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Flugblatt des national-liberalen Wahlvereins

für den

Kreis Hanau.

Reich oder

Der erste Gang im Wahlkampfe ist vorüber, ohne uns die mit so großer Spannung erwartete Entscheidung ge­bracht zu haben.

Nach der gestern erfolgten amtlichen Feststellung ist das Gesammtresultat folgendes: Der Candidat unserer Partei, Dr. Weigel, hat mit 6157 Stimmen die relative Majorität erlangt und den gefährlichsten Gegner,' den So­cialdemokraten Frohme (5622 Stimmen) geschlagen, Rich. Reuter erhielt 2471, Graf Solms-Laubach 2029, Staats­minister a. D. Windthorst 1402 Stimmen. Dr. Wei- g e l würde also, wenn es sich nur um die Wahl zwischen ihm und Frohme gehandelt hätte, auch ohne Unterstützung durch andere Parteien bereits aus dem ersten Wahlgange als gewählter Abgeordneter hervorgegangen sein. Die Zer­splitterung der Stimmen auf 5 Candidaten aber macht eine engere Wahl zwischen Dr. Weigel und Frohme nothwendig, welche auf Mittwoch den 24. Januar anberaumt worden ist.

Da nun bekanntlich bei dieser Stichwahl jede für einen anderen als die beiden genannten Can­didaten abgegebene Stimme ungültig ist, so könnte unsere Partei nur dann mit Zuversicht auf einen Sieg aus eigener Kraft hoffen, wenn alle diejenigen, welche am 10. Januar ihre Stimme für Ur. Weigel abgegeben haben, auch im zweiten Wahlgange ihre Pflicht thun, und wenn die Stimmenzahl der Socialdemokraten nicht von Außen, durch Zuzug von einer der in der Mi­norität gebliebenen Parteien, vermehrt würde. Als eine Unterstützung dieser Art muß aber auch schon deren Stimmenthaltung betrachtet werden.

In Eurer Hand also, Ihr Parteigenossen in Stadt und Land, liegt es zu allernächst, ob unser Wahlkreis seinen langjährigen, bewährten Vertreter, behalten, oder ob der Socialdemokrat Frohme der MHan sein soll, der in" Zu­kunft die Interessen unseres Kreises wahrnehmen wird. Tretet deshalb Mann für Mann zur Ux c und reißt durch Euren Eifer auch die Parteigenossen mü Euch fort, welche im ersten Wahlgange durch Geschäfte oder durch übel ange­brachtes Sicherheitsgefühl sich ^ n abhalten lassen, ihre Pflicht zu thun. Keine ^^t ist gleichgültig, kein Geschäft ist am £.4“ Januar wichtiger, als die Abgabe des Wahlzettels, keine Pflicht dringender, als die gegenüber dem Voterlande.

Und nun ein Wort an die Mitglieder der anderen Parteien, welche gleich uns, die Treue gegen Kaiser und Reich auf ihre Fahnen geschrieben haben.

Es ist jetzt nicht die Zeit, über Prinzipien zu hadern oder sich über Persönlichkeiten zu erhitzen, denn einer von beiden, Frohme oder Weigel, wird, mögen die anderen Parteien wählen oder nicht, in den nächsten 3 Jahren auch ihr Abgeordneter sein, mit einem von beiden werden unter Umständen auch sie zu verhandeln haben.

An eine Thatsache aber möchten wir eindringlich er­innern. Nicht das Gewinnen einer Anzahl von Sitzen im Reichstag allein ist es, was unsern gemeinsamen Gegner gefährlich, was ihr Auftreten zuversichtlicher macht, fast mehr noch sind es die starken Minoritäten, die sie auch in den Kreisen gewonnen haben, in welchen es ihnen nicht ge­lungen ist, ihren Candidaten durchzubringen. Darin sehen sie mit Recht die Früchte ihrer strammen Parteidisciplin und der dadurch bewirkten allgemeinen Betheiligung an der Wahl gegenüber der Trägheit und dem Hader ihrer Geg­ner.

Je mehr Gewicht aber die Führer der Socialdemo­kratie auf die Bethätigung ihrer Stärke legen, um ihre Anhänger zu ermuntern und ihre Gegner einzuschüchtern, umsomehr ist es die Pflicht aller patriotischen Parteien, ihnen gegenüber die Solidarität ihrer Interessen und die Ueberlegenheit ihrer Zahl zu constatiren, und wäre es auch nur um im eigenen Kreise, in den eignen Gemeinden dem immer anmaßlicher werdenden Treiben der gemeinsamen Feinde entgegenzutreten.

Hierzu seine Hand zu bieten, kann keinen conservati- ven oder fortschrittlichen Wähler seine Parteistellung ver­hindern. Für uns steht unumstößlich fest: Wenn je­mals der Cand idat irgend einer auf demBoden des Vaterlands stehenden Partei zur engeren Wahl mit einem der Todfeinde unserer staat­lichen und gesellschaftlichen Ordnung kommen sollte, wir würden es als den moralischen Selbstmord unserer Partei betrachten, wenn sie nicht alle ihre Kräfte zur Bekämpfung des letzteren aufböte.

So wenden wir uns denn an alle treuen Söhne des