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Montag den 14. Januar.
1878.
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König Humbert I. von Italien.
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„Der König ist todt, — es lebe der Röntg 1“
Wenige Stunden nach dem Hinscheiden Victor Emanuel's ist der älteste Prinz des Hauses Piemont, Humbert Rainer Carl Emanuel Johann Maria Ferdinand Eugen zum König von Italien proklamirt worden und hat den Thron seines Vaters bestiegen.
Der neue König ist am 14. März 1844 geboren, steht mithin im 33. Lebensjahre. Die Königin Maria Margaretha, seine Gemahlin, geboren am 20. November 1851, ist eine Tochter des verstorbenen Prinzen Ferdinand von Savoyen, Herzogs von Genua. Der Ehe Beider entstammt ein Sohn, der jetzige Kronprinz von Italien, Victor Emanuel, Prinz von Neapel, der am 11. November 1869 geboren ist. König Humbert hat die Regierung angetreten, indem er die Minister seines Vaters in ihren Aemtern sämmtlich bestätigte.
Selten hat sich in einem Lande ein Thronwechsel mit so überstürzender Gewalt und jäher Plötzlichkeit vollzogen. Weder das Alter noch die Körperbeschaffenheit des verstorbenen Königs war dazu geeignet, ein solches Ereigniß in den Kreis aktueller Berechnung zu ziehen und aus seine Folgen vorzubereiten. Das Unberechenbare, das hier in Gestalt einer heimtückisch hervorbrechende« Krankheit den Lebensfaden eines kräftigen Mannes durchschnitt, hat damit zugleich in schreckhafter Form auch in das Leben eines jungen Staates eingegriffen und denselben vor eine ganze Anzahl dunkler Zukunftsfragen gestellt.
Ob es zwischen dem Verstorbenen und dem Papste zu irgend einer Erklärung gekommen ist, die auf den Gang der italienischen Kirchen- Politik von Einfluß sein könnte, ist sehr zweifelhaft. Allerdings ging vor einigen Wochen, als das Ableben Pius IX. täglich erwartet wurde, das Gerücht, der König sei in tiefer Nacht inkognito im Vatikan gewe- fen und habe mit dem Papste eine Unterredung gehabt. Eine authentische Bestätigung hat dies Gerücht nicht gefunden, wenngleich es auch nicht widerlegt worden ist. Aus den letzten Tagen Victor Emanuel's ist über eine persönliche Annäherung zwischen beiden Theilen nichts bekannt geworden. Was zwischen dem Sterbenden und den Priestern, die der Papst ihm gesandt, etwa vorgegangen, entzieht sich selbstverständlich jedes politischen CommentarS. Die dem exkommunicirten König durch einen Prälaten des Papstes abgehörte Beichte scheint aber mehr im Interesse der leitenden Geister des Vatikans,^als^in den Wünschen des Beichtenden gelegen zu haben.
Wir berühren alle diese Momente trotz ihres unpolitischen Charakters nur, weil sie möglicherweise willkürliche Folgerungen zum Stützpunkt dienen werden. Nach unserer Ueberzeugung sind Zukunft und Geschick der italienischen Nation in sich so fest begründet, daß sie die Ausbeutung und feindselige Verwerthung solcher Beziehungen von Mensch zu Mensch, von Katholik zur Kirche, von Sterbendem zu Ueberlebenden nicht zu befürchten haben. Die Zukunft Italiens beruht heute nicht mehr in dem Wollen und Wünschen Einzelner, sie beruht in der Macht der nationalen Idee, die zwar in Italien noch immer nicht gegen alle Stürme gefestigt ist, die aber seit den Tagen Cavour's den alleinherr- fchenden Gedanken in allen maßgebenden Volksklassen bildet.
Der Charakter und die politische Gesinnung des neuen KönigS Humbert lassen keinen Zweifel darüber zu, daß auch unter seinem Scepter diese nationale Idee die einzige Grundlage der italienischen Re- gierungspolitik bleiben wird. König Victor Emanuel hat bis zu seinem Lebensende nicht aufgehört, ein eifriger Katholik zu sein; er hat seinem Volk das Beispiel gegeben, wie man die Pietät gegen den Glauben der Väter mit den Pflichten gegen das Vaterland zu einen hat.
Als er sich am 6. September 1870, nachdem die Botschaft von Sedan die Welt durcheilt, für die Besetzung Roms entschied, zeigte er diesen Entschluß den auswärtigen Mächten in einer Cirkulardepesche mit dem Hinweise an, daß derselbe für die gemeinsame Sicherheit Italiens und des Papstes gleich nothwendig sei. Er erklärte sich zugleich bereit, m Uebereinstimmung mit den anderen Mächten die Bedingungen der Päpstlichen Unabhängigkeit zu erörtern. Noch im letzten Augenblick be
trat er den unmögliche Weg eines friedlichen Ausgleichs. Er theilte seinen Entschluß nebst Motiven in einem Briefe dem Papste selbst mit und schickte einen besonderen Gesandten nach Rom. Dieser sollte dem Papst den Entwurf zu einer Uebereinkunft zwischen Italien und dem heiligen Stuhl vorlegen. Pius IX. empfing den italienischen Abgesandten zwar, lehnte aber alle seine Vorschläge ab und gab ihm einen Brief an den Kö»ig mit, worin es hieß, das Schreiben fei „eines anhänglichen Sohnes, der sich des katholischen Glaubens rühme und auf Loyalität halte, nicht würdig."
Darauf rückten die italienischen Truppen unter General Cadorna am 11. September in den Kirchenstaat ein, besetzten am 16. Civitavecchia und standen am 20. vor Rom. Noch an demselben Tage schössen sie an der Porta Pia die bekannte Bresche in die Stadtmauer und zogen unter dem Jubel des Volkes in die neue Hauptstadt des Landes ein..
Damit war die „Beraubung" — das heiligste Recht der italienischen Nation auf den Gesammtbesitz ihres eigenen Vaterlandes — vollzogen. Als darin jene bekannte, in Genf gedruckte päpstliche Encyklika an alle Bischöfe des Erdkreises erschien, die alle Diejenigen, welche sich, „in was immer für einer auch ganz besonders erwähnungswerthen Würde sie glänzen mögen", an diesem Akt der Occupation betheiligt, in den großen Bann that, wußte zwar Jeder, daß dieser Blitzstrahl zunächst auf den König, feine Minister und Generale gerichtet war; Jeder fah aber auch, wie er in der Begeisterung des italienifchen Volkes zischend erlosch. Die bald darauf vorgenommene Volksabstimmung,. bei der auch der dem Papste überlassene Theil von Rom mitstimmte, zeigte, wie schwach die Füße waren, ^uf denen dieser alte päpstliche Thron stand. Unter 167,548 eingeschriebenen Wählern gaben 135,291 ihre Stimmen ab, und von diesen sprachen sich 133,681 für den Anschluß an Italien, 1507 gegen denselben aus; 103 Stimmzettel waren ungültig.
Erst als dieses glänzende Resultat des römischen Plebiscits dem König Victor Emanuel in Florenz mitgetheilt wurde, sprach er die Einverleibung der neuen Provinz in das Königreich Italien aus. Die Ausdehnung der italienischen Verfassung auf diefelbe wurde angeordnet, und der jetzt dem König im Tode kurz vorangegangene General Lamar- mora zum Statthalter von Rom ernannt. Mit Stolz sprach der König in seiner Antwort an die römische Deputation: „Jetzt kann ich endlich behaupten, daß die italienischen Völker Herren ihres Schicksals sind."
Wir erinnern an diese Thatsachen, die nicht nur für das Verständniß der Regierung Victor Emanuels unentbehrlich sind, sondern die mit jener freien Selbstentschließung der römische« Bevölkerung auch allen kommenden Generationen ein bindendes Vermächtniß überliefern.
Italien weiß, daß es alle diese Errungenschaften in erster Linie seinem jetzt geschiedenen Könige und dessen Staatsmännern, in nächster aber dem glücklicheu Zusammenwirken äußerer Umstände zu danken hat, bei welchen letzteren die Sieger von Metz und Sedan die Hauptrolle spiele». Seit dem Augenblick, da dies der befreiten Nation zum Bewußtsein gelangt, datirt die politische Freundschaft zwischen Italien und Deutschland, datirt die Abwendung der italienischen Politik von allen deutschfeindlichen Strebungen, datirt die Gemeinschaft der Aufgaben beider Völker, Bildung und staatliche Existenz in ihrem Innern vom römischen Priesterdruck zu befreien.
Daß sich in dem Verhältniß des neuen italienischen Thrones zu dem noch lebenden Papste eine Aenderung vollziehen wird, ist kaum zu erwarten. Bis jenes Ereigniß eintritt, daß alle persönlichen Erinnerungen an die Katastrophe vom 20. September beseitigt, bis dem neuen König von Italien auch ein neuer Papst gegenüberstehywrrd sich nichts in der Lage der Dinge ändern. Sicher aber werden die italienischen Völker auch in Zukunft die „Herren ihres Schichals bleiben wollen, zu hexen ihr verstorbener König sie gemacht hat. Dieser Wille und feste Vorsatz strahlt auch aus der mitgetheilten Antrittsproklamation des Königs Humbert wieder und weiht damit den jungen Monarchen, der soeben in die königlichen Rechte seines hochverdienten Vaters eingetreten, auch in dessen Pflichten, wie er sie verstand, ihrem ganzen Umfange nach ein.