1378
nicht ignorirt, noch umgangen, noch irgendwie verschleiert werden, weil sonst der Anschein entstehen würde, daß die Kirche die eheschließende Wirkung des Civilakts läugnet. Wie der Staat schon Staat ist auch ohne das Christenthum, so ist die Ehe schon Ehe auch ohne die Kirche. Die Ehe ist eine von denjenigen Ordnungen, welche die Kirche nicht selbst erzeugt, auch nicht aus sich selbst begründet, welche sie aber segnend, weihend durchdringt und so veredelt. Eben so wenig wie bei der Trauung ist der Widerstand gewisser Geistlicher gegen die Wicder- trauung solcher Personen gerechtfertigt, die aus nichtschriftmäßigen Gründen geschieden worden sind. Fortan steht die Kirche bei der Frage, ob sie einem Geschiedenen die Wiedertrauung gewähren kann oder nicht, immer der Thatsache gegenüber, daß derselbe seine anderweite Ehe in rechtsverbindlicher Weise bereits geschlossen hat. Diese neue Ehe ist ohne Zuthun der Kirche entstanden und bleibt, wenn ihr die kirchliche Einsegnung verweigert wird, auch ohne dieselbe bestehen. Die Kirche kann diese Ehe weder als nicht vorhanden betrachten, noch rückgängig machen; sie darf auch nicht auf die Auflösung derselben hinarbeiten. Es ist ein Verhältniß geschaffen, welches diejenigen, die es eingegangen sind, sittlich bindet und von welchem aus auf das frühere aufgelöste Verhältniß zurückzugreifen selbst Sünde wäre. Die Segnung eines solchen Verhältnisses (die Wiedertrauung) kann nicht mehr an sich als Gottes Wort zuwiderlaufend, als schlechthin unerlaubt bezeichnet werden. Es handelt sich daher bloß noch um disziplinare Erwägungen, und bei diesen ist der Geistliche an die Mitwirkung des Gememdekirchenraths, in der Rekursmstanz an die Entscheidung des KreissynodalvorstandeS gebunden. Jedes andere Vorgehen entbehrt des gesetzlichen Bodens."
— Chemn itz, 10. Dez. Ein hiesiger Bauunternehmer, dem vor Kurzem ein Stückchen Phosphor von einem Streichholz in eine kleine Wunde, die er an der Hand gehabt, gerathen war, ist, wie das hiesige „Tgbl." meldet, heute an den Folgen dieser Vergiftung gestorben. Wie oft sind derartige Fälle schon dagewesen und doch greift man nicht zu den vollkommen gefahrlosen sogen, schwedischen Streichhölzern.
— Tauberbischofsheim, 12. Dez. Aus unserem Amtsbezirke waren drei Neupriester wegen unerlaubter öffentlicher Ausübung kirchlicher Funktionen auf den 3. Dez. vor die Strafkammer Mosbach geladen. Zwei derselben, nämlich die Caplane Sauer in Gerchsheim und Geier in Königshofen stellten sich vor Gericht, während Caplan Ochs von Unterwittighausen ausblieb. In Folge dieser Weigerung ließ ihn am 10. d. Großherzogl. Amtsgericht hier verhaften und dem Gerichte Mosbach vorführen.
— Das Journal de Lyon meldet, daß zwei Kompagnien Infanterie des 12. und 14. Regiments Befehl empfangen hätten, sich zum Abmarsch bereit zu halten, um in Savoyen in Aussicht stehende Ruhestörungen vorkommenden Falls zu unterdrücken. Die Ursache zu diesen Unruhen sei der Widerwille der Bevölkerung, sich zu der neuerrichteten Territorialarmee zu stellen. Wie man vernimmt, haben schon einige kleine Privatkundgebungen, von Messerstichen und Steinwürfen begleitet, dort gegen die Gendarmen stattgefunden. (Schm. Merkur.)
— Aus Cannes den 9. Dez. wird gemeldet: Heute Mittag hat sich plötzlich der größte Theil unseres Friedhofes gesenkt und sind viele Grabkapellen eingestürzt. Unglücklicherweise fand gerade ein Leichenbegängnis statt und ist der Verlust von zwei Menschenleben zu beklagen.
— Petersburg, 8. Dez. Alle hiesigen Blätter beschäftigen sich mit den Vorgängen im deutschen Reichstage am 4. und 5. Dezember. Selbst der „Golos", der Deutschland nicht besonders günstig ist, nennt den unmotivirten Ausfall Jörg's „eben so ungeschickt wie taktlos", die Antwort des Reichskanzlers „ehrlich, klar und doch zugleich ein staatsmännisches Meisterstück." Besondere Anerkennung finden die Stellen, die das Verhältniß Deutschlands zu Rußland betreffen. Der „Golos" sagt: „Es wäre eine Albernheit, anzunehmen, daß die Nichtanerkennung bet spanischen Regierung Seitens Rußlands die hundertjährige Freundschaft zwischen Deutschland und Rußlvnd erkalten könne; die gegen die ültramontane Partei gerichtete Rede Bismarck's war eine neue und eklatante Niederlage dieser Partei, der die patriotische Larve abgerissen worden ist. Nach dieser offenen Erklärung des deutschen Staatsmannes müßte in Deutschland eine ungeheure Majorität zur Regierung im Kampfe gegen die ultramontanen und reichsfeindlichen Elemente halten, und die Staaten des Auslandes, die nicht minder von Rom bedroht sind, der deutschen Regierung ihre Zustimmung aussprechen.
— St. Petersburg, 14. Dec. Ueber die Beobachtung des Veuusdurchgangeè am 9. d. auf den russischen Stationen liegen jetzt weitere Meldungen vor. Darnach sind in Nertschinsk drei Kontakte beobachtet und acht Durchmesser, sowie dreißig Abstände am Heliometer gemessen worden. In Teheran sind die Beobachtungen vollkommen gelungen. Auch in Theben (Aegypten), wo die Witterungsverhältnisse besonders günstig waren, haben dieselben den besten Verlauf genommen und zit lehr befriedigenden Resultaten geführt. — In Kiachta und in Possiet wurden mit Erfolg photographische Aufnahmen ausgeführt.
— Die „Neue Frkftr. Pr." schreibt unterm 15. Dezember aus Frankfurt a. M.: Am Samstag Nacht begegnete ein Nachtwächter, welcher auf die Revierwache gehen wollte, einem Burschen, der einen Sack trug. Als dieser den Wächter sah, warf er seine Last hin und sprang davon. Der Nachtwächter, welcher sofort ein Verbrechen ahnte, eilte spornstreichs nach und war Dank seiner flinken Beine so glücklich, den Flüchtling einzuholen und zuni Sack zurückzutransportiren, den er nun zur Wache tragen mußte. Hier stellte es sich heraus, daß sein Inhalt aus silbernen Geräthschaften bestand, welche in derselben Nacht mittelst Einbruchs in der Westendstraße gestohlen worden waren. — Ende verflossener Woche kam es in einer neu eröffneten Wirthschaft zu einer großen Scandalsceue. Nachts ^al Uhr löschten eine Anzahl Gäste sämmtliche Lichter aus und machten dieselben, wie der Wirth sagt, einen Angriff auf die Casse. Es entstand ein gräßlicher Tumult, wobei der neue. Wirth sammt Frau auf die Straße geworfen und maltraitirt wurden. Noch Morgens sah man Lachen Bluts vor dem Hause liegen. Einer der Betheiligten, welcher im Hause eingesperrt wurde, fiel der Polizei in die Hände.
Lokales und Provinzielles.
Hanau, 15. Dezember 1874.
Dersteigerungs- & Verpachtungs-Kalender.
Morgen (16.) Vormittags 9 Uhr versteigert Herr Hofgärtner Löther in der Nähe des Bahnhofs (Philippsruher Allee) einen Lindenbaum. — Vormittags 10 Uhr wird die Jagdgerechtsame der Gemeinde Fechenheim (ca. 2996 Ar. Feld und Wald) durch Bürgermeister Pleß im Gasthaus zum „Schwanen" dortselbst öffentlich meistbietend auf sechs Jahre, vom 1. Januar 1875 ab gerechnet, verpachtet.
— Für heute Kunstindustrieverein: Abends 71/± Uhr im Saale des Gasthofes zum Riesen Vortrag des Herrn Dr. C. Beyer ans Eisenach „über den letzten Klassiker unserer Tage, Friedrich Rük- kert. — Oratorienverein: Abends von 7—9 Uhr Probe für den ganzen Chor.
— Nach einer Bekanntmachung Kgl. Verwaltungs-Commission des Gymnasiums ist der Durchgang durch den Schulhof des Gymnasiums dem Publikum nicht mehr gestattet.
— Seit einiger Zeit werden in der Nähe des Waldesels Bohrversuche behufs Ueberbrückung der Kinzig beim Bau der Hanau-Friedberger Eisenbahn gemacht.
— Aus guter Quelle kann mitgetheilt werden, daß im Laufe dieser Woche die ersten Schritte zur Gründung eines Vereins zum Schutze gegen Thierquälerei geschehen.
— Vergangene Nacht wurden vom Hausgange des Telegraphenamtes zwei Lampen entwendet.
— Gestern ging ein von Straßburg i. E. kommendes französisches Geschützrohr hier durch. Dasselbe wurde von Sr. Majestät dem Kaiser der katholischen Gemeinde Lorchhausen am Rheine geschenkt uni wandert nun in die Glockengießerei des Herrn Ph. Bach zu Windecken, welcher s. Z. auch das in genannter Gemeinde durch Kirchenbrand verunglückte schöne Geläute gegossen.
Möge der eherne Mund, der noch vor nicht langer Zeit Tod und Verderben gespieen in die Reihen unserer tapferen deutschen Brüder, möge er nun in Zukunft ein Friedensverkünder am schönen deutschen Rheine sein!
— Kassel, 13. Dec. Ueber das Befinden des Kurfürsten wird der „Freien Hessischen Zeitung" telegraphisch gemeldet: „Gestern fand eine Berathung über den Gesundheitszustand aüf allerhöchsten Befehl statt unter Hinzuziehung der Professoren Jaksch und Halla, in welcher vollkommenes EniverWndniß mit den bisherigen Anschauungen und Anordnungen ausgesprochen wurde. Sonst befinden sich Se. Königliche Hoheit heute sehr schwach, hatten eine unruhige Nacht und jede Eßlust fehlt. Prag, den 12. December, 9 Uhr früh, (gez.) Dr. Jirus."
(Tagespost.)
— Wie dem „Fuld. Anz." aus Bebra mitgetheilt wird, hat sich daselbst eine gestern abgehaltene Versammlung von Industriellen und Landwirthen aus Hessen, Westfalen und Thüringen als „Hessisch-thüringischer Verein für wirthschaftliche Interessen" constituirt. Zunächst soll eine Herabsetzung der Kohlen fruchten angestrebt werden.
Thermometerstand.
14. December : Höchster Stand des Thermometers + 4®, Abends 7 Ubr + 3°; 15 December: Morgens 7 Uhr + 2°, Vormittags 10 Uhr + 2-/4°.
Eingesandt.
— Am Donnerstag den 10. dss. Mts. hatten wir zum ersten Male Gelegenheit Frl. Emma Reich in dem von ihr veranstalteten Concert als Clavierspielerin zu hören und freut es uns berichten zu können, daß die junge Dame „gebornes" nicht „erzogenes" Talent besitzt. Sie bewies uns dies einerseits durch tadellos correcten Vortrag sämmtlicher Piecen, als auch anderseits durch verständige Auffassung