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Freitag den 19. Juli
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Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage, und Samstags mit der Berliner Provinzial-Correspondenz.
Rundschau.
R. F. Schon seit der vorigen Wache lastet die Sorge um Leben und Gesundheit des Kaisers Wilhelm nicht mehr auf Deutschland, denn der KrankheitSzüständ ist von dem erlauchten Greise gewichen und derselbe befindet sich, obwohl die Krästezunahme langsam vorwärts schreitet, im besten Zustande der Genesung. Die so erfreuliche Aussicht in Verbindung mit der friedlichen Klärung der äußeren Politik durch die Vollendung des Congreßwerkes hat Deutschland wieder zu sich selbst kommen lassen. Es gilt dies sowohl von der Regierung wie von der Nation, denn beide haben in den verflossenen Wochen nicht immer mit unbefangenem Auge die Verhältnisse recognoscirt und mit ungeteilter Kraft dem einen großen Ziele, der Erstarkung Deutschlands im Innern, zugesteuert. Wir leben in einer hochwichtigen Epoche unserer inneren Entwickelung, deren erster Theil die am 36. Juli ihren Abschluß erreichende Wahlperiode ist. Mögen alle Factoren, deren Pflicht und Interesse bei dieser wichtigen Bewegung engagirt ist, dabei nicht vergessen, daß sie berufen sind, dem Vaterlande zu dienen und daß man von diesem Standpunkte aus ihr Wirken beurtheilen wird.
Der Reichskanzler Fürst Bismarck hat sich in dieser Woche nach Bad Klssingen begebcn, um nach den anstrengenden Congreßarbeiten dort Erholung zu suchen. Vor der Abreise präsidirle Fürst Bismarck am 15. Juli erst einem Ministerrathe, in welchem außer den laufenden Geschäften auch das Nothwendigste für die Vorbereitung der nächsten Reichrtags-Sefsion erledigt wurde. In dieser Beziehung handelte es sich hauptsächlich um Anträge und Beschlüsse des Bundesrathes und um die Eintheilung der parlamentarischen Arbeiten. Der neue Reichstag dürfte, wie man hört, in der zweiten Septemberwoche einberufen werden. ~ Graf Stollberg, der neuernannte Vicepräsident des preußischen Staatsministeriums ist, wie man erwartete, nunmehr auch zum Vice- kanzler des deutschen Reiches ernannt worden, indem er vom Kaiser mit der allgemeinen Vertretung des Reichskanzlers betraut wurde. — Das Reichsschatzamt »üb demnächst auch in's Leben treten. Dasselbe wird sich vorzugsweise mit dem Reichshaushalt und der Zoll- und Steuergesetzgebung beschäftigen. — Seit dem 18. Juli ist auch die Tabak- Euquetekommission zusammengetreten und hält im Reichskanzleramte Sitzungen ab.
Zu dem wichtigen Gesetze bezüglich einer Abänderung der Gewerbeordnung, welches in der letzten Reichstagssession fertig gestellt wmde, hat der Bundesrath nachträglich einen wichtigen Beschluß gefaßt. Derselbe besagt, daß die deutschen Einzelstaaten, um dem Gesetze eine durchdringende Bedeutung zu geben, auch einheitliche Instruktionen für die Aufsichtsbeamten erlassen und diese so einrichten sollen, daß die Beamten keine Belugniß zum Erlaß polizeilicher Verfügungen erhalten, sondern der Wahrnehmung der ihnen obliegenden Aussicht ihre Aufgabe vornehmlich darin zu suchen haben, durch eine wohlwollend controlirende, berathende und ermittelnde Thätigkeit nicht nur den Arbeitern die Wohlthaten des Gesetzes zu sichern, sondern auch die Arbeitgeber in der Erfüllung der Anforderungen, welche das Gesetz an die Einrichtung und den Betrieb ihrer Anlagen stellt, tacivoll zu unterstützen.
Die Verhandlungen im bayerischen Landtage sind bisher ohne sonderliche Zwischensälle von starten gegangen, indem beide Häuser des Landtages die auf die Ausführung der letzten Reichsgesetze und der inneren Fragen Bayerns Bezug habenden parlamentarischen Arbeiten un- beonstander erledigten. Auch von der Spaltung, welche sich innerhalb der großen bayerischen Patriotenpartei vollzogen hat, wurde bis jetzt in den Landtagssitzungen wenig gespürt.
In der ganzen auswärtigen Politik Europas findet man gegenwärtig den Widerhall von dem in Berlin am Schlüsse der vorigen Woche vollzogenen Friedensvertrage und war man dieserhalb in der publicistischen Welt zunächst bemüht, den Wortlaut des Berliner Ver- träges bekannt zu geben, wobei sich das Tactlose ereignete, daß wahr- peinlich durch Indiskretion gewisser diplomatischen Helfershelfer der Wortlaut des Berliner Vertrages in London und Paris eher durch die Presse veröffentlicht wurde als in der deutschen Hauptstadt, wo der Vertrag unterzeichnet worden war. Doch die Veröffentlichung der einzelnen
Vertragsparagraphen hat ja stur noch einen untergeordneten ^^-da die wichtigen Congreßbeschlüsse längst vorher bekannt geworden sind und Einzelheiten des Vertrages kein allgemeines Interesse haben. _ Das Beste, was uns der Berliner Vertrag geschaffen hat, ist der friedliche Zustand Europas, den auch die ersten diplomatischen Autoritäten vom Congresie sür dauerhaft halten. — Ein imposantes festliches Nachspiel, ttf^wä^ vielfach hoffte, hat der Berliner Congreß in der deutschen Hauptstadt nicht erhalten. Derselbe wurde nur durch ein Galadiner, bei cheiMtzl der Kronprinz den Kaiser vertrat, einfach und würdig geschlossen'. Me traurigen Vorfälle in Berlin mögen die Lust für eine größere Feierlichkeit verscheucht haben, sowie es auch die neuere Diplomatie, zumal die vom Fürsten Bismarck inspirirte, wenig liebt, ihre Thaten durch
Schaugepränge auszuputzen.
Durch den Abschluß des
Berliner Vertrages ist naturgemäß die den Erdtheil bewegenden orjentakiMn
große politische Action in der den Erdtheil bewegenden orientaliMfi Frage bis auf Weiteres beendet worden, aber desto zahlreicher tretest nun die kleinen politischen Fragen, die sich mit der Ausführung d r Congreßbeschlusie beschäftigen, in den Vordergrund, und wird es da ge- w'ß auch manche harte Nuß zu knacken geben. Doch die Türkei istsM Großen und Ganzen sehr gefügig geworden und darf als sicher gelten, daß die Bulgarien, Bosnien, Rumänien, Serbien und Montenegro betreffenden Fragen unter der Aegide Rußlands und Oesterreichs ziemlich rasch und sicher gelöst werden. ' Auch in dem Streite wegen des Zeitpunktes der Uebergabe der Festungen Schumla und Varna dürfte die Pforte bald nachgeben, wenn sie sieht, daß die Russen nicht eher von Konstantinopel adziehen, als bis die türkischen Truppen Schumla und
Varna geräumt haben.
Bezüglich der bosnischen Frage sei noch erwähnt, daß Oesterreich unmittelbar vor der Occupation der betreffenden Ländertheile steht und werden die Occupationstruppen unter dem Oberbefehle des Feldzeugmeister Philippowitsch bei Brod und Koßtainicza in Bosnien einrücken. Etwaige Hindernisse für die Oesterreich er bei der Occupation sind von der Pforte selbst beseitigt worden, indem dieselbe den Einwohnern Bosniens hat bekannt machen lassen, daß die Oesterreicher als Freunde kämen.
Der Lord of Beaconsfield ist bei seiner Rückkehr vom Congrgß in London sehr begeistert empfangen worden, woraus hervorgeht, daß die Engländer mit ihrer Beute im Orient, der Insel Cypern, recht zufrieden sind. Sie können ja auch von der bereits durch englische Truppen besetzten Insel aus alle wichtigen Punkte des vorderen Kleinasiens und auch den Suezkanal beherrschen. Das Protektorat, welches England mit der Erwerbung Cyperns über die türkischen Besitzungen in Kleinasien übernommen hat, scheint der Anfang für eine vollständige englisch-türkische Bundesgenoffenschast zu sein, durch welche England natürlich nur den größten Vortheil für seine Handelsinteressen im Oriestr erwirbt. Rußland schaut bezüglich des englisch-türkischen Bündnisses recht sauer drein, denn dieses Bündniß ist, da es hauptsächlich Kleinasien angeht, offenbar gegen ein weiteres Vordringen Rußlands KM Asien gerichtet. Im Grunde genommen gehört der Streit EnglanW» und Rußlands über die Oberherrschaft in Asien aber nicht zur orien- j talischen Frage und beide Staaten mögen diesen Streit auch für sich und allein ausfechten. Bezüglich der Orientfrage dürfte Rußland zu- « frieden sein können, denn wenn auch die ehrgeizige» Träume Rußlani^ nicht in Erfüllung gegangen sind, so hat es sich doch nicht nur durch den Berliner Vertrag einen maßgebenden Einfluß auf Bulganen er- - worden, sondern es erhält auch ein Stück Bessarabien am Unken Donau- Ufer, sowie in Armenien die Gebiete von Ardahan, Kars und Batum.
In Frankreich und Italien ist man nachträglich auf dre famofe Idee gerathen, daß beide Staaten auch ihren Antheil im DrRnt j. Br die Länder Tunis und Tripolis erhalten möchten, damrt man in Paris und Rom den «erger über die Erwerbung Cyperns durch England ver- gessen könne. Mit einer derartigen Ländervertheilung en gros wird sich die Politik der Großmächte wohl schwerlich befassen und wenn Italien und Frankreich gar so großen Appetit nach Ländern im Orient verspüren, so werden sie sich wohl selbst die betreffenden Länder erobern