WSS
Anschauungen gingen aber nur vom Gesichtspunkte deS ReichSintereffeS aus. Der Abg. Dr Gneist trat für den Sitz der Reichsgerichts in Berlin ein. indem er seine Ansicht sowohl aus der Kompetenz fyä Reichsgerichts als aus Gründm der Zweckmäßigkeit rechtfertigte. Der Abg. Frankenburger vertheidigte dagegen den Standpunkt der Vorlage. Auf eine Anregung des Redners präzistrte der Bevollmächtigte zum BundeSrath, Königlich sächsischer Staats-Minister Abeken dir Stellung der Königlich sächsischen Regierung zu der Frage der Aufhebung des höchsten sächsischen Landesgerichtshofes im Falle der Errichtung des Reichsgerichts in Leipz'g, ohne der sächsischen Landesvertretung pcäju- diziren zu wollen, dahin, daß die Regierung einen Zusammenhang dieser beiden Fragen nicht anerkenne. Die Frage der Beibehaltung eines eigenen obersten Landesgerichtshofes sei für die sächsische Regierung jetzt noch eine offene, im Falle der Berlegung deS Reichsgerichts nach Leipzig werde aber die sächsische Regierung dem Landtage in den Vorlagen, betreffend die Ausführung der Reichs-Justizgesetze, Borschläge für die Beibehaltung eines eigenen obersten LandeSgerichtShofes dritter Instanz nicht machen. Der Bevollmächtigte zum BundeSrath, Justiz-Minister Dr. Leochardt, betonte dagegen, daß die preußische Regierung immer für die Beseitigung der obersten LandesgerichtShöfe nach der Konstitui- rung deS Reichsgerichts eingetreten sei. Die Natur deS Rechtsmittels, über welches daS Reichsgericht entscheiden müsse, verlange dessen Sitz im Centrum des politischen Lebens, und das sei nicht Leipziz, sondern Berlin. An einem anderen Orte werde das Reichsgericht rühmlos wie in Wetzlar enden. Beim Schlüsse deS Blattes ergriff der Abg. von Kleist-Retzow das Wort.
(Fortsetzung folgt.) c».«. st-a.>
— DaS Gesetz, betreffend die Feststellung deS Staatshaushalts- Etats für daS Jahr vom 1. April 1877/78, ist am 14. März d. J. von Sr. Majestät dem Könige vollzogen worden und wird in der aus- gegebenen Nr. 6 der Ges-tz-Sammlung publizirt.
— Berlin, 19. März. Jgnatieff hatte, wie versichert wird, die von England vo geschlagenen Abänderungen des Protokolls für sich angenommen und erkärt, er werde sie feinst Regierung empfehlen. Man glaubt, Rußland werde zustimmen, falls es noch nicht geschehen. Auch eine befriedigende Lösung der Entwaffnungsfrage wird gehofft, weil Rußland daS Protokoll vorschlug, um entwaffnen zu können. Doch bedaif dieser Punkt noch thatsächlicher Bestätigung. Wie eS heißt, würde daS Protokoll von den Seitens der Türkei auf der Conferenz zugestandenen so wie auch den neuerdings von Safvet Pascha verkündeten Reformen Akt nehmen, die Ausführung empfehlen und, falls diese nicht «folgen sollte, eine weitere Verständigung über die Mittel der Ausführung Vorbehalten. Wenn Rußland zustimmt, wird der Beitritt der anderen Mächte nicht bezweifelt. Die Frage der Entwaffnung wurde nach unseren Nachrichten außerhalb des Protokolls und neben demselben verhandelt, so viel man weiß, in vertraulicher Weise zwischen England und Rußland. Man hofft, wie erwähnt, daß auch diese Frage eine friedliche Lösung finden werde. [««i«- stg-i
— München, 16. März. Der hiesige Stadtmagistrat und das Kollegium der Gemeindebevollmächtigten haben in außerordentlicher gemeinschaftlicher Sitzung den Beschluß gefaßt, aus Anlaß deS 80. Ge- LurtstazeS des deutschen Kaisers eine Glückwunschadresse an denselben zu richten. Die städtischen Gebäude werden am 22. März beflaggt werden.
— Nürnberg, 16. März. Der Magistrat fordert die Bürger- schüft auf, die Häuser zu Ehren des Gebürtigstes deS Deutschen Kaisers zu beflaggen.
— Bern, 10, Febr. Angesichts der in letzter Zeit ziemlich ge- schloffen auftretenden Opposition gegen den Impfzwang und der bevorstehenden Behandlung der Frage in den eidgenössischen Räthen sah sich die schweiz. Ärztekommission veranlaßt, eine Stimmabgabe aller legitimen Schweizer Aerzte über die Jmpffragen zu veranstalten. Herr Dr. Albert BurckhardtMerian von Basel, Sekretär der Kommission, referirt im Korrespondenzblatt für Schweizer Aerzte" über das Ergebniß dieser allgemeinen schweizerischen Herztegemeinde. Der interessanten Weiß entnehmen die „BaNer Nachrichten" nachstehende Daten: Versandt wurden im Ganzen 1376 Stimmkarten, wovon beantwortet wieder eingingen 1168, also 84 8 pCt. Die erste Frage, ob die erfolgreich auSgeübte Impfung vor ächten Pocken oder wenigstens von den schwerern Formen derselben auf eine längere Reihe von Jahren schütze, wurde von 1122 Aerzten (96 pCt.) bejaht, von 22 Aerzten (1,8 pCt.) dagegen verneint, von 24 Arrzten (2,1 pCt) unentschieden beantwortet. Die zweite Frage, ob demgemäß die Impfung gesunder Kinder zu empfehlen sei, wurde bejahend beantwortet von 1128 Aerzten (96,5 pCt), verneinend von 25 (2,1 pCt.) und unentschieden von 15 (1,2 pCt.). Auf die dritte Frage, ob auch die Revaccwation zu empfehlen fei, antworteten 1083 Aerzte (92,7 pCt) mit ja, 60 (5,1 pCt.) mit nein und 25 (2,1 pCi.) unentschieden. Die vierte Frage lautete: Halten Sie dafür, daß die Jmpfang mit retrovaccinirter Kuh- oder Farrenlymphe solche Vortheile bietet, daß ihre Anwendung möglichst allgemein anzastreben wäre? Mit ja wurde diese Frage beantwortet von 771 Aerzten (66 pC.) mit nein von 213 (18,2 pCt.) und unentschieden von 184 (15,7 pKQ. Die
letzte Frage endlich betraf die Aufrechthaltung der obligatorische« Im» Pfung; für dieselbe erklärten sich 1010 Aerzte (86,4 pEt.), gegen die« selbe 133 (11,4 pCt); auch dieser Frage gegenüber finden sich 25 ttn« entschieden (21 PCt.). Bemerkenswerth durch ihre Originalität, weniger vielleicht durch ihre wissmschaftliche Klarheit, ist tie Antwo t eines Arztes aus Bivis, der sämmtliche Fragen verneinte und hinzufügte: »Le grand avantage de la vaccination c’est la democratisation du sang; il faut que pas un citoyen n’ait un meilleur sang qu’un Stämpfli, Schenk, Philippin ou Scherer et tutti quanti.“ (Zu deutsch; der große Bortheil der Impfung ist die Demokrattfirung deS BluteS; eS soll kein Bürger besseres Blut haben als ein Stämpfli, Schenk, Philippin oder Scherer und tutti quanti.) Bezüglich der Kinder« impfung wurde eine sorgfältigere Auswahl der Kinderlymphe und zwar nur von durchaus gesunden Kindern empfohlen. Betreffs des Zeitpunktes der Kinderimpfung warnt ein Arzt vor zu frühen Impfungen; ein anderer will erst nach der ersten Dentition, ein dritter erst nach dem dritten AlterSjahr impfen. Was die Wiederimpfung anbetrifft, so wollen zwei Aerzte nur bei Ep'dsmien revacciniren, einer nur einmal zwischen dem 15. und 18. Altersjahre, einer alle 10 Jahre. Mehrere schlagen vor, daß die Wiederimpfungen staatlich und gratis ausgeführt werden. (Frkstr. Ztz.)
— Bern, 18 März. Anläßlich der Feier des 18. März fand hier eine Manifestation von Angehörigen der Internationalen statt; die Polizei schritt thätlich ein, und wurden dabei sowohl GenSd'armen, wie Angehörige der Internationalen verwundet.
— Paris, 19. März. Nach Privatmittheilungen aus London ist das Protokoll noch nicht unterzeichnet. Dem Vernehmen nach hat nach der „Köln. „Ztz." allein der österreichische Botschafter noch nicht die Ermächtigung keiner Regierung empfangen.
— Ropr. 18. März. Als die D?putirtenkammer den Gesetzentwurf gegen Hebelgriffe des Clerus genehmigt hatte, erhob der Papst vertraulich bei den Mächten Vorstellungen, um darzuthun, daß jener Gesetz seine Autorität gänzlich untergrabe. Drei im Vatikan beglaubigte Diplomaten haben dem Vernstzmen nach den Papst ermuntert, gegen das Gesch zu piotestiren, indeor sie ihm versicherten, er würde diesmal bei den auswärtigen Regierungen Unterstützung finden. Der Papst ließ demnach die für daS Konsistorium zum 12. vorbereitet und schon gedruckt gewesene Allocution umarbeiten und durch eine gegen Italien feindseliger klingende ersetzen. Das Cardinals-Collegium wird im Juni beinahe vollzählig in Rom versammelt sein und der Papst dasselbe über die Haupt- Tagessragen interpelliren. Zwei Prälaten 's® mit den betreffenden Studien beauftragt und angewiesen, alles bezügliche Material zusammenzuiragen, so wie die den Cardinälen zur Äe« aytwortung vorzulegenden Fragen gehörig zu formuliren. Die in dieser Angelegenheit von den Cardinälen abzuhaltenden Versammlungen werden dogmatische Konferenzen genannt werden. («»in. w
— Zara, 18. März. Gestern fand nach der „Köln. Ztg." zwischen Bonaventura und Drezgnac ein an sechs Stunden dauerndes erbittertes Gischt zwischm den Aufständischen und den Türkrn Statt, bei welchem beide Theile starke Verluste erlitten. Die Türken zogen sich nach Livno zurück.
— Philadelphia, 2. März. Einer der bedeutendsten deutschen Offiziere, welche im letzten amerikanischen Bürgerkrieg dienten und sich rühmlich ausgezeichnet haben, ist gestorben» eS ist General Adolf Wilhelm Friedrich v. Steinwehr. Dieser ebenso talentvolle, wie brave Offizier war 1822 zu Blankenburg, Braunschweiz, geboren. Er trat in die braunschweigischen Dienste, wurde Offizier, resignirte aber im Jahre 1847 und kam nach den Ber. Staaten, wo er sich in Philadelphia, Newyork und Kinncinati aufhielt. Er suchte eine Stelle in der regulären Armee, um den Krieg in Mexiko mitzumachen, wurde jedoch abschlägig beschieden. Als der Bürgerkrieg ausbrach, trat er an die Spitze deS F eiwilligen 29. Newyorker Regiments, welches ausschließlich aus Deutschen bestand, und kommazdirte dasselbe bei der Schlacht von Bull Run. In 1861 wurde er Brigadegeneral in General Blenkers Division und als General Franz Siegel das 11. Armeekorps erhielt, wurde er Generalmajor und kommandirte die 2. Division in allen Schlachten Birgdns bis zur SchlaHt bei ÄcltySbury) wo dann das Kommando verstückelt wurde und er seine Entlassung nahm. Eine Anzahl vorzüglicher geographischer Schulbücher mit den trefflichsten Karten wurden von ihm später geliefert. Er starb auf einer Reise von Kin» cinnati, wo er zuletzt wohnte, nach New-Iork in der Stadt Buffalo am Schlagfluß. (sqw.Merl.)
— New York, 18. März. Der Dampfer Rußland von Ant« Werpen ist in der vergangenen Nacht in der Nähe von Longbranch gescheitert; eS gelang j-doch, sämmtliche Passagiere und Mannschaften mit RettUflgsboten anS Land zu bringen. DaS Schiff fällte sich reißend schnell mit Wasser und scheint vollständig verloren; auf R-ttung der Ladung dürste nur bei baldigem Eintreten günstigeren Wetters Aussicht vorhanden sein. (Söm. gtg.)
— New-Iork, 17. März. Der Dampfer „Mosel" vom Norddeutschen Lloy) ist heute hier angekommen.