überhaupt nur Wenige aus, gegenwärtig gehört daselbst Auswanderung zu den Ausnahmen, so daß der Haupt- ausfall bei der Rccrutirung auf Rechnung der Städte kommt. Auch die Zahl der Elsaß-Lothringer, welche nur vorübergehenden Aufenthalt in Frankreich nehmen, um die dortigen höheren Lehranstalten zu besuchen, verringert sich von Jahr zu Jahr. Namentlich werden neuerdiugs nur noch wenige in schulpflichtigem Alter stehende Kinder in die Grenzorte zum Besuch der dortigen Elementarschulen geschickt. Neben der nach und nach gekommenen günstigeren Meinung über die Leistungsfähigkeit der deutschen Schulen mag hierzu wohl auch der Umstand beigeren ha­ben, daß die zurückkehrenden Kinder auf Veranlassung der Regierung einer Prüfung unterzogen und im Falle des Nichlbestehens so lange zu weiterem Schulbesuche angehalten wurden, bis das durch das Gesetz vor- geschritbene Maß von Kenntnissen und damit die Entlaffungsberechtigung erlangt war. (Trib.)

Im Vorarlberger Volksblatt findet sich eine läng-re Korre­spondenz des Trappisten Priors Wendelin Pfanner aus Banjaluka, der wir folgende Stelle entnehmen. Pater Pfänder schreibt am 16. August: Nachmittags zogen die Oestreicher ein, und der General gab die Stadt, d h. die türkischen Häuser und die Kaufsgewöibe, der Plünderung preis. Die östreichischen Soldaten zerbrachen die Gewölbthürest und warfen die Waaren auf die Straße, daß das Volk sie unter sich vertheilte. Wu­cher Jubel unter der Bevölkerung! Es waren von unsern 130 Arbei­tern keiner, der nicht Sachen im Werthe von 10 bis 1(0 fl. und da­rüber nach Hause schleppte. Heute ist Fortsetzung. Nie sah ich be-m Arbeiten unsere Arbeiter so schwitzen, wie gestern und heute. Ich hi.lt ihnen das vor; da sagte mir einer:Ja, Gospodine, du gibst uns in einem Monat nicht so viel, als ich heute schon erobert habe." Alles mögliche, was in solchen KausmannSgewölben sich finden mag, schleppt n sie daher. Zum Theile zogen sie die neuen Anzüge sogleich auf ihre verschwitzten Kleider an. Einer war umgürtet mit einem goldgestickt! n Riemen, an dem ein Säbel eines Beg mit Gold und Edelsteinen hing. Ballen Tuch, Säcke voll Kaffee, Reis, Eisen, kurz Alles trugen sie e n- Hcr. Heute begegNite ich den mit Beute Beladenen schon um 7 Uhr früh, als ich ins Lager zum General ritt, und Manche hatten sich heute schon Wagen verschafft, um das Erbeutete zu führen. Auch Kühe und Kälber führten sie daher. Sie erzählten mir auch, wie die östreichischen Soldaten die Büffel niederstießen, weil man ihnen sagte, die Büffelochsen gehören nur Zinsen zu, und nachdem sie selbe in Stücke zerhauen, gaben sie der Bevölkerung die Stücke, roh und gebraten, ein wahres Volksfest. Aber die Kaufsgewölbe, auf die ein Kreuz gemacht war, schonten sie,