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Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage^ und Samstags mit der Berliner Provinzial-Correspondenz.
Die Oft«
Freitqg den 23. Februar
1877
Tages schau.
Militärische Zustände in Frankreich und Deutschland.
A. d. Schw. Merl.
Unter der Überschrift: „Die Gefechtstaktik in Preußen" veröffentlicht die Pariser Presse einen viel bemerkten Artikel über französische und deutsche militärische Zustände, mit ganz französischen Augen
angesehen. Mit Friedrich dem Großen anfangend, dessen Art und Weise der Kriegführung zu Napoleon I. Zeiten schon unbrauchbar geworden sei, weil das Freiwilligen-Elemrsnt, dessen Ungestüm sich nicht mehr mit der alten Taktik vertragen konnte, eimn beträchtlichen Antheil der französischen Armee auSmachte, geht der Verfasser des Artikels zu dem Krieg neu 1870 und dessen so lehrreichen Resultaten über. Zahllose Male hätten da die Franzosen den Sieg fast errungen gehabt; als es sich qber dgrunr handelte, dem Feind den letzten Hieb zu geben, da hätten die Deutschen ihre neue, den Franzosen der ersten Revolution entlehnte zerstreute Esefechtsordnung angenommen und die Offensive ergriffen, und so die ganzen Karten zum Nachtheil der auf der Defensive bleibenden Franzosen umgewendet. Nach den harten Lehren von 1870 —71 habe sich Frankreich an's Werk gemacht und seine ganze Kriegs- kunst nach dem Muster seiner siegreichen Feinde ungestaltet, und besser als s. Z. Marschall Le Boeuf, könne man jetzt hier sagen: „Wir sind bereit!" In demselben Augenblicke aber komme die ganz unerklärliche Nachricht von jenseits des Rheins, daß Preußen, bezw. Deutschtanv, die neue Taktik wieder aufgebe 1 Die Ausländische militärische Revue melde, daß die preußischen Generale, nach sorgfältigen vergleichenden Studien, beschlossen hätten, die Plänkler in dicht geschlossener Reihe und in Lmie, die direkteste Richtung gegen den Feind nehmend, Vorgehen und in Salven feuern zu lassen. Als Motiv für diese unerwartete Umwälzung in der Taktik werde angegeben, daß mit dem Vor- wärtsgehen, ohn? apf Deckung Rücksicht zu yehmen, der Sieg sicherer und rascher werden müsse, obgleich vielleicht theurer erkauft. Der Verfasser des Artikels, Hr. David, ist nun der Ansicht, deß Deutschland bei dem Kürassier-Angriff von St. Privat in weniger als einer Viertelstunde 8000 seiner Leute habe niedermähen sehen, die in geschlossener Reihe vorgerückt seien, während bei dem Gefecht von Le Bourget die Deutschen gerade wieder dem Umstand den glänzenden und wenig Opfer kostenden Sieg zu verdanken hatten, daß die Soldaten in hurchauS losen Schwärmen angriffen, sich hinter Mauern, Heuhaufen und Erhöhungen verbergend rc. Wre könne man sich also die Nachricht erklären, daß die Deutschen nach aller Erfahrung plötzlich den Angriffsmodus von Saint> Privat dem hon Le Bourget Vorzügen? In seiner Beantwortung wird der Vers, s hr interessant. Er weist gerade nicht den Gedanken von sich ab, daß die deutschen Heerführer, die man „Mohikaner aus bem Polytechnikum" nenne, ihre üb rrheinischen Nachbarn mittelst dieser Nachricht irreleiten wollten; aber hie Haupte, kläruna ist für David die, „daß der Deutsche ein Soldat von untergeordnetem Werth sei" — Der- Eichen mit dem Franzosen. „Seine Tapferkeit, Disziplin, Folgsamkeit und seit» Heldepmuth, den er auch hie und da gezeigt hat, haben allein die Furcht zur Grundlage. Der deutsch^ Sqldat, zwischen die Alterna- tlve gestellt, von seinem Offizier niedergeschossen zu werden, wenn er seine Meinung äußert, wenn er zaudert oder flieht, er gehört nicht mehr sich selbst an; er hat keine Initiative, keinen Willen, er ist nur ein Theil eines Ganzen, das sich bewegt." Als GtwährSmann für dieses schmeichelhafte Unheil nennt David den General Steinmetz, der in einer anonymen Schrift gesagt habe, „daß der deutsche Soldat keinen Augenbl'ch stch selbst überlassen werden dürfe." Wie man nun auch Des fegftem der aufgelösten Gefechtsordnung handhabe, so werde bet
l Soldat ganz unvermeidlich sich selbst überlassen und entschlüpfe der Kontrole seines Führers. Im Sieg gehe nun Alles sehr
h^ "der deutscherseits mit Recht an die Eventualität gedacht, daß man auch geschlagen werden könne, und in Düfim Falle toaien feie Deutschen, die die eiserne Faust ihrer Befehlshaber nicht mehr fühlten, unmöglich im Zaum zu halten. General Steinmetz habe m seiner „hrutalen Offenheit" von der deutschen Armee gesagt:
,r ■•..... " ^"V" ~ii‘«*y'->* vuu uci ueuq^cH «luirr nc|uyi. „Sie ausgearbeltrt wocden, welcher Ihnen zugehen und einen hauptsächlichen
eine un Treibhaus aufgezogene Pflanze, laßt den kalten Nordwind Gegenstand Ihrer Berathungen bilden wird.
kommen, und eS bleibt nichts von ihr zurück." Sollte dieses strenge Urtheil, fragt Hr. David, den Beobachter Moltke frappirt haben, der in seiner kalten Entschlossenheit, die an die Stelle des Genies tritt, zu sich selbst gesagt haben könne: „Wir verlieren fünfmal mehr Leute; aber unser Soldat bleibt unter der Hand seines Offiziers, unter der eisernen Hand, die bei einem Umschlag deS Waffenglücks eine nicht mehr gut zu machende Niederlage verhüten kann." Wie man sieht, schlummern im Herzensgründe der französischen Chauvinisten noch allerlei seltsame Hoffnungen. Wir wollen in ihrem eigenen Interesse wünschen, daß sie sich nicht in die Lage bringen, über das Trügerische derselben belehrt zu werden.
— B er! in, 22. Febr. Heute Nachmittag P/a Uhr wurde, nach dem „R. u. St-A.", durch Se. Majestät den Kaiser und König der Reichstag mit folgender Thronrede eröffnet:
„Geehrte Herren!
Beim Beginn der dritten Legislaturperiode heiße Ich Sie im Namen der verbündeten Regierungen willkommen.
Die Zusammensetzung, in welcher der Reichstag aus den neuen Wahlen dervorgegangen ist, läßt Mich hoffen, daß es auch in dieser Periode, wie in den beiden vorhergegangenen, gelingen wird, die wichtigen Aufgaben, welche dem Reichstag gestellt find, im Einverstänmiß zwischen den verbündeten Regierungen und der Volksvertretung zum Wohl der Nation in Erledigung zu bringen.
Vorzugsweise wird Ihre Thätigkeit durch die Berathung und Feststellung des Haus Halts-Etats für das Jahr 1877/78 in Anspruch genommen werden. Bezüglich der Aufbringung der durch eigene Einnahmen nicht geb. dien Bedürfnisse ist das Reich durch Artikel 70 der Verfassung zunächst auf Matrikularumlagen verwiesen. Ihre Aufgabe wird es sein, in Gemeinschaft mit den verbündeten Regierungen zu erwägen, ob und welche Maßregeln zu nehmen sein werden, um den Hochgestei- gerten Betrag der Piatrikularumlagen durch Eröffnung anderer Einnahmequellen für das Reich zu ermäßigen.
Die Vorarbeiten zu den Verhandlungen mit Oesterreich-Ungarn über Erneuerung des Handelsvertrags sind unter Mitwirkung der Regierungen von Preußen, Bayern und Sachsen soweit gefördert, daß die Verhandlungen mit Oesterreich.Ungarn binnen Kurzem werden beginnen können. Der Abschluß dieser Verhandlungen bildet eine Vorbedingung der Reformen unseres Zoll- und Steuersystems, über welche die verbündeten Regierungen demnächst in Berathung treten werden.
Die dem Reichstag bereits früher vorgelegten Gesetzentwürfe über die Einrichtung und die Befugnisse des Rechnungshofes und über dir Verwaltung der Einnahmen und Ausgaben des Reichs werden Ihnen wieder zugehen.
Der Wunsch, gesetzliche Grundlagen und selbstständige Einrichtungen für die Behandlung des ReichShaushaltS-EtatS, sowie für die Gestaltung und Kontrolle des Rechnungswesens geschaffen zu sehen, wird ohne Zweifel auch von Ihnen getheilt. Die Erwartung ist daher berechtigt, daß die Vereinbarung über die genannten Gesetzentwürfe diesmal zu Stande kommen werde.
Auch der in der vorigen Session nicht erledigte Gesetzentwurf, betreffend die Untersuchung der Seeunfälle, wird Ihnen wiederum vorge
legt werden.
Die in der letzten Session vereinbarten Justizgesetze sollen nach den darin enthaltenen Bestimmungen spätestens am 1. Oktober 1879 in Kraft treten. Um diesen Termin einhalten zu können, ist es nöthig, daß baldigst über den Ort entschieden werde, an welchem das Reichsgericht seinen Sitz haben soll. Ein hierauf bezüglicher Gesetzentwurf wird Ihnen vorgelegt werden.
In den Kreisen der vaterländischen Industrie sind Klagen über den Mangel einer gemeinsamen Gesetzgebung zum Schutz der gewerblichen Erfindungen laut geworden. Um diesem Mangel abzuhrlfe«, ist, nach Vernehmung von Sachverständigen, der Entwurf eines Patentgesetzes