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Dienstag den 30. April.

1878.

Tages schau.

Berlin, 28. April. Das Bundesamt für Heimathswesen hat aufs Neue den Grundsatz aufgestellt, daß den Beweis der Domicillosig- keit zu führen demjenigen Armenverbande obliegt, welcher einen Anspruch daraus gründet. Es sei also nicht Sache des in Anspruch genommenen Landarmenverbandes, seinerseits zu beweisen oder glaubhaft zu machen, daß ein angeblich domicilloser Hülfsbedürftiger in der That einen Unter« stützungswohnsitz habe.

Berlin, 29. April. (Köln. Ztg.) Die gestern Abend einge­troffene neueste Times enthält noch nicht die Nachricht von dem defi­nitiven Abbruch der Verham.^lngen wegen des militärischen Compro- misses, welche wiener und andere Blätter unrichtig als in der Times enthalten citiren. Das Blatt behauptet im Gegentheil im Leitartikel, daß die Verhandlungen fortdauerten, aber allerdings vorgestern noch Schwierigkeiten barboten. Von Petersburg aus wird dem Blatte be­stätigt, daß, während zwischen den Cabineten über die Grundlagen des Congresses Besprechungen stattfinden, Rußland hofft, daß die Politik der Aequivalente, das heißt der Beutetheiluno, obsiegen werde. Hier verlautet aus guter Quelle, die Verhandlungen über die Ausführung des militärischen Compromisses würden zwischen Rußland und England fortgesetzt. Andererseits wird aus Oesterreichs unverän­derter Befürwortung des Congresses geschlossen, daß eine Verstän­digung zwischen Rußland und Oesterreich nahezu erzielt fei. Der Friede behält Aussichten, obgleich der Congreß nach allem, was man hört, wenigstens in naher Zeit nicht bevorzustehen scheint. Auch Oesterreich soll keine Einwendungen gegen eine vorgängige dirccte Verständigung der Cabinete haben, auf welche von Unterrichteten seit acht Tagen hin- gewiesen wurde.

Ueber das Befinden des Fürsten Bismarck geht uns kurz vor Schluß der Redaktion von zuverlässiger Seite folgende Mittheilung zu: Die Krankheit nimmt einen normalen und überraschend schnellen Verlauf; das sie gewöhnlich begleitende Fieber hat sich bis jetzt nicht eingestellt, auch Die Bläschenzone in den letzten dreißig Stunden nicht mehr zuge- nommm. Die Schmerzen dauern selbstverständlich noch an, haben jedoch derartig nachgelassen, daß der Fürst den größten Theil des Tages außerhalb des Bettes zubringen kann und während dieser Zeit auf dem Sopha ruht. Treten keine neue Komplikationen hinzu, sondern behält die Affektion diesen normalen Verlauf, so darf man wohl hoffen, daß der Fürst in der _ nächstfolgenden Woche nicht mehr gezwungen sein dürfte, ausschließlich der Ruhe zu pflegen. Selbst unter diesen günstig­sten Bedingungen ist aber die Angegriffenheit immer noch groß genug, um dem Leidenden an ärztlicher Seite eine noch mehrere Wochen an­dauernde Erholung auf das Dringendste zu empfehlen. Von anderer Seite wird uns geschrieben : In Kreisen, welche zu dem Reichskanzler- amte Beziehungen haben, wird entschieden der Vermuthung widersprechen, daß Fürst Bismarck in Folge der letzten Erkrankung an den Arbeiten des Reichstags in der laufenden Session keinen Antheil mehr nehmen werde. Ueber die Zeit seiner Rückkehr nach der Hauptstadt sind natür­lich noch keine festen Bestimmungen getroffen; indess n scheint das Auf­treten derGürtelrose" ein verhältnißmäßig schwaches zu sein, so daß dre Rückkehr höchstens um acht bis vierzehn Tage verzögert werden dürste. Der Kaiser hat die beabsichtigte Reise nach Wiesbaden kei- neswegs, wie vielfach gemeldet wurde, wegen der politischen Situation aufgegeben, sondern es ist, wie wir hören, dem Kaiser von ärztlicher Seite auf das Dringendste angerathen worden, bei dem noch weiteren Vorherrschen scharfer Frühlingswinde und kalter Luftströmungen sich zunächst noch nicht den Anstrengungen einer Reife und einem Aufent­halte in Wiesbaden zu unterziehen. Der Kronprinz wird sich in oiesem Jahre wohl nicht zur Jnspizirung der bayerischen Truppen nach Bayern begeben, da, wie man hört, eine Zusammenlegung größerer Kavallerie-Manöver, sowie kombinirte Armeekorps-Manöver nicht statt« Wen. Dagegen wird zu den im Juni d. I. stattfindenden Uebungen uer bayerischen Truppen der Kronprinz von Oesterreich erwartet, um Las ihm vom König von Bayern verliehene zweite Kürassier-Regiment rn Landshut zu besichtigen. (Deutsch. Mont.-Bl.)

Die Vorbereitungen für die Einrichtung des neuen Reichs­schatz Amtes sind bereits im Gange. Die Sache wird wesentlich da­durch vereinfacht, daß die Einrichtungen sich genau an die bestehende Finanzabtheilung des Reichskanzler-Amts anschließen und sich im Uebri- gen nach den Instruktionen regeln, welche für das preußische Finanz­ministerium bestehen. Es heißt übrigens wie weit mit Grund, las­sen wir dahin gestellt daß die Stelle eines Unierstaatssekretärs für das Reichsschatzamt erst dann besetzt werden soll, wenn die Umwandlung des Reichskanzleramts in einReichsverwaltungsamt" sich vollzogen hat. (Trib.)

36 Plenarsitzung des Deutschen Reichstages, Dienstag, den 30. April 1878, Nachmittags 1 Uhr. Tagesordnung: Bericht der ViL Abtheilung, betreffend die Wahl des Abgeordneten Eysoldt im 8. Wahl­kreise des Königreichs Sächsin. Zweite Berathung des Gesetzent­wurfs, betreffend den Gewerbebetrieb der Maschinisten auf Seedampf­schiffen. Zweite Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Aus­rüstung der deutschen Kauffahrteischiffe mit Booten. Dritte Bera­thung des Gesetzentwurfs, betreffend die Zuwiderhandlungen gegen die zur Abwehr der Rinderpest erlassenen Vieheinfuhrverbote.

Die Strasbestimmung des §. 4 des Gesetzes vom 20. Mai 1874 über die Verwaltung erledigter katholischer Bisthümer, nach wel­cher mit Gefängnißstrafe von 6 Monaten bis zu 2 Jahren die Aus­übung bischöflicher Rechte vor der eidlichen Verpflichtung, dem Könige treu und gehorsam zu sein ic., bedroht ist, findet, nach einem Erkennt­niß des Ober-Tribunals, vom 4. April d. I, nicht nur auf Personen Anwendung, welche nach den Vorschriften des kanonischen Rechts zur Ausübung bischöflicher Rechte gegenüber der Diöcese an sich qualisizirt sind, sondern auch aus einfache Pfarrer, welche eigenmächtig bischöfliche Funktionen vornehmen oder entgegen den kanonischen Vorschriften die Ermächtigung zur Vornahme bischöflicher Funktionen von der kirchen- rechtlich zuständigen Behörde erhalten haben.

Pforzheim, 27. April. Gestern fand eine wiederholte Ver­sammlung hiesiger Fabrikanten betr. die Feingehaltsfrage der Edelme­talle statt, welcher auch die badischen Reichstagsabg. Gerwig, Katz und Scipio und Hr. Minist.-Rath Stößer vom Großh. Handelsministerium anwohnte. Dieselbe beschloß mit 187 Summen, den Reichstag zu er­suchen, die Fabrikation von Gold- und Silberwaaren, wie solche bisher bestand, freizugeben. Wenn aber eine Kontrole eingeführr werden wolle, so soll dies die fakultative Reichskontrvle mit einem Feingehaltsminimum von 500 sein. Diejenigen Fabrikanten, welche sich früher für eine Selbstkontrole im Sinne des Gesetzentwurfs aussprachen, hatten abgelehnt, der Versammlung anzuwohnen. (S. M.)

London, 29. April. (fR. u. St.-A.) Wie diePresse" wissen will, würden Englands Forderungen auf dem Kongreß immer vorausgesetzt, daß die Vorlegung des vollständigen Friedensvertrages an den Kongreß erfolge dahin formulirt werden, daß die Grenzen Bul­gariens auf den Raun: zwischen der Donau und dem Balkan beschränkt blieben, in Rumelien und Macedonien Reformen eingeführt, die Pro­vinzen Thessalien und Epirus an Griechenland abgetreten würden, Bessarabien aber bei Rumänien und Batum bei der Türkei belassen würde.

Lond on, 29. April. (Köln. Ztg.) Der londoner Korrespon­dent des Manchester Guardian meldet: Die Formirung eines zweiten Armeecorps wurde anbefohlen und Sir Alfred Horsford für dasselbe zum Corpscommandeur bestimmt. Derselbe Korrespondent meldet fer­ner, ein Theil des ersten Armeecorps, darunter eine Abtheilung Garde­truppen, sollen bald, vielleicht schon diese Woche, nach Malta abgehen. Die Einstellung der Milizreserven ergab nur 5 pCt. als fehlend. Ad­miral Hobart traf am Samstag hier ein. Die Reparatur der fünf Thurmschiffe Cyclops, Gorgon, Hydra, Hecate und Prinz Alberr wird angestrengt betrieben, damit dieselben womöglich noch diese Woche in Dienst gestellt werden können.

Die Sociätä Framaise dhygiene in Paris hat den Geheimen Regierungsrath Professor Dr. Finketndurg zu ihrem Mitgliede erwählt. Seit dem Kriege ist dies der erste Fall, in welchem eine wissen-