1398
die ultramontane Kammermehrheit vorgenommen, nothwendig gewordener sechs Neuwahlen mit 18 Abgeordneten und die große Niederlage, welche die klerikale Partei sich dabei geholt, den Gegenstand aller Besprechung. In Würzburg selber äußert das Blatt des Extremen, Dr. Rittler, sich dahin, daß es nunmehr sicher sei, un'er der Herrschaft des gegenwärtigen Wahlgesetzes werde ein patriotischer Wahlsieg in Würzburg nicht mehr möglich sein. Und das Würzburger Organ der Gemäßigten, die Bavaria, schmält: „im vorigen Jahr trugen an unserer Niederlage nur die Gegner die Schuld; gestern wurde dieselbe auch durch die Faulheit und Feigheit der größten Zahl von Leuten verschuldet, die sich zu unserer Partei zählen und sonst immer für patriotisch und eifrig katholisch gelten wollen." Dazwischen Wirb der Würzburger Domherr Melchior Hohn, der schon vor einem Jahr mit den Liberalen gestimmt und dafür Maßregelung durch den seither verstorbenen Bischof Reihmann zu erdulden hatte, denunzirt, daß er wieder, und zwar mit Ostentation mit den Liberalen gewählt habe. Was aber die Zukunft bringen wird, wenn im nächsten Jahr die Kammer wieder zusammentritt, das muß man erst abwarten: möglicherweise kassikt die Majorität noch einmal; wenigstens wird aus Würzburg und aus SSweinfurt gemeldet, daß die unterlegene ultramontane Partei auch die Neuwahlen anfechten wolle und bereits mit der Abfassung von Reklamationen beschäftigt sei. <©$»• Meri.)
— Metz, 11. Nov. Heute früh 3 Uhr starb nach neunwöchent- lichem Leiden der Gouverneur von Metz, General der Infanterie v. Schmidt, nach zurückgelegtem 67. Lebensjahre. Derselbe hatte am 26. Juli d. Js. das 50jährige Tienstjubiläum gefeiert und dabei zahlreiche Ehrengaben und Beglückwünschungen erhalten. Wie wir vernehmen, so schreibt die „Augsb. Abendztg.", soll der verewigte General bei den letzten Manövern sich die K-ankheit zugezogen haben, welcher er nunmehr erlegen ist. Der Verstorbene war bei allen Klassen der Bevölkerung, auch bei der französischen, sehr beliebt.
"— W i e n, 14. Novbr. Die Journale veröffentlichen eine Erklärung der unabhängigen liberalen Partei, worin sich dieselbe angesichts der gegenwärtigen kritischen Lage gegen einen überstürzten Abschluß des wirthschastlichen Ausgleiches ausspricht. Die Erhaltung und Sicherung des moralischen Ansehens, sowie der Großwachtstellung der Monarchie seien eine Lebensfrage für beide Theile der Monarchie. Keine konstitutionelle Regierung und keine Volksvertretung werde in einem Augenblicke, wo eine Krise der auswärtigen Politik schwebe, Verhandlungen über Verträge vornehmen, welche ein ruhiges Erwägen und eine eingehende Kritik erheischten.
— St. Petersburg, 14. Nov. Das „Journal de St. Peters- bourg" veröffentlicht ein Rundschreiben des Reichskanzlers, in welchem die Mobckisirung eines Theiles der Armee angekündigt wird. Weiter wird darin hervorgchoben, daß der Kaiser Alexander den Krieg nicht wolle und möglichst vermeiden werde. Der Kaiser sei aber entschlossen, die von ganz Europa als nothwendig erkannten Principien der Gerechtigkeit auf der Balkanhalbinsel verwirklicht und wirksam garantirt zu sehen.
— Moskau, 14. Nov., Vormittags. Das Urtheil in dem Prozeß Strousberg ist heute publizirt worden. Nach demselben ist Strous- berg in das Ausland verwiesen; Landau und PoljanSki werden nach Toms! und Borissowsk, nach Olomtz verbannt; Schumacher wurde zu einem Monat Gefängniß verurtbeilt. (& ». ®t^.>
— Ko n st anti nop el, 13 Novbr. Die Journale melden, daß die Pforte beschlossen habe, sich betreffs der Konferenz nicht eher aus- zusp-echen, als bis die zu verhandelnden Punkte genau bekannt seien. — 14. Nov. Nachdem zwei M'll onen Pfund Sterlmg Papiergeld zur Ausgabe gelangt sind, hat die Pforte beschlossen, eine dritte, bisher re- servirte Million, zur Ausgabe zu bringen.
— Malta. 7. Nov. Die englische Regierung hat so lange wie möglich ihre Absicht, den Kanal von Suez zu besetzen, geheim gehalten, allein die Vorbereitungen zu diesem Zweck treten nun so sittlich hervor, daß man nicht länger an einer solchen Absicht zwerfeln kann. Der vom abessinischen Krieg bekannte General Rapier, der jüngst zum Gouverneur von Gibraltar ernannt worden war, harrt dort nach der „Ally. Z" täglich auf telegraphisch n Befehl, sich an die Spitze des Armeekorps zu stellen, welches ihm angewiesen werden wird. Die Zeit der Einschiffung wird natürlich erst bestimmt werden, wenn die russische Armee wirklich in die Türkei einmarschiren sollte.
— Kairo, 12. Rov-mber. Ueber den Grund der Verhaftung des ägyptischen Fmavzministers wird weiter gemeldet, daß der Minister ein Complott gegen den Khedive anzustiften suchte, indem er die religiösen Gefühle der Bevölkerung gegen dir von Göschen und Joubert Vor- geschlagenen Finanzmaßregeln auf leiste und den Khedive beschuldigte, er wolle Aegypren an die Christen verkaufen. Der Minister wurde vor ein Spezwlgrricht gestellt, das ihn zur Verbannung nach Dongola ver- urtheilte. Der V-.ruitheilte ist heute früh dorthin abgegangen, jedoch bereits während der Fahrt auf dem Nil plötzlich verstorben.
— Mit der Präsidentenwahl, die noch immer unentschieden ist, steht es folgendermaßen: Von den 38 wahlberechtigten Staaten haben 18, xämlrch Marne, New Hampshire, Massachusetts, Rhode Island,
i Pennsylvanien, Ohio, Michigan, Illinois, Wisconsin, Iowa, Minnesota, Kansas, RebraSca, Colorado, Oregon, Kalifornien und Nevada mit insgesammt 166 Stimmen für den republikanischen Kandidaten HayeS gestimmt, während der demokratische Präsidentschaftkandidat Tilden in 17 Staaten, nämlich Connecticut, New-Iork, New-Jersey, Delaware, Maryland, Virginien, West-Virginien Noro Carolina, Georgien, Arkansas, Tennessee, Kentucky, Alabama, Missisiipi, Texas, In« diana und Missouri, mit zusammen 184 Stimmen die Mehrheit erhielt. Unentschieden ist das Ergebniß noch in Süd-Carolina, Louisiana und Florida mit zusammen 19 Stimmen. Da nun 185 St. zur Mehrheit gehören, so müßte Hohes olle drei Staaten für sich haben, um zu siegen, während Tiiden's Wahl durch die Entscheidung eines einzigen dieser Staaten in demokratischem Sinne entschieden ist. Obwohl daher Tilden's Sieg noch nicht vollständig gewiß ist, so hat er doch die größte Wahrscheinlichkeit für sich.
— (Leichenverbrennung.) Auf Gallows Hill, nahe bei Washington, ist vor Kurzem ein Leichenverbrennungs-Ofen, der erste in den Ver. Staaten, erbaut worden. Das in Ziegelbau mit Eisen- bedachung erstellte Gebäude hat 3 Rauchfänge und 2 Leichenverbren- nungs-Kammern. Im Empfangssaal befinden sich ein Katafalk und einige Stühle für die nächsten Anverwandten und Freunde des Verblichenen. Der eigentliche Verbrennungsraum mißt 8 Fuß und wird mittelst Koaksheizunz in Betrieb gesetzt. Die nach der Verbrennung übrig gebliebene Asche wird gesammelt und in eine kleine Urne gethan, welch' letztere entweder von den Anverwandten in irgend einem häuslichen Sanktuarium aufgestellt oder aber in gedachtem Empfangssaal in einem MaSschrark aufbewahrt wird. Jede Urne trägt auf einer Etiquette die Ordnungsnummer der verbrannten Leiche, sowie Namen rc. des Verstorbenen, dem die Angehörigen noch Belieben ein entsprechendes Epitaphium hinzufügen können. Die Leichenverbrennung selbst geschieht kostenfrei, ein Umstand, welcher nicht wenig zur schnellen Verbreitung dieses alten, nunmehr wieder in Anwendung gebrachten Bestattungs- modus beitragen mag.
— New - Orleans, 11. Nov. DaS Postdampfschiff des Norddeutschen Lloyd „Hannover", Kopt. H. Erdmann, welches am 18. Oktober von Bremen und am 21 Oktober von Havre abgegangen war, ist heute wohlbehalten hier angetommen.
— Baltimore, 11. Nov. Das Dampfschiff des Norddeutschen Lloyd „Berlin" Kapt. C Pohle, welches am 25. Oktober von Bremen abgegangen war, ist heute wohlbehalten hier angekommen.
Lokales von Hier und Umgegend, sowie Provinzielles.^*^
Hana«, 15. November 1876.
Bersteigernngs- nud VerpKchtrmgK-Krüender für Donnerstag den 16. November.
Vormittags 11 Uhr in der Wirthschaft der Wittwe des Konrad Haupt zu Niederrodenbach: SubmiisionStermin zur Vergebung der Arbeiten und Lieferungen für den auf 29300 Mk. veranschlagten Neubau eines Schulhauses zu Niederrodenbach (f. Nr. 257 „Han. Anz."). — Vormittags 11 Uhr bei Holzhändler Pfeil in der Philippsruher Allee: Verkauf einer Quantität eigener Bohlen und verschiedenes andere Werkholz, sowie 8 Meier Brennholz und eine Holzschneide-Maschine (s. Nr. 265 „Han. Anz."). — Nachm. von 2 Uhr ab kommen folgende zur Corcursmüsse des Karl Baumann zu Bruchköbel gehörenden Gegenstände, als: 1 Kuh, Schweine, Gänse, Hühner, Hausgeräth, Kleidungsstücke, sowie die ungedroschene Erndte an Weizen, Ko n und Hafer, an Ort und Stelle zur Versteigerung (s. Nr. 265 „Han. Anz").
— Für heute. Abendgottesdienst in der Marienkirche, gehalten durch Herrn Pfarrer Neuber; Beginn 7 Uhr. — Hanauer Stadttheater: „Der Diplomat der alten Schule", Original-Lustspiel in 3 Akten von Dr. Hugo Müller; Hieraus zum ersten Male: „Was die Schwalbe sang", Posse mit Gesang in 1 Akt von P S. Hübmr.
— Kassel, 14. Novbr. Die nachbemeckien 4pCt. Obligationen des vormals kurhessischen 1863r Änlehns, sind seit einem Jahre zur Rückzablung gekündigt, aber noch nicht zur Einlösung gebracht worden:
Lit. B. 650 651 1595 2771 3051 3776 4451 4452 4986 6229 6728 a 500 Thaler.
Lit. C. 577 578 583 585 586 587 588 589 593 598 2504 2521 a 200 Thaler
Lit. D. 551 563 566 582 585 588 592 3157 3163 3183 3191 3193 11358 11367 11389 11613 11615 11649 und 11652 a 100 Mir.
Mit dem 1. November v. I hat die Verzinsung dieser Schuld- verschr-ibungen ausgehört.
— Kassel, 13. Nov. Die dritte diesjährige Schwurgerichtsperiode beim Riesigen Kreisgerichte hat nach dem „Fuld. KeSbl." heute ihren Anfang genommen und wird voraussichtlich bis Mitte nächster Woche währen. Der heute verhandelte erste Fall betraf die Strafsache wider den vormaligen Pfarrer Sieben von KleruengUs (Kreis Fritzlar),