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stehen. ES ist die Rechtsanwaltsordnung und das Gerichtskostengesetz. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung ist jedoch ferner auch das Ge- Werbeordnungsgesetz, welches hoffentlich dazu beitragen wird, das Verhältniß zwischen Arbeitgeber und Arbeiter besser zu gestalten. Lückenhaft ist das Stellvertretungsgesetz des Reichskanzlers bis jetzt geblieben und bezüglich der Steuerreform blieb man mit der Tabaksenquete auf halbem Wege stehen. Die Arbeiten der nächsten Reichstagssession werden hoffentlich in dieser Beziehung bessere Resultate zu Tage fördern.
Ueber das Bleiben oder Gehen des preußischen Cultusministers Falk, welches ohnstreitig von großer Bedeutung für die weitere Gestaltung der kirchlichen Verhältnisse in Deutschland ist, scheint Niemand eine bestimmte Auskunft geben zu können und man möchte fast behaupten, daß die ganze Affaire in ein mystisches Halbdunkel gerückt ist. Denn nachdem man keine anderen stichhaltigen Gründe für das Abschiedsgesuch des Cultusministers Falk finden konnte, kommen jetzt Nachrichten aus Berlin, daß der Kaiser selbst mit dem Cultusminister Falk principielle Differenzen in den kirchlichen Angelegenheiten gehabt habe. Es ist selbstverständlich nicht möglich auf diesen delikaten Punkt hier näher einzugehen.
Die Orientkrisis hat nun doch eine unerwartete Wendung genommen. Die Mission des Grafen Schuwaloff ist nicht ohne Erfolg gewesen. Rußland hat die Präliminarforderungen Englands angenommen und dieses scheint auch Rußland einige Concessionen gemacht zu haben. Das diplomatische Resultat gipfelt augenblicklich darin, daß Rußland bereit ist, den ganzen Vertrag von San Stefano einem europäischen Congresse vorzulegen und von diesem diskutiren zu lassen, und daß der Congreß wahrscheinlich schon am 11. Juni in Berlin zusammentreten wird. Sämmtliche betheiligten Mächte haben auch, nachdem die Hauptschwierigkeit zwischen England und Rußland gehoben worden ist, ihre Zustimmung zum Congresse gegeben. Die Friedensströmung ist daher jetzt vollständig obenauf, doch möchten wir trotzdem vor allzu optimistischen Auffassungen der Lage warnen, denn der vielleicht ehrliche Wunsch, daß man sich auf einem Congresse verständigen will, bürgt noch nicht für einen friedlichen Ausgleich selbst.
Die Wünsche und Forderungen Englands bezüglich der Orientfrage werden nach den Concessionen Rußlands bereits von officiösen Organen der englischen Regierung kund gegeben. Im Norden des Balkan würde man demnach ein Bulgarien schaffen, welches dem russischen Einflüsse überlassen bliebe, im Süden des Balkans soll die Pforte die Autorität behalten. In Asien würde Kars unzweifelhaft bei Rußland bleiben uns wahrscheinlich auch Batum und Ardahan. Ferner dürfte England zugeben, daß Rußland sich durch Gebietsabtretungen von der Pforte für feine Kriegskosten entschädigen läßt, dagegen verlangt jedoch auch England für sich eine neue vortheilhafte Stellung in den türkischen und griechischen Gewässern zur Sicherung seiner Interessen im Orient. Man sieht daraus, daß England auch Gebiet erwerben will und wenn es auch nur emige Inseln im ägäischen Meere sind.
In dem Augenblicke, wo England und Rußland einem friedlichen Ausgleiche der Orientkrisis näher getreten sind, darf es nicht Wunder nehmen, daß auch Oesterreich eine festere Haltung annimmt. Oesterreichische Truppen haben die türkische befestigte Donauinsel Adakaleh besetzt, und obwohl dies mit der Einwilligung der Türkei geschehen sein mag, so kann man sich diesen Schritt Oesterreichs doch fast nicht anders denken, als den Anfang zu weiteren österreichischen Actionen. Außerdem verlangt der österreichische Kanzler Andrassy von den Parlamenten zu Wien und Budapest eine schleunige Beschaffung des Sechzig- Millionen- Credits und heißt es, daß der Graf Andrassy seine Forderung aus der gegenwärtigen politischen Lage begründen werde.
Tie französische Regierung hat hinsichtlich der Voltairefeier beschlossen, jede äußere Kundgebung, sowie auch die für den 30. d. M. beabsichtigte Feier zum Andenken an die Jungfrau von Orleans zu untersagen. Die von der Regierung beabsichtigte nationale Feier, für welche von der Kammer ein außerordentlicher Credit von 500,000 Francs verlangt worden ist, wird wahrscheinlich Mitte Juni stattfinden. Die Feier soll zwei Tage dauern und mit der angekündigten großen Revue verbunden werden.
In Italien herrscht jetzt ziemliche Mißstimmung gegen die französische Regierung, da diese den Verhandlungen bezüglich der Wiederer- Neuerung des abgelaufenen italienisch-französischen Handelsvertrages ähnliche Schwierigkeiten entgegensetzt, wie seiner Zeit Oesterreich gegenüber Deutschland. In den italienischen Regierungskreisen droht man daher Repressivmaßregeln gegen Frankreich in der Gestalt von allgemeinen Tarifen und Differentialzöllen zu ergreifen, in der Hoffnung, die französische Regierung durch diese Drohung zum Nachgeben zu ^zwingen. Die Handelsverträge mit Oesterreich und der Schweiz sind bis zum 30. Juni d. J. verlängert worden.
In Dänemark greift die Regierung nach Maßregeln, welche im dänischen Königreiche das Mißbrauchen des öffentlichen Vertrauens seitens der privaten Geldinstitute verhindern sollen. Zu diesem Behufe wird die Regierung im Herbste dem dänischen Reichstage ein Gesetz vorlegen, welches genaue Vorschriften gibt über die Einrichtung der
Controle von Actrengesellschaften, Banken u. s. w. Man hofft dadurch eine Catastrophe, wie sie im deutschen Reiche in den Jabren 1872 und 1873 stattfand, in Dänemark unmöglich machen zu können.
Tagesscha»,
Berlin, 31. Mai. Gestern wurde der Abschluß der Verhandlungen in London erwartet, wahrscheinlich die Unterzeichnung einer Punctation, welche man denn doch für nöthig erachtet hätte. England sollte noch Vorbehalte wegen einiger Puncte gemacht haben, bezüglich deren Schuwaloff nach Petersburg telegraphiern mußte. Von der Ein- ladungsformel hatte nur erst im Entwurf verlautet, die definitive Redaction war noch nicht bekannt Auch gestern Abend hatten Unterricht tete noch nicht vernommen, daß die Unterzeichnung der Punctation, die vielleicht zu einem Austausch von Noten zwischen England und Ruß- land führen wird, in London erfolgt wäre, und so war auch über die Einladungen noch nichts Sicheres festgestellt.
Berlin, 31 Mai. (Köl. Ztg, Amtlichen Nachrichten zufolge sind von der Mannschaft des Großen Kurfürsten 300 ertrunken, 200 gerettet. Das Panzerschiff König Wilhelm ist schwer beschädigt; das Vordertheil ward mit Segeln und Hängematten verstopft. Die englische Küstenwache leistet Beistand, so viel möglich. Die englische Admiralität schickt Schiffe zur Hülse und stellte das Dock zu Portsmouth zu Ver- fügung.
Bei dem Zusammenstöße der beiden deutschen Panzerschiffe sind gerettet von den Officiereu Graf v. Monts, Krokisius, Junge, v. Frantzius, Foß, Stubenrauch, Meyer, Wagner, Schnars, Retzlaff, v. Bierbrauer, Hüsker, Gaffly, Schütte, Schnakenburg, Habermaas, Ahrends, Schiieber, v. Galen, Schmidt, Becker, Schröder, Beckers und ltO Mann.
— Um diejenigen Baumeister, welche die Prüfungen für den Staatsdienst im Bau- und Maschinenfache abgelegt haben, von den nicht geprüften Technikern unterscheiden zu können, sollen, uach einer Bestimmung des Handels-Ministers vom 20. d Mts., in Abänderung des §. 13 der Prüfungsvorschriften vom 27. Juni 1876 fortan die auf Grund solcher Prüfungen zu ernennenden Baumeister und Maschinenmeister zu „Regieruns-Baumeister" resp. „Regierungs-Maschinenmei- ster" ernannt werden. Auch sind bereits ernannte Baumeister und Maschinenmeister ermächtigt worden, sich als „Regierungs-Baumeister" und „Regierungs-Maschinenmeister" zu bezeichnen.
Weimar, 29. Mai. (Leipz Ztg.) Nach einer sehr erregten Debatte, in welcher für die Zuweisung des Neustädter Kreises zum Landgericht Weimar, eventuell für die Einrichtung eines einzigen Landgerichts für das ganze Großherzogthum lebhaft plaidirt wurde, hat der Landtag heute den mit dem Fürstenthum Reuß j. L abgeschlossenen Vertrag über Errichtung eines gemeinschaftlichen Lmdge- richts zu Gera mit einigen Modifikationen mit 18 gegen 13 Stimmen genehmigt und ist darauf bis zum nächsten Herbst wieder vertagt worden.
Eisenach. Ein schrecklicher Borfall ereignete sich am Mittwoch in Satzungen. Der Schuhmacher Wehner, Vater von 4 Kindern, 3 Mädchen von 12, 9 und 7 und einen Knaben von 3 Jahren, ließ m Folge Nahrungssorgen seine Frau die Köpfe von Schwefelhölzcherr in Kaffee abkochen und trank denselben mit seiner Familie. Das jüngste Kind schlief und wurde beim Trinken des Kaffee's Übergängen. Als bei ihm (dem Vater) der Trank nicht wirkte, erhängte sich derselbe. Die 3 ältesten Kinder liegen todt krank darnieder und'die Mutter, bei welcher ebenfalls der Trank nicht gewirkt hat, wurde Freitags früh verhaftet. Das jüngste Kind ist wohl.
— München, 30. Mai. (Köln. Ztg.) Auf der heute Statt gr- fundenen Delegirtenversammlung des baierischen Landesvereins für katholische Reformbewegung waren die Gemeinden München, Kempten, Straubing, Dachau, Simbach, Nürnberg, Baireuth, Erlangen, Würz- burg vertreten. Nach eingehender Berathung wurde der Beschluß fest- gestellt, die Delegirtenversammlung könne nach der gegenwärtigen Lage der baierischen Gesetzgebung einem auf Aufhebung des CölibalgesetzeL gerichteten Anträge auf der Synode nicht zustimmen.
— Paris, 30. Mai. Mit Ausnahme der äußeren Stadttheile wurden heute nur einige Fahnen in den Straßen erblickt. Die Kundgebungen an der Statue der Jeanne d'Arc unterblieben. Die Voltaire- Feier im Circus Myers und im Gaitä-Theater verlief ruhig und ohne Zwischenfall, doch zeigte sich unter den Anwesenden große Begeisterung; auch die Kirchen waren heute sehr besucht und es fanden viele Sommic» nionen Statt.
Paris, 30 Mai. (R. u. St.-A.s D'e Jahrhundertfeier Voltaire's ist heute allein durch zwei literarische Festlichkeiten, die eine im Theatrs Gatte, die andere im Cirque Myers, begangen worden. Die Feier verlief ohne bemerkenswerthen Zwischenfall. Victor Hugo hielt eine Rede, in welcher er Voltaire als Freund der Gerechtigkeit und als Feind des Fanatismus feierte.
London, 30 Mai. Die Bank von England hat heute den Diskont von 3 auf 212 % herabgesetzt.
— London, 31. Mai. Der „Advertiser" erfährt, die Unterhand-