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Donnerstag den 27. Juni.
1878.
Tagesscham Griechenland. (A- d. Sckw. Merk )
Von den kleinen Mächten, welche den Kongreßtisch umlagern, oder wie ein Witzblatt unhöflich spottet, am Katzentische des Kongresses sich niedergelaffen haben, nimmt Griechenland eine bevorzugte Stellung ein. Es ist unter den kleinen der größte; nicht der Ausdehnung, aber dem Range nach. Es hat die Selbstständigkeit längst erlangt, die den anderen erst jetzt zu Theil werden soll, und eine Königskrone schmückt den jeweiligen Träger der hellenischen Landesherrlichkeit. Zwar wird auch Griechenland nicht zugelassen, wo die Großen über die Geschicke der östlichen Welt entscheiden, aber eS wird doch seine Zulassung wenigstens diskmirt. Man wird es vielleicht zu den Sitzung»n beiziehen, aber nur, wenn gerade einschlägige Gegenstände auf der Tagesordnung stehen; man wird seinen Vertreter zulassen, aber nur mit berathender, nicht mit beschließender Stimme. Die Hoffnungen, mit denen die Hellenen, auf die heißen Freundschaftsversicherungen Englands bauend, dem Kongreß entgegensahen, mögen unter diesen Umständen sich wohl wieder etwas gedämpft haben. Möglich, daß ihnen ein Streifen Landes zugebilligt wird, großmüthig wird ihnen derselbe nicht zugeschnitten werden. Und selbst wenn der Landgewinn unerwartet reichlich ausfallen sollte: von einer eigentlichen Lösung des griechischen Problems ist diesmal nicht die Rede und kann nicht die Rede sein. Nichts aber kennzeichnet den lediglich provisorischen Charakter des FriedenswerkS, an dem der Kongreß jetzt arbeitet, augenscheinlicher als der Umstand, daß er die griechische Frage für jetzt ungelöst lassen muß. Ueber nichts ist die ganze gesittete Welt so einig, als daß die Griechen ein Recht auf ihre staatliche Vereinigung haben, und daß ihnen dieses Recht auf die Länge schlechterdings nicht vorenthalten werden kann; ja noch mehr, Jedermann sieht ein, daß gerade durch ein starkes hellenisches Staatswesen der beste Schutzdamm gegen das Umsichgreifen der slavischen Propaganda und damit gegen Rußlands Ausdehnungstrieb aufgerichtet würde. Und dennoch sieht sich der Kongreß in der Nothwendigkeit, diese gerechtesten aller Ansprüche zurückzuweisen, weil er den Auflösungsprozeß, in dem die Türkei begriffen ist, nicht selbst noch mehr beschleunigen kann, als das bereits durch den russischen Krieg und den Stefanofrieden geschehen ist. Die Mächte können nicht Rußland Halt gebieten und gleichzeitig selbst an die Zerstückelung der Türkei sich machen. Wahrscheinlich wäre die Lage der Griechen auch dann nicht viel anders, wenn sie beherzter zugegriffen hätten, anstatt die Waffen wegzuwerfen und vertrauensvoll rn bte Arme Englands sich zu stürzen. Die Mächte haben für diesmal SEg mit den Balkanländern zu thun: Athos, Pindos und Olymp müssen sich noch gedulden. Die letzte Erschütterung des Osmanenreichs galt den Bulgaren, die nächste wird den Hellenen gelten. Wie lange aber die wohlthätige Pause zwischen beiden dauern soll, daS steht bei der Weisheit des KongreffeS.
~ Berlin, 26. Juni, 10 Uhr Norm. Die Kräfte Sr. Majestät des Kaisers und Königs haben sich ungeachtet der großen Hitze in dem Grade gehoben, daß Allerhöchstderselbe ohne jegliche Unterstützung, den rechten Arm in der Tragekapsel, in der linken einen Stock haltend, «n Zimmer umhergehen konnte. Dr. v. Lauer. Dr. v. Langenbeck. Dr. Wilms.
— Berlin, 25. Juni. Seitdem wegen der bulgarischen Grenzen "ue Verständigung zwischen den direct betheiligien Mächten erzielt wurde, welche durch die gestrige Sitzung keineswegs gestört, vielmehr weiterhin entmckelt wurde, steht mau, nach der „Köln. Ztg ", die auf die euro- sia.sche Türkei bezüglichen Fragen als im Wesentlichen und grundsätzlich geordnet an. Man erwartet wenigsten- keine erheblichen Hindernisse mehr. Förmliche Beschlüsse sollten gestern noch nicht gefaßt gewesen stln. Man wollte sie heute oder in den nächsten Sitzungen vorhersehen. Baß es sich jetzt namentlich um die Grenzen der Bulgarei handelt, wird allseitig bestätigt. Der Congreß wird, wie oft bemerkt, Grundprinci- Pün ausstellen und die Regelung des Einzelnen späteren Conferenzen
und Commissionen überlassen. Bei der gestern erwähnten Localmiliz für Rumelien soll, wie es scheint, die Religion nicht nur der Mehrheit der Bevölkerung, sondern der Bevölkerung überhaupt, also gleichsam nach Procentsätzen, berücksicht werden. Wenn der voraussichtlich christliche, vom Sultan im Einverständniß mit den Mächten ernannte Gouverneur Rnmeliens für die Berufung türkischer Grenztruppen bei drohendem Krieg oder Aufruhr Rechenschaft ablegen soll, so ist die Instanz, wo das geschehen soll, noch nicht klar erkennbar. Doch war eine europäische Controle in irgend einer Form stets vorgesehen. Zum wenigsten würde diese durch die Vertreter der Mächte in Konstantinopel stattfinden, welchen gegenüber der Sultan verantwortlich wäre. Was Ihnen von anderer Seite über ein russisches Zugeständniß im Westen des Balkans zu Gunsten Oesterreichs geschrieben wird, bezieht sich vielleicht auf die Aenderung der serbischen West" und der montenegrinischen Nordostgrenze, so daß die Eisenbahn nach Salonichi ganz durch türkisches Gebiet führen würde. Auf die Bedeutung des letzteren Punktes macht auch eine anscheinend unterrichtete wiener Correspondenz der Neuen Preußischen Zeitung von heute Abend aufmerksam. Dagegen wäre die Occupation Bosniens durch Oesterreich, welche Rußland mehrfach angeboten, schwerlich ein Zugeständniß des letzteren. Es sind noch immer Anzeichen vorhanden, daß eine solche Besetzung im Einverständniß mit der Pforte und England und im Auftrage des Congresses nicht ausgeschlossen ist. Die Türkei, heißt es, könne das getrennte Bosnien doch nicht mehr halten und werde dann ihre Truppen besser in dem ihr verbleibenden Besitzthum concentriren sönnen. Es ist das ein Argument nach so vielen anderen zur Beschönerung einer Sache, die Oesterreichs wirkliches Interesse auf die Dauer nur schädigen kann. — Die Türkei soll jetzt nachgiebiger gestimmt sein. Doch wird sie über die Grenzen des Vertrages von San Stefano aus begreiflichen Gründen nicht hinausgehen, sich deßwegen auch der Verwirklichung der griechischen Wünsche wahrscheinlich widersetzen. Es ging ein Gerücht, die Türken wären von den Zugeständnissen Rußlands gegen England nicht befriedigt; sie wollten die westliche Küste des Schwarzen Meeres bis zur Donau behalten und da'ür die Schleifung von Varna und Schumla anbieten. Das erstere hat natürlich keine Aussicht, zumal das Projekt nicht einmal bei England Unterstützung finden soll. — Auch die Times nennt heute die Frist von neun Monaten für die Räumung der Bulgarei durch die Ruffen. Nach unsern gestern gemeldeten Nachrichten sollte sich das aber auf die Nordbulgarei beziehen für Rumelien dagegen eine kürzere ins Auge gefaßt sein. — Von der russischen Transaction wegen Rumäniens hat Näheres nicht verlautet, vielleicht weil die rumäniscken Delegirten zur Erörterung derselben nicht ermächtigt sind. — Es scheint richtig, daß die Pforte alle Grenzen befestigen kann, was namentlich für den Balkan und das Meeresufer seine Bedeutung hat. — 26. Juni. Man bestätigt unS, daß der Name der Südprovinz wahrscheinlich Ost-Rumelien sein wird. Mehrere von der Times mitgetheilte Punkte, namentlich waS Griechenland, angeht sollen verfrüht sein und noch der Bestätigung bedürfen. Man hört außerdem, Ost-Rumelien werde auch eine Art lo- caler Volksvertretung als Beirath des für eine bestimmte Reihe von Jahren ernannten Gouverneurs, so wie unversetzbare Richter und ähnliche Garantien erhalten. Ueber die angebliche europäische Controle ist Näheres nicht bekannt Jedenfalls würde sie nicht in dem Sinne, wie Rußland sie verlangte, stattfinden. Auffällig ist die Bestimmtheit, mit welcher die Times die Occupation oder Annexion Bosniens und der Herzegowina durch Oesterreich in irgend einer Form als bestimmt in Aussicht genommen ankündigt. Hier gingen bekanntlich unausgesetzt Gerüchte von einem solchen Plan, der im Einverständniß mit der Türkei und England so wie im Auftrage des Congresses sich verwirklichen oder doch sich anbahnen solle. Die rumänischen Delegirten haben gestern dem Congreß eine Denkschrift zur Wahrung ihrer Rechte mitgetheilt.
— Berlin, 26. Juni. (Köln. Ztg.) Gestern soll festgestellt worden sein, daß die Türkei ihre Truppen an den Grenzen Oftrume- lien» caserniren und selbst verpflegen muß, auch Etappenstraße benutzen kann; daß Glaubensfreiheit für alle B.kenntnisse in der Bulgarei und Ostrumelieu herrschen soll; daß die bestehenden Handelsverträge auch