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Mittwoch den 23. Februar.

1876»

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» Expedition.

T « g e s s ch W K

Berlin, 22. Februar. In der heutigen (11.) Sitzung des

Hauses der Abgeordneten theilte der Präsident mit, daß an Stelle des Abg. Kanngießer d-r Abg. v. Cuny in die Bibliothekskommission ge­wählt sei. Die Spezialberathung des Etats wurde mit dir Diskussion des landwirthschastlichen Etats fortgesetzt. Nach einer kurzen Debatte über die Ablösungsfrage der Reallasten auf ländlichen Grundstücken, an welcher die Abgg. Fchr. v. d. Goltz, Schellwitz, v. Bendo, Dr. Bähr (Cassel), Miguel, Schöffer, Kiepert, Frhr. v. d. Recke und vom Mi- nistertlsche aus der Staats-Mimster Dr. Friedenthal Theil nahmen, richtete der Abg. Parisius an die Staats« egierung die Anfrage, welche Sprachen an den landwirthschastlichen Mittelschulen gelehrt würden, worauf der Staats-Minister Dr. Friedenthal die französische und eng­lische nannte, jedoch eine genaue Nachweisung bis zur dritten Lesung versprach. Auf eine weitere Bitte desselben Abgeordneten, daß den land- wirthschaftlichen Mittelschulen das Recht der Abitunentenenttasfung mit der Qualifikation zum einjährigen freiwilligen Militärdienst ertheilt werde, entgegnete der Minister, daß nach der Ansicht des Reichskanzler- Amts hierüber wenig Aussicht dazu bei. Bei Kap. 108 (Veterinär­wesen) wünschten die Abgg. Sachse und Donalies eine Verkleinerung der Amtsdistrikte der Kreis- und Grenzthierärzte, da dieselben ihren Pflichten in allzu großen Bezirken nicht genügen könnten, worauf der Staats Minister Dr. Friedenthal entgegnete, daß er überall da, wo das specielle Bedürfniß ihm nachgewiesen würde, einen besonderen Thierarzt anstellen werde, wie er überhaupt die Amtsdistrikte der Thierärzte auf das richtige Maß zurück.,uführen und ebenfalls die Privatpraxis von der Amt-Praxis zu trennen sich bestrebe. Der Abg. Frhr. v. d. Goltz bat den Minister, die Regierungen dahin anzuweisen, daß sie bei ihren Bekanntmachungen über Veterinärwesen ein der neueren Gesetzgebung mehr konformes Verfahren beobachteten, worauf der Staats-Minister Dr. Friedenthal eine einheitliche Instruktion in dieser Beziehung binnen Kurzem in Aussicht stellte.

Der Abg. Knebel betonte die mangelhafte Qualifikation der Thier­ärzte und die Abgg. v. Donath, Seydel und Frentzel wünschten eine Erhöhung des Diensteinkommens der Thierärzte, worauf der Staats- Minister Dr. Friedenthal entgegnete, daß er den Wünschen der Vor­redner entsprechen werde, sobald ihm die nöthigen Mittel zu Gebote ständen.

Bei Kapitel 110 (Förderung der Fischerei) wünschte der Abg. Schmidt (Stettin), daß die Ausführungsbestimmungen zu dem neuen Fischereigesetze durch Königliche Verordnung bald erlassen würden, welche der Regierungskommissar Ministerial-Direktor Macard auch baldigst in Aussicht stellte.

Nach einigen Bemerkungen des Abg. Wisselinck beschwerte sich der Abg. y. Czarlinskt darüber, daß den landwirthschastlichen Vereinen der polnischen Grundbesitzer nicht die Unterstützungen wie anderen landwirth- schaftl-.chen Vereinen zu Th.il würden, welche der Staats Minister Dr. Friedenthal aber versprach, sobald die in Rede stehenden Vereine ihre politischen Tendenzen aufg-ben würden. <R. u. St.-A)

Berlin, 19. Februar. Das Fmmediatgesuch, welches die Gräfin v. Arniw-Boitzcndurg an den Kaiser gerichtet hat, um ihrem Schwiegersöhne, dem Grafen Harry v. Arnim, freies Geleit an das ; Krankenbett seines Sohnes und wieder zurück nach Italien zu erwirken, wurde vom Kaiser nicht abschlägig beschieden. Vielmehr wurde, da I verfassungsmäßig der Kaiser in den Gang des gerichtlichen Verfahrens urcht anders eingreifen kann, als in der Form einer Begnadigung oder Strafmilderung, das Gesuch dem hiesigen Stadtgericht zur Kenutniß- nahme zugeschickt. Inzwischen wurde das Projekt, daß Graf Arnim sich ;

hierher an das Krankenbett seines Sohnes begebe, sowohl von der hier weilenden Familie des Kranken, als auch vom Grafen Arnim aufge­geben, da der Arzt die mit Rücksicht auf den Krankheitszustand des Hrn. v. Arnim^Schlagenthin gegründete Befürchtung aussprach, daß die Ankunft des Vaters den Zustand des Kranken verschlimmern könnte. Die seit November v. I. schwebende Voruntersuchung wegen des in der Broschüre Pro nihilo sich äußernden Landesverrats wird noch immer fortgesetzt. Dieselbe ist noch nicht so weit gediehen, um auf Grund der geschehenen Ermittelungen eine Anklage gegen eine bestimmte Person zu erheben. Neuerdings ist Graf Arnim, welcher der Urheberschaft jener

Broschüre verdächtig ist, zur verantwortlichen Vernehmung vorgetaden

, worden. Graf Arnim hat jedoch bisher auf diese Vorladung dem Un- ' tersuchungSrichter eine Antwort nicht zukommen lassen. (Pr. s»

München, 21. Febr. Bei Schluß unseres Briefes waren im : Bureau der Kammer der Abgeordneten 139 Abgeordnete, hierunter auch die Mitglieder der Reichsjustizkommission angemeldet. Die erste öffent­liche Sitzung soll nicht morgen, sondern übermorgen den 23. ds. Vor­mittags ftattfilldeN. (Augsb. Abdztg.)

DemNürnb. Korresp." schreibt man aus München, 20. Febr. Die Nachricht derSüdd. Presse", Hr. v. Ow wolle eine W-ederwahl zum Präsidenten der II. Kammer ausschlagen, ist unwahr. Seine Wiederwahl und die Annahme der Stelle seinerseits darf nach Lage der

! Verhältnisse als zweifellos betrachtet werden.

: DerDeutsche Merkur", das Organ der Artkatholiken, bringt

; einen Artikel, worin er zur Zölibatsfrage Stellung nimmt. Er stellt ; folgende drei bemerkenswerthe Thesen auf:1. Es ist sehr zu bedauern, daß man die Frage in dem gegenwärtigen Kampfe angeregt hat. 2. : Wie viele und wie starke Gründe auch immer gegen das Zölibatgesetz ' sprechen mögen, so ist man sich doch gegnerischer Seit«, wie es scheint, nicht klar über die Tragweite einer Aufhebung desselben. 3. Der Alt- katholicismus würde durch die Aufhebung des Zölibatgesetzes einen schweren Schlag erleiden, vermuthlich sogar einer Auflösung entgegen- gehen." Zur Begründung dieser Sätze wird ausgeführt, daß die Zöli­batsfrage aus den Prinzipien des Altkatholicismus nicht hervorging, sondern künstlich geschaffin wurde und die deutschen Regierungen weit erfolgreicher an der Nationalisirung des Klerus arbeiten würden, wein sie die ultramontanen Religionslehrer von den Gymnasien und die ul- trumontanen Professoren. von den theologischen Fakultäten entfernten, als wenn sie das Heirathen von Geistlichen befördern.Freunde wie Feinde des Zölibates", sagt derDeutsche Merkur",werden wohl barm einverstanden sein, daß die bekannten Schultaschen Vorschläge auf alle Fälle zu verwerfen sind. Daß der Altkatholicismus durch die Auf­hebung des Zölibates in religiöser Hinsicht und in seiner Reputation bei Vielen, auch Nichtultcamontanen, einen schweren Schlag erleiden wurde, ist klar. Bis jetzt stand er rein und tadellos da, entsprungen aus wissenschaftlicher Erkenntniß und einem ehrlichen Gewissen. Dann aber würde die ihn repräsentireude Geistlichkeit den Verdacht selbst-üch- tigen Strebens auf sich laden, und so seine religiöse Bedeutung herab-- gewürdiget. Viele Laien und wohl nicht die Unreligiösesten, würden sich in Folge dessen wieder zurückziehen, also durch die künstlich ge­schaffene Zösibatsfl age in die Lage versetzt werden, weder bei der einen noch bei der andern Gemeinschaft Befriedigung ihrer religiösen Bedürf­nisse zu finden. Eine Anzahl altkatholischer Geistlicher, die zu demsel­ben Schritte entschlossen sind, ist uns bereits bekannt.

Wien, 19. Februar. Die Konst. Vorst.-Ztg. schreibt:Die stolze Phrase: Wien ist durch die Donauregulirung für alle Ewigkeit von jeglicher Ueberschwemmungsgefahr befreit!" hat sich in ihrer ganzen traurigen Hohlheit gezeigt, denn schon das erste Frühjahr seit der feier­lichen Eröffnung der neuen Donau bringt uns eine Ueberschwem- mung. Die Roßauerlände, die Erdbergerlände, das Erdbergermais, : der Prater und der Weltausstellungsplatz stehen unter Wasser, dieses * ist im fielen Steigen und die Katastrophe hat noch lauge nicht den i Gipfelpunkt erreicht, denn Telegramme melden aus allen Nebenflüssen der oberen Donau ein beträchtliches Steigen und namhafte Uebox- schwemmungen. Der In» zumal, dieser gefährliche Gebirtzsstrom e^e gestern seinen Eisstoß in Bewegung und trat Dabei zürnend überall aus