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Hanauer Anzeiger»

Zugleich Amtliches Organ für Kreis und Stadt Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage,^ und Samstags mit der Berliner Provinzial-Correspondenz.

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Freitag den 22. März.

1878.

Wochenschau.

R. F. Am Ende der Woche begeht Deutschland eine hohe Feier, denn im Kreislauf des Jahres hat unser allverehrter Kaiser Wilhelm seinen ein und achtzigsten Geburtstag erreicht und immer noch steht der greife Held rüstig den Regierungsgeschästen vor. Nach solchen Thaten ein solches leben steht beispiellos in der Geschichte da und wir stimmen mit vollem Herzen ein in die Jubelparole des deutschen Heeres am kaiserlichen Geburtstage: „Gott segne Seine Majestät den Kaiser!" — Wie man aus Berlin erfährt, wird in diesem Jahre der Geburtstag des Kaisers nach dem besonderen Wunsche des Monarchen nur in der ge­wöhnlichen Weise gefeiert, da man im vorigen Jahre gelegentlich des achtzigsten Geburtstages des Kaisers ganz außerordentliche Festlichkeiten entfaltet hatte, deren häufige Wiederholung der Kaiser Wilhelm nicht wünscht.

Der Reichskanzler scheint den Plan zu haben nach der Publizi- rung des Stellvertretungsgesetzcs sich auch gleich einen Vicekanzler an schaffen. Denn der Fürst Bismarck konferirte in letzter Zeit sehr häufig mit dem Grafen Otto Stollberg-Wernigerode, dem deutschen Botschafter in Wien, der nach Berlin gerufen worden ist und auch Audienzen beim Kaiser hatte. Graf Stollberg gilt als vollkommen regierungsfähig, denn er ist außer seiner Eigenschaft als deutscher Botschafter in Wien noch Präsident des preußischen Herrenhauses. In Bezug auf sein po­litisches Glaubensbekenntniß gehört der Graf Stollberg zu den Frei­konservativen. Die Stelle eines Vicekanzlers würde derselbe unter Bei­behaltung der Ressortchefs im Allgemeinen recht gut ausfüllen, da er ein auf verschiedenen Gebieten des öffentlichen Lebens erfahrener Staats­mann ist. Die Lücke in der Regierung des Reichs und semes ersten Bundesstaates, welche durch den sicheren Abgang des Finanzministers Cawphausen entstanden ist, wird durch eine Vicekanzlerschaft des Grafen Stollberg jedoch nicht beseitigt, da dieser jedenfalls nur Minister ohne Portefeuille werden wird. Als muthmaßlicher Nachfolger des Herrn Camphausen wird der Minister Friedenthal genannt. Da dieser aber jetzt die Aemter eines Ministers des Innern und der Landwirthschaft verwaltet, so müßten die Ministerposten anderweitig besetzt werden.

Die Steuerreform bildet noch immer den Hauptgegenstand für die Diskussion in den deutschen Regierungskreisen und ist natürlich die Ta- bakssteuer der Gipfelpunkt derselben. In Beantwortung der Anfrage des Reichskanzlers, wie sich die übrigen Regierungen Deutschlands zur Frage eines Tabaksmonopols stellen würden, hat sich die Mehrzahl der Bundesregierungen, unter ihnen Bayern, Sachsen und Baden, gegen das Tabaksmonopol ausgesprochen. Man wird daher für die Tabaksbesteue- rung einen anderen Modus finden müssen. Um eine möglichst klare Stellung zu der Frage einnehmen zu können, ist die Regierung und der Reichstag auch beschäftigt, die nothwendigen statistischen Erhebungen über den derzeitigen Stand der deutschen Tabaksindustrie aufnehmen zu lassen

Die Nachrichten von einer versöhnlichen Haltung der päpstlichen Curie gegen Deutschland scheinen doch auf einigen realen Grundlagen zu ruhen. Zunächst steht fest, daß der Papst Leo XIII. durch die Ver­mittelung der Bayern ein Schreiben an den Deutschen Kaiser gerichtet hat, in welchem er diesem feine Wahl zum Papste anzeigt. Im Vatikan soll man nun auf eine Antwort des Deutschen Kaisers warten, um dann weitere Schritte der Versöhnung in Sachen des Kirchenstreites zu thun. Wenn die päpstliche Curie wirklich Neigung zur Versöhnung hat, so kann sie sich versichert halten, daß man ihr in Deutschlano keine be­sonderen Schwierigkeiten beim Versöhnungswerke bereiten wird.

Es scheint fast, als wenn die Freundschaft mit dem Deutschen Reiche nach uns nach in die Mode kommen sollte. In Dänemark, wo man das Deutsche Reich wegen des Verlustes von Schleswig-Holstein immer recht scheel ansah, ist jetzt in einem der dänischen Regierung nahe stehenden Blatte eine Stimme laut geworden, welche offen für ein Bunoniß Dänemarks mit Deutschland eintrilt. Indem diese Zeitung „Der Con-eroative" mit Namen, zunächst gegen die Verleumdungen Deutschlands eintritt, als wenn dieses die Absicht habe, Dänemark zu

annektiren, führt sie im Weiteren aus, daß Dänemark, wenn es mit Deutschland verbündet sei, bei jedem europäischen Krieg nur Vortheil haben könne, da durch Deutschlands Gewicht sowohl als neutraler Staat als auch als Combattant Dänemark stets gedeckt sein werde.

Der russisch-türkische Frieden ist in Petersburg durch den Kaiser Alexander ratificirt worden, und sollen die Friedensbedingungen den Großmächten baldigst bekannt gegeben werden, ab.r der europäische Congreß, welcher diesen Frieden noch sanktioniren soll, ist noch immer nicht in einen sicheren Hafen gebracht worden. Mehrere Großmächte stellen für den Congreß gewisse Vorbedingungen und es ist besonders England, welches Forderungen an das russische Cabinet stellt, die das­selbe nicht so ohnehin gewähren dürfte. Von diesen Forderungen Eng­lands heben wir hervor: Rückmarsch der russischen Truppen bis auf wenigstens 30 Meilen von Constantinopel bis zur Entscheidung des Con- gresses; Vertretung Griechenlands beim Congreß; die Vertretungsfrage, was Rumänien, Serbien und Montenegro betrifft; Mittheilungen des Protokolls an die neutrab n Staaten Portugal, Spanien, Schweden, Dänemark, Belgien und Niederlande zum Beitritt und zur Unterzeich­nung ; Beschränkung der Dauer des Congresses auf sechs Wochen. Da wird es wohl noch viel versöhnenden Einflusses des deutschen Reichskanz­lers, der als Präsident des Congresses gilt, kosten, wenn der Congreß überhaupt zu Stande kommen soll. Im übrigen kommen aus Peters­burg Nachrichten, nach welchen Rußland dem Congresse eine sehr ver­söhnende Haltung entgegen bringen wird. Nur zwei Punkte des Fcie- densvertrages werde die russische Regierung der Genehmigung der Groß­mächte entziehen, nämlich die Frage der Kriegsentschädigung, für die eventuell der Erwerb Armeniens zu substituiren sei, und die Abtretung der Dobrudscha. Hier sei die Ehre Rußlands im Spiele. Alle übrigen Abmachungen, auch bhjenigen über die Grenzen Bulgariens, überlasse man der Begutachtung Europas.

Seinen Creditbrief für den Congreß hat der österreichische Kanz­ler, Graf Andrasfy, so gut wie in der Tasche, denn die Einzeldelega: o- ncn der Parlamente Oesterreich-Ungarns haben die Creditvorlage der Regierung genehmigt und halten bereits die Plenarsitzungen ab. Der Zweidrittelmehrheit ist man auch in den Plenarsitzungen ziemlich sicher und es heißt, daß auch die Gegenpartei bereit sei, dem Grafen Androssy ein Vertrauensvotum zu spenden. Es geht daraus doch hervor, daß Die öffentliche Meinung in der Habsburgischen Monarchie mit der energisch gewordenen PoUtck des Grasen Andraffy übereinstimmt.

In Frankreich begingen in der vergangenen Woche zwei famose Parteien wunderliche Erinnerungsfeste. Die Bouopartisten feierten ant 16. März in unverschämten Ausdrücken den Geburtstag des kaiserlichin Prinzen (Lulu), der bald kommen werde, um die Republik zu vernich­ten, und die Communisten feierten am 18. März den Gedenktag des Communeausstandes.

Der Aufstand in Thessalien und Epirus gewinnt neuerdings im- mermehr an Ausdehnung, so daß die Insurgenten in der Umgebung von Saloniki von den türkischen Truppen kaum zurückgeschlagen weroen konnten. Um wo möglich den Aufständischen in den Rücken zu fallen, haben die Türken bei Volo 1500 Mann an's Land gesetzt.

TageSscha«.

— Der „R. u. St-A." enthält: Gesitz, betreffend die Stellvertre­tung des Reichskanzlers. Vom 17. März 1878.

— Berlin, 21. März. Abgeordnetenhaus. (Fortsetzung.) Im weiteren Verlaufe der gestrigen (70) Sitzung wurde die zweite Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Fertigstellung der Berliner Stadtoahn für StaatSrechnung zu Ende geführt. Außer einem Zusatzantrag zu §. 2 genehmigte das Haus das Gesetz nach der Vorlage.

(Schluß 2^4 Uhr.)

In der heutigen (71.) Sitzung theilte der Präsident zunächst den Eingang eines Gesetzentwurfs, betr. die Feststellung eines Nachtrags zum Staatshaushalts-Etat für 1878/79, mit. Das Haus genehuugt darauf nach kurzer Generaldebatte, an der sich die Abgg. Berger und Dr. Lan- gerhans, sowie der Hansels Minister Dr. Achenbach beseitigten, den