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JK 236
Dienstag den 9. Oktoder.
1877.
Amtliches.
Die Herrn Bürgermeister werden unter Bezugnahme auf meine Bekanntmachung vom 18. Februar 1876, Hanauer Anzeiger Nr. 44, wiederholt angewiesen im ersten Monat jeden Jahres den Königlichen Schulinspektoren ein Verzeichniß der zu den Gemeindekassen eingegan- genen Schulstrafgelder oder Negativ-Bescheinigungen einzureichen.
Hanau am 4. Oktober 1877.
Der Landrath.
Tagesschau.
— Berlin, 8. Oktober. Der Reichskanzler und Präsident des . Staats-Ministeriums, Fürst von Bismarck, führte am Sonnabend bei einer Besprechung des Staats-Ministeriums den Vorsitz. Derselbe ist „ heute früh nach Varzin abgereist. — Der Bundesrath trat heute zu einer Sitzung zusammen. (R. u. St.-A.)
— Die Reise des Unterstaatssekretärs Herzog, welche dieser vor wenigen Tagen nach Straßburg angetreten, wird, wie das „D. Mont.- Blatt" schreibt, von mehreren Seiten mit der Frage der Reorganisation der Verfassungszustände der Reichslande in Verbindung gebracht. Wie wir erfahren, ist diese Version durchaus unbegründet. An eine Aenderung der staatsrechtlichen Verhältnisse des Reichslandes wird in maßgebenden Kreisen jetzt nicht gedacht, vielmehr will man abwarten, wie das Experiment der Kompetenzerweiterung des elsaß-lothringischen Landesausschusses, dem jetzt auch ohne die Mitwirkung des Reichstages die Beschlußfassung des Landesbudgets vorliegt, ausfallen wird. Herr Herzog ist in rein dienstlichen Angelegenheiten nach Elsaß-Lothringen gerecht. Dort hält sich augenblicklich auch der Geh. Postrath Meißner behufs Jnspizirung des Post- und Telegraphenwesens auf.
— Die Nat.-Ztg. beschäftigt sich eingehend mit den russischen Finanzen. Sie berechnet das Geld, welches Rußland seit anderthalb Jahren als Anleihen erhielt, auf 300—350 Millionen. Davon könne bei einer monatlichen Kriegsausgabe von 50 Mill. wenig mehr übrig sein. Der Krieg werde wesentlich durch Ausgabe von Papiergeld geführt, dessen Umlauf sich am 1. Sept. a. St. bereits auf 908 Millionen erhöht habe. Je mehr Papier ausgegeben wird, desto mehr sinkt es natürlich im Preise. Entwerthet war das Papiergeld ja lange, seit dem Krimkriege stets mehr oder weniger. Von Pari von etwa 323 Mark für 100 Silberrubel war es indessen in den letzten Jahren vor der orientalischen Krisis doch nur auf 280 im Durchschnitt gesunken. Jetzt ist es im laufenden Jahre in verschiedenen Sprüngen und mit zeitweiligen kleinen Besserungen im Ganzen fortwährend gewichen, bis auf 205 (vorübergehend schon auf 202) Mark. Mit andern Worten: das Papiergeld steht etwa noch 63—64 Prozent. So tief war das österreichische Papiergeld nur kurze Zeit in den schlimmsten Tagen seiner neueren Geschichte, während des italienischen Krieges von 1859, gesunken. Schließlich warnt das Blatt vor der Täuschung, daß Rußland durch Geldnoth an der Fortführung des Krieges gehindert werden könnte. So lange das Papiergeld wenigstens einigen Werth behalte, könne Rußland der Erfahrung gemäß weiter wirthschaften und, wenn es sein muß, auch Krieg führen.
— Von den liberalen Abgeordneten zum bayerischen Landtage Crämer, Frankenburger und Genossen ist folgende Interpellation an den Finanzminister eingereicht worden:
„Die gesammte bayerische Presse brächte wiederholt und unwidersprochen die Nachricht von einem ebenso überraschenden, wie folgenschweren Ereignisse, welches bei einer Filiale der königlichen Bank, nämlich der Bankfiliale Bamberg sich zugetragen hat. ' Dem verlebten dortigen Oberbeamten, welcher der Anstalt über 30 Jahre diente, wurden Veruntreuungen in einem erschreckenden Maße zugeschrieben. Die Summe der unterschlagenen Gelder soll mehrere Millionen erreichen, -die umlaufenden Gerüchte bezeichnen noch höhere Beträge als veruntreut. Auch Privatpersonen werden als Theilnehmer an den verbrecherischen Handlungen genannt. Die Art der Ausführung soll geeignet sein, die größten Bedenken bezüglich der bestehenden Controleinrichtungen zu erregen. Unverholen und ohne Widerspruch wird der Mangel sachge
mäßer Visitation und die bestehende Bankorganisation, deren etwaige Aenderung bei dem letzten Budgetlandtage im Finanzausschüsse angeregt und besprochen wurde, als Mitursache dafür bezeichnet, daß so ausgedehnte und während vieler Jahre fortgesetzte Veruntreuungen möglich waren.....Auch der königlichen Staatsregierung muß daran gelegen sein, den wahren Sachverhalt zur Kenntniß des Landes zu bringen, welches ein Recht auf diese Mittheilungen hat. Die Unterzeichneten erlauben sich nun, an die königliche Staatsregierung folgende Fragen zu stellen : 1) Ist die Staatsregierung bereits im Stande, über die bei der Bankfiliale Bamberg vorgekommenen Veruntreuungen Aufschluß zu geben? 2) Wird und in welcher Weise wird dieselbe der Kammer der Abgeordneten über diese Vorgänge und die Ergebnisse der jedenfalls an gestellten Untersuchung Mittheilung machen ? 3) Welche Maßnahmen beabsichtigt die königliche Staatsregierung zur Verhütung ähnlicher Vorkommnisse zu treffen ? 4) Hat dieselbe eine Aenderung der bestehenden Organisation in Erwägung gezogen, und wenn ja, mit welchem Erfolge?" (Trib.)
— Würzburg. Vor einigen Tagen kam der Kegeljunge eines im Mainviertel wohnenden Restaurateurs in ein hiesiges Kolonial- waarengeschäft und verlangte 5 Pfund Stärkemehl. „Was thut Ihr denn mit so viel?" wurde er gefragt. „Das kommt doch in die Bratwurst", erwiderte er so zuversichtlich, als ob das nicht anders sich gehöre. , Der betreffende Kaufmann machte seine Anzeige, in Folge deren Untersuchung eingeleitet wurde. Ein Theil des corpus delicti (d. h. verschiedene derartig gemischte Wurststücke) liegen im Geschäftszimmer des rechtskundigen Magistratsraths Schöppner. Der erwähnte Kaufmann wird nun wohl um einen Kunden ärmer sein, mag sich aber mit dem Bewußtsein trösten, seinen Mitbürgern einen großen Dienst erwiesen zu haben.
— Darmstadt, 8. Okt. Die Zweite Kammer ist auf den 13, Oktober zu einer Session einberufen worden.
— D a rmstadt, 8 Okt. In Mannheim ist am vorigen Samstag erstmalig eine „Wochenschau über Fälschung von Nahrungsmitteln: Reiner Wein" erschienen, welche es sich zur Aufgabe stellt, das Publikum öffentlich aufzuklären, „was es täglich ißt und trinkt, wie gefälscht wird und wer fälscht." Solch „reiner Wein" thut Noth. Das Abonnement auf das Blatt beträgt vierteljährlich eine Mark 50 Pfennige durch die Post bezogen. — Bei sämmtlichen Metzgern wurden heute Wurstproben erholt, um solche auf „Bindemittel", d. h. Kartoffelmehl, zu untersuchen. ' (Hess. Landztg.)
— Pesth, 7. Okt. Wie sich herausstellte, sollten die Freischärler einzeln an verschiedenen Punkten die Gränze überschreiten, und sich auf rumänischen Boden in Fokschan sammeln. Congreve'sche Raketen, Militärpferde und Champagnerflaschen, die mit Pulver gefüllt sind, wurden confiscirt, so wie ein Manifest, worin die Rumänen aufgefordert werden, die Waffen zu ergreifen und ihren Stützpunkt in Oesterreich zu suchen. Der Putsch ist als erloschen zu betrachten. Die Nachricht von einem Zusammenstoß ist erfunden. (Köln. Ztg.)
— Paris, 7. Okt. Das nunmehr bekannt gewordene Wah'lpro- gramm Gambetta's betont, Frankreich stehe im Begriff, sich darüber auszusprechen, wie es über das gegenwärtige Kabinet und die der persönlichen Politik des Staatsoberhauptes entsprechenden Handlungen desselben, sowie über die nicht zu rechtfertigende Auflösung der letzten De- putirtenkammer denke. Frankreich wolle die Republik, als diejenige Regierung, die sür dasselbe nothwendig sei ; Frankreich wolle nicht die „moralische Ordnung", sondern die republikanische Ordnung begründen; Frankreich werde aussprechen, daß es sich der Herrschaft der Klerikalen entziehen wolle, und daß es eine Diktatorpolitik verurtheile, die dem zum Kandidaten eines Plebiszits umgewandelten Chef der Exekutivgewalt keine andere Wahl lasse, als diejenige, sich zu unterwerfen oder fein Amt niederzulegen. — 8. Okt. Gambetta beabsichtigte, morgen Abend im Cirkus des Chateau d'eau-Platzes eine Rede zu halten, wird aber wohl nunmehr darauf verzichten, da, nach der jetzt wegen seines Wahlprogramms gegen ihn eingeleiteten gerichtlichen Verfolgung, seine Verhaftung nicht unwahrscheinlich erscheint. (R. u. St.-A.)