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M 385.
Donnerstag den 6. Dezember.
1877.
Tagesschau.
Ein neuer Abschnitt des Kriegs.
(A. b. Schw. M^ rk)
Die Aussicht, daß der in Plewna eingeschlossene Osman Pascha durch Mehemed Ali, den geborenen Magdeburger, entsetzt werden könnte, ist nun auch geschwunden. Anstatt daß dieser von Orhanie her sich immer mehr dem belagerten Platze genähert hätte, zieht sich umgekehrt der Kriegsschauplatz von der Straße Sofia-Plewna immer weiter nach Westen. Die Ortschaften, welche in den neuesten Kriegsdepeschen der Russen genannt werden, muß man alle westwärts von Orhanie suchen, nach dem Jsker hin und darüber hinaus, bis zum Ogustul, der bei Rahova in die Donau fließt. Dieses ganze Gebiet bis zum Ogustul ist nach den russischen Depeschen von den Türken gesäubert und die Russen schwärmen bereits bis Berkowatz (am Ogustul), ja sogar bis Belgradschik (südwärts von Widdin), wo sie unschwer vollends den Serben die Hand reichen können, sobald diese wirklich zum Eintritt in den Krieg sich entschließen, wozu, wie es scheint, nur noch die letzten diplomatischen Formalitäten getroffen werden. Nach dieser Seite hin ist die mflckärische Lage nicht zweifelhaft: mit Ausnahme der völlig isolirten Festung Widdin ist nun auch ganz Westbulgarien in den Händen der Russen. LLeniger deutlich ist es, wie die Dinge nach Süden stehen, nämlich bei Orhanie. Ein türkisches Telegramm bestätigt, daß seit viex Tagen die Stellungen Mehemed Alffs angegriffen würden, daß er aber bisher allen Angriffen widerstehe. Damit stimmen aber die russischen Depeschen nicht, welche wissen wollen, daß die Türken auch Orhanie geräumt und sich auf den nächstliegenden Balkanpaß bei' Wratschach zurückgezogen haben; und nun fügt eine neueste Depesche hinzu, daß die Türken auch die Befestigungen von Wratschach geräumt haben und sich auf zwei Wegen über den Balkan hinüber nach Sofia zurückgezogen haben. Der eine Weg ist die Straße von Orhanie über den Babakonakpaß, der andere führt von Lutakowa (2 Meilen westlich von Orhanie) in das Jskerthal hinüber. Bereits soll eine Abtheilung Türken jenseits des Engpasses stehen. Bestätigen sich diese Nachrichteu, und bei der Genauigkeit der Namensangaben ist nicht an ihrer Glaubwürdigkeit zu zweifeln, so stehen wir abermals vor einem Abschnitt in den Kriegsereignissen. Mehemed Ali, der den Osman entsetzen wollte, ist selbst wieder über den Balkan zurückgeworfen worden. Sämmtliche Balkanübergänge in Westbulgarien sind im Besitz der Russen und nichts mehr scheint im Wege zu stehen, daß sie den Krieg noch in diesem Winter nach Rumelien hinübertragen; während gleichzeitig Serbien mit eingreift und neuerdings auch die Betheiligung Griechenlands wieder wahrscheinlicher wird, so daß der Menschheit bei diesem gräuelvollen Krieg wenigstens die tröstliche Aussicht bleibt, daß eine gründliche Veränderung im Südosten Europas, und zwar zum Besten der christlichen Völkerschaften daselbst die Frucht des Krieges sein werde.
— Berlin, 5. Dezbr. Abgeordnetenhaus. (Fortsetzung.) Der Gesetzentwurf, betr. die Zuständigkeit der Verwaltungsbehörden und Verwaltungsgerichte in städtischen Gemeindeangelegenheiten rc., wurde auf Antrag der Abgg. von Rauchhaupt und Dr. Lasker an eine besondere Kommission von 14 Mitgliedern verwiesen.
Es folgte die erste Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend die Aufbringung der Gemeindeabgaben. Nach dem Abg. Kaufmann legte der Abg. Dr. Gneist in eingehender Rede die Unzukömmlichkeit des jetzigen Zuschlagssystems dar und wünschte Selbstregulirung der Gemeindeabgaben. Der Abg. Vopelius wendet sich gegen das im §. 15 des Gesetzentwurfes ausgesprochene Prinzip der Befreiung des Reichsund Staatsfiskus von der Abgabepflicht. Der Abg. Dr. Frhr. v. d. Goltz erklärte wegen der Ueberlastung der Gemeinden mit Abgaben die Herbeiführung eines Maßstabes zur Regelung dieser Verhältnisse für nothwendig; der von der Regierung gegebene treffe im Allgemeinen das Richtige, nur habe sie denselben zu minutiös ausgearbeitet; es sei Sache der Kommission, welche den Entwurf berathen würde, zu prüfen, ob sich dieser Mangel beseitigen lasse.
Der Regierungskommissar, Geheime Regierungs-Rath Herrfurth,
führte aus, der Vorwurf, daß die Regierung diesen Entwurf zu einer ungeeigneten Zeit vorgelegt habe, würde auch das Haus selbst treffen, das wiederholte Resolutionen gefaßt habe, welche die Regierung zur Vorlage eines Kommunalsteuergesetzes in der nächsten Session aufgefordert hätten. Die Regierung verkenne nicht die großen Schwierigkeiten, welche augenblicklich der Regelung dieser Frage entgegenständen, sie glaube aber eine längere Verzögerung nicht rechtfertigen zu können. Der Einwand der allzu engen Anlehnung des Gemeindesteuersystems an die direkten Staatssteuern treffe nicht zu. Schon in dem im vorigen Jahre publizirten Entwurf wäre das Zuschlagssystem in nur geringem Maße durchgeführt, und die in dieser Beziehung jetzt eingetretenen Modifikationen beseitigten wohl jegliches Bedenken in dieser Hinsicht. Die Zuschläge könnten nach der Vorlage so kombinirt werden, daß alle lokalen Eigenthümlichkeiten berücksichtigt werden könnten. Man habe auch den Vorwurf der allzu großen Kasuistik gegen die Vorlage erhoben. Eine jede derartige Bestimmung solle aber eine im praktischen Leben hervorgetretene Streitfrage beseitigen. In dieser Beziehung sei eher zu wenig als zu viel geschehen. Die Regierung glaube nicht, daß ihr Entwurf alle die vielen Streitfragen im Kommunalsteuersystem richtig löse, sie werde Verbesserungsanträge gern in Erwägung ziehen, wie sie auch eine genauere Statistik dieser Verhältnisse mit Freuden begrüßen werde. Die jetzt vorliegende sei nur eine Privatpublikation mit Benutzung des amtlichen Materials. (Forts, folgt.) (R. u. St.-A.)
— Berlin, 4. Dez. Zur Beleuchtung der von den Schutzzöllnern so sehr gepriesenen Zollpolitik der Vereinigten Staaten von Nordamerika kann eine Betrachtung dienen, welche der amerikanische Natio- nalökonom J. G. Sommer in seinen Vorlesungen über Schutzzölle an- stellt. Er sagt: „Nach dem Census von 1870 betrug das in den Vereinigten Staaten in der Produktion von Roheisen angelegte Capital 56,100,069 Dollars. Beschäftigt waren bei der Anfertigung 27,551 Arbeiter, welche an Lohn 12,400,000 Dollars erhielten. Die einheimische Produktion betrug 2 Millionen Tons. Der Zoll war 9 Dollars für die Tonne. Es kam mithin die Produktion einem nicht vereinnahmten Zolle von 18,000,000 Dollars gleich. Wenn man das Capital von 56,100,000 Dollars mit 7 pCl. verzinst, so beträgt dies 3,900,000 Dollars; hierzu der Lohn gerechnet 12,400,000, gibt 16,300,000 Dollars. Das amerikanische Volk hat mithin für das producirte Roheisen 1,700,000 Dollars mehr bezahlt, als die Verzinsung des gesammten Capitals und die Arbeitslöhne gekostet haben." In andern Worten könnte man dies auch so ausdrücken, daß der Staat beinahe 2 Millionen Dollars profitirt haben würde, wenn er die 2 Millionen Tonnen Eisen frei eingeführt und den Fabrikanten und Arbeitern 16,300,000 Dollars geschenkt hätte, ganz abgesehen von dem größeren Consum, welchen die Zölle gehemmt haben. (Köln. Ztg.)
— Allmählig beginnt man, sich doch auf Seiten der Geschäftswelt von den großen Vortheilen zu überzeugen, bie das Musterschutzgesetz gewährt. Während im Vorjahre noch über eine geringe Theilnahme zu klagen war, haben sich in diesem Jahre die Eintragungen von Mustern und Modellen auf Grund jenes Gesetzes ganz erheblich vermehrt. Seit der am 1. April 1876 stattgehabten Eröffnung des Musterregisters wurden im Jahre 1876 im Ganzen nur 12,759 Muster eingetragen, während bis Ende Oktober d. I. bereits 42,154 Muster und Modelle niedergelegt worden sind. Bemerkenswerth ist, daß bei dieser Registrirung hauptsächlich das Inland betheiligt war, denn unter den bis Ende Oktober insgesammt als niedergelegt veröffentlichten 54,853 Mustern und Modellen (9081 plastischen und 42,052 Flächen« mustern) befanden sich nur sieben ausländische (3 großbritannische und 4 französische).
— Eine Anzahl „gut katholischer Journalisten" hat nach der „Trib." den Papst um die Erlaubniß gebeten, den heiligen Franz von Sales als Schutzpatron der katholischen Presse verehren zu dürfen. Der Papst hat nach der „Germania", die dies mit großer Rührung mittheilt, dieses Ansuchen genehmigt und wird seine Genehmigung demnächst in einem an den Chefredakteur der „Unita cattolica" zu richtenden officiellen Schreiben mittheilen lassen. Bei diesem Anlässe soll