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M 121. Freitag den 24, Mai. 1878.
Amtliches,
Der Tagelöhner Johannes Dorn von Oberzell, 42 Jahre alt, hat sich von hier entfernt und seine beiden Kinder von 12 und 8 Jahren zurückgelassen. — Es wird um gefällige Recherche und Mittheilung des zeitigen Aufenthalts desselben ersucht.
Hanau am 21. Mai 1878.
Der Landrath.
Wochenschau.
R. F. Das öffentliche Interesse im Deutschen Reiche wird gegenwärtig vollständig durch die Gesetzvorlage, welche Maßregeln gegen socialdemokratische Ausschreitungen enthält, in Anspruch genommen. Die Autorschaft für diese Gesetzvorlage ging vom Königreiche Preußen aus und ist über dieselbe bereits im Bundesrathe beschlossen worden, indem dieser die Vorlage mit geringen Umänderungen annahm. Einstimmig wurde die Vorlage jedoch nicht vom Bundesrathe genehmigt, denn die Bundesrathsmitglieder der Staaten Hessen, Hamburg, Bremen und einige andere stimmten gegen den Gesetzentwurf. Ueber das Schicksal der Vorlage im Reichstage, an welchen dieselbe bereits gelaugt ist, gehen die Meinungen noch sehr auseinander. Es scheint uns, daß der Gesetzentwurf bezüglich der Maßregeln gegen die socialdemokratischen Ausschreitungen entweder vom Reichstage abgelehnt oder nur mit geringer Mehrheit modificirt angenommen werden wird.
Außerdem beschäftigte den Reichstag in den letzten Sitzungen im hohen Grade der Rest der Gewerbeordnungsnovelle, welche schließlich durch eine Gesammtabstimmung genehmigt wurde. Das Gewerbegerichtsgesetz scheiterte jedoch, da in der Commission keine Einigung über den streitigen Paragraphen erzielt worden war. Die Rechtsanwaltsordnung wurde mit den modificirten Lasker'schen Amendements vom Reichstage angenommen, ebenso genehmigte derselbe das Gerichtskostengesetz. Die ebenfalls wieder in Berathung gezogene Tabaksenquete wurde nach den Beschlüssen in zweiter Lesung mit geringer Mehrheit vom Reichstage angenommen. Außerdem wurden mehrere kleinere Vorlagen bezüglich des Servisgesetzes, des Spielkartenstempels u. s. w. in dritter Lesung erledigt.
Bezüglich des Entlassungsgesuches, welches der preußische Cultus- minister Falk bereits vor einiger Zeit eingereicht hat, liegt noch keine Entscheidung vor. Als Ursache des von Falk gewünschten Abschieds wird nachträglich angegeben, daß derselbe sich geweigert habe, einem Paragraphen zum Strafgesetzbuche, welcher von der preußischen Regierung wiederholt beantragt werden soll, seine Zustimmung zu gewähren.
In Berlin ist eine seltene Gesandtschaft angekommen. Der Kaiser von Marokko hat an den Kaiser Wilhelm eine außerordentliche Gesandtschaft gesandt, welche eine Menge Geschenke und ein Handschreiben des Kaisers von Marokko an unseren Kaiser überreichte. Marokko sucht die Freundschaft Deutschlands und will gern einen Handels- und Schifffahrtsvertrag mit dem Deutschen Reiche abschließen. Ein derartiger Vertrag wird daher wohl demnächst zu Stande kommen, da es für die deutsche Schifffahrt von großem Vortheile ist, an der nordafrikanischen Küste vertragsmäßige Rechte genießen zu können. Es ist auch die Rede davon, vielleicht aus diese Weise einige Kohlenstationen für die deutsche Flotte im Mittelmeer zu erhalten.
Angesichts des drohenden russisch-englischen Krieges treffen die Ostseemächte unter der Hand doch Vorsichtsmaßregeln für den Fall, daß ein Seekrieg auf der Ostsee entbrennt. Die deutsche Panzerflotte bleibt für diesen Sommer in Kiel und Wilhelmshaven stationirt und wird ihre Evolutionen nur in der Ost- und Nordsee vornehmen, um nöthigen- falls die Neutralität der deutschen Küsten aufrecht zu erhalten. Die dänische Regierung hat ähnliche Vorkehrungen getroffen, indem sie ihre Kriegsschiffe im Hafen von Copenhagen stationiren läßt und ein Heer von 30,000 Mann auf der Insel Seeland zu concentriren ged<nkt. Auch im schwedischen Reichstage sind der Regierung 2 Millionen Kronen bewilligt worden, um Maßregeln für die Sicherung der Neutralität Schwedens ergreifen in können.
In der Orientfrage ist das ewige Einerlei noch immer nicht ge
wichen und die Entscheidung schwebt noch in der Luft. Seitdem der Graf Schuwaloff wieder nach London zurückgekehrt ist, hat man die Beobachtung gemacht, daß man in den diplomatischen Kreisen wieder eine optimistische Stimmung zur Schau trägt. Doch sind diese Hoffnungen auf eine friedliche Lösung der Orientfrage vorläufig noch nicht auf Thatsachen gegründet, sondern nur auf die befriedigenden Aeußerungen, welche Graf Schuwaloff in Berlin hinsichtlich des Ausfalles seiner Reise nach Petersburg gethan hat. Man darf daher noch keineswegs der Zukunft unbesorgt entgegensehen, da auch im günstigen Falle die Verhandlungen über den Congreß sich jedenfalls langwierig gestalten und denselben erst in weiter Ferne als vollendete Thatsache erscheinen lassen würden.
Im englischen Parlamente haben die Verhandlungen über die Verwendung indischer Truppen in Europa ihren Anfang genommen. Die Oppositionspartei wirft dem Premierminister Lord of Beaconsfield vor, die Regierung habe hinsichtlich der indischen Truppen inkorrekt gehandelt und außerordentliche Maßregeln ohne begründete Veranlassung getroffen. Der Premierminister bleibt jedoch auf seinem Standpunkte des energischen rücksichtslosen Handelns stehen, ohne für die Begründung der getroffenen Maßregeln etwas Anderes anzuführen, als daß die Politik dieselben erheische. Sich weiter darüber auszulaffen weigert er sich unter Hinweis, daß der jetzige Augenblick, in welchem zu erwarten sei, daß durch den Grafen Schuwaloff wahrscheinlich neue Verhandtungen angeknüpst werden würden, nicht geeignet sei, die englische Politik klar zu legen. Daß die Stellung des Lord of Beaconsfield durch diese oppositionellen Angriffe erschüttert werden wird, ist nicht zu erwarten, da sein Verhalten in der Orientpolitik die Billigung des weitaus größeren Theiles des englischen Volkes erführt und auch nicht wenig dazu beigetragen hat das polrtische Selbstbewußtsein Englands zu stärken.
Verschiedene Anzeichen lassen schließen, daß Oesterreich-Ungarn nunmehr thatsächliche Maßregeln zum Schutz seiner Ostgrenze treffen und dieselbe durch Besetzung Bosniens und der Herzegowina gegen etwaige unvorhergesehene Fälle schützen will. Der Türkei scheint dieser Schritt genehm zu sein, da eine Depesche der Times aus Konstantinopel meldet, die türkische Regierung sei über die militärischen Maßregeln Oesterreichs beruhigt. Sie würde einem eventuellen Einmärsche der österreichischen Armee in Bosnien eine ähnliche Bedeutung beilegen wie der Anwesenheit der englischen Flotte vor Konstantinopel. Auch Rußland Wirb diese Maßregel sich ruhig vollziehen lassen müssen, da seine gegenwärtige prekäre Lage ihm verbietet sich weitere Verwickelungen zuzuziehen.
Die allgemeine Lage der Dinge auf der Balkanhalbinsel hat in letzter Zeit keine nennenswerthe Veränderung erfahren, doch darf ein Zwischenfall nicht unerwähnt bleiben, welcher leicht zu einem neuen blutigen Zusammenstoß zwischen türkischen und russischen Truppen hätte führen können. Die russischen Truppen beabsichtigten Ende der vergangenen Woche einen strategisch wichtigen Punkt zu besetzen. Der Sultan gab jedoch seinen Truppen Befehl, dies nöthigenfalls durch Waffengewalt zu verhindern und so kam es, daß die beiden Heere sich feindlselig gegenüberstanden, doch blieb es glücklicherweise bei der bloßen Demonstration.
In Frankreich macht sich der Clerus gegenwärtig recht bemerkbar durch seine Bemühungen die beabsichtigte Voltairefeier zu vereiteln und hat der Bischof Dupanloup im Senat sogar beantragt, die Schriften Voltaires zu verbieten, indem er auf deren antikatholischen Inhalt verwies. Der Antrag wurde, wie nicht anders zu erwarten war, nicht genehmigt.
Tagesschax.
— Berlin, 23. Mai. Reichstag. (Fortsetzung.) In der heutigen (54.) Sitzung theilte der Präsident mit, daß ein Schreiben des Reichskanzlers, betreffend die Einstellung des Strafverfahrens gegen den Abp. Most, und die weiteren Aktenstücke, betreffend die Angelegenheit mit Nicaragua, eingegangen seien.