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M 148.
Mittwoch den 28. Juni.
1876.
TageSschLW.
Serbien.
A. d. Schw. Merk.
Während noch eben die ganze Welt wieder aufathmen zu können und die orientalische Frage auf unbestimmte Zeit glücklich vertagt glaubte, kommt ein Schreckschuß um den andern aus Wien und Pesth, welche den bevorstehenden Losbruch Serbiens anzeigen. Serbien hat sich nicht zur Ruhr verweisen lassen. Es setzt seine Rüstungen mit fieberhafter Unruhe fort. Die Mobilmachung des ersten Milizgebots ist befohlen, die des zweiter? Aufgebots steht bevor. In dieser Woche erfolgt der strategische Aufmarsch der ganzen Armee. Fürst Milan ist im Begriff, zur Armee abzureifen. Die Friedensmission des Senators Ristic ist aufgegeben, die förmliche Kriegserklärung steht vor der Thür. So lauten die übereinstimmenden Nachrichten, die anscheinend nicht aus der Luft gegriffen sind. Daß sie einen ernsten Hintergrund haben, geht schon aus der unverstellten Belorgniß der Magyaren hervor, die im Süden ihres Reichs bereits das Gespenst einer serbischen Vendöe aufsteigen sehen und gegen die Verzweigung der omladimstischen Verschwörung den Belagerungszustand für das Temeser Banat und die Bacska für nothwendig halten. In der That wäre das Losschlagen Serbims zunächst für das künstliche St. Stefansreich bedenklich, in dessen kroa- tffch-serbischen Theilen bereits wieder die Erinnerungen an den Zug des Bans Jellacics vor die Thore von Ofen lebendig find; beiläufig I gesagt, eine Art von Genugthuung für die Deutschen, zu deren Unter» s drückung das Magyarenvolk f. Z. die Beihülfe b-r Slaven aufgerufen ■ hat. Allein der Kriegsentschluß Serbiens würde überhaupt mit einem* mal alle Fragen des Orients wieder aufs Tapet bringen. Der fast 5 erlöschende Aufstand in Bosnien, in der Herzegowina, in Bulgarien; würde neue Nahrung erhalten. Montenegro würde durch das schlimme - Beispiel aufs Neue in seiner Friedenspolitik schwankend und ohne; Zweifel in das Wagniß mit hineingerissen. Kurz, das mühsame Frie- ' denswerk der Mächte wäre mit einemmal wieder über den Haufen geworfen. Indessen werden doch noch immer einige Zweifel erlaubt sein, ob die Dinge in Belgrad wirklich schon so weit gediehen sind. Wenn Rußland soeben den Anmahnungen zur Geduld entsprochen hat, so kann es nicht das Losgehen des Spektakels in Belgrad mit seinen unberechen^ baren Folgen wollen, und es ist, sollte man denken, einflußreich genug, um mit einem Winke in Belgrad den gespannten Hahn wieder in Ruh - zu kommandiren. Es scheint, daß Serbien bei seinem martialischen i Sädelgerassel es hauptsächlich auf die Einschüchterung der ohnedies in - Nöthen schwebenden Pforte abgesehen hat, von der es mehr oder wem- i ger erhebliche „Grenzberichtigungen" herauszuschlagen hofft. Die Mo- bilisirung wäre also nur eine Art von Erpressungsversuch gegenüber der Pforte. Auch die Vermuthung ist schon ausgesprochen worden, daß Serbien jetzt allerdings den Krieg wolle, aber es reiße ihn blos deßhalb vom Zaun, um einen rechtzeitigen Vorwand für die spätere Ban- kerotterklärung zu besitzen. Indessen mag es nun Serbien Ernst mit dem Kriege sein oder nicht, so viel ist gewiß, daß es auch durch seine verzweifeltsten Abenteuer nicht im Stande ist, den Frieden unter' den abendländischen Mächten zu stören. In dieser Beziehung haben sämmtliche Mächte zu deutlich ihren Willen kundgethan. Der Krieg würde s keinen europäischen Charakter annehmen, sondern auf die untere Donau i beschränkt bleiben. Die Mächte würden die Hände in den Schoß legen - und ruhig die weitere Entwicklung des interessanten Dramas abwarten. 5 England selbst hat durch den Mund seines auswärtigen Ministers kürzlich erklärt, daß der Fall, wo die Türkei es mit ihren Vasallenstaaten zu thun habe, als eine lediglich innere Angelegenheit der Türkei zu Be* trauten sei und kein Einmischungsrecht der Vertrassmächte begründe.
^ue der wichtigsten Erklärungen der englischen Politik: sie sichert den europäischen Frieden, aber sie verhindert nicht, daß die Dinge in -fer Türkei ihren naturgemäßen Verlauf nehmen.
— Berlin, 27. Juni. In der heutigen um 1 Uhr 25 Min. eröffneten «rtzung des Herrenhauses trat das Haus unter Vorsitz des ®t|ien V.ce--Präsidenten v. Bernuth sofort in die Tagesordnung ein,
| deren einziger Gegenstand mündliche Berichte der P-titions-Kommission i über Petitionen waren.
Herr v. Winterfeld berichtete über die Petition des Vorstandes des i Vereins zur Fürsorge für aus Strafanstalten Entlassene zu Görlitz, welcher um die Errichtung von Besserungsanstalten zur Unterbringung von Kindern von 14 Jahren, die mit dem Strafgesetz in Konflikt ge. rathen, bittet. Der Referent beantragte Namens der Kommission, die Petition der Königlichen Staatsregierung zur Berücksichtigung zu über» weisen. Nach einer kurzen Bemerkung des Herrn v. Knebel-Döberitz und des Regierungs-Kommissars, Geh. Ober-RegierungS-Rath Zlling, wurde dieser Antrag ohne weitere Diskussion angenommen.
Frhr. v. Mirbach berichtete über die Petition mehrerer Offizier- Veteranen aus den Kriegsjahren 1813 bis 1815 mit dem Antraze auf Erhöhung ihrer Pensionsbezüge. Der Berichterstatter beantragte, die Petition der Königlichen S aatsregierung zur Ksnntnißnah e und weiteren Prüfung zu überwüsen, und das Haus trat diesem Antrag ohne weitere Diskussion bei.
Herr von Neumann berichtete über die Petition des Vorstandes des Bürgervereins zu Schönebeck a. d. Elbe mit dem Anträge, darauf hinzuwirken, daß die B seitigung der auf dem rechtsseitigen Elbufer angelegten Deiche, sowie des bet Pretzien angelegten Stauwehres, vorgenommen werde, und um Ersatz des denselben durch diese Anlagen zugefügten Schadens bittet. Herr v. Neumann beantragte über die Petition zur Tagesordnung überzugehen. Ohne Debatte trat das Haus diesem Anträge bei.
Der letzte Gegenstand der Tagesordnung war die Petition des Re- servekanonier Hellmuth Ernst Conrad Reinke in Carnitz mit dem Anträge um Gewährung einer Invaliden-Pension. Der Berichterstatter Herr von Winterf-rd stellte Nam-ns der Kommission den Antrag, über die Petit-on zur Tagesordnung überzugehm. Auch diesem Anträge trat das Haus ohne weitere Diskussion bei. Die Sitzung wurde um 2 Uhr 20 Minuten geschlossen und die nächste auf Donnerstag, Mittags 12 Uhr, anberaumt. Auf die Tagesordnung wurde gestellt: Gesetz, betreffend die Regelung der Verwaltung des Schlosses Schwebt; Gesetz über die Erhöhung der Jnvalidenpensionen sowie sonstige Gegenstände, die bis dahin etwa aus dem anderen Hause herüber gekommen sind.
— Berlin, 27. Juni. Abgeordnetenhaus. (Fortsetzung.) Inder heutigen (75.) Sitzung trat das Haus in die zweite Berathung des Gesetzentwurfs, betreffend den an den Kronfideikommißfonds zu leistenden Ersatz für die auS der Herrschaft Schwebt zur Steatskasse geflossenen Einnahmen. Auf Befürwortung des Referenten der Budgetkommission Abg. Dr. Wehrenpfennig wurde der Gesetzentwurf unverändert genehmigt. Es folgte die Berathung des vom Herrenhause in veränderter Fassung zurücki-elangten Entwurf einer Städteordnung für die Provinzen Preußen, Brandenburg, Pommern, Schlesien und Sachsen. Die Abgg. Miguel, Dr. Virchow und Windthorst (Meppen) beantragten die grundsätzliche Wiederherstellung der Beschlüsse des Abgeordnetenhauses, weil nach Lage der Geschäfte etwaige Kompromißverhandlungen kein Resultat versprächen. Obwohl der Abg. Stengel diese Gründe als stichhaltig anerkennen mußte, wollte er doch nicht jede Brücke der Verständigung abbrechen. Der Minister des Innern Graf zu Eulenburg vertheidigte die Stellung der Regierung bei der Berathung der Städte- ordnung im Herrenhaus«, welche in keiner Weise die liber alen Gesichtspunkte außer Ächt gelassen habe. Nachdem hierauf noch der Abg. Dr. Hänel das Wort genommen, dem der Minister des Innern Graf zu Eulenburg erwiderte, wurde die Generaldiskussion geschlossen. Nach unwesentlicher Spezialdebatte, an der sich die Abgg. Dr. LaLker, Dr. Virchow und Richter (Hagen) behelligten, wurde nach dem Anträge der Abgg. Dr. Hänel und Genossen die Fassung der Vorlage nach den früheren Beschlüssen des Hauses wiederhergestellt und demnächst derGesetz- en-wurf im Ganzen angenommen. Beim Schluß des Blattes ging das Haus zur Berathung des Kowpetenzgffetzes über.
(Fortsetzung folgt.) M. ».Er.-A,;
— Ueber den Schluß der Landtagssession fehlt die endgültige Bestimmung auch heute noch. Die seitherigen Mittheilungen waren