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flammet' Ammer. *

Zugleich Amtliches Organ für KreiS und Stadt Haus«. _ _, _

Erscheint täglich mit AuSnsh«» der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage, *

und Samstags mit der Berliner Provinzial-Correspondenz.

M 263.

Samstag de« 1L November»

1876.

BeZssKtmAchnugen Königl. ZandrathsAWLs dahier.

Gefunden: Ein Notizbuch. Ein Paar Brause Kinderhand­schuhe. Eine Heusabel.

Zugelaufen: Ein Glattpinscher.

Hanau am 11. November 1876.

Kardinal Antonelli f.

Nach langem und schwerem Leiden ist Kardinal Giecomo Ssto* nelli, der vieljähriftr Staatssekretär des H-ilißen Stuhles, im Vatikan gestorben. Er war 1806 in Sonnino bei Terracina geboren, der Sprößling einer alten, aber im Laufe der Zeiten stark heruntergekom- nieuen Fsmilie der Romagna. Sein Vater war gewöhnlicher Holzhauer gewesen. Im Priester'Seminare zu Rom erhielt er seine Ausbildung und wurde schon als junger Priester durch seine hervorragenden Fähig­keiten ein»stli«ß Gregor's XVL. der i6n zum Prälaten, dann zum päpstlichen Delegirten der Reihe nach in Orvieto, Viterbo und Mace- rata machte. Schou 1841 wurde er Unter-Staatssekretär im Mini­sterium des Innern, 1844 Unter-Schatzmeister und ein Jahr später Groß-Schatzmeister der beiden apostolischen Kammern. PmS IX. er­nannte ihn 1847 zum Kardinal. Damals war er, wie der Papst selber, liberalen Anschauungen zugänglich und erlangte durch seine Gewandtheit und seine Energie in Behandlung der geistlichen wie der weltlichen An­gelegenheiten einen ungemeinen Einfluß auf den Papst. Er bewahrte durch alle Wechselfälle hindurch, welche der Heilige Stuhl von je irr Zeit an bis heute erlebt hat, diesen Einfluß, wenn auch stärkere Strö­mungen zwischen ihm und seinem Gebieter sich zeitweise geltend zu machen versuchten. In der stürmischen Zeit vor und nach 1848 war er es, der alle politischen - Aktionen und Transaktionen vermittelte, bis er durch die Sstriguen des höheren Klerus aus seiner amtlichen Stel­lung verdrängt und durch ein Ministerium Mamiani ersetzt wurde. Demungeachtet blieb er der vertraute Raihgeber deS Papstes. Er lei­tete die Flucht Pio Nono's nach Gosta und proteftirte in seinem Na­men gegen die neue römische Regierunz.

Nach der Kapitulation von Rom ward er die Seele des repres- siven und reaktionären Systems, das nun in den: Vatikan einzig maß­gebend wurde, und zog sich durch sein rücksichtsloses Vorgehen nicht allein die Unzufriedenheit aller Völker, sondern auch die Warnungen selbst befreundeter Regierungen zu. Der Sturm von 1859 und die lange Reihe von inhaltsschweren Ereignissen, welche seitdem über die weltliche Herrschaft hereinbrachen, gaben dem Kardinal unablässige Ge­legenheit zur Entfaltung seiner flaatsmänuifchen Klugheit und seiner ausdauernden Zähigkeit in der Vertheidigung der weltlichen, wie der geistlichen Interessen deS Papstthums. Auf dem einen wie auf dem anderen Gebiete erwiesen sich die Ereignisse stärker als er. Dem An­drang der italienischen Einheit, wie der Wucht deS Anlaufs der Män­ner des Syllabus und der Unfehlbarkeit mußte er weichen, und mehr­mals in den letzten Jahren seines LebenS stand er auf dem Punkte, aus dem Vertrauen deS Heiligen Vaters durch extremere Elements der Reaktion verdrängt zu werden. In ihm verliert der Vatikan jedenfalls den begabtesten und den erfahrensten Vertheidiger feiner Sache, und es wird schwer halten, ihn in den schwierigen Verhältnissen der Gegenwart einen Nachfolger zu geben, der die Elastizität und die klug berechnende Uebersicht auf dem politischen Gebiete in gleich hohem Grads mit der zähen Festigkeit in kirchlichen Dingen zu vereinigen versteht. Antonelli hinterläßt ein kolossales Vermögen, das er von seinem Kardinalsgehalte schwerlich erspart hat; das Weltliche bekam ihm von jeher so gut, wie das Geistliche.___________________________________________________Mann-, ggt»

Wochenschau.

H. H C. Der deutsche Reicht tag hat bekanntlich in Folge deS zu späten Eintreffens so vieler Deputirten und der langwierigen Vor- ftandswahl seine VerHandlungen erst am 3. Novbr. beginnen können. Er hat aber seitdem durch rasche Arbeit das Versäumte nackzuholen gesucht, den Etat für daS I. Quartal deS Jahres 1877 in erster Le­sung an die Budgetkommission verwiesen, den Auslieferungsvertrag mit Luxemburg endgültig genehmigt, daS Gesetz betreffs Feststellung des bei

Seeunfällen anzuwendenden gerichtlichen Verfahrens einer Kommission zur Vorberathung überantwortet und die Vorlage, welche bezweckt, den früheren elsaß lothringischen Optanten, die ausgewandert und zurückge­kehrt sind, las Wahlrecht zu sichern, in erster und zweiter Lesung an­genommen. AlSdann wurde die zweite Berathuna deS Etats begonnen. Beim Etat deS auswärtigen AmteS verbreitete sich der ultramontane 1 Dr. Jör-z über die oriental. Frage, die Bezi,hangen Deutschlands zu ; Rußland, Oesterreich und Frankreich wobei er die Ansicht auSsprach, i Deutschland sei der feste Verbündete Rußlands und habe eS auf baldige : Annexion der deutsch-österreich. Provinzen abgesehen, womit er übrigens ! sehr einverstanden sei. Staatsminister von Bülow antwortete, Deutsch- : land sei ein Bollwerk des FriedeuS, die ReichSregurung unterhalte zu i allen Mächten die freundschaftlichsten Beziehungen und mache auf daS ' vollste Vertrauen der Volksvertreter Anspruch, auch wenn sie diesmal : erklären müsse, Herrn Jörg's Wunsch, das, waS sie über die oriental. i Dinge wisse und denke, zum Besten zu geben, heute nicht erfüllen zu : können. LaSker nahm Gelegenheit, zu betonen, daß seine Partei eben- : falls Vertrauen in die auswärtige Politik Bismarks habe, aber nicht deshalb, weil sie etwa den Glauben Jörg's an eine Heranziehung der ! deutsch-österreich. Provinzen theile. Das Unwohlsein, von welchem ; Kaiser Wilhelm befallen war, ist wieder gewichen und hat der greise : Monarch bereits wieder offiziell empfangen können, so z. B. den neuen ; türk. Botschafter, welcher ihm sein Beglaubigungsschreiben überreichte.

Die Linke deS Wiener Abgeordnetenhauses traut dem ReichSkanz- j ler Andraffy noch immer zu, daß er Lust habe, im Süden der Donau gelegentlich zu interveniren und zu annektiren. Sie begann in Folge dessen, in der Sitzung vom 4. Novbr. ihre Angriffe gegen den Kanzler ; in Sc-ne zu setzen. Am heftigsten sprach der Baron Czock, der Andraffy als ein unbewußtes Werkzeug der ruff. Politik hinstellte, behauptete, der Statthalter von Dalmatien. General von Rodich, sei selbst Mit­glied, der südslavischen Nationalpartei (Omladina) und verlangte, daß ! das StaatSruder in festere Hände gelegt werde. Die Linke fordert: Enthaltung von jeder Intervention und Annexion. Daß man in der Wiener Hofburg die politische Laze jetzt für ganz besonders ernst an- : sieht, erkennt man aus dem Umstände, daß soeben die vorbereiteten Hof­jagden bei Pardubitz abbestellt wurden.

! In Italien fanden die allgemeinen Wahlen für'S Abgeordneten- ; Hans statt. Ihr Am fall ist der glänzendste Sieg der Regierung, waS diesmal ebensoviel heißt wie: der Fortschrittspartei. Man bedenke, daß von 253 endgültigen Mahlen 208 zu Gunsten der Fortschrittler und nur 45 zu Gunsten der gemäßigten Partei auSfi len. Die Stel­lung des KabinelS DepietiS N cotera ist dadurch bedeutend gefestigt worden. Am 6. November starb der langjährige Premierminister des Papstes, der Leiter des seligen Kirchenstaates, Kardinal Antonelli.

In Bezug auf die Erklärung, welche der französische Minister bei Aeußern vorige Woche der Deputirtenkammer über die auswärtige Po­litik Frankreichs gab, und welche versicherte, daß sich Frankreich den i Dingen im Südosten gegenüber vollständig neutral verhalten werde, hat die Gutheißung der gangen Presse erhalten. Nur die orleanistischen Organe eifern dagegen, weil deren Partei auf eine Allianz mit Ruß­land hinarbeitet. In der Deputirtenkammer wurde der Antrag Gati- ; neau auf Einstellung der Verfolgungen gegen die KommunardS verhan« ; delt und auch im Allgemeinen acceptirt gegen den Einspruch deS Mi- , nisterpräsidenten. Schwerlich aber wird der Senat seine Einwilligung gewähren.

Die Festigkeit, welche bai dänische Folkething in seinem Wider­stand gegen die Regierung äußert, zeigt aber auch daS Landesthing (Oberhaus) in seiner Unterstützung der Regierung. Es nahm soeben den bekannten Mil tankorganffationsplan unverändert an, nachdem el den Antrag, die vom Folkething beschlossenen Abänderungen zu geneh­migen, mit 27 gegen 7 St. verworfen hatte.

Der Glaube, daß der, auf das bekannte russische Ultimatum hin, von der Pforte gewährte und von Serbien und Montenegro ginehmigte Lmovatliche Waffenstillstand den Fried,n keineswegs vermitteln, sondern nur Rußland, Rumännn und Griechenland Zeit zur Vollendung ihrer