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Mittwoch den 3. April.
1878.
UMLMM. Landwirthschastlicher Lreis-Verein Hanau.
Das Probepflügen in Langenselbold findet nicht den 6. d. Mts., sondern erst Freitag den 12. A p r i l, Vormittags IP/s Uhr, Statt.
Der Vorstand.
Tage-schan.
Jgnatieff in Wien.
(A. 6. Schw. eiert.)
General Jgnatieff, diese Hauptperson in dem zur Zeit sich abspie- lendenden Drama sollte am 31. März Wien verlassen um nach St. Petersburg zurückzukehren Was er in Wien ausgerichtet hqt, ist vorläufig noch in Dunkel gehüllt. Offiziöse Stimmen aus Wien äußern sich in einer für Rußland sehr verbindlichen und entgegenkommenden Weise: man werde sehen, welcher Werth in Wien nach wie vor auf das Dreikaiserverhältniß gelegt werde, und wie weit man hier davon entfernt sei, der zum Bruch zutreibenden Politik Englands sich zu nähern. Andere Stimmen äußern sich indessen minder zuversichtlich über den Erfolg des russischen Generals oder behaupten geradezu, es sei zu einer Verständigung nicht gekommen. Die Verstimmung der Wiener Regierung über den Frieden von San Stefano sei eine tiefgehende. Trotz der Auerbietungen, die Jgnatieff brächte, sei er auf erhebliche Schwierigkeiten gestoßen. Die Zugeständnisse, die er anbot, bezogen sich namentlich auf die Grenzen Bulgariens; außerdem heißt es in Wien, verstehe es sich von selbst, daß Oestreich Bosnien und die Herzegowina als sich zugehörig betrachte. Allein damit seien die Forderungen Oestreichs noch keineswegs erschöpft gewesen, und es werde nun, nachdem der General Jgnatieff so gut wie mit leeren Händen wieder abgezogen sei, über das Weitere zwischen Wien und St. Petersburg verhandelt werden. Doch ist zu bemerken, daß auch die ungünstiger lautenden Angaben nicht eine prinzipiell entgegengesetzte Stellung Oestreichs, und keineswegs dessen Hinneigung zum Standpunkt Englands behaupten, sondern blos von weiter gehenden Forderungen reden, worüber eine spätere Einigung immerhin nicht unwahrscheinlich ist, wenn sie jetzt nicht gelungen ist. Jgnatieff selbst hat einem Berichterstatter der W. Presse, der ihn in üblicher Weise heimsuchte, Red' und Antwort gestanden und dabei zwar über die Einzelheiten des schwebenden Geschäfts nichts verrathen; die Aeußerungen des Diplomaten, der sich, wie man sagt, Bismarcks Offenheit und Ungenirtheit zum Muster genommen hat, werfen aber gleichwohl manches interessante Licht auf die Lage. Auf den Einwurf des Journalisten, daß Rußland das neue Bulgarien in Abhängigkeit halten, und das letztere schon aus Dankbarkeit abhängig bleiben werde, bemerkte Jgnatieff lächelnd: „Wer auf die Dankbarkeit der Völker rechnet, hat noch nie seine Rechnung gefunden. Wir haben im Laufe der Zeiten Griechenland, Serbien und auch Rumänien dreimal gerettet und Sie sehen heute, wie wenig zuverlässig sich die Dankbarkeit dieser Völker zeigt. Wir verlangen von Rumänien den unbedeutenden bessarabischen Landstrich, wollen ihm dafür die Donaumündungen und die Dobrudscha mit 3 Häfen geben, aber man will in Bukarest aus Dankbarkeit darauf nicht eingehen und versichert uns, daß wir trotz der nur durch den Krieg möglich gewordenen Unabhängigkeit Rumäniens dem Fürstenthume zu jedem Danke verpflichtet seien. Doch um auf Westbulgarien zurückzu- kommen", fuhr der General nach einer Pause fort, „so sehe ich nicht ein, warum die Interessen Oestreich-Ungarns durch die dortige Begrenzung des Fürstenthums geschädigt werden sollen. Wenn Rußland seinen gewissen Einfluß im Osten desselben behalten sollte, so werden wir Oestreich-Ungarn gewiß niemals daran hindern, einen solchen im Westen Bulganens auszuüben. Daß Rußland nicht eine direkte Abhängigkeit des Fürstenthums plant, wie uns mehrfach zugemuthet wird, können Sie daraus entnehmen, daß wir Bulgarien mit einer Küstenstrecke bedacht haben, welche dessen freie, selbstständige Entwicklung nach sich ziehen
Oestreich-UngarN wird nebst anderen wichtigen Faktoren die Eisenbahn nach Saloniki zu Gebote stehen, und Ihre Regierung braucht nur ernstlich zu wollen, um all das zu haben, was sie berechtigterweise
von uns fordern kann. Wir sind unter dieser begreiflicherweise gebotenen Bedingung mit allen Rücksichten einverstanden, welche Oestreich- Ungarn mit Bezug auf Bosnien, die Herzegowina, Bulgarien, Serbien und Montenegro erfüllt sehen will. Wir wollten dies zu jeder Zeit und verlangten immer nur, daß man sich darüber offen und klar aus- spreche." Befragt, ob er den Ausbruch eines englisch-russischen Krieges für wahrscheinlich halte, bemerkte dann Jgnatieff: „Ich weiß nicht recht, was England mit einem eventuellen Kriege erreichen könnte. Wir haben die Interessen Englands, wie jene Oestreich-Ungarns zu jeder Zeit gewahrt, und ihrer Erfüllung steht, soweit diese Interessen uns von London aus geoffenbart wurden, nach den Bestimmungen des Friedens von St. Stefano nichts im Wege. Daß wir Wünsche, etwa auf Kosten unserer Interessen, erfüllen sollen, die man uns nicht bekannt gibt, kann Niemand von uns verlangen." Mit den letzten Worten hat der russische General den schwächsten Punkt in der heutigen Stellung Englands berührt, den Punkt, der bei dem immer gereizter werdenden offiziösen Geplänkel zwischen London und St. Petersburg dem unbefangenen Urtheil sich am empfindlichsten aufdrängt: England hat sich noch niemals herbeigelassen, genau zu definiren, welches denn seine Interessen im Orient sind, und es macht auch jetzt noch immer keine Miene auszu- sprechen, durch welche Bestimmungen des Friedens von San Stefano seine Interessen verletzt werden. Es rüstet sich zum Kriege, aber nü- mand sieht, welches die greifbaren Ziele dieses Krieges sind. Sie sind das Geheimniß des Lord Beaconsfield und man darf begierig sein, ob das Parlament aus reinem, kindlichen Vertrauen zu dem Lord an der Spitze einen Krieg gutheißen wird, der anscheinend ins Blaue Hinein- geführt wird.
— B e rlin, 2. April. Reichstag. (Fortsetzung.) Im weiteren Verlaufe der gestrigen (26.) Sitzung wurde die erste Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Verfälschung von Nahrungsmitteln, Genuß- mitteln und Gebrauchsgegenftänden, fortgesetzt und schließlich die Bor- lage an eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen.
Darauf wurde die zweite Berathung des Reichshaushalts pro 1878/79 mit der Diskussion des Eisenbahnetats fortgesetzt.
Hierauf folgte die erste Berathung des Gesetzentwurfs, betr. die Zuwiderhandlungen gegen die zur Abwehr der Rinderpest erlassenen Vieh-Einfuhrverbote.
Der Antrag, die Vorlage an eine Kommission zu verweisen, wurde abgelehnt. Die zweite Berathung wird daher im Plenum stattfinden. (Schluß 4*/2 Uhr.)
In der heutigen (27.) Sitzung theilte der Präsident mit, daß eingegangen seien: Bericht der Reichsschulde«-Kommission über die Verwaltung des Schuldenweiens des Norddeutschen Bundes, bezw. des Deutschen Reichs; über ihre Thätigkeit in Ansehung der ihr übertragenen Aufsicht über die Verwaltung a. des Reichs- Juvalidenfonds, b. des Festungsbaufonds und c. des Fonds zur Errichtung des Reichstagsgebäudes, über den ReichskriegSschatz und über die An- und Ausfertigung, Einziehung und Vernichtung der von der Reichsbank auszugebenden Banknoten, 2) Denkschrift über die Ausführung der Gesetze, betreffend die Aufnahme von Anleihen a für Zwecke der Marine- und Telegraphenverwaltung vom 27. Januar 1875, b. für Zwecke der Telegraphenverwaltung vom 3. Januar 1876, c. für Zwecke der Post- und Leie- graphenverwaltung vom 3. Januar 1877, d. für Zwecke der Bewal- tungen der Post und Telegraphen, der Marine und des Reichsheeres vom 10. Mai 1877, e zum Bau einer Eisenbahn von Teterchen bis zur Saarbahn bei Bouß und bei Völklingen vom 2 . Mai 1877 „ f. zur Erwerbung von zwei in Berlin gelegenen Grundstücken für das Deutsche Reich vom 23. Mai 1877.
Weiter theilte der Präsident mit, daß der Aog. von Goßler (4. Gumbinner Wahlkreis) in Folge seiner Ernennung zum Ober-Verwal- tungsgerichts-Raih sein Mandat für erloschen betrachte. Der Relchs- kanzler sei um Vornahme einer Neuwahl veranlaßt worden. Sodann gelangte ein Schreiben des Reichskanzlers zur Verlesung, welches die Genehmigung des Reichstages zur strafrechtlichen Verfolgung der für