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Mittwoch den 1. Mai.

1878.

Segelf^au.

Zur Lage.

(9L d. Sckw- Wert)

Das schwierige Vermittlungswerk der deutschen Regierung scheint bisher nur nach Einer Seite hin Erfolg gehabt zu haben. Offenbar ist es ihr gelungen, die Annäherung zwischen Oestreich und Rußland so zu fördern, daß beide Mächte zu der Erkenntniß gekommen sind, ihre In­teressen könnten recht gut auf dem Wege freundschaftlicher Verständigung gewahrt werden. Dagegen haben die Verhandlungen mit England und Rußland nur zu scheinbaren, nicht zu wirklichen Ergebnissen geführt. Man ist zwar in London sowohl wie in Petersburg auf den Gedanken des Fürsten Bismarck, zunächst eine Vorkonferenz zu halten, auf welcher das Programm für den Kongreß festgestellt werden solle, im Prinzip eingegangen. Allein nicht einmal über die Formel der Einladung hat man sich verständigen können. Man hat sich sogar auf beiden Seiten, um nicht den Schein der Kriegslust auf sich zu laden, grundsätzlich zu einer gleichzeitigen Räumung der nächsten Umgebung Konstantinopels bereit erklärt. Aber die Unterhandlungen über die Art und Weise der Ausführung der Vorsichtsmaßregel sind auf erhebliche Schwierigkeiten gestoßen und es scheint zweifelhaft, ob sie in diesem Augenblick über­haupt noch fortgesetzt werden. Näheres über diese verunglückten Frie­densversuche findet sich in den neuesten Mittheilungen aus St. Peters­burg, wo natürlich alle Schuld für das Scheitern auf England gewälzt wird, während die Telegramme aus London jene Vermittlungsversuche längst ignoriren und blos mit Berichten über die kriegerischen Vorbe­reitungen angefüllt sind. Man kann sich kaum mehr verbergen, daß der Gegensatz zwischen den beiderseitigen Interessen zu tiefgehend ist, als daß er durch Verhandlungen am grünen Tisch ausgeglichen werden könnte; handelt es sich doch, nachdem England den Vertrag von San Stefano in seinen wichtigsten Bestimmungen für unannehmbar erklärt hat, für Rußland um Aufrechthaltung oder Preisgebung der mit den schwersten Opfern erkauften Errungenschaften. Offenbar wäre der Kaiser Alexander auch bei persönlich größter Friedensliebe durch Rücksichten auf die in­neren Zustände seines Reiches gehindert, so wesentliche Zugeständnisse zu machen, wie England sie fordert. Ist doch die Volksstimmung in Rußland durch den Widerstand, den England der Ausführung des Frie- densvertrages entgegensetzt, so gereizt, daß sie über Verrath schreien würde, wenn die Regierung noch mehr Mäßigung zeigen wollte, als sie, der Meinung des russischen Volkes zufolge, bisher geübt hat. Zudem sind die revolutionären Leidenschaften, wie sich bei Gelegenheit des Pro­zesses gegen die Nihilistin Vera Sassulitsch gezeigt hat, gerade jetzt so aufgeregt, daß die Regierung vielleicht hofft eine Beschwichtigung der­selben am besten von einem neuen Krieg zu erlangen. So scheinen denn beide Mächte fast unaufhaltsam dem Kriege entgegenzutreiben. So friedlich die Worte klingen mögen, die von London und Petersburg noch in die Welt hinausgesprochen werden, so dringend die Welt über­haupt die Erhaltung des Friedens wünscht und bedarf, die Wünsche und Worte stehen in einem unheilbaren Widersprüche mit den That­sachen : die beiden Gegner betreiben ihre Kriegsrüstungen eifriger als je zuvor, und zumal seitdem es bekannt geworden ist, daß die englische Regierung schon indische Truppen zur Einschiffung nach dem Mittelmeer beordert hat und aus den kanadischen Provinzen gleichfalls Hilfe her- beiholt, kann an dem Ernst ihrer Entschlüsse nicht mehr gezweifelt wer­den. Zur Zeit ist die deutsche Vermittlung der letzte Anker, an den sich die Hoffnung auf Erhaltung des Friedens anklammert. Dieselbe könnte indeß nur unter der Voraussetzung sichere Aussicht auf Erfolg ^öffnen, wenn die deutsche Regierung eine bestimmte Partei ergriffe und den hartnäckigen Theil durch Androhung von Gewaltmaßregeln zur Nachgiebigkeit zwänge. Zu einer solchen Parteinahme, welche Deutsch­land selbst unfehlbar mit einer der beiden Parteien verfeinden würde, haben wir^aber nicht die mindeste Veranlassung und gegenwärtig um An^bnrger, da sich in Frankreich neuerdings wieder eine Neigung zu ^Uianzbildungen bemerkbar macht, welche die deutsche Regierung mahnt,

Hut zu sein und ihre bisherigen freundlichen Beziehungen zu allen Machten auch fernerhin zu erhalten.

Berlin, 30. April. Reichstag. (Fortsetzung.) In der heuti­gen (36.) Sitzung theilte der Präsident mit, daß eingegangen seien: Der Nachtragvertrag zu dem Vertrage vom 15. Oktober 1869 über den Bau und Betrieb der Gotthard-Eisenbahn; der Auslieferungsvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Schweden und Norwegen; die Gesetzentwürfe, betreffend die Statistik des auswärtigen Waarenverkehrs des deutschen Zollgebietes, betreffend die Abänderung der §§. 30 und 33 der Ge­werbeordnung und betreffend die Revision des Servistarifs und der Klasseneintheilung. Hierauf wurde auf Antrag der VII. Abtheilung, in deren Namen der Abg. von Grävenitz referirte, der betreffend die Wahl des Abg. Eysoldt im 8. Wahlkreise des Königreichs Sachsen am 10. April 1877 gefaßte Beschluß des Hauses für erledigt erklärt.

In der zweiten Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend den Ge­werbebetrieb der Maschinisten auf Seedampfschiffen wurde die Regie­rungsvorlage mit einem Eventualantrage des Abg. Karsten angenommen.

Bei der darauf folgenden zweiten Berathung, betreffend die Aus­rüstung der deutschen Kauffahrteischiffe mit Booten, beantragten die Abgg. Rickert und Dr. Wolffson die Ueberweisung der Vorlage an eine Kommission von 14 Mitgliedern.

(Fortsetzung folgt.) (R. u. St.-A.)

Berlin, 30. April. (Köln. Ztg.) Ein londoner Privat- Telegramm der National-Zeitung will von bedeutenden Rüstungen Ita­liens wissen für eine italienische Expedition nach der Küste Albaniens für den Fall, daß der Einmarsch einer österreichischen Armee in Bos­nien Statt finden sollte. So jenes Telegramm. Die Richtigkeit vor­ausgesetzt, würde dies ohne Zweifel im geheimen Einverständniß mit Rußland geschehen und die von Rußland begünstigte Politik der Aequivalente so­wie besonders die Verständigung zwischen Rußland und Oesterreich eigen­thümlich beleuchten. Die letztere hatte übrigens auf russischer Seite natürlich auch den Zweck, England zu vereinzeln, wie darauf schon früher während der ersten Phase der russisch-österreichischen Verhandlungen auf­merksam gemacht war.

Der Betrieb einer Schankwirthschaft in Stellvertretung eines Anderen, ohne polizeiliche Genehmigung der Stellvertretung, ist nach einem Erkenntniß des Ober-Tribunals, vom 10. April d. I., als Bei­hülfe zu dem Vergehen gegen die §§. 33 und 147, 1 der Reichs-Ge- Werbeordnung, betreffend den Betrieb der Schankwirthschaft ohne poli­zeiliche Genehmigung, zu bestrafen.

In den deutschen Münzstätten sind bis zum 20. April 1878 geprägt worden, an Goldmünzen: 1,190,847,520 Mark Doppel­kronen, 365,296,020 Mark Kronen, 27,969,845 Mark halbe Kronen; hiervon auf Privatrechnung: 264,662,860 Mark; an Silbermünzen: 71,652,415 Mark 5-Markstücke, 97,810,530 Mark 2-Markstücke, 148,847,743 Mark 1-Markstücke, 71,486,388 Mark 50-Pfennigstücke, 35,717,718 Mark 20 Pf. 20-Pfennigstücke. Gesammtausprägung an Goldmünzen betrug: 1,584,113,385 Mark; an Silbermünzen: 425,514,794 Mark 20 Pf.

Kulm. Der Bischof von der Marwitz war bekanntlich wegen Nichtbesetzung erledigter Pfarreien mit 17,500 M. Strafe belegt wor­den. Die Pfändung konnte sich nur auf einen Teppich erstrecken, da alles übrige Mobiliar nicht Eigenthum des Bischofs ist, sondern angeb­lich zwei adeligen Herren gehört, welche dasselbe bei früheren Auctionen erworben und dem Bischof geliehen. Der Erlös des Teppichs, zur Deckung obiger Strafe, ergab nach Abzug der entstandenen Pfändungs- und Versteigerungskosten zehn Pfennige.

Dortmund. In einer hiesigen Familie traten kürzlich, der D. Z." zufolge, nach dem Genusse einer Flasche Rothwein bedenkliche Krankheitserscheinungen ein. Der Hausherr, welcher sich etwas mit Chemie beschäftigt, untersuchte dann den noch vorhandenen Weinvorrath und fand, daß auf mehreren nicht gut schließenden Korken fich eine Schicht Bleisalz abgelagert hatte, hervorgerufen durch die Verbindung des Weines mit den über die Korken gestülpten Bleikapseln. Da das Bleisalz höchst giftig wirkt, so ist die größte Vorsicht beim Oeffnen solcher Flaschen anzuwenden. Genannte Kapseln, welche eigentlich aus