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Reiten und zu einem Religionskriege führen können. Noch dringender wäre die Einwirkung des diplomatischen Ausschusses bei der spani­schen Frage gewesen, welche zu der Zeit vom Himmel gefallen sei, »als wegen des verwegenen Verbrechens eines hm bverrückten Menschen «in guter Theil der Deutschen geradezu in's Deliriren gerathen war«. Der diplomatische AuStchuß hätte den Reichskanzler vermuthlich vor dem bekannten russischen Widerspruch bewahrt, vor dem Fiasco, das der Reichskanzler wohl um Vieles gern ungeschehen machen möchte.

Der Reichskanzler Fürst Bismarck erhob sich un­mittelbar nach diesem herausfordernden Angriff und wies die verschiedenen Anklagen und Verdächtigungen in folgender Rede zurück:

(Die deutsche Politik und die Bundes - Regierungen.) »Bei aller Bereitwilligkeit, auf sachliche Anfragen bei Gelegenheit der Budgctdiskusfion Auskunft zu geben, wird es mir in diesem Falle doch schwer, weil der Herr Redner eigentlich eine Frage, auf die man antworten könnte, nicht gestellt hat. Er hat die ganze Weltlage und das ganze Ausland berührt, namentlich insoweit eS dem Reiche nach- rheiltz sein könnte und im Ausland« unangenehme Eindrücke macht. Mich in eine staatsrechtliche Diskussion über die Auslegung der AeichSverfaffung, über die Kompetenz dieses Ausschusses, über die Btigfdt seiner Mitglieder, zu denen bekanntlich Preußen nicht gc-

I mit dem Hernr Vorredner zu vertiefen, das werden Sie mir nicht zumulhen.

Der Ausschuß besteht in voller Wirksamkeit, er besteht aus dem Königlich bayerischen Minister von Pfretzschner, dem Königlich sächfi- Wen Minister von Friesen, dem wuntembergsschen Gesandten von Epltzcmvcrz, dem Großherzozlich badischen Minister von Freydorf Wd dem Großherzogllch Weckienburg-fchwerinschen Vertreter von Külow) also daraus wird der Herr Abgeordnete entnehmen, was er wahrscheinlich wohl schon ohnehin gewußt hat, daß der Ausschuß zu Recht besteht und zusammentritt, so oft eineS der Mitglie­der auf Berufung anträgt oder der Königlich bayerische Bundesbevollmächtigte ihn beruft. Doß das Bedürfniß nicht häufig eintritt, dafür sorgt das Aus- Wärtige Amt, indem es die verbündeten Regierungen durch Abschriften der wichtigeren Depeschen und durch Mitthei­lung der Ergebnisse auf dem diplomatischen Gebiete wert über seine dienstlichen Verpflichtungen hinaus, und, so viel ich habe erkennen können, unter voller Anerkennung der verbündeten.Regierungen, auf dem Laufenden erhält. Wir haben in unseren auswärtigen Beziehungen recht reine Wäsche und nicht sehr viel zu verbergen, wie Sie auch daraus ersehen, daß wir uns nicht daran kehren, ob die höchsten Beamten, die wir im Auswärtigen Amte an- stellen, gerade dem einen oder dem anderen Bundcèfiaate angehörm. Wir haben zu allen Reichsangehörigen, so weit sie nicht das Ver­trauen durch politisches Verhalten verwirken, wir haben namentlich zu allen Reichsregicrungrn ein unbegrenztes Vertrauen. Diese Idee, als ob, wenn ein heimlich sorgfältig präparirter Krieg oder sonst eine Abscheulichkeit geplant würde, dieser Ausschuß, wenn er be­rufen würde, dem auf die Sprünge kommen würde, ist ja ganz utopisch (auf bloßem Wahn beruhend) und eigentlich doch mehr für Romane und Kinderlesebücher berechnet. Im Iabre 1874 ist meine» Erachtens gar kein Bedürfniß gewesen, daß irgend eine Ausschußsitzung hätte fiattfindcn müssen, weil das Jahr 1874, was dem Heern Vorredner, wie cs scheint, einen so erschreckenden Eindruck gemacht hat, in dm 13 Jahren, die ich nunmehr an der Spitze des Auswärtigen Amts von Preußen und Deutschland stehe, eigentlich das ercignißloseste ge­wesen ist, was mir je vorgekommen ist.

(Zur Anerkennung Spaniens und zur europäischen Politik.) Der Herr Vorredner hat außerdem eine Anzahl That­sachen theils aus dem auswärtigen, theils aus dem inneren politi­schen Lrbm des vergangenen Jahres berührt, auf die ich noch futj eingehen muß, um irgend welchen Entstellungen vorzubeugen.

Bon einer Intervention ist bei uns nach keiner Seite die Rede gewesen in dem Sinne, wie er uns der IrnervcMionsgelüste in Frankreich anklagt«, weil wir uns über die aufrührerische Sprache französischer Bischöfe in Erlassen, die an deutsche Unterthanen gerichtet waren, beschwerten. Es handelt sich da, juristisch genau genommen, nicht einmal um ausländisch- Bischöfe) denn die flagrantesten That­sachen betraft» solche Bischöfe, die damals noch einen Theil der Diözesen im Deutschen Reiche besaßen und insofern auch der Jurisdiktion des Deutschen Reiches unterlagen. Aber auch in panicn handelt es sich um keine Intervention. Als ich dir erste Nachricht von der Ermordung des Hauptmanns Schmidt er­fuhr, so ist mein Gcfül l gewesen: wenn das ein englischer Zeitungs- Korrespondent, ein amerikanischer, ein russischer, ein iranzösischer gewesen war, so wäre ihm das nicht passirt. Es regte sich in mir die Erinnerung an alle alten Demüthigungen, die Deutsch­land durch seine Zerrissenheit früher zu erdulden genö­thigt worden ist, und ich sagte mir, es ist Zeit, das Aus- lanv daran zu gewöhnen, daß man auch Deutsche nicht un­gestraft ermorden darf. Und in diesem Sinm war ich allerdings entschlossen, den Vorgang nickt ungerügt und unbemerkt vorüber- gehen zu lassen. Wäre eS den völkerrechtlichen Ueberlieferungen gemäß

und geziemte es uns, auf eine barbarische, ich kann sage» henker- mäßige Lerfahrungsweise in ähnlicher Weise zu antworten, so hätten wir am ersten besten fatlißifeben Hafen, den wir erreichen konnten, eine Landung gemacht, hätten de» ersten besten karlistischen Stabs­offizier ergriffen und am Hafenthor erhängt. Das war das, was sich bem natürlichen Menschen als Repressalie (Vergeltungsmaßregel) aufdrängte. Indessen, so handeln wir nicht, denn wir sind eminent friedfertig. Der Herr Vorredner vindicirt Lieft» Charakter für Süd- Lcutschland hauptsächlich. Ich will ihm den ja nicht bestreiten , aber friedfertiger wie der Herr Vorredner bin ich jedenfalls, da braucht man nur seine letzte Rede zu kennen, und wenn er mir als kriegerisch vorwirft, ich hätte irgend einmal von einem Strahl kalten Wassers zur Beruhigung aufgeregter Gemüther gesprochen, sc- kann ich mich nur darauf berufen, daß kaltes Wasser ein eminent friedfertiges, abkühlendeS Element ist. Ich würde dem Herrn Vor­redner rathen, recht viel Gebrauch davon zu machen.

Demnächst lagen die Verhältnisse in Spanien nicht so, daß wir für diese an einem deutschen Offizier begonnene Mordthat die dortige Stegi erring hätten verantwortlich macken können) denn sie hatte dort die Macht nicht. Da wir nicht in der Lage waren, uns in einer menschlichen und für eine große Macht schicklichen Weise Vergeltung zu nehmen, so haben wir uns gefragt: wie ist es möglich, diesem Lande von so ruhmreicher Vergangenheit und von so be­dauerlicher Gegenwart in seinem zctzigenLeidcn einiger­maßen zu helfen? Ich habe mir gesagt, dasRichtigste ist, wenn man die Reste staatlicher Gestaltung, die dort noch vorhanden sind, dadurch stärkt, daß man sie anerkennt, daß man den glimmenden Docht staatlicher Ordnung, der dort noch ist, nicht vollständig auslöschen läßt durch die Rivalitäten im Lande und etwaiger feindlicher Mächte, die andere Interessen haben, daß man die faktisch noch vorhandene Macht dort, die von der Mehrheit deS Volkes einstweilen getragen — ob innerlich anerkannt wird, weiß ich nicht, — anerkennt und dadurch zu kräftigen sucht, damit man einer künftigen staat­lichen Ordnung wenigstens den vorhandenen Rest von Kapital staatlicher Institutionen noch übergeben kann. Wir glaubten, daß das der beste Dienst wäre, den wir der spanischen Nation leisten könn­ten, ihr nachher überlassend, die Institutionen — die efsige giebt sich ja für eine dauernde selbst nicht aus, ondern für eine überleitend« — die Institutionen voll- tändig ihrer freien Wahl überlassend, dir sie sich geben will. In diesem Sinne haben wir unsererseits dir spanische Re­gierung, wie sie jetzt augenblicklich besteht, lediglich im Interesse Spa­niens und um unsererseits zu thun, was wir konnten, um den Gräueln des dortigen Bürgerkrieges ein Ende zu machen, anerkannt und haben diese Absicht, so zu verfahren, sämmtlichen Mächten mit- getheilt, bevor wir so verfuhren. Dem Herrn Vorredner wird auch bekannt sein, daß mit uns fast sämmtliche europäische und der größt« Theil der überseeischen Staaten die jetzigen spanischen Verhältnisse anerkannt haben. Die Kaiserlich, russische Regierung hat ihrerseits es nicht in ihrem Interesse gchat­ten. Die Verhältnisse liegen für die russische Politik ganz anders wie für dir unfrige. Rußland liegt um so und so viel Meilen weiter von Spanien, wird von den spanischen Ber- HSltxüsscn um so viel weniger berührt. ES ist kein russischer Offizier dort umgebracht worden, daS nationale Gefühl also spiel: dabei in seiner Erregung nicht mit; und außerdem so, wie wir Achtung für unsere Ansichten 'vcrlsngm , achten wir die Meinung:» anderer Regierungen, die in der günstigen Lage sind, der theoretischen Auffassung der Sache zu folgen, weil sie von der praktischen nicht berührt weiden. Am allermeisten aber achten wir die Meinung der uns seit einem Jahrhundert uno noch heute am in­timsten unter den Mächten uns befreundeten, der russi­schen Macht und wenn der Herr Vorredner geglaubt hat, mit feinen kleinen Pfeilen, dahin schießend, eine kleine Verstimmung zu machen, so erregt das nur unsere Heiterkeit. Unsere Beziehungen dort stehen Gott sei Dank fest und thurmhoch über der Tragweite von Vergleichs» kleinen Bersuchen.

(Das Kissinger Attentat und die ultramontane Partei.) Der Herr Vorredner hat ferner in einer etwas gewagten Weise — ich hätte an seiner Stelle doch lieber geschwiegen — den Vorgang des Kissinger Attentats erwähnt und hat dabei den Mörder als einen halbverrücktm Menschen bezeichnet. Ich kann Ihnen versichern , daß der Mann, den ich selbst gesprochen habe, vollkommen im Besitz feiner geistigen Fähigkeiten ist. Sie haben ja auch weitläufige ärztliche Atteste darüber. Ich begreife es, daß der Herr Vorredner jede Ge­meinschaft in den Gedanken Anderer mit einem solchen Menschen scheut und ihn weit von sich weist. Ich bin auch überzeugt — das wird auch vor dem Attentate des Herrn Vorredners Absicht gewesen sein, und der Herr Vorredner wird gewiß nie im Innersten seiner Seele auch nur ben leisesten Wunsch gehabt haben: »wenn dieser Kanzler einmal irgendwie verunglücken könnte-, — ich bin überzeugt, er hat das nie gedacht. Mbrr mögen Sie sich lossagen v§» diesem Mörder, wie Sie wollen, er hängt sich an Ihre Rockschöße fest. Er nennt Sie seine Fraktion. (Große Un-