Einzelbild herunterladen
 

458

auf die Dauer unhaltbar erscheint. Jener Gesichtspunkt betrifft die Konkurrenzfähigkeit unserer Industrie, unseres HandelS und unserer Landwirthschaft im Verhältniß zu den benachbarten Nationen. In 6090 Jahren wird daS französ. Bahnnetz ohne alle Entschädigung von den heutigen Privatgesellschaften auf den Staat übergehen. Bel­gien hat seit 1869 mit dem Rückkauf der Privatbahne» begonnen, er* theilt für wichtige Linien keine Konzessionen mehr und gewährt sehr niedrige Güter' und Personentarife. Was soll nun in Zukunft auS der Konkurrenzfähigkeit der deutschen Produzenten auf dem Weltmarkt werden, wenn Frankreich durch seinen Eisenbahnbesitz in den Stand ge* fetzt wird, seine Produkte unter den billigsten, nur die Selbstkosten des Betriebs deckenden Transportbedingungen bis an die Grenze zu schicken, während wir die Taxen bezahlen müssen, welche den Privatgesellschaften -eine gute Rente und den Einzelstaaten einen bequemen Haushalt sichern, und noch dazu die Vortheile leichter und rascher Versendung entbehren, wie sie nur eine einheitliche, die spröde Selbstständigkeit der Theile be­seitigende Verwaltung gewährt? Gegenüber dem Schicksal, welche- dann unserem Gewerbefleiß droht, würde der Krach von 1873 nur ein leichtes Ungemach gewesen sein. Fassen wir diese wirthschaftliche Zu­kunft ins Auge, so erscheint die Leitung unserer Schienenwege von einem beherrschenden und in die Ferne schauenden Mittelpunkt aus ebenso nothwendig, wie die Gründung der Reichsbank und die Reform unserer Münze und Währung. Es handelt sich darum, wie die deut­sche Nation in Zukunft den Wettkampf in Handel und Industrie, in dem Austausch der Produkte mit den übrigen Nationen bestehen kann, und welche Vorbereitungen sie heute schon zu treffen hat, um von den Nachbarvölkern nicht mit Sicherheit überflügelt zu werden, css«. M»r.)

DieTrib." schreibt in ihrer Tagesschau über die Lage der Dinge gegenüber der Türkei folgendes: Wer die Preßzustände in Rußland kennt, weiß, wie es mit den selbstständigen Urtheilen der dor­tigen Zeitungen bestellt ist. Die Abschaffung der Präventivcensur hat nur einen Knopf der alten Zwangsjacke gelöst; auch heute würde kein Petersburger Blatt es wagen dürfen, mit voller Unumwundexheit für eine Sache einzutreten, welche die Regierung int Ernst bekämpft wissen will. Gleichwohl hat der namhafteste Theil der russischen Presse in der letzten Zeit eine so durchsichtige und zweiffelloS slavenfreundliche Politik gepredigt, daß über die ,angeborene Farbe der Entschließung" dort kein Zweifel walten kann. Freilich ist Kaiser Alexander nicht der Mann, der eS leicht mit einmal eingegangenen Verpflichtungen nimmt; er wird schon aus persönlichen Rücksichten dem Friedensbunde bis zur äußersten Grenze seines Könnens treu bleiben; allein daß diese Grenze nicht in unabsehbaren Weiten liegt, ist bei früherer Gelegenheit von Rußland selbst schon angedeutet worden. Gewisse Traditionen und ge­schichtliche Stammesbeziehungen will man in Pertersburg dem allge­meinen Friedensinteresse nicht zum Opfer bringen. Man glaubt dort, schon eine Concession gemacht zu haben, indem man die Erhaltung der Türkei als Basis der Verhandlungen acceptirte. An dem Protectorat über die slavischen Christen aber und ihrer Unterstützung gegen die türkische Gewaltherrschaft hält man trotz aller Bundesgenossenschaft mit Entschlossenheit fest, und nicht etwa nur im Princip, sondern, und darin liegt die Hauptgefahr, auch in der Praxis. Die Verstärkun- gen und Hülfsmittel, die dM Insurgenten aus Rußland zugehen, lassen sich nicht leugnen. Waffen, Lebensmittel und Geld fließen aus dem slavischen Mutterlande ununterbrochen in geheimen Kanälen dem Auf­stande zu, ohne daß die russische Regierung dabei ein anderer Vorwurf träfe, wie seinerzeit den Herzog von Decazes wegen der carlistenfreund- lichen Grenzbeamten des PyrenäendepartementS.

Sonders hausen, 11. April. Das Ministerium fordert nvH einmal zum Umtausche der hierländischen Kassenanweisungen auf, da die zum Umtausche festgesetzte Frist mit dem 30. Juni d. I. abläÄft und die Kassenanweisungen mit dem 1. Juli ihre Gültigkeit verlieren und eine Berufung auf die RechtSwohlthat der Wiedereinsetzung in den vorigen Stand nicht stattfindet.

In sämmtlichen altkatholischen Gemeinden Badens hat in den letzten Tagen die Abstimmung über den Antrag des Kirchen-Gemeinde­raths zu Pforzheim behufs Vorgehens zur Abschaffung des EölibatS- zwanges stattgefunden; von den 25 staatlich anerkannten Kirchspielen haben nur 5 und von den Vereinen nur 2 (Mannheim und Baden- Baden) für denselben gestimmt; die übrigen erkennen daS jetzige Vor­gehen unter Anerkennung der Verwerflichkeit des CölibatszwangeS für Nicht opportun und stellen die Initiative hierfür dem Bischof und der Synode anheim. Von den 20 badischen altkatholischen Geistlichen haben nur 6 einem Kollektivantrag auf Aufhebung zugestimmt.

.... ^''n' ^. April. Ueber den Verlauf der Verhandlungen ben beiderseitigen Ministern m Wien dringen, nach demPrag. Aodbl. , nur wenige verläßliche Mittheilungen in die Oeffentlichkeit. In der Zollfrage soll prinzipiell eine Einigung bereits erzielt sein, dagegen bietet die Verzehrungssteuerfrage große Schwierigkeiten. Die Banksragr kam tm Ministerrathe vorläufig noch nicht zur Diskussion, . und werden die bezüglichen Besprechungen vorerst mit den Leitern der Nationalbank gepflogen. Der Kaiser nimmt an der ganzen Ausgleich» <

l ungSaktion den lebhaftesten Antheil und läßt sich über die einzelueu Phasen derselben stets genau unterrichten.

Wien, 15. April. Ein officiöses Telegramm von hier lau­tet:Den beunruhigenden Aeußerungen hiesiger Blätter, sowie auswär­tigen Correspondeozen gegenüber ist zu constatiren, daß die Bestrebun­gen Rußlands in keiner Weise sich von der zwischen den Mächten ver­abredeten Linie entfernen. Rußland wendet wohl den christlichen Un­terthanen der Pforte gleich den anderen christlichen Mächten seine Sym­pathien zu, ist aber in jeder Weise im Verein mit der diesseitigen Re­gierung bemüht, durch Herbeiführung factischer Reformen in der Türkei die Lage der christlichen Unterthanen zu verbessern und mit dieser Ver­besserung die Türkei in ihrem Gesammtbestand zu erhalten. Nirgend- sind abweichende Anschauungen mit hervorgetreten, und die Bestrebun­gen entsprechender Einwirkung auf Serbien und Montenegro sind so gemeinschaftliche, zeigen eine solche Uebereinstimmung der Anschauungen, daß alle gegentheiligen Zeitungsbehauptungen auf daS Entschiedenste zurückzuweisen sind. Nicht zu verhehlen sind hierbei die erheblichen Schwierigkeiten, welche die Verhältnisse in Serbien darbieten, sowie der Umstand, daß in den letzten Tagen die Insurgenten von verschiedenen Seiten wiederum Zuzug bekommen haben. Wesseiitzki'S Auftreten als Bevollmächtigter der Insurgenten ist als besondere Schwierigkeit nicht aufzufasien, vielmehr bekundet dasselbe das Bestreben seitens eme§ Thei­les der Jnsurgentenchefs, welche ihm die Vollmacht übertragen, zu einer wirklichen Verständigung zu gelangen."

Pest, 12. April. Die ungarischen Minister Trefort und Perezel sind, derPest. Korr." zufolge, in Wien ringetroffen, um an dem heutigen Ministerrathe theilzunehmen. Die gemeinsamen Konferenzen werden fortgesetzt. Die an denselben betheiligten ungarischen Minister reisen, den neuesten Dispositionen zufolge, »och nicht ab. Die Be­rathungen, welche neben den Zollkonferenzen über einzelne den Delega­tionen zugehörende Angelegenheiten und die Militärbequartierung ge­pflogen werden, nehmen durchweg einen ganz glatten Verlauf und wickeln sich ohne besondere Schwierigkeiten ab.

Von der kroatisch-bosnischen Grenze, 10. April, wird der Polit. Korr." geschrieben:Wie auf ein gegebenes Loosungswort greifen die bosnischen Insurgenten auf verschiedenen Punkten zu den Waffen. Wie verlautet, sollen die bosnischen Jnsurgentenchefs den Plan gefaßt haben, nicht an der Peripherie des Bilajets stehen zu blei­ben, vielmehr nach dem Centrum hin vorzudringen. Man schätzt die Gesammtstärke der Insurgenten auf fast 10,000 Mann, während die kleineren, halbverfallenen Burgen und Festungen sehr kleine, ja winzige Garnisonen haben. Wie die Anführer in einer am 6. d. M. abgehal­tenen Konferenz beschloffen haben, soll vor Allem versucht werden, sich folgender größerer Orte zu bemächtigen: Petrovatz, Klutz, Krupa und Bihats. Bereits gestern sind Jnsurgentenkolonnen dahin dirigirt wor­den. Da man noch keine Kanonen hat, so wird man sich vorläufig mit der Cernirung dieser halbbefestigten Orte begnügen. Gelingt dieser Coup, dann wird Serajewo selbst bedroht. Indessen verlautet, daß nach Bosnien ein ganzes türkisches Armee-Corps dirigirt ist, und zwar auS Anatolien. Trifft diese Truppenmacht rechtzeitig ein, dann könnte die Loge eine andere Gestalt bekommen.

Aus Albanien werden verdächtige Symptome gemeldet. Es heißt, die Miriditen seien entschlossen, zu den Waffen zu greifen, um ihre alte, von der Pforte yyx einigen Jahren aufgehobene Autonomie wieder zu erlangen. _Ein gewisserJacoo", «? nlan. allgemeinCapi- tän Jacob" nennt, ist bereits zum Anführer designM worden. Ww verlautet, sammeln sie sich bereits in ihren fast unzugänglichen Bergen. D^ Türken sammeln auch in Albanien bedeutend Streitkräfte. So viel schont sicher zu sein, daß, weun die Kämpfe in der Herzegowina noch einige Ast andauern, es auch im altzZUischen Gebild lebhaft her« gehen dürfte."

Aus Serajewo, 8. April, meldet diePolitische ^"^ spondenz":Nach mehrstündiger telegraphischer Unterhandlung ließ < SeraSkrer in Konstantinopel den General-Gouverneur wissen, die Pforr^ werde nächstens zwei Divisionen nach Bosnien schicken, könne aber keine augenblickliche Hülfe schaffen. Gleichzeitig langte der Befehl ein, mau solle alle Mohamedaner des Bilajets vom 18. bis zum 60. Lebensjahre bewaffnen und organisiren. Ibrahim Pascha setzte sich sogleich in Be­wegung. Nach allen Richtungen sind Offiziere und Unteroffiziere ab­gesandt worden, um den Landsturm zu organisiren. Wird der Befehl aus Stambul gewissenhaft und rasch vollzogen, dann dürfte der bos­nische Ober-Kommandant ba d 70,000 Mann zur Verfügung haben, denn so viel Waffenfähige kann die mohamedanische Bevölkerung des Bilajets stellen.

Pelagits versendet Manifeste, die selbst in Serajewo eingeschmug­gelt wurden, worin er an erster Stelle die Mohamedaner auffordert, mit denchristlichen Brüdern" gemeinsame Sache zu machen, eventuell wenigstens eine neutrale Haltung jener Mohamedaner verlangt, die für die allgemeine Freiheit unter der neuen Regierung aktiv nicht auf­treten wollen oder können." Den Feinden droht er abermit gänz­licher Vernichtung.""