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Zugleich Amtliches Orgau Nr Kreis und Stadt Hauau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage, und SamstagS mit der Berliner Provinzial-Correspondenz.
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Samstag den 26, Februar»
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1876,
Bestellungen auf den Hanauer Anzeiger pro Monat März werden von allen Postämtern, sowie von der Expedition (Waisenhaus) Hammergasse Nr. 9,» entgegengenommen.
Die Expedition.
Rundschau.
H. H. in C. Das preuß. Abgeordnetenhaus arbeitete vorige und diese Woche hauptsächlich an der zweiten Berathung des Etats, wobei nicht selten recht pikante und interessante Debatten über die verschiedensten Fragen entstanden. — Das Polenthum, welches in Rußland und Oesterreich so ziemlich zum Schweigen gebracht worden ist, regt sich dagegen in Deutschland wieder in sehr bemerkbarer Weise. Soeben erfährt man z. B., daß die polnische Reichstagsfraktion der Justizkommission des Reichstags einen Antrag überreicht hat, welcher verlangt, daß genannte Commission, bei der Redaktion des Hauptparagraphen über das Gerichtswesen, der polnischen Sprache in den zum ehemaligen Polen gehörigen Landestheilen die Rechte zuerkenne, welche ihr rechtlich und politisch zugesichert sind, resp, daß die polnische Sprache neben der deutschen als Landessprache anerkannt werde, eine Forderung, die man in Anbetracht des Umstandes, daß die Hälfte der Bevölkerung dr Provinz Posen nicht deutsch versteht, nicht abweisen sollte. Allerdings wäre es für Deutschland sehr wünschenswerth, wenn diese Provinz sich mög- lickst rasch germanisirte und ganz und gar die deutsche Sprache an- nähme. — Jetzt endlich hat man eine Persönlichkeit für den erledigten Wiener Botschafterposten gefunden. Der Kaiser ernannte den Präsidenten des Herrenhauses, den Gralen von Stolberg-Wernigerode, dazu und dieser hat sich zur Annahme bereit erklärt. Diese Ernennung ist insofern bemerkenswerth, als sie, dem Herkommen entgegen, eine außerhalb der zünftigen Diplomatie und des StaatSbeamtenthums stehende Person betrifft. Es ist damit ein weiterer Schritt gethan auf dem Wege zur Annahme des in verschiedenen Staaten bereits zur Geltung gekommenen Gebrauchs, nicht nur die Minister- sondern auch die Botschafter- und Gesandtschaft^Posten aus der Reihe der parlamentarischen Kapazitäten zu entnehmen. Nun können sich am Ende auch andere Herren zur Abreise bereit halten. Wer weiß, ob z. B. nicht bald Herr Richter (Hagen) zum Botschafter in Constantinopel ernannt wird, um das Finanzwesen der Pforte zu studiren — Herr Unser-Braun zum diplomatischen Vertreter in Belgrad oder Cettinje, um an der Hand der dortigen öffentlichen Meinung die Frage zu studiren: Wie theilt man die europäische Türkei?, — Herr v. Kardorf zum Botschafter in Washington, um dort die Wirkungen des Schutzzollsystems mit eigenen Augen kennen zu lernen und sein Talent im Schwimmen „wider den Strom" weiter auszubilden, — Herr Schröder-Lippstadt zum Botschafter in Petersburg — das russische Klima wirkt ja nervenstärkend, und um der „Kreuzztg." — die ja Herr Schröder verbreiten helfen will — einen größeren Leserkreis zu verschaffen, dürsten die desfallsigen Bemühungen nirgends von solchem Erfolge gekrönt werden, als tm Lande her Moskowiter. — In Braunschweig kam vorige Woche ein lang spielender Prozeß zur Erledigung. Der Schriftsteller Gustav Rasch hatte in genannter Stadt ein Buch erscheinen lassen, betitelt: „Die Preußen in Elsaß-Lothringen"; in Folge dessen er wegen Majestäls- beleidigung, Gefährdung des öffentlichen Friedens und Verbreitung erdichteter Thatsachen angeklagt wurde. Das KreiSgericht jedoch sprach ihn von der Majestätsbeleidigung frei, wogegen es ihn aber wegen der andern Vergehen zu 10 Monaten Gefängniß und zur Tragung der Kosten verurtheilte. Der Prozeß ist um deswillen bemerkenswerth, weil in ihm viele hervorragende und allgemein bekannte Persönlichkeiten als Zeugen vernommen wurden, wie der Herzog v. Augustenburg, Fürst Btsmarck, die ReichStagsabg. Sonnemann, E. Richter, Gürber, Teutsch w. rc. Rasch hat sich übrigens betr. des Effektes, den dieser Prozeß und diese Zeugenvernehmung machen würde, sehr getäuscht. Er hat nur wenig Staub ausgewirbelt und Neues ist dabei nicht zu Tage getreten;
^ in wenigen Wochen wird Niemand mehr davon sprechen. — Dagegen ! hat der Fastenbrief des Bischofs Näß von Straßburg viel Aufsehen gemacht. Räß galt bisher nicht nur für den reichsfreundlichsten reichs- ländischen Deputirten, sondern auch für den reichsländischen Bischof, der noch am ehesten geneigt sei, sich mit den Staatsgesetzen auszusöhnen. Sein Hirtenbrief hat jedocn diese Annahme -.ügen gestraft. Derselbe enthält die heftigsten Angriffe auf die Landesregierung. — Die Bewohner des Fürstenthums Lippe sind mit ihrem neuen, jüngst gekrönten Fürsten ebensowenig zufried-n als mit dessen Vorgänger. Auch der jetzige Herrscher will die 1836er Verfassung einführen und die Volksvertretung auf Grund einer ganz veralteten Wahlgesetzes ernannt wissen. In Lemgo fand in Folge dessen kürzlich eine überaus zahlreich besuchte Volksversammlung statt, welche einstimmig gegen dieses rückschrittliche Vorhaben protestirte. Lippe und Mecklenburg, das sind die beiden gelobten Staaten Deutschlands. — Wir sagten oben: In Deutschland regt sich das Polenthum jetzt energischer als in Oesterreich. Damit wollten wir freilich nicht sagen, daß der polnische Nationalgeist dort verschwunden sei. Daß dies nicht der Fall ist, das erkannte man soeben wieder an dem Empfang, der dem Posener Erzbischof Ledochowski von Seiten der nationalen Partei in Krakau bereitet wurde. Derselbe war so polnisch-demonstrativ, daß sich die Wiener Regierung veranlaßt sah, dem Kardinal zu befehlen, die Weiterreise nach Lemberg oufzuze- ben und den österreich. Staat eiligst zu verlassen. Diese Maßregel geschah allerdings in 2ter Linie auch aus Rücksicht auf die Berliner und die Petersburger Regierung, gegen welche diese Demonstrationen in der polnischen Krönungsstadt doch auch gerichtet waren. Ledochowski reiste in Folge dessen direkt nach Rom, um dem heil. Vater seinen bereits zugesagten Besuch zu machen. — Das Wiener Abg.-Haus hat das Klostergesetz in der vom Herrenhaus ihm gegebenen radikaleren Form genehmigt. Minister Stremayer hat freilich bereits erklärt, daß er dasselbe so dem Kaiser zur Sanktion nicht unterbreiten könne. Die österreich. Bischöfe haben diese Situation benutzt und einen entschiedenen Protest gegen dieses Gesetz erlassen, was in parlamentarischen Kreisen sehr böses Blut gemacht hat. — Im Wiener Abg.-HauS beantragte der Abg. Fux eine Resolution, welche die Nothwendigkeit der Reduktion der stehenden Heere ausspricht und die Regierung ersucht, entsprechende Maßregeln zu ergreifen. Der Augenblick zu solcher Forderung ist sicherlich nicht günstg, und Letztere wird deshalb auchZ wirkungslos verhallen.
Das Ergebniß der am 20. Februar in Frankreich stattgehabten Wahlen für die 2te Kammer ist nunmehr bekannt geworden. Die Republikaner haben glänzend gesiegt. Die größte Paitei im neuen Parlamente bilden die entschiedenen Republikaner a la Gambetta, Givvy und Favre. Das Endresultat ist genau noch nicht anzugeben, da noch 94 Stichwahlen erforderlich sind. Aber so viel steht schon fest, daß die 3 republikanischen Parteien zusammengenommen von 532 wohl über 300 Stimmen haben werden. Nächst den entschiedenen Republikanern (Gambettisten) bilden die konservativen Republikaner die größte Partei in der Kammer, dann kommen die Bonapartisten (60 und einige). Die Legitimlsten, Orleanisten und spezifischen Conservativen werden Zusammen wohl nur 70 Stimmen auSmachen. Dieses Ergebniß beweist, daß die Masse der Franzosen die Republik erhalten und fortgebildet wissen will und daß sie antiklerikal gesinnt ist, Gegnerin der bisherigen Politik Mae Mahon's und Buffel's. Der Sieg ist für die Republikaner um so glänzender, als er trotz der Beschneidung des allgemeinen Slimm- rechts und der Einführung des den Einfluß der Regierung begünstigenden Arrondissementswahlsystem und des denkbar frechsten Druckes der Präfekten und Moires auf die Wähler, trotz aller Buffet'schen Intriguen und Machinationen errungen wurde. Ebenso groß aber ist die Niederlage Buffit's, der sich vollständig getäuscht und blamirt hat. Dieser Mann, der die Republik ruiniren wollte, ist selbst nicht einmal in die Kammer gewählt worden. Es liegt also ein doppelter Grund zu seinem Rücktritte vor. Die Republikaner jub.ln nicht nur über ihren Sieg, sondern auch über den kläglichen Sturz dieses ihres Todfeindes. Buffel's Nachfolger dürfte der jetzige Justizmimster Dufanre werden.