Zeit mit negativer parlamentarischer Dialektik, schmeichelte zeitweise den Orthodoxen und Ultramontanen, ohne sie je zu befriedigen, und hatte daS Unglück, von einer taktlosen, bis zu den äußersten Grenzen der Gehässigkeit gehenden Presse unterstützt und vertheidigt zu werden. Eine andere Frage ist freilich die, ob die liberale Partei im Stande sein wird, die Zügel zu ergreifen und festzuhalten, ob sich dieselbe Partei die traurigen Erfahrungen, die sie als regierende Partei gemacht, zur Warnung dienen läßt und nicht w eder, wie bisher, vom ersten Tage ihres Auftretens an eS darauf anzulegen scheint, ihren Gegnern das Heft in die Hände zu spielen. Vorderhand werden die Minister bis zur Neubildung eines KabinetS die laufenden Geschäfte fortführen.
(Schw. Mir!.)
— London, 28. Juni. Im Unterhaus« erklärt Northcote die Nachricht, daß ein englisches Schiff bei Klek Lebensmittel, Waffen und Geld für die Türken gelandet habe, für unbegründet. England lieferte weder direkt nrch indirekt Waffen oder Geld für die türkischen Streitkräfte in der Herzegowina. England halte die strengste Neutralität und erwarte Gleiches von den anderen Mächten.
— (Der Protestantismus in Rom.) Es ist nicht ohne Interesse aus dem Zesuitenblatt Voce della Verita zu erfahren, welche Fortschritte der Protestantismus in Rom macht. Das Blatt schreibt: „Wir geben nachstehend eine sehr betrübende Statistik. Betrübender aber noch als diese Statistik ist die Kälte vieler Leute, die für den Namen und die Thatsache des Protestantismus nur ein Lächeln haben. „Lächerlich", sagen sie. „Es wird ihnen nie gelingen, aus Rom einen Boden für den Protestantismus zu machen." Eine bequeme Ausrede, um sein Geld in der Tasche zu behalten, statt es den Schulen und der Presse der Katholik-n zuzuwenden! Eine bequeme Ausrede, um sich und andere einzuschtäfern! Unter denen, die für katholische Schulen nichts hergeben, sind die reichsten Männer, die sich für die besten Katholiken halten und erklären, weil sie an Festtagen zur Messe gehen; es sind Herren darunter, welche Stipendien vom heiligen Vater erhalten, und noch Andere, über die wir schweigen wollen, obgleich ihre Namen an den Straßenecken angeschlagen zu werden verdienten. Die Protestanten machen ihre Sache nicht schlecht! Welche Fluth von Traktaten und Erzählungen verbreiten sie! wie viele Konferenzen und Schulen hab n sie in allen Stadttheilen, was für Mittel haben sie, und wie reichlich spenden sie Geld, Kleidung, Bücher, Speise rc. Sie sind fürwahr nicht müssig. Indessen muß, wer so verfährt, doch recht dumm sein, denn wenn er wüßte, was er sagt, so würde er einen anderen und noch bedeutend schlechteren Namen verdienen. Gewiß werden sie auS einem Römer weder einen Lutheraner, noch einen Kalvinisten, noch einen Waldenser oder einen Anglikaner, Methodisten oder Baptisten machen, aber etwas noch viel schlimmeres. Sie werden aus ihm einen Ungläubigen machen, weil ein Italiener, der aufhört katholisch zu sein, ein Ungläubiger ist. Und wenn wir ein ungläubiges Rom haben werden, mit diesen glühenden Leiden und diesem wachsenden Elend, so kann ich euch, ihr Ge zhälse, jpgen, daß es ein schönes Rom und ein nettes Le- ben für euch werden wird. Bewacht und hütet nur ja euer Geld, aber bedenkt, daß die Feuersbrunst eure Truhen nicht verschonen wird. Wir werden uns dann wenigstens nicht vorzuwerfen brauchen, daß wir nicht laut und deutlich gesprochen hätten. Hier das betrübende Register. Wir entnehmen es wortgetreu dem offiziellen protestantischen Bericht. Offizieller protestantischer Bericht: Die außerhalb des Papstthums stehenden Kirchen Roms: 1) Die nationale italienische methodistisch- bischöfliche Kirche Via Poli. (Dazu bemerkt die Voce: die Methodisten haben keine Bischöfe und unterscheiden sich hierin von den Anglikanern. Mithin muß diese „methodistisch-bischöfliche Kirche" ein äußerst we k- würdtges Ding sein.) 2) Die WeSleianische Methodistenkirche Via della Scrofa. (Gegenüber dem Kardinalvikar!!) 3) Die WeSleianische Mkthodistenkirche Via della Lungarella. 4) Die Baptistenkirche Prazza Monte Citorio. 5) Die Baptistenkirche Piazza S. Lorenzo in Lucina. 6) Die Baptistenkirche Vicolo della Renella. 7) Die stete italienische Kirche Vicolo bei Corallo. 8) Die Waldenserkrrche V a della Vergine. 9) Die DreifaltigkeilSkirche Piazza S. Silvestro. 10) Die amerikanische Kirche von S. Paolo entro le Mura, Via nozwnale. 11) Die anglikanische Kirche vor der Porta bei Popolo. 12) Die schottische Presbytecianerkirche vor der Porta del Popo-o. Protestantische Schulen: Via di Borgo Pro: Knab-n und Mädchen. Vm del Corallo: Knaben und Mädchen. Via Allbert: Knaben. Vicolo Soderini: Knaben und Mädchen. Prazza in Lucina: Knaben. Via in Arione: Mädchen. Zu obigen protestantischen Kirchen und Schulen treten noch zwei im Bau begriffene, eine auf der Prazza die Poute S. Angela, die andere bei S. Pudenziana in Monti. DaS dereinst dem Christuskinde gehörend' Haus wurde ebenfalls protestantisch umgewandelt und zwar zur Schule, Kirche und Theater. css». M-ru
t. — In den Erörterungen über die strategischen Verhältnisse der be* vorstehenden ferdiich-türkischen Action treten Gesichtspunkte zu Tage, die für die Türkei trotz ihrer numerisch überlegenen Streitkräfte nichts weniger als ersolgoerheißend sind. Zum besseren Verständniß dessen ist ein Blick auf bte Kurte freilich unerläßlich. General Zach soll bte Eng-
776
Pässe nach Altserbien forciren, um sich bei Prizrend mit einem montenegrinischen Corps zu vereinigen. Eine stärkere Armee steht an der Drina unter Ranko AlimpicS. Alles ist für den Drina-Uebergang vorbereitet. Auch die Türken sammeln sich dort in großer Anzahl. Groß- und KleinZwornik wie Solar haben sehr starke Garnisonen erhalten. Ja- dessen liegt der Schwerpunkt der künftigen Operationen im Morava- Thale bei der Südarmee. Von dem Gange der Ereignisse auf diese» Punkte wird Alles abhängen. Alexinatz ist das Hauptquartier der Südarmee, und da commandirt General Tschernajeff. Diese Armee besteht aus den besten serbische» Truppen, und zwar: dem kleinen stehende« Heer und der ersten Classe der Miliz. Die diesem serbische» Corps gegenüberstehende türkische Armee ist numerisch schwächer. Sie stützt sich aber auf das sehr stark verschanzte Lager von Nisch. Höchst bedenklich für die Türken würde sich die Eventualität gestalten, wenn im Rücken ihrer Armee der Aufstand in Bulgarien abermals in helle» Flammen auflodern würde. Daß serbischerseits nichts verabsäumt werden wird, Alles dazu beizutragen, ist gewiß. In diesem Falle würde die türkische Armee bei Nisch in eine gefährliche Position gerathen.
— Die „Pester Korrespondenz" schreibt: „Oesterreich Ungar» steht der Bewegung auf der Balkan-Halbinsel vollständig gerüstet gegenüber. Schon während der Delegations-Verhandlungen wurden die al- lenfallsigen Eventualitäten der Entwicklung der Orient Frage nach jeder Richtung hin in Erwägung gezogen und zwischen sämmtlichen leitenden Ministern der Monarchie die zu treffenden Maßnahmen bis ins strengste Detail vereinbart. Alle Dispositionen sind getroffen, um im Augenblicke des Kriegsausbruches die Grenzen der Monarchie sozusagen hermetisch zu verschließen und über den Köpfen der staatsfeindlichen heimischen „Werber" die Maschen eines weitumfasfenden Netzes zusammen- zuziehen. Nicht nur sind die Linien-Regimenter designirt und zugleich auch entsprechend diSlozirt, welche im vorausgesehenen Augenblicke gege» das Grenzgebiet vorgeschoben werden; es wurde auch dahin Vorsorge getroffen, daß ein Theil der Landwehr beider Staaten, namentlich aber Ungarns, den — wenn der Ausdruck gestattet ist — „friedlichen" Theil des praktischen Kriegsdienstes selber mitthuend erlerne. Ueber* dies soll auch eine entsprechende Truppe Gendarmerie aus Siebenbürgen nach den von den omladinistischen Umtrieben heimgesuchten Gegende» transferirt werden. Die Verhängung des Belagerungszustandes dürfte in Folge der umfassenden, seit Wochen bereits in aller Stille durchge- führten Präventivmaßnahmen überflüssig bleiben, und man ist auch fest entschlossen, zu dieser Maßnahme nur im ausgesprochenen Nothfalle zu greifen.
— Aus Belgrad 27. Juni telegraphirt man der „D. Ztg." folgende Sensationsnachrichten: Gestern gingen zwischen Loschnika und Leschnika 7000 Mann Freiwillige unter dem Oberstlieutenant Gruja Miskovik, Major Vlajkovik und Hauptmann Putnik über die Drina nach Bosnien. Am Samstag überschritt der Metropolit Duziz mit einer starken Freiwilligen-Legion die Drina bei Lubovja in der Gegend von Valjevo, dieselbe schlug sich glücklich durch die türkische Grenzbe- satzung durch. Die Aktion hat also thatsächlich begonnen. Vorgestern fielen bei Supovac in der Alexinacer Gegend 400 Tscherkessen ins serbische Gebiet ein. Ein Bataillon der Belgrader Brigade umzingelt» dieselben im Walde und wurden Alle niedergemacht. Die Serben habe» den Verlust von 3 Todten und 30 Verwundeten zu beklage».
Lokales von hier und Umgegend, sowie Provinzielles.
Hanan, 29. Juni 1876.
— Dem correspondirenoen Publikum dürfte noch nicht zur Genüge bekannt sein, daß nach einer Verfügung des General-Postmeisters seit dem 1. d. Mts. dem Telegraphenamte gestattet ist, telegraphisch« Postanweisungen in den Zeiten, wo das Postamt geschlossen, wie der Morgens vor 8 und des Abends nach 8, sowie an Sonn- und Feiertagen anzunehmen und zu vermitteln; von dieser gewiß für Viele vor- thrilhaften Einrichtung wird bis jetzt, dem Vernehmen nach, noch wenig Gebrauch gemacht; weiter dürfte das verehrl. Publikum der Meinung fein, die Dienststunden der Post entsprächen genau denen des Telegraphenamtes, dem ist nicht so: beim Telegraphenamte währt der permanente Tagesdienst in den Sommermonaten von 7 Uhr (Berliner Zeit) Morgens bis 9 Uhr (Lokalz.) Abends und in den Wintermonaten vo« 8 Uhr Morgens bis 9 Uhr Abends.
Tarife für das Publikum, in einzelnen Punkten von den zuerst erschienenen berichtigt, find bei Kaiserl. Telegraphenamt dahier im Betrag» von 10 Pf. zu haben.
— Für heute. Diejenigen Mitglieder des hiesigen Kriegervereins, welche an bet am 9. und 10. Juli statifindenden Fahnenweihe bei Kriegecvereins zu Darmstadt Theil nehmen wollen, haben sich Abends von SVs Uhr ab im Vereinslokale avzumelden.
— Der Kreisbaumeister Schuchard in Hanau ist in gleicher Eigenschaft nach Cassel versetzt und sind demselben die bisherigen Geschäfte ! des Bau-Jnspecrors Cäsar daselbst, sowie diejenigen der Kreisbanmeister- ftiUe in Fritzlar übertragen.