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Zugleich Amtliches Organ für Kreis und Stadt Hanau.
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M 128.
Montag den 3 Juni.
1878.
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Es wird hierdurch zur öffentlichen Kenntniß gebracht, daß durch Verfügung Königl. Regierung, Abtheilung des Innern zu Lasset, vom 20. d. M. das Pflegegeld für Erziehung verwahrloster Mädchen aus armen Gemeinden in der mit dem Diakonissenhause zu Treysa verbundenen Erziehungsanstalt auf den Betrag von 150 Mark festgesetzt worden ist.
Hanau am 29. Mai 1878.
Serie rett: Ein Spazierstock mit silbernem Knopf und Verzierungen.
Gefunden: Ein weißes Taschentuch. Ein gelber Strohhut.
Zugelaufen: Ein kleiner Pinscher, W. Geschl. Ein junger schwarz und weißer Hund, m. Geschl.
Hanau am 3. Juni 1878.
Königliches Landrathsamt.
Das zweite Attentat.
(A. d. Drusch Montags-Blatt.)
Mitten in den furchtbaren Schmerz, welchen das entsetzliche Unglück des „Großen Kurfürst" in allen Kreisen der Nation wachgerufen hat, trifft eine neue Entsetzensthat, an die wir kaum glauben könnten, wenn nicht unsere eigene Stadt der Schauplatz des wahnwitzigen Verbrechens gewesen wäre. Kaiser Wilhelm, der hoheitsvolle Greis, der das deutsche Volk in großen Schlachten zu unvergänglichem Ruhm und über die Siege hinweg zur langersehnten Einheit geführt hat, Kaiser Wilhelm, zu dem in diesem Augenblicke die ganze civilisirte Welt als dem sichersten Horte des Friedens aufblickt, Kaiser Wilhelm ist binnen wenigen Tagen heute zum zweiten Male das Opfer eines niederträchtigen Attentats geworden. Vor dem Fenster, an welchem die Zeilen geschrieben, werden, rottet sich das Volk zusammen und will's nicht glauben und verlangt instinktiv, wir sollen das Gerücht Lügen strafen, wir sollen ihm zurufen : „Es ist nicht wahr! Es hat sich kein zweiter Bube gefunden, um, nicht weit von der Stelle, an welcher vor Kurzem die frenetischen Jubelrufe des Volkes die Rettung des Kaisers feierten, wieder nach dem geweihten Haupte zu zielen! Dem deutschen Volke ist die Schmach nicht erspart geblieben, einen zweiten verthierten Menschen U schnell zu müssen! — Das Gerücht ist wahr! Die einzelnen Nachrichten über die Greuelthat selbst finden unsere Leser unten zusammengestellt. Uns würde obliegen, ein Wort der Beruhigung, der Aufklärung, des Verstehens hinzufügen. Wir können es nicht. Ein Schimpf ist auf unser Volk gefallen und Niemand kann sich dieses Gefühls erwehren. Selbst dann, wenn, wie wir hoffen, auch die es — Geschöpf nur ein Einzelner unter Millionen ist, selbst dann stehen wir unter den Staaten Europas mit einem furchtbaren Makel da. Wenn das letzte Mitglied einer Familie eine Schandthat begeht, so trifft der Schlag das ganze Haus, die Verwandten sind in Trauer versetzt durch das Werk Einen So hat ein letztes, erbärmlichstes Mitglied der deutschen Nation sich mit dem scheußlichsten Verbrechen befleckt, und die ganze Nation, wie sie mitgetroffen ist, ist auch mitgeschändet durch die Unthat. Der 2. Juni ist ein Trauertag für Deutschland.
Ein zweites Attentat auf den Kaiser ist heute Nachmittag zwei Uhr zehn Minuten ausgeübt worden, als derselbe seine Spazierfahrt nach dem Thiergarten unternahm. Die That geschah Un- ' den Linden. Aus dem Hause Nr. 18 dortselbst (Restaurant ^usch) feuerte vom zweiten Stock heraus vom Fenster über den Bal- ‘on kin junger elegant gekleideter Mann zwei Schüsse ab, dieselben 6a« mit Den Kaiser in die linke Wange und die linke Schulter verletzt. Der leichenblaß und lehnte sich zurück; der Diener sprang Z putzte den Kaiser und hielt demselben das Taschentuch an die yrM Wange. Die kaiserliche Equipage kehrte sofort ins Palais „ n,^r Thäter machte nach dem Abfeuern der Schüsse einen Selbst- «hn»f \XV$ ""d soll auch auf den Restaurateur Busch einen Schuß * gefeuert haben. Dieser war am Hals- und Rockkragen von Blut
| überströmt, als er von einem Polizeilieutenant im Hause Nr. 18 ver- i nommen wurde.
Der Thäter ist ein Dr. Nobiling vom landwirthschaftlichen Institute in Halle, der kürzlich eine Anstellung im landwirthschaftlichen Ministerium hier nachgesucht hat, aber abschlägig beschieden wurde.
Der Kaiser ist in der Wange und an der Schulter verletzt. Das erste Gutachten über den Zustand des Kaisers lautet: anscheinend nicht bedenklich. Man scheint aber dem Volke nicht die ganze Wahrheit zu sagen, da auch der Mantel, wie zuverlässige Zeugen versichern, stark durchlöchert ist.
Dagegen hat nach Mittheilung des Kammerherrn v. Senden der Kaiser an dreißig Schrotkörner in Haupt und Schulter fitzen. Bis jetzt sind dem Kaiser fünf Schrotkörner aus dem Gesicht und drei Schrotkörner aus der linken Schulter gezogen worden. Der Kaiser nahm nach einer Viertelstunde auf Verordnung des Arztes eine Tasse starken Thees. Es sind die Aerzte Dr. Lauer, Wilms, Langenbeck rc. beim Kaiser.
Sofort nach dem Attentat erschienen im Palais: General von Al- vensleben II., Herr von Oubril, General Reutern, der Chef der Admiralität von Stosch, Finanzminister Hobrecht, der türkische Botschafter, Justizminister Leonhardt. Hunderttausende umlagern das Palais in tiefem bedrückten Schweigen. Es wurde sogar der verständige Wunsch laut: „Laßt uns auseinander gehen, denn unser Kaiser bedarf der Ruhe."
Eine unbeschreibliche Aufregung und Wuth bemächtigte sich des Volkes, als der schwerverwundete Mörder um 2 Uhr 20 Minuten int Polizeiwagen aus dem Hotel Busch nach der Charitö gebracht wurde. Die Polizei mußte vorsichtshalber den Wagen in Den Flur des Hauses Unter den Linden 18 einfahren lassen. Bei der Abfahrt wollte man Wagen umstürzen und den Attentäter steinigen; fast wäre dieser Akt der Volksjustiz gelungen, wenn nicht die SchutzmLNnschaft zu Pferde mit eigener Lebensgefahr die Andrängenden zurückgeworfen und den Wagen eskortirt hätte.
Nachtrag. Unmittelbar nach dem Attentat stürzten einige Offiziere und der Hotelbesitzer Holtfeuer vom Linden-Hotel in das im zweiten Stockwerk belegene Zimmer, welches Dr. Nobiling schon seit 4 W ochen inne hatte. Sie erbrachen die festverrammelte Thür und wurden mit einem Revolverschuß empfangen, der den Hotelbesitzer Holtfeuer ins Kinn traf, so daß er blutend zusammensank. Ein Ulanen- osfizier entwaffnete aber sofort den Attentäter. Bei dem Ringen um die Waffe entlud sich der Revolver noch einmal und traf Nobiling — nach dieser Version — mit einem Streifschuß.
Stabsarzt Dr. Krüger wurde sofort gerufen, um dem Verwundeten die erste Hilfe zu leisten. Der Schuß auf den Kaiser erfolgte nicht mit dem Revolver, sondern mit einer Flinte, Deren Tragriemen von einigen Vorübergehenden, wie sie nachträglich versichern, schon kurze Zeit vor dem Attentat am Fenster bemerkt worden sein soll.
Der Schuß erfolgte aus dem sechsten Fenster des zweiten Stocks. Eine schlecht gekleidete Frau, welche sich unten befand, soll anscheinend ein Signal nach oben gegeben haben, als der Kaiser sich näherte, kurz darauf erfolgte der Schuß; die Frau soll, wie es heißt, • verhaftet worden sein.
Zweiter Nachtrag. Die glücklicher Weise nicht gefährliche Verwundung des Kaisers ist nach gutem Vernehmen folgende: 7 b s 8 Schrotkörner, Kaliber Nr. 3 und 4, haben den Kaiser getroffen und einfache Fleischwunden hervorgerufen. Sie haben die Schläfe gestreift, die Wange durchbohrt ohne schwere Beschädigung und leicht in den Hals gedrungen. Zwei Schrotkörner scheinen im Handgelenk zu stecken, einer im Arm. Die Wunde im Arm blutet sehr stark. Der Kaiser blieb bei voller Besinnung. Geh. Rath Langenbeck bezeichnet Die Verwundungen als durchaus ung jährlich.
Dritter Nachtrag Der Attentäter heißt Carl E Nobiling, will Schriftsteller sein und will als solcher längere Zeit in Dresden gewohnt haben, wo er publizistisch thätig gewesen sein soll. Das Zimmer, das er bewohnt, war einfach möblirt. Nobiling ist ein kleiner, untersetzter Mann, mit einem rothen vollen Backenbart, der