Einzelbild herunterladen
 

365?

glauben die unmittelbare Veranlassung zu der kaiserlichen Gunstbezeug- nng nach zwei Richtungen hin suchen zu sollen, einmal dürfte die Er­nennung als Pflaster auf die Wunde anzusehen sein, welche dem ner­vösen Reichskanzler durch die hartnäckigen, dem Junkerthume angehö- rigen Abonnenten der Kreuzzeitung geschlagen worden ist, und welchen damit indirekt das allerhöchste kaiserliche Mißtrauen ausgedrückt werden soll, andererseits dürfte dadurch der Plan der Erwerbung der deutschen Eisenbahnen durch das Reich mit dem kaiserl. Siegel versehen sein."

— München, 27. März, Vormittags. In der heutigen Sitzung der Abgeordnetenkammer beantwortete, nach dem „R. u. St.-A", der Justiz Mimster Dr. v. Fäustle, vor Eintritt in die Tagesordnung die am letzten Donnerstag von dem Abg. Dr. Schüttinger verlesene Inter­pellation, betreffend die Verbindung eines Reichsamtes mit einem bayer- schen Staatsamie. Der Minister erklärte, daß es nach der Lage der Gesetzgebung des Reichs zweifellos zulässig sei, Beamte einzelner Bun- desstaaten zu Bankkommissären zu ernennen; auch stehe dem kein durch das Landesrecht begründetes Hinderniß entgegen. Die Besorgniß, daß eine solche Doppelstellung zu Kollisionen führen könne, sei vollständig unbegründet. Die Bankkommissäre hätten keinerlei verwaltende, sondern nur eine beaufsichtigende Stellung.

— Kaiserslautern, 25. März. Zu Schopp hat in der Pulverfabrik gestern eine Explosion stattgefunden, wodurch zwei Arbei­ter getödtet wurden; einer ist verwundet.

— Landshut, 25. März. Von den zehn Adspiranten für den Einjährigen-Freiwilligem Dienst, welche sich der am 23. und 24, März in Landshut stattgefundenen Prüfung unterzogen, wurden nur drei Ad­spiranten als befähigt erklärt. Aus der deutschen Sprache wurden denselben folgende drei Themata zur Auswahl vorgelegt: 1) Die Noth entwickelt die Kräfte des Menschen. 2) Feuer und Wasser im Dienste des Menschen. 3) Folgen des dreißigjährigen Krieges.

— Nürnberg, 24. März. In Würzburg hat in der Redaktion des „Fränkischen Volksblattes" und bei der Vorstandschaft des Katho­lischen Verrins eine Hausdurchsuchung stattgefunden. Der Schreibtisch des Abgeordneten Rirtler wurde versiegelt.

— Bern, 25. März. Der Bundesrath ernannte eine Experten­kommission, welche bis zum 30. April nächsthin über die Gotthardbahn- Angelegenheit zu berichten hat.

— Das Obergericht in Solothurn hat den Bischof Lachat mit seiner Einsprache in dem die Lindersche Erbschaft betreffenden Prozeß nbgewiesen.

— Rom, 21. März. Der „Schw. Merk." schreibt: So oft in früheren Jahren beim Eintritt einer Ministerkrisis eine parlamentarische Berühmtheit, mochte es Ricasoli, Lanza oder Minghetti sein, von der Krone den Auftrag erhielt, ein neues Kabinet zu bilden, vergingen immer mehrere Tage, ehe dasselbe zu Stande kam, und oft vergingen, wie 1867 und 1873, auch einige Wochen darüber. Lamarmora hatte einmal vor einer Reihe von Jahren in der Kammer die Regierungs­gewalt mit einer Kletterstange verglichen, ein Vergleich, der in der demokratischen Presse viel Glück machte und der Regierungspartei bei jeder Gelegenheit vorgehalten wurde; rührte er doch von Lamarmora her, und der mußte es wissen. Allein wenn die gemäßigte Partei so lange Zeit das Staatsruder in Händen behielt, so war dies nur eine logische Konsequenz der konstitutionellen Gepflogenheit; denn für die Partei der Opposition hatte bisher in der Kammer nie eine derartige Mehrheit sich ausgesprochen, daß sich die Krone zur Bildung eines Ka- bmets aus ihren Rechen an sie hätte wenden können. Diese Mehrheit ist jetzt mit einem Male vorhanden und die Krone hat sofort gethan, was sie für recht und gut erkannte. Wenn, wie gesagt, Ricasoli, Lanza oder Minghetti ein neues Ministerium zu bilden hatten, verließen die­jenigen, die ihrer Stellung in der Kammer zufolge befürchten mußten, daß ihnen ein Portefeuille angeboten werde, mit thunlichster Schnelle die Hauptstadt, während andere, die annahmen, es nur mit Widerstre­ben ihaten und nur um den oft recht dringlich und zudringlich erlafse- nen Appell an ihren Patriotismus nicht Lügen zu strafen. Die letzten Tage bieten freilich ein ganz anderes, von den früher gemachten Er­fahrungen himmelweit verschiedenes Bild dar. Von der Stunde an, wo DepretlS den Auftrag zur Neubildung des. Ministeriums erhalten hatte, läßt man dem armen Manne buchstäblich keine ruhige Minute wehr und bestürmt ihn von allen Seiten mit Besuchen, Briefen und Telegrammen, denn Alles will unter ihm Minister werden. Er braucht für jedes Portefeuille selbstverständlich nur einen und es bieten sich ihm

5 unt> 6 Kandidaten an, die alle glauben, das Zeug zu einem großen Staatsmann mit auf die Welt gebracht zu haben. Das Gereiße und Gezänke um die Ministerstühle war gleich vom ersten Tage an so arg, selbst die Oppositwnsplesse dieser maßlosen Eitelkeit, diesem unge- nirten Sichaufbläyen gegenüber nicht schweigen konnte.

— Rom, 27. Mä z. Der „Diritto" veröffentlicht einen Artikel, ln weichem die Politik, welche das neue Ministerium nach außen hin Defotgen wird, gekennzeichnet wird. Das Organ des Ministeriums kann Europa die Sicherheit bieten, daß seine guten Beziehungen zu den Mäch­ten fortdauern würden. Deutschland werde fegen, daß die innere Po­

litik Italiens ihm in der energischen Verfolgung seiner Kirchenpolitik behülflich sein werde; das Kabinet werde in den kirchlichen Fragen eine kräftige Politik befolgen. In seiner äußeren Politik werde das neue Ministerium keine Aenderung eintreten lassen, im Innern aber eine liberalere Politik befolgen. cR. u. st-nni.)

— Madrid, 23. März. In der heutigen Sitzung der Kortes beantwortete der Ministerpräs. Canovas del Castillo die Interpellation Suift, betr. die Unterdrückung der Fueros in BiScaya und Navarra dahin: die verheißene Gleichstellung aller Provinzen werde unverzüglich in Kraft treten; die Reg. werde über die innere Verwaltung der bask. Provinzen nicht beschließen, ohne dieselben zu hören. Hinsichtlich der Hirtenbriefe des Kardinals von Toledo und der in ihre Pfarreien zu- rückgekehrten karlistischen Priester erklärte der Minister: nach dem Strafgesetzbuch; sei die Veröffentlichung /^S Hirtenbriefes ohne das kgl. Plazet kein Vergehen und die tarik,™^ Priester seien dem In­halt gemäß zurückgekehrt.

Lokales von hier ««d Umgegend, sowie Provinzielles. । Hana« 28 März 1876.

— Gestern besichtigten J. Königl. Hoheiten der Landgraf und die Landgräfin von Hessen in Schloß Philippsruhe die baulichen Arbeiten, die in der letzten Zeit bedeutende Fortschritte gemacht haben.

— Controlversammlung: Morgen (29.) Vormittag 10 Uhr: 4. Bezirks-Compagnie im hiesigen Kasernenhof; 5. Bezirks-Com- pagnie Vormittags 10 Uhr in Bergen.

— Seitens des Centralvorstandes des Feuerwehrverbandes für den Regierungsbezirk Gaffel ging dieser Tage ein; Petition an das Abge­ordnetenhaus in dem Sinne ab, die Feuerversicherungsgesellschaften auf gesetzlichem Wege zu Beitragsleistungen an die Unterstützungskassen für verunglückte Feuerwehrleute, sowie zur Unterstützung bei Anschaffung von Feuerwehrutensilien heranzuziehen. Gleichzeitig wurde unser Abg. Herr H. F. Ziegler gebeten, seine Herren Collegen im Abgeordneten- Hause für diese im Interesse der Gemeinnützlichkeit eingereichte Petition zu interessiren.

Theater.

Wer den Wunsch hegt zur morgigen Benefice-Vorstellung des Hrn. F r e y t a g die seit langer Zeit dahier nicht aufgeführte „Cameliendame" zu sehen, darf sich mit der Sicherung eines Billets beeilen, weil gu­tem Vernehmen nach schon große Nachfrage noch denselben ist.

Eingesandt.

T—. Für die Passanten derjenigen Straßen unserer Stadt, welche dem Schweinetrieb geöffnet sind, ist es sehr empfindlich und für Fremde zudem noch recht überraschend mit der auf der Marschroute befindlichen Schweineheerde und deren Hirten in nahe Berührung zu kommen, oder gar durch des Letzteren wuchtig, aber ohne alle Rücksicht auf Vorüber­gehende, geschwungene Peitsche durch Straßenkoth verunreinigt zu wer­den, wie Einsender dieses erst gestern Gelegenheit hatte an sich selbst und Anderen wahrzunehmen.

Es wäre denn doch ein höchst dankenswerthes Unternehmen, wenn dieses unzeitgemäß gewordene Herkommen endlich beseitigt würde.

Versteigerungs- und Verpachtungs-Kalender.

Morgen Vormittag 9 Uhr kommen im Gasthaus zum „grünen Baum" zu Bieder bedeutende Massen Eichen-, Buchen- und Nadelholz-, Werk- und Brennholz, aus der Königl. Oberförsterei Bieber, zu öffent­lichem Verkauf (f. Nr. 63 „Han. Anz."). — Um dieselbe Zeit werden im Kleespies'schm Gasthause zu Kassel bei Gelnhausen große Partieen Buchen-, Eichen- und Nadelholz-Brennholz, sowie einige Buchen-Stämme und 74 Raummeter Buchen-Felgenholz, aus der Oberförsterei Kassel, öffentlicher Versteigerung ausgesetzt (f. Nr. 66 „Han. Anz.").

— Für heute. „Oratorienverein" : Abends 71/« Uhr Probe. — „Museum" : 8 Uhr Probe, im Riesensaale. — „Freiwillige Feuerwehr" : 9 Uhr Generalversammlung.

— Laugendiebach. Ein Akt großer Rohheit wurde gestern Abend gegen 9 Uhr dahier ausgeübt: Vier junge Burschen überfielen ein? achtbare Frau und ein Mädchen und mißhandelten dieselben auf brutale Weise. Die Thäter, die erkannt wurden, sind bereits zur ge­richtlichen Anzeige gebracht und sehen der wohlverdienten Strafe ent­gegen.

— Am 24. d. M. verschied zu Kassel nach langem Leiden in dem hohen Alter von 80 Jahren der Forstmeister a. D. Herr Karl Friedrich Mergell. Der Verblichene, welcher seine Studien an der bis 1823 dahier in Fulda unter der Leitung von Hartig und Hundeshagm bestandenen Forstakidemie gemacht, gehörte zu den tüchtigsten und wis­senschaftlich gebildetsten Höheren Forstbsamten unseres Hessenlandes. Früher Remerförster zu Wolfgang bei Hanau, wurde er 1841 als Forstinspektor nach Veckerhagen versetzt, welche Stelle er bis zu seiner vor einigen Jahren erfolgten Pensionirunz bekleidete. Die Oberaufsicht des Thiergartens und des Wildparkes zu Sababurg blieb demselben bis zur Aufhebung der königlichen Generalverwaltung des kurfürstlichen Hausfiderkommisses im verflossenen Jahre übertragen. Berheirathet war Herr Forstmeister Mergell mit Anna Josepha, Wittwe des Ooer«