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Dienstag den 11. Juli.
1876.
Bekarmtmachungen Kömgl. LandrathSamtS dahier.
Verloren: Ein brauner Schirm. Ein Zehn- Markstück.
Gesunden: Ein Wagenreif. Eine Spannkette. Zwei Notizbücher ; eines mit Paß für „Michael Schwinn", da« andere mit der Aufschrift „Ferd. Koch". Ein Kinderstrohhut.
Hanau am 11. Juli 1876.
^ a g e 6 | $ a m.
Die Monarchenbegegnung zu Reichstadt.
A. b. Schw. Merl.
Der Ausbruch des Kriegs der Türkei mit Serbien und Montenegro hat auf die Verhältnisse des übrigen Europa glücklicherweise bisher wenig Wirkung geübt. Handel und Wandel ghen zwar nicht besser, ab r auch nicht schlechter, als vorher. Man bemerkt nicht, daß an den Börsen Europas die Kurse der wichtigeren Papiere wesentlich anders notirt würden, als zu der Zeit, da man den Krieg noch verhütet zu sehen hoffen konnte Dieser verhältnißmäßige Gleichmuth Europa'« gegenüber den orientalischen Wirren ist eine sehr erfreuliche Erscheinung, die im Grunde doch auf das freundschaftliche Zusammengehen der drei Kaisermächte zurückzuführen ist. Die Frage ist nur, ob auch im weiteren Verlauf diese günstigen Verhältnisse bleiben werden. Sollte die militärische Organisation der Türkei, ihre bessere Ausrüstung mit Waffen, namentlich der Artillerie, der Pforte den Sieg zuwenden, so wird Rußland die beiden slavischen Fürstenthümer vermuthlich vor jedem Verlust an Gebiet und an ihrer heutigen halbsouveränen Stellung schützen wollen. Aber dies Bestreben wird schwerlich europäische Konflikte herbeiführen, da auch die übrigen Mächte zufrieden sein würden, wenn eS bei dem heutigen Staatenverhältnisse an der Donau sein Bewenden behielte. Europa würde in diesem Fall für das nächste Jahrzehnt wohl von weiteren Aufständen im Donaugebiet verschont bleiben und die Pforte hätte abermals eine Gelegenheit gefunden, sich zu re- formiren, vorausgesetzt, daß sie dessen fähia und W'llenS ist. Erringen dagegen die serbischen Waffen einen entscheidenden Erfolg, so sieht es heute fast so aus, als ob man in Oestreich-Ungarn eine solche Wendung mit äußerster Besorgniß begleiten würde, ja, als ob man sich durch dieselbe zu gefährlichen Entschließungen würde bestimmen lassen tönten. Besonders in Ungarn ist die Stimmung sehr gereizt. Die Verhaftung des Führers der serbischen Partei, des ReichSrathSabg. MileticS, be- i weist, daß man den Ausbruch von Unruhen an der Südzrenze befürchtet. ; Die Pesther Blätter erklären nachdrücklich, daß man eine Vergrößerung ' Serbiens niemals zulassen werde. Dies Verhalten ist offen gestanden, ■ schwer verständlich. Wie könnte ein großer Staat von 36 Millionen ' Seelen, der seinen Angehörigen ein Maß von Kultur bietet, zu welchem I die schweinezüchtenden Serben und das Völklein der Schwarzen Berge ! es noch nach Generationen nicht gebracht haben werden, Angst davor ; haben, wenn Serbien künftig statt 1,200,000 vielleicht 2 Mill. Einwohner zählte! Indeß, jene Stimmung ist vorhanden und man muß mit ihr rechnen. In diesem Zusammenhang« erlangt denn die Thatsache, daß die Herrscher der beiden Ostmächte, deren Interessen gegenüber dem Kriege an der Donau einander zu widersprechen scheinen, sich i grade in diesen Tagen, begleitet von ihren Ministern, freundschaftlich j begegnen, eine besondere Wichtigkeit. Es wird in Reichstadt hoffentlich i gelingen, sich über die verschiedenen Eventualitäten möglichst zu verstän- digen und so die Besorgnisse zu beschwichtigen. Unserer Meinung nach würde die Vertheilung Bosniens und der Herzegowina unter die beiden kriegführenden Fürstenthümer, würde in zweiter Linie die Aufrichtung eines halbsouveränen bulgarischen FürstenthumS auch für Oesterreich- Ungarn eine bessere Lösung sein, als eine Erweiterung seines Gebiet« durch Annexionen nach dem Süden hin. Die ungarische Reichshälfte rann eine Verstärkung der slavischen Elemente kaum vertragen, ohne ihren jetzigen Schwerpunkt zu verlieren, wohl aber ist sie stark genug, die slavischen Bevölkerungen, welche sie jetzt umfaßt, für alle Eventualitäten unter Gesetz und Ordnung zu halten. Die Rivalität der kleinen Staaten an der Donau gegen einander würde auch stets so groß sein, daß von irgendwelchen gegen Oesterreich gerichteten gemeinsamen Projekten schwerlich jemals die Rede sein könnte. Wir Deutsche, die wir
gegenüber all diesen orientalischen Händeln kein anderes Interesse haben, als die Aufrechterhaltung des europäischen FriedenS, können nur wünschen, daß die Kaiser von Oesterreich und Rußland nicht von einander scheiden, ohne sich über die kommenden Dinge in der angegebenen Richtung verständigt zu haben.
— Während der ganzen Dauer der internationalen Ausstellung in Brüssel für Gesundheitspflege und Rettungswesen sollen daselbst (abgesehen von den wissenschaftlichen Konferenzen, welche den am 27. Sep' tember d. I. beginnenden Kongreßverhandlungen vorangehen werden) einzelne populäre Vorträge über Gegenstände oder Fragen aus den in dem AuSstellungeprogramm vertretenen Gebieten gehalten werden. Anmeldungen zur Abhaltung solcher Vorträge von deutscher Seite sind unter genauer Angabe des Themas, sowie deS Zeitpunktes für den zu haltenden Vortrag baldigst schrift'ich an daS deutsche! Eonntä (Wilhelmsplatz 2 in Berlin) zu richten, welches die weitere Mittheilung nach Brüssel vermittelt.
— Nachdem die Ausbildung einer größeren Anzahl von Postbeamten im Telegraphendienste nunmehr beendet ist, hat der General-Post« ! meister eine umfassende Vermehrung der Telegraphenstationen in allen Theilen deS Reichsgebiets ungeordnet. Es sollen noch in diesem Jahre 400 neue Stationen zur Eröffnung gelangen, und zwar womöglich noch ! bis zum 1. Oktober.
— Unter dem Titel Oestreich und Preußen im Befreiungskriege ! hat Wilhelm Onken, Prof. der Geschichte in Gießen, soeben in der ! Grote'schen Verlagsbuchhandlung den 1. Band eines Werkes erscheinen lassen, welches durch seine ungemeine Fülle bisher unbekannter archiva« rischer Mittheilungen berechtigtes Aussehen machen wird. Die Arbeit beruht, wie der Vers. im Vorwort erklärt, ausschließlich auf den Altem des kön. geb. Staatsarchivs zu Berlin und des k. k. Haus-Hof« und Staatsarchivs zu Wien. Namentlich die Akten deS letzteren, welche bisher vollständig unberührt geblieben waren, haben eine Reihe bedeutender Aufschlüsse geliefert.
— Der „Presse" schreibt man aus Kisfingen, 6. Juli: In den deutschen Zeitungen und selbst in den bestakkr-ditirten, begegnet man allerlei gewagten Vermuthungen über die Taktik, welche der deutsche Reichskanzler gegenüber den Verhandlungen in Reichstadt einhalten und über die Politik, welche Deutschland in der gegenwärtigen Phase der Orientfrage befolgen werde. Je weniger die Blätter orientirt sind, umso wunderlicher lauten ihre WeiSheitSsprüche, während doch die Dinge ganz einfach liegen und des Fürsten Bismarck Politik auch jetzt ganz durchsichtig ist. Fürst BiSmarck hält für die weitere Konsolidirung der deutschen Zustände die Erhaltung deS Weltfriedens ebenso für höchst wünschenSwerth, wie man in Oesterreich den Frieden gewahrt sehen will; für die beste Bürgschaft deS Friedens gilt auch ihm der Fortbestand der freundschaftlichen Einvernehmens der drei Kaisermächte. Da man sich nicht verhehlen kann, daß der Krieg der Pforte mit ihren slavischen Vasallen zwischen dem Wiener und Petersburger Kabinete Differenzpunkte zu Tags fördern könnte, welche, schärfer zugespitzt, die bisher bestehenden Freundschaftsbeziehungen lockern könnten, so scheint man deutscherseits für den Fall, als eS wünschenswerth erscheinen sollte, auf eine vermittelnde und ausgleichende Rolle Bedacht zu nehmen. Gerade dies bedingt aber jene R serve des deutschen KabinetS, über welche man so paradoxe Deutungen zu lesen bekommt. Preußen- Deutschland kann mit größerem Erfolg etwaige vermittelnde Rathschläge, falls solche überhaupt nach den ReichSstadter Konferenzen nothwendig erscheinen sollten, bei seinen beiden Freunden zur Geltung bringen, wenn eS sich früher in keiner Weise bezüglich der Differenzpunkte enga- girt hat. Vorderhand betrachten die Berliner Staatsmänner es a's Aufgabe der nächstbetheiligten Mächte Oesterreich und Rußland, unter sich über ihre gemeinsame Politik im Orient eine Verständigung zu suchen. wie daS seit dem Ausbruche des Aufstandes von Fall zu Fall stets geschehen und geglückt ist.
— Dresden, 5. Juli. Die Baronin Zedlitz-Neukirch läßt bekannt machen, daß gestern Nachmittag ihr Sohn Willy entführt worden sei. Der Entführer des Knaben soll ein außergewöhnlich korpu-