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wenn auch nicht auf der breiten und großen Grundlage, wie sie die katholische Kirche darbietet, die aber doch in die Millionen Hinein- gehen, vorhanden sind, — Laß zum Beispiel der Kaiser von Rußland bei dem armenischen Patriarchen eine diplomatische Vertretung unter­hielte, obschon die armenischen Unterthanen Rußlands auch wohl nach Millionen zählen mögen.

Wir sind weit entfernt, irgendwie die Gefühle, welche die Kaiho­liken mit dem Papste verbinden, kränken oder ihnen irgend zu nahe treten zu wollen,' wir erklären nur: wir haben letzt nicht oder über- baupt nicht das Bedürfniß, diplomatische Geschäfte an dem römischen Stuhle zu machen oder irgend welche Fragen dort auf diplomati­schem Wege, wie dies früher wohl geschehen ist, zu verhandeln. Sollte die Nothwendigkeit dafür eintreten, so haben wir in Rom Diplomaten, denen wir Auftrag geben können, und haben Leute, die wir provisorisch hinschicken können z und sollte sich jemals wieder­um das Bedürfniß Herausstellen, eine dauernde diplomatische Ver­tretung in Rom zu haben, so würde es auch gelingen, die gesetz­gebenden Faktoren von diesem Bedürfniß zu überzeugen, wenn es wirklich vorhanden ist, und wir würden dann eine Neubewilligung fordern können,' jetzt fordern wir sie nicht, weil die Hoff­nungen, Lie mich vor anderthalb Jahren noch leiteten, zu meinem Weidauern in die weite Ferne gerückt wor­den sind.

Ich habe die Streichung der Position auch für eine Sache des fiaatlichenAnstandesgehalten, weilund so lange daSHaupt der katholischen Konfession Ansprüche aufstellt und eine Stellung einnimmt, mit deren Durchführung jedes geordnete Staatswesen absolut unverträglich ist, wo lebet Staat, der sich dem unterwerfen wollte, unter ein taudinisches Joch gehen würde und seiner eiaencnSelbst- stândigkeit zu entsagen genöthigt wäre. So lange daS Haupt der römischen Kirche dieienigen seiner Diener, die unabhängig von dieser ihrer Eigenschaft Unter­thanen eines Staates des Deutschen Reiches sind, in ihrem auslehnenden Verhalten gegen die Gesetze ihres eigenen Vaterlandes ermuthigt und unterstützt, ja diese Auflehnung von ihnen als eine geschworene Dienst­pflicht fordert, so lange ist es eine Anstandspflicht für das Deutsche Reich, eine Macht, die solche Ansprüche er­hebt, snicht nur nicht anzuerkennen, sondern auch nicht den Schein auf sich zu laden, als beabsichtige es, diese Anerkennung in der Zukunft auszusprechen, ohne daß diese unerfüllbaren und für jedes geordnete Staats- system unannehmbaren Ansprüche zuvor in irgend einer Weise gelöst werden.

--Ich kann Ihnen spezielle Thatsachen ansührcn, die zeigen, daß schon vor dem Kriege 1870 die Aussicht auf diesen Kampf bei den dn- geweihtesten Mitgliedern der römischen Politik ziemlich festßanL.

Ich will eine bestimmte Thatsache nennen, die mir verbürgt wor­den iß, und die sich in den amtlichen Akten einer deutschen Regierung befindet. Diese deutsche Regierung hatte Anlaß, mit dem damaligen Nuntius in München, Meglia, zu verhandeln über gewisse Arran­gements in ihrem eigenen Staate, und im Laufe des Gesprächs be­kam sie von diesem, wie es scheint, nicht so verschwiegenen Prälaten, unter Anderem die Bemerkung zu hören: -wir können uns auf Ver­gleiche nicht mehr einlaffen, uns kann doch nichts Helsen, als die Revolution.«

Diese Revolution fand allerdings nicht statt,' dagegen kam der Krieg von 1870. Daß der Krieg im Einverständniß mit der römischen Politik gegen uns begonnen worden ist, daß das Konzil deshalb abgekürzt ist, daß die Durch­führung der Konzilsbeschlüssc, vielleicht auch ihre Ver­vollständigung, in ganz anderem Sinne ausgefallen wäre, wenn die Franzosen gesiegt hätten, daß man da­mals in Rom, wie auch anderswo, aus den Sieg der Franzosen als auf eine ganz sichere Sache rechnete, daß an dem französischen Kaiserhofe gerade die katholischen Einflüsse den eigentlichen Ausschlag für den kriegeri­schen Entschluß gaben, ein Entschluß, der dem Kaiser Napoleon sehr schwer wurde und der ihn fast überwäl­tigte, daß eine halbe Stunde der Frieden dort fest be­schlossen war und dieser Beschluß umgeworfen wurde durch Einflüsse, deren Zusammenhang mit den jesuiti­sche» Prinzipien nachgewiesen ist: — über das alles bin ich vollständig in der Lage, Zeugniß ablegen zu können. ______

Der Abg. Frhr. v. Darnbüler, früher württembergischer Minister, fügte den obigen Mittheilungen des Reichskanzlers bestätigend und ergänzend Folgendes hinzu: »Ich muß mich auf wenige Worte beschränken, welche den Zweck haben, dasjenige, was der Herr Reichs­kanzler Ihnen vom Nuntius Meglia angeführt hat, in einigen Zu­sammenhang zu bringen. In Württemberg war ein Bischof, welcher die Liebe und die Verehrung aller seiner Diözesanen und seiner Klerus genossen hat. Er stand im Alter von 70 Jahren, war aber in voll- ständig rüstiger Gesundheit und im Besitze seiner vollen GeistcSfâhig-

Verantwortlich: Dr. Friedrich Dörr.

keit. Ganz unerwartet traf ihn der Schlag, daß ihm ein Coadjutor gestellt werden sollte. Dir ganze Diözese , das ganze Land, die Re­gierung, welche mit dem Bischof in den besten Beziehungen stand, war darüber sehr erschreckt,' man that daher die nöthigen Schritte in Rom, und die Folge davon war allerdings schließlich, daß diese Maßregel zurückgcnommcn wurde. Der Hauptgrund für diese Maß­regel war, daß der Bischof den Zöglingen der katholischen Theolone in etwas licberaler Weise gestattet hatte, die Vorlesungen in Tübin­gen zu hören, namentlich auch Vorlesungen der philosophischen Fa­kultät. Es war bei einem Theile der Katholiken in Württemberg, namentlich aber in Rom die Ansicht, daß der Klerus seine Zwecke viel besser erfülle, wenn er nicht gebildet, als wenn er wissenschaft­lich gebildet sei.

Diese Verhältnisse haben zu einer Erörterung mit dem in Würt- temberz übrigens nicht atkredètirten Nuntius in München über die Frage geführt, ob der Bischof wirklich einen Coadjutor erhalten soll oder nicht.

Bei einer Unterredung, welche der württembergische Geschäftsträger mit dem Nuntius Meglia hatte, be­klagte sich derselbe über die mißliche Lage der katho­lischen Kirche in ganz Europa und cs führte das unge­fähr zu der Aeußerung: »Die katholische Kirche kommt zu ihrem Recht nur in Amerika, in England etwa und tn Belgien, der Kirche kann dann allein die Revolution helfen.« Ich kann für die Richtigkeit dieser Worte ihrem Sinne nach vollkommen einstrhcn — ich habe in diesem Augenblick den Brief nicht vor mir, aber ich stehe ein für die Richtigkeit dieser Worte ihrem Sinne nach. Ich weiß nun nicht, ob der Nuntius Meglia die Ansichten der römischen Kurie ausgedrückt hat, das kann ich na­türlich nicht wissen. Thatsache aber ist, daß er inzwischen Nuntius in Paris geworden ist, also eine wesentlich wichtigere Stellung ein- nimmt/ als er sie damals eingenommen hat. Ich habe es für meine Pflicht gehalten, die Thatsache, die der Herr Reichskanzler angedeutet hat, aus meiner Erinnerung zu ergänzen.«

Der Reichstag ist im Laufe der letzten Woche ungeachtet der lebhaften und erregenden politischen Verhandlungen, welche durch die ultramontsne Partei veranlaßt wurden und mehrere Sitzungen fast gänzlich auëfüllten , doch in der Erledigung seiner praktischen Aus­gaben erheblich vorgeschritten. Namentlich ist der Reichshaushalts- Etaè in allen denjenigen Theilen, welche nicht an die Budgetkommis­sion verwiesen waren, vollständig durchberathen und genehmigt worden.

Inzwischen bat die Budgetkommission auch bereits dm Bericht über den umfassendsten Theil ihrer Arbeiten, über den Etat des Reichsheeres erstattet; derselbe wird in den nächsten Tagen zur Berathung und Beschlußnayme des Reichstages gelangen. Der Be­richt bestätigt vollkommen, daß von tiefer gehenden Meinungskämpfen über den Militäretat nicht dir Rede ist.

ES bleibt hiernach die Zuversicht bestehen, daß jedenfalls der ReichshauLhalts-Etat und voraussichtlich auch die übrigen dringenden Aufgaben des Reichstages bis zum Weihnachtsftst erledigt sein kö». neu,—vorbehaltlich der besonderen Lage des Bankgcsetzcs, in Bezug auf welches augenblicklich die weiteren Erwägungen im Bundeèratheschweben.

Unser Kaiser empfing am vorigen Donnerstag (3.) den Besuch Sr. Majestät des Königs von Sachsen und des Prinzen Georg von Sachsen, wie der Großherzöge von Sachsen-Weimar und Mecklenburg-Schwerin und anderer Fürsten, welche sich mit Sr. Majestät und unseren Prinzen am Freitag (4.) Nachmittag zu der hergebrachten großen Hofjagd bei dem Jagdschlösse Hubertusstock begaben. Am Sonnabend fand die Jagd und am Abend die Rückkehr nach Berlin Statt.

Ihre Majestät die Kaiserin Augusta widmet ihre Für- ae und Unterstützung jetzt, ebenso wie die Frau Kronprin- a und die übrigen Prinzessinnen, vorzugsweise den allseiti­gen Veranstaltungen der öffentlichen Wohlthätigkeit, welche im Hinblick aus das Weibnachtsfest von den verschiedenen Vereinen ins Leben gerufen sind.

Prinz Albrecht, welcher sich auf Einladung Sr. Majestät des Kaisers von Rußland mit mehreren höheren Offizieren zur Theilnahme an der Feier des Georgssestes nach St. Petersburg begeben hat, ist dort der Gegenstand der freundschaftlichsten Aufmerksamkeiten Seitens des Kaiserlichen Hofes gewesen.

Der Ober-Präsident von Schlesien, Frhrr. von Nordeuflycht, ist von dieser Stellung abberusen und mit Wartegeld in den einstweiligen Ruhestand versetzt.

Zu seinem Nachfolger hat Sr. Majestät den bisherigen Bezirks-Präsidenten von Lothringen, Grasen Adolph von Arnim-Boytzenburg, ernannt._____________________

Berlin, Druck und Verlag der Königlichen Geheimen Obkr-Hofbuchdruckerei (R. v. Decker),