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M 269.
Samstag den 17. November.
1877.
Wochenschau.
L. C. Die am 8. d. M. verstorbene Königin-Mutter Amalie von Sachsen war eine Tochter des Königs Maximilian I. Joseph vo« Bayern aus dessen zweiter Ehe mit der Prinzessin Karoline von Baden; sie war geboren zu München am 13. November 1801 als Zwillingsschwester der verewigten Königin Elisabeth von Preußen und am 21. November 1822 mit dem späteren Könige Johann von Sachsen vermählt, Wittwe seit dem 29. Oktober 1873. Es überleben die Königin-Mutter zwei Söhne, der regierende König Albert und Prinz Georg, und eine Tochter, die Schwiegermutter des Kronprinzen von Italien. In der größeren Oeffentlichkeit ist die Königin Amalie nie hervorgetreten, auch ist über die Ausübung eines Einflusses auf kirchliche und politische Dinge von ihrer Seite nichts bekannt geworden. Bei der sächsischen Bevölkerung hat sich Königin Amalie stets der größten Verehrung zu erfreuen gehabt. Das sächsische Königshaus hat mit diesem Todesfälle binnen wenigen Wochen drei seiner Angehörigen, den Vater der Königin und die zwei vorhergehenden Königinnen und Schwestern verloren.
Im preußischen Abgeordnetenhause wurde ein Antrag eingebracht und angenommen, welcher die sofortige Durchführung der Verwaltungsreform auch in der Rheinprovinz und Westfalen fordert. Es wurde aber dabei geltend gemacht, daß diese Resorm gleichfalls in allen Provinzen, welche sie noch nicht besitzen, eingeführt werde, ihr jedoch wo möglich das Gesetz einer Landgemeindeordnung vorangehen sollte. Die Regierung wiederholte die Erklärung, daß sie nicht still zu stehen beabsichtige, allein damit ist noch immer keine Aufklärung über ein scharf abgestecktes Ziel gegeben. Lasker äußerte deshalb, daß die Mehrheit des Hauses sich nur mit einem der Minister, dem Kultusminister Falk, nach wie vor einverstanden wisse, welcher energisch seine Kirchen- und Schulpolitik verfolge und einhalte. — Eine Beschwerde der Polen, daß gegen sie die Kreisordnung und das Versammlungsgesetz nicht recht und billig gehandhabt werden, fand Widerstand und führte ihnen nur den Vorwurf zu, daß den Polen noch immer das Gefühl der Zusammengehörigkeit mangele, weßhalb ihnen auch jene Hoheitsrechte verweigert werden müßten, welche das deutsche System der Selbstverwaltung den Gemeinden einräumt. Ein polnischer Abgeordneter bat, seinen Landsleuten das Bewußtsein ihrer Nationalität zu lassen, aber er setzte auch hinzu, daß ihnen das Wiedererwachen des Königreichs Polen ein fester Glaube sei. Windthorst nahm Veranlassung, die Polen die Heloten des deutschen Reiches zu nennen, es ist ja der ehemalige hannoveranische Minister niemals um Ausdrücke verlegen. — Zwischen Bismarck und der Land- und Ritterschaft Lauenburgs war ein Zwist ausgebrochen, als es sich um die Einführung preußischer Gesetze handelte. Die Lauen- burger verlangten, daß ihnen die Gesetze vorerst zur Beschlußfassung vorgelegt werden. Doch standen sie davon ab und verzichteten auf die Prüfung, entschlossen sich aber einfach für die Einführung der Gesetze in ihrem Herzogthum.
Für die Gotthardbahn hat das deutsche Reich in diesem Jahre den Betrag von 740,740 und einen außerordentlichen Beitrag von 2,046,023 Francs zu bezahlen. Die Vollendung des Werkes ist gesichert, wenn auch einzelne Kantone der Schweiz sich der Bezahlung des auf sie treffenden Nachtragtheiles weigern und dafür wohl der ganze Bund aufkommen müssen wird. — In Breslau fand eine Katholikenversammlung statt, auf der 3000 Schlesier eine Petition an den Kaiser verzeichneten, worin sie ihn ganz kurz um Abschaffung der Maigesetze mgehen. Gerade als ob Kaiser Wilhelm sich gar nicht um die Lage des Landes kümmern würde und die Gesetze seinerzeit leichten Herzens und gleichgültig genehmigt hätte.
Die Bewegung gegen alle Verfälschungen hat sehr um sich gegrif- M. Eine Wanderversammlung für öffentliche Gesundheitspflege in Mrnberg berücksichtigte besonders die Bierverfälschung. Zugleich wurde aber auch das deutsche Fabrikgesetz mit Bezug aus den Schutz der Frauen- und Kinderarbeit berührt und als tüchtig und die Gesetze aller Länder übertreffend bezeichnet. Der Verein für Gewerbefleiß sprach sich unter dem Vorsitze Delbrücks gegen jede Verwendung von Gift aus,
wenn auch die deutsche Industrie gegen etwaige Eingriffe der Gesetzgebung protcstire. Delbrück meinte, die Industrie brauche hierin gar nicht gehört zu werden, denn Gift bleibt Gift. Als bestes Heilmittel wurde die Selbsthülfe der großen Masse genannt, welche allein eine Radikalkur der Verfälschungen herbeiführen würde.
Der „Reichsanzeiger" bestätigt, daß der in der Türkei beschäftigt gewesene deutsche Telegrapheubeamte Heinrich Kaiser, der sich auf einer Dienstreise befand, am 23. Oktober ermordet worden sei. In Folge einer Anfrage des deutschen Botschafters habe die Pforte eine strenge Untersuchung angeordnet zur Ermittelung des Thäters und einen Regierungskommissar unter konsularischem Beistand mit 50 Mann an den Thatort.abgesendet.
Im Haag wurde vom König der Niederlande nach langer Zeit endlich ein liberales Ministerium ernannt, welches die seit drei Jahren bestandene konservative Regierung ablöst. — In Dänemark kam nach halbjährigem Kampfe insofern eine Einigung zwischen Regierung und den Landesboten zu Stande, daß Landsthing und der widerspenstige feindselige Folkething ein provisorisches Finanzgesetz bewilligten.
Der 14. Oktober und der 4. November haben die Politik Mac M ahons und seiner Regierung verurtheilt; im Abgeordnetenhause, in den General- und Bezirksräthen gehört die Mehrheit den Republikanern und dessenungeachtet ist der Marschall entschlossen, auszuhalten und zwar mit dem Ministerium vom 18. Mai. Es war Pouyer-Qüertier nicht möglich gewesen, ein Versöhnungs- oder Uebergangsministerium zu bilden, weil eben die Männer der Rechten selbst daran nicht Theil nehmen wollten. An ein Ministerium der Linken dachte aber Mac Mahon nicht und so blieb der Wahl- und Kampfesregierung nichts übrig, als vor der neuen Kammer aufzutreten. Bei deren Eröffnung am 7. blieben Broglie und Fourtou noch ferne, stellten aber in Aussicht, daß sie an einem der folgenden Tage Rede stehen wollten. Zum Präsidenten der Kammer wurde mit großer Stimmenmehrheit Grevy gewählt. Die Linke weiß nunmehr, daß der Marschall nicht nachgeben werde, und sie ist daher entschlossen, denselben mit allen verfassungsmäßigen Mitteln zur Abdankung zu zwingen. Dieser stützt sich aber auf den Senat, der ihm seine Ergebenheit versichern ließ, ohne bisher der Regierung selbst das erwartete Vertrauensvotum ;u ertheilen. Den Ministern hat der Marschall-Präsident erklärt, daß er angesichts der heftigen Beschuldigungen, die sie in der Deputirtenkammer erfahren hätten und welche die gesammte Regierung träseu, ihre Entlassung nicht annehmen könnte.
Nach einer großen Niederlage Mukhtar Paschas 2 Meilen östlich von Erzerum im Deweboyun-Gebirge am 4. und 5. haben die Russen einen Angriff auf die Festung selbst unternommen, welcher, weil verspätet, mißglückte. Erzerum scheint sehr bedroht zu sein und kann vielleicht noch vor Kars fallen, dessen Besatzung einen erfolglosen Ausfall versuchte, um den Einschließungsgürtel zu sprengen. Die Russen beschäftigen sich auch wieder mit Batum. In Bulgarien rücken sie Si- listria näher und breiten sich durch kleine Abtheilungen stets mehr aus. Skobeleff gelang es, bei Plewna eine werthvolle Redoute zu nehmen, um die Osman Pascha sich vergebens wieder bemühte. Im Schipka- passe gab es mehrmals heftige Kanonaden. Konstantinopel gährt un- gemein und jetzt kommen sogar von dort her Friedensgerüchte.________
Tagesschau.
— Berlin, 15. Novbr. Abgeordnetenhaus. (Fortsetzung.) In der heutigen (15.) Sitzung theilte der Präsident mit, daß von dem Justiz-Minister der Entwurf eines Ausführungsgesetzes zum deutschen Gerichtsverfassungsgesetz, von dem Minister der geistlichen rc. Angelegenheiten eine Denkschrift, betreffend den Hannoverschen Klosterfonds, und von dem Handels-Minister der Jahresbericht der Fabrikinspektoren eingegangen sei. Der Abg. Richter (Hagen) hat eine Interpellation, betreffend die Verwendungen aus dem mit Beschlag belegten Vermögen des Königs Georg, eingebracht.
Das Haus setzte demnächst die zweite Berathung des Etats, mit der Diskussion des Justizetats fort. Dem Abg. von Ludwig entgegnete der Regierungskommissar, Ministerial-Direktor Freiherr von Glaubitz, daß es einer Anweisung des Justiz-Ministers an die Staatsanwälte,