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Ä 293.

Samstag den 15. Dezember.

1877.

Amtliches.

Die Wittwe des Chirurgen Schaumburg, Johanna Schaum- burg hier, ist als Sachverständige zur Trichinenschau heute eidlich verpflichtet worden.

Hanau am 11. Dezember 1877.

Verloren: Ein dunkclgrauer Rock mit Sammtkragen. Ein seidenes Arbeitstäschchen, enthaltend 2 Strickzeuge und eine Brille.

Gefunden: Ein kleines Stückchen Gold. Ein Notizbuch, auf der Ausenseite eine Photographie.

Hanau am 15. Dezember 1877.

Königliches Landrathsamt.

Wochenschau.

L. C. Bismarck kommt nicht wieder, d. h. er will von Varzin nicht vor dem Frühjahre nach Berlin zurückkehren, oder wie es anders erklärt wird: das Wiedereintreten Bismarck's in seine Thätig­keit ist höchst unwahrscheinlich. Man spricht davon, daß der Kaiser selbst ungeduldig auf eine endgültige Lösung gedrungen. Die Unsicher­heit der Lage, die Abwesenheit eines verantwortlichen Leiters der Re­gierung drückt am meisten auf den Kaiser, an den von den verschieden­sten Seiten die widersprechendsten Ansprüche herantreten. Dieses Trei­bens müde soll der Kaiser erklärt haben, auf keinen Fall in eine Ver­längerung dieses Zustandes willigen zu können, auf welcher andererseits der Kanzler besteht. Die betreffenden Kreise sind von dem Austritt Bismarck's in nächster Zeit überzeugt. Wenn auch der Gesundheitszu­stand des Reichskanzlers ihn von der Hauptstadt wegzieht, so kann die­ses doch nicht die einzige Rechtfertigung für ein schon sechsmonatliches Regierungsprovisorium sein. Die anderen unaufgeklärten Gründe schei­nen aber noch ebenso zwingend zu sein, als sie es zur Zeit des Ent­lassungsgesuches Bismark's waren. Aber wie in Paris die Regierungs- knsis, so muß auch in Berlin die Ministerkrisis sehr bald zur vollen Entscheidung gelangen und ihr Ende finden, mögen die nachfolgenden Minister nun den Reihen der Konservativen oder der Nationalliberalen entnommen sein.

Zum erste» Male seit dem Erlaß des Reisgefetzes vom 2. Mai d. J. ist in Straßburg der Landesausschuß für Elsaß-Lothringen zusammengetreten; zum ersten Male sieht damit das Reichsland eine wirklich konstitutionelle, d. h. eine beschließende Volksvertretung in seiner Mitte. Der Oberpräsident nahm nun bei der Eröffnungsfeierlichkeit die Gelegenheit wahr, eine volle Verfassung, wie sie jedem Staate im Deutschen Reiche gebührt, zu versprechen, vielmehr als einen Zukunfts­preis für weitere Besonnenheit, Mäßigung und Sachlichkeit in den Ausschußverhandlungen in Aussicht zu stellen. Durch diese Versiche­rung werden auch alle Vermuthungen hinfällig, daß das Reichsland irgend einem der schon bestehenden Staaten einverleibt werde. Von Jenen, die seinerzeit für Frankreich optirt haben, kehren auffallend Viele, wohl durch trübe Erfahrungen veranlaßt, in ihr Heimathland zurück, wobei sie dann natürlich die gesetzmäßigen Pflichten als Deutsche zu erfüllen haben. Wie im preußischen, so wurden auch im badischen Landtag Anfragen wegen der Handelsbeziehungen Deutschlands zu Oesterreich-Ungarn gestellt. Und wie das preußische Ministerium die Interpellation vor den Reichstag verwies, welcher allein in Reichsan- gelegenheiteu maßgebend sei, so auch das badische. Staatsminister Tur­ban erklärte auch gleichfalls, daß neue Handelsvertragsverhandlungen in der Schwebe sind. Wie es mit den Letzteren steht und zu welchem Ziele sie führen sollen, blieb in Berlin ebenso wie in Karlsruhe ver­schwiegen.

Die Worte, mit denen Kaiser Franz Josef die österreichi­sche und die ungarische Delegation empfing, bezeugten, daß die Politik Oesterreich-Ungarns auch ferner die gleiche bleiben und keine Ueber- raschung bringen wird. Was bisher geschah, wurde vom Kaiser und König gebilligt und für die Zukunft die Erwartung ausgesprochen, daß die Opferwilligkeit seiner Völker nicht nachlassen werde. Auch er be­dauert den Krieg, ist aber auch mit dem Gewinne zufrieden, der in der Lokalisirung desselben beruht. Graf Andrassy hat jetzt zu wiederholten

Malen seine Haltung vertheidigt, wobei er nichts Neues mehr vor- brachte. Die Eröffnung einer großen Debatte über die auswärtige Lage hält er nicht für angezeigt. Dann bemerkte er, daß Nichts mehr Verwirrung im öffentlichen Urtheil angerichtet habe, als der Glaube, daß seine Politik in sogenannten officiösen Blättern angezeigt sei. Fer­ner erklärte er sich entschieden dagegen, daß die christlichen Völker im Orient dem Vorurtheil überlassen werden, als hätten Oesterreich und Ungarn kein Herz für ihre Wohlfahrt und ihre friedliche Entwicklung und als wären deren Interessen damit verbunden, daß die Türkei in demjenigen Zustande, in dem sie vor Beginn dieser Bewegung war, un­verändert erhalten werde. Man dürfe daher für diesen Status quo nicht mit Thaten einstehen und für einen solchen Zweck werde auch die Macht der Monarchie nicht eingesetzt werden, an dessen Berechtigung und Erreichbarkeit kein Staatsmann in Europa, auch kein türkischer glaube. Nachdem die Türken nach den Worten Derby's England schon für einen größeren Feind als selbst die Russen halten, wird auch Oester­reich dasselbe Urtheil erfahren und zwar um so mehr, da Andrassy das Gegentheil von der Unantastbarkeit der Türkei zuläßt. Der Kanzler sagte weiter fast in drohendem Sinne, daß es keine Macht gibt, die ohne Oesterreich die Regelung der orientalischen Angelegenheiten unter­nehmen könnte. Er werde die europäischen Interessen im Einverständ­nisse mit Europa wahren, für die eigenen aber würde die Monarchie selbst einstehen.

Der Senatspräsident Herzogfvon Audiffret-P.asgu.ier wurde von den Konstitutionellen des Senats aufgefordert, dem Marschall- Präsidenten dringend zu rathen, die Unterhandlungen mit Dufaure wie­der anzuknüpfen. Denn dieselben waren wirklich gescheitert, weil die Republikaner, richtiger ihr 18er Comite, auch die Minister des Aus­wärtigen, des Krieges und der Marine aus der Mehrheit der Depn- tirtenkammer zu nehmen forderten. Mac Mahon bestand darauf, sie ohne Rücksicht auf das Parlament nach seiner eigenen Wahl zu ernen­nen, so daß das Ministerium kein ganz parlamentarisches geworden wäre. Und jetzt hat er dem Herzog, der so sehr gegen die wiederholte Auflösung der Kammer ist und gegen dieselbe alle Orleanisten zu ge­winnen sucht, rundweg erklärt, daß er keiner Rathschläge mehr bedürfte, da fein Entschluß unwiderruflich gefaßt und überdies das Kabinet be­reits gebildet sei. Wenn der Senat sich weigern sollte, so würde er sich eher zurückziehen, als die Unterhandlungen mit Dufaure erneuern. Sein Entschluß ist gefaßt, er geht bis aus Ende. So sagt der Mann, wel­cher behauptet, er besäße gar keinen Ehrgeiz und würde es für das öffentliche Wohl nothwendig halten, daß er auf seinem Posten bleibt. So lieb ihm das Verbleiben nun wäre, eben so lebhaft und gebieterisch fordert dieRepublique franyaise", das Organ Gambetta's, seinen Rück­zug. Und möglich daß dieser sehr bald zur Nothwendigkeit wird, wenn die Orleanisten des Senats den Auflösungsantrag verwerfen. Der Generalgouverneur von Paris hat am 10. die Truppen bis 2 Uhr Nachmittags in den Kasernen zurückbehalten. Das neue Ministerium ist aus der antirepublikanischen Mehrheit des Senats genommen.

P l e w n a ist am 10. gefallen, um 2 Uhr Nachmittags rückten die 2. rumänische Division und die Russen dort ein. Nach einem mehr­stündigen blutigen Kampfe, durch den der Durchbruch nach Widdin ge­lingen sollte, mußte sich Osman Pascha, selbst verwundet, mit seinen 40,000 Mann ergeben und er that dies auf Gnade und Ungnade. In Petersburg, Bukarest herrschte darob großer Jubel und der Czar tele- graphirte sofort dieses Ereigniß dem Deutschen Kasier, welcher seinen Glückwunsch unmittelbar zurückgehen ließ. Nach dreimonatlicher Bela­gerung ist die über Nacht erstandene Festung gefallen, die den Türken keinen Gewinn, nur viele Ehre und etwas Zeitaufschub brächte. Die türkischen Vorstöße an der Lomlinie blieben erfolglos und Suleiman Pascha ließ seinen schönen Erfolg bei Elena unbenützt. Die Russen haben sich mit den Serben schon in Verbindung gesetzt. Der rumäni­sche Senat und die Kammer sind für die Betheiligung Rumäniens am Kriege bis zum Schlüsse eingenommen. Doch soll kein geschriebener Vertrag mit Rußland vorhanden sein, es wird Alles von der Hochher­zigkeit des Czaren erwartet.